2016 könnte es ein Kopf-an-Kopf-Rennen geben. Ein knapper Wahlausgang ist für die Vereinigten Staaten nichts Neues.

Al Gore und George W. Bush stehen nebeneinander (© AP Images) Bildunterschrift 2: Präsident George W. Bush (rechts) und Al Gore im Jahr 2007 (© AP Images)
(Foto: AP Images)

WASHINGTON – (AD) – Nachfolgend veröffentlichen wir einen Text von ShareAmerica, einer Website des US-Außenministeriums, der sich mit knappen Wahlergebnissen in den Vereinigten Staaten und dem Verhältnis von direkten Stimmen und  Stimmen des Wahlleutegremiums beschäftigt.

Ein knapper Wahlausgang ist in den Vereinigten Staaten nicht untypisch. Ein Kandidat, der 55 Prozent der direkten Stimmen erhält, hat bereits haushoch gewonnen, und auch ein weniger großer Abstand wird schon als maßgeblich angesehen.

Manchmal ist der Wahlausgang allerdings sehr knapp. Und weil es sich bei den Präsidentschaftswahlen eigentlich um 51 separate Wahlen handelt (in den 50 Bundesstaaten und dem District of Columbia), können die Wahlen auf unterschiedliche Weise knapp ausgehen.

Es hilft, das Wahlverfahren zu kennen:

  • Jeder Staat hat, abhängig von seiner Einwohnerzahl, eine bestimmte Anzahl Stimmen im Wahlleutegremium.
  • Mit Ausnahme von zwei Bundesstaaten erhalten in allen Bundesstaaten die Kandidaten mit den meisten direkten Stimmen sämtliche Stimmen der Wahlleute.
  • Um Präsident zu werden, muss ein Kandidat die Mehrheit der Wahlleutestimmen, also 270 Stimmen, gewinnen.
  • Sollte kein Kandidat die Mehrheit erhalten, so wählt das Repräsentantenhaus den neuen Präsidenten durch eine Abstimmung der Delegationen der Bundesstaaten im Repräsentantenhaus, wobei jeder Bundesstaat eine Stimme hat.

Das Repräsentantenhaus entscheidet

Das Repräsentantenhaus hat in der Vergangenheit zweimal über die Präsidentschaft entschieden, allerdings aus sehr unterschiedlichen Gründen.

  • Bei den Wahlen im Jahr 1800 kam ein Manko der US-Verfassung zum Vorschein. Ursprünglich sah die Verfassung vor, dass jeder Wahlmann zwei Stimmen für den Präsidenten abgibt. Der Kandidat mit den meisten Stimmen wurde dann Präsident, der zweite Vizepräsident. Als Thomas Jefferson und Aaron Burr gemeinsam antraten, war allen klar, dass Jefferson der Präsidentschaftskandidat und Burr der Kandidat für die Vizepräsidentschaft war, aber alle, die für Jefferson und Burr waren, stimmten für beide Kandidaten. Das Ergebnis lautete also unentschieden. Nach einigen ernsten politischen Auseinandersetzungen im Repräsentantenhaus wählte dieses dann wie geplant Jefferson zum Präsidenten. Mit dem 12. Zusatzartikel zur Verfassung wurden dann separate Abstimmungen für das Amt des Präsidenten und des Vizepräsidenten eingeführt.
  • 1824 erhielt kein Kandidat die Mehrheit im Wahlleutegremium. Der viertplatzierte Henry Clay unterstützte dann den Zweitplatzierten, John Quincy Adams, der damit die Wahl im Repräsentantenhaus gewann.

Direkte Stimmen vs. Wahlleutestimmen

Bei den Wahlen im Jahr 1824 wurde eine Besonderheit des Wahlleutesystems aufgedeckt. Manchmal verliert der Kandidat mit den meisten direkten Stimmen die Wahl im Wahlleutegremium. Das passierte Andrew Jackson 1824. (Jackson gewann danach sowohl die Wahlen im Jahr 1828 als auch im Jahr 1832.) Auch 1876 war das der Fall (als Rutherford B. Hayes zum Präsidenten gewählt wurde, obwohl er nicht die Mehrheit der direkten Stimmen erlangte), ebenso wie 1888 (als Benjamin Harrison gewann) und im Jahr 2000 (als George W. Bush gewann).

Einige argumentieren, dass eine einfache, landesweite Auszählung der direkten Stimmen das gerechteste System wäre. Die Versammlung, die 1787 die Verfassung ausarbeitete, hatte über dieses Argument auch nachgedacht. Aber die Gründer des neuen föderalen Staates verstanden ihn als genau das – eine Staatenföderation.

Es ist wichtig, sich vor Augen zu führen, dass sich die Kandidaten um eine Mehrheit der Stimmen im Wahlleutegremium bemühen und nicht um eine Mehrheit der direkten Stimmen. Wenn es beispielsweise das Ziel wäre, die meisten Stimmen zu gewinnen, dann könnten die Kandidaten versuchen, noch mehr Stimmen in den bevölkerungsreichen „sicheren Staaten“ zu gewinnen, die relativ verlässlich für den Kandidaten einer Partei stimmen – Bundesstaaten wie Kalifornien (der mit seinen 39 Millionen Einwohnern seit 1992 demokratisch wählt) oder Texas (der Staat hat 27 Millionen Einwohner, die seit 1980 republikanisch wählen). Stattdessen liegt das Hauptaugenmerk darauf, die sogenannten swing states zu gewinnen, wenn auch nur mit knappem Vorsprung.

Einige Staaten können bei den Wahlen den Ausschlag geben

Bei manchen Wahlen liegen die Kandidaten deshalb so nah beieinander, weil das Ergebnis in diesen swing states so knapp ist. 1960 beispielsweise hing John F. Kennedys Sieg von seinem Vorsprung von lediglich 8.858 Stimmen in Illinois ab.

In anderen Fällen vergrößert das Wahlleutegremium den Sieg des Kandidaten noch. 1968 lag Richard M. Nixon, der acht Jahre zuvor von Kennedy geschlagen worden war, bei den direkten Stimmen ein Prozent vor Kennedy, schlug seinen Konkurrenten jedoch 301 zu 191 im Wahlleutegremium (ein Drittkandidat gewann 45 Wahlleutestimmen).

Der knappste Wahlausgang

Und in jüngster Vergangenheit wurde die Wahl zwischen George W. Bush und Al Gore durch den Sieg Bushs in Florida entschieden – durch 537 der fast sechs Millionen abgegebenen Stimmen. Diese Wahlen wiesen fast alle charakteristischen Merkmale eines Kopf-an-Kopf-Rennens auf: Gore gewann die Mehrheit der direkten Stimmen, verlor aber im Wahlleutegremium. Den Ausschlag gaben schließlich nicht die Bundesstaaten, in denen die Kandidaten mit großem Vorsprung gewannen (Gore gewann Kalifornien mit einem Vorsprung von 1,3 Millionen Stimmen, und Bush hatte in Texas eine noch größere Mehrheit), sondern ein Bundesstaat, in dem das Wahlergebnis so knapp war, dass fünf Wochen Nachzählung und eine Entscheidung des Supreme Court erforderlich waren, um den Gewinner zu bestimmen.

Die Wahlen im Jahr 2000 demonstrierten die Stärke der demokratischen Institutionen des Landes und das Vertrauen, das die Wähler in sie setzen. Sogar nach diesem knappsten und umstrittensten Wahlergebnis erwarteten und bekamen die Amerikanerinnen und Amerikaner einen friedlichen und reibungslosen Machtübergang.

„Ich … nehme meine Verantwortung an“, wandte Gore sich nach der Entscheidung des Supreme Court an die Nation, „dem neu gewählten Präsidenten Ehre zu erweisen und alles in meiner Macht Stehende zu tun, um ihn gemeinsam mit allen Amerikanerinnen und Amerikanern dabei zu unterstützen, die großartigen Ideale zu erfüllen, die unsere Unabhängigkeitserklärung beschreibt und die unsere Verfassung bekräftigt und verteidigt.“

David Carroll vom Democracy Program des Carter Center bezeugt den amerikanischen Amtsbewerbern Anerkennung, da sie, „wenn sie verlieren, das Ergebnis akzeptieren, und wenn sie gewinnen, dem Verlierer großherzig die Hand reichen“.

Originaltext: In Depth: 2016 election could be close. U.S. has been there.