Die Vereinigten Staaten und Deutschland: die Kraft persönlicher Beziehungen

Vom 8. bis 11. Juni 2017 fand die 64. Jahreskonferenz der Deutschen Gesellschaft für Amerikastudien statt. Der US-Generalkonsul in Hamburg, Richard Yoneoka, hielt bei der Konferenz, die unter dem Titel Modernities and Modernization in North America an der Gottfried Wilhelm Leibniz Universität in Hannover veranstaltet wurde, eine sehr persönliche Eröffnungsrede.

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrter Herr Dr. Strutz,
sehr geehrte Frau Prof. Dr. Birkle,
sehr geehrte Frau Prof. Dr. Mayer,
liebe Freunde der Deutschen Gesellschaft für Amerikastudien,

danke für die Einladung, mit Ihnen gemeinsam an der Eröffnung der Jahreskonferenz der Deutschen Gesellschaft für Amerikastudien teilzunehmen. Es ist eine große Ehre für mich, im selben Raum wie die deutschen Experten für mein Land zu sein und mir bewusst zu machen, welche Fülle an Wissen und umfassenden Einblicken Sie alle heute Abend mitbringen.

Ich möchte auch gleich zu Beginn einräumen, dass ich nicht aus der Wissenschaft, sondern aus der Praxis komme. Und auch wenn ich gesetzlich dazu verpflichtet bin, unpolitisch zu sein, so weiß ich doch, dass ich nicht objektiv sein kann. Mein Verständnis von den Vereinigten Staaten ist subjektiv, beeinflusst von meiner Erziehung, meinen Erfahrungen und Überzeugungen. Ich hoffe, dass ich diese Kluft in meiner Rede überbrücken kann.

Wenn ich Sie ansehe, denke ich an all die Bücher und Fachzeitschriften, die Sie mit Ihrem Wissen gefüllt haben, und an die vielen Seiten, die die Studierenden unter Ihnen noch füllen werden. Wenn ich aber die Beschreibung der Konferenz, die Titel der Podiumsdiskussionen und Vorträge lese, wird mir bewusst, dass ich über Wissenstransfer vielleicht eher in Terabytes als in Buchseiten nachdenken sollte.

Das führt jedoch zu den Theorien über Modernitäten, die Sie in den nächsten Tagen analysieren und diskutieren und vielleicht sogar neu konfigurieren werden, und ich als Diplomat halte mich aus diesem wissenschaftlichen Diskurs lieber heraus. Dazu bin ich nicht aus Hamburg gekommen. Ich bin nach Hannover gekommen, um Ihnen für all das zu danken, was Sie für die Förderung der akademischen und kulturellen Beziehungen zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten tun. Und ich hoffe, dass Sie sich auf die Förderung der kulturellen Beziehungen konzentrieren, denn als Diplomat weiß ich aus der Praxis, dass Otto Normalverbraucher die Früchte Ihrer Arbeit dort am besten erkennt.

Seit über 60 Jahren liefert diese Gesellschaft – liefern Sie – für die Studien der amerikanischen Geschichte, Kultur und Gesellschaft eine einzigartige und unschätzbare Perspektive: den Blick von außen nach innen.

Lange vor der Gründung der Deutschen Gesellschaft für Amerikastudien im Jahr 1782 stellte Ihnen ein europäischer Mitbürger eine Frage, die keinesfalls an Bedeutung verloren hat und auch heute noch nachklingt: „Wer ist er denn, der Amerikaner, dieser neue Mensch?“ Als ein Land, das sich ständig ändert und neu erfindet, ganz ähnlich den häufig angezweifelten und widersprüchlichen Definitionen der „Modernitäten“, über die Sie in den nächsten beiden Tagen diskutieren werden, bauen wir weiter auf Sie, die Amerikanisten in Deutschland, um mehr über uns und einander zu erfahren.

Ich bin in einer Stadt in New York aufgewachsen, die von der Moderne geprägt ist. Nicht in der Stadt, an die man zuerst denkt, wenn man New York hört, also nicht in New York City, dem Inbegriff der Moderne. Ich komme aus Rochester, etwa sieben Stunden auf dem Highway – nicht der Autobahn – von New York City entfernt. Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass meine Heimatstadt nie die Aufmerksamkeit bekommen hat, die der größten amerikanischen Stadt zuteilwird, aber Rochester ist dennoch ein interessanter Ort für Amerikanisten. Dort kann man die Moderne und ihre Folgen studieren, unabhängig davon, ob man auf Sozialgeschichte, Technologie, Bildwissenschaft, Literaturwissenschaft oder Wirtschaftswissenschaften spezialisiert ist. Rochester war die Heimatstadt von Susan B. Anthony und Frederick Douglass, die beide fest davon überzeugt waren, dass Gleichberechtigung und Freiheit allen zustehen, und die gemeinsam für die Freiheit und Gleichheit aller in den Vereinigten Staaten kämpften. Rochester lag auf der Route der Underground Railroad. Schon der Begriff stammt aus einer Terminologie, die mit der Verkehrstechnik des 19. Jahrhunderts an Bedeutung und Beliebtheit gewann, die die Vereinigten Staaten und das Bild, das sie von sich als moderne Nation hatten, radikal veränderte. Eine der Bibliotheken in meiner Heimatstadt ist eine umgebaute Kirche, und in der Kinderbuchabteilung dieser renovierten Kirche befindet sich ein Geheimweg, der für die Underground Railroad genutzt wurde. Wenn die Kinder ihn finden, dürfen sie Bücher mit hineinnehmen und sie an diesem noch stilleren Ort lesen.

Am bekanntesten ist Rochester für George Eastman, die Gründung der Eastman Kodak Company und ihre Bedeutung für Fotografie und Film. Als ich ein Kind war, hatte Kodak weltweit über 145.000 Angestellte. Damals arbeitete jeder, der in Rochester wohnte, entweder selbst bei Kodak, hatte Angehörige, die bei Kodak arbeiteten oder kannte jemanden, der bei Kodak arbeitete. 1996 war die Marke Kodak die fünftwertvollste der Welt. Das war das Rekordjahr. Heute wird Kodak im Dow-Jones-Index nicht mehr aufgeführt, hat eine Insolvenz hinter sich und etwa 6.400 Mitarbeiter. Der Niedergang Kodaks und der Verlust an Arbeitsplätzen hat das soziale Gefüge der Stadt maßgeblich und dauerhaft verändert.

Rochester ist auch die Heimat von Xerox und Bausch & Lomb. In Rochester befinden sich zudem mehrere Hochschulen, unter anderem die University of Rochester und das Rochester Institute of Technology. Als ich noch ein Kind war, ging in Rochester das Gerücht um, dass die Stadt wegen der dort ansässigen Technologieunternehmen, der Forschungslabore und der Expertise auf dem Gebiet der Optik auf der sowjetischen Liste möglicher atomarer Ziele auf Platz 16 stand. Rückblickend kann ich nicht mehr sagen, ob das beruhigend oder beängstigend war. Um noch einmal kurz auf Kodak zurückzukommen: Ich finde es sehr interessant, dass nach dem Niedergang der Firma, im Zuge dessen Kodak 130.000 Arbeitsplätze abbaute, die Bevölkerungszahl Rochesters nicht abnahm, dass also all diese arbeitslosen Ingenieure, Fabrikarbeiter, Büroangestellten und so weiter wieder Arbeit gefunden haben – viele von ihnen in neu gegründeten High-Tech-Startups.

Als Kind waren mir Rochesters Unternehmensschicksale egal. Meine Welt drehte sich um meine Familie, die Schule, die Kirche, um Sport und darum, ein Eagle Scout bei den Pfadfindern zu werden. Rochester war meine Heimat. So einfach war das in meiner kindlichen Logik. Aber ich musste lernen, dass dieses Gefühl der Zugehörigkeit, das ich als selbstverständlich empfand, für andere nicht so einfach und offensichtlich war. Immer wieder wurde ich gefragt: „Woher kommst du?“ („Aus Rochester.“) „Aber woher kommst du wirklich?“ („Aus Rochester.“) Diese Frage verwirrte mich ebenso sehr, wie meine einfachen Antworten die Fragenden verwirrten. Ich sah für sie nicht so aus, als könnte ich wirklich aus Rochester stammen. Damals beschlich mich das unbestimmte Gefühl, dass es nicht allein von meiner Selbstwahrnehmung abhängt, wer ich bin und wie ich in die amerikanische Gesellschaft passe.

Meine Familie verdankt ihre Geschichte wie die meisten anderen Amerikanerinnen und Amerikaner den mehr oder weniger modernen Transportmitteln – und natürlich dem gewaltigen Mut der Menschen, die ihre Heimat in der Hoffnung auf ein besseres Leben in Amerika verließen. Meine Wurzeln finden sich sowohl jenseits des Pazifiks als auch jenseits des Atlantiks – unterschiedliche Gebiete, durch die die Vereinigten Staaten zu dem wurden, was sie heute sind. Mein Großvater väterlicherseits, Shizue Yoneoka, wanderte mit 14 Jahren von Japan ins Königreich Hawaii aus. Das Geld, das er dort als Hafenarbeiter verdiente, schickte er seiner Familie in die Heimat. Mein Vater wurde – fünf Monate vor dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbor – im damaligen Hawaii-Territorium geboren. Als er zur Highschool ging, wurde Hawaii unser 50. Bundesstaat. Ich bin das erste Familienmitglied des väterlichen Teils meiner Familie, das in den Vereinigten Staaten von Amerika geboren wurde. Die Wurzeln meiner Familie mütterlicherseits wiederum liegen in mehreren westeuropäischen Ländern – wir sind das Paradebeispiel der weißen, angelsächsischen, protestantischen Familie. Ihre Vorfahren waren über mehrere Generationen hinweg Kleinbauern im ländlichen New York. Mein Großvater mütterlicherseits, Newton Hall, hat einmal erzählt, wenn er als Kind seinen Onkel in New York besucht habe, sei dort ausschließlich Deutsch gesprochen worden.

Meine Geschichte ist typisch amerikanisch, was Ihnen als Amerikanisten bewusst sein dürfte. Aber die Oberschüler aus Norddeutschland, mit denen ich über die Vereinigten Staaten und die deutsch-amerikanischen Beziehungen spreche, erkennen das nicht unbedingt. Für meine Amtszeit in Norddeutschland habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, mich regelmäßig mit Oberschülern auszutauschen – ich glaube, ich habe in den letzten zehn Monaten schon über zweitausend Schülerinnen und Schüler getroffen. Vor wenigen Monaten habe ich an einer Hamburger Schule eine Gruppe von Elftklässlern kennengelernt. Nach einer lebhaften Diskussion fragte ich sie: „Wen habt ihr erwartet, als ihr erfahren habt, dass ein amerikanischer Diplomat zu Besuch kommen würde?“ Nach längerem Schweigen traute sich ein Schüler zu sagen: „Einen dicken weißen Mann.“ Ich nehme an, damals habe ich einmal mehr widerlegt, wie der typische Amerikaner auszusehen hat.

Ich erzähle Ihnen das, weil es veranschaulicht, wie wichtig ein reger kultureller Austausch zwischen unseren beiden Ländern ist. Viele der Schülerinnen und Schüler, mit denen ich spreche, hatten noch nie zuvor in ihrem Leben Kontakt zu Amerikanern. Viele junge Deutsche kennen die amerikanische Kultur nur durch Internet, Fernsehen und Musik.

Viele von Ihnen haben an amerikanischen Universitäten studiert, gelehrt oder geforscht. Viele von Ihnen nehmen häufig an Konferenzen in den USA teil und beteiligen sich an einem erfrischenden intellektuellen Austausch, der den Fachbereich der Amerikastudien hier und in den Vereinigten Staaten bereichert. Sie sind Mitglied einer transatlantischen Gemeinschaft, bei der es um sehr viel mehr geht als nur um die Erschließung wissenschaftlichen Potenzials; sie haben Freundschaften mit Kollegen in den Vereinigten Staaten geschlossen und Partnerschaften mit Institutionen aufgebaut. Sie wissen, welche Kraft persönliche Beziehungen haben, sie haben selbst aktiv das Bild der Vereinigten Staaten mitgestaltet und erlebt, welche Kraft auch von den Geschichten ausgeht, die wir uns von- und übereinander erzählen.

Als Diplomat, der den Großteil seiner Zeit damit verbringt, sich mit Deutschen auszutauschen, finde ich das wichtig. Vor einigen Monaten habe ich eine andere Gruppe Elftklässler getroffen. Sie waren sehr schüchtern und stellten mir kaum Fragen. Vielleicht mussten sie, so wie die anderen Schülerinnen und Schüler, von denen ich Ihnen eben erzählt habe, erst einmal ihre Vorstellung von amerikanischen Diplomaten mit dem Menschen in Einklang bringen, der da im Klassenzimmer vor ihnen stand: einem Amerikaner mit japanischen Wurzeln und einem weißen, angelsächsisch-protestantischen Hintergrund – der dann auch noch ausreichend Deutsch sprach, um sie endgültig zu verwirren. Wir haben eine interessante Unterhaltung über die Vielfalt der amerikanischen Kultur geführt und uns eingehend mit dem Begriff „Flyover Country“ und seiner Bedeutung befasst. Ab September werden diese zurückhaltenden Schülerinnen und Schüler und ich uns zu Buchbesprechungen treffen. Das erste Buch auf unserer Liste ist Hillbilly Elegy. Denn wir müssen wirklich mehr Geschichten über- und miteinander austauschen, damit wir uns gegenseitig besser verstehen.

Sowohl die USA als auch Deutschland haben sich verändert und werden sich weiterhin verändern. Wandel ist eine Konstante. Es liegt an uns, auf den Wandel zu reagieren. Unsere Länder sind heute nicht mehr die, die sie nach dem Zweiten Weltkrieg waren, als sie die sehr widerstandsfähigen transatlantischen Beziehungen eingingen. Inzwischen sind 70 Jahre seit dem Marshallplan und 25 Jahre seit dem Zerfall der Sowjetunion vergangen.

Sowohl die USA als auch Deutschland haben sich auch politisch verändert, und was für frühere Generationen selbstverständlich gewesen sein mag, ist für die nächste Generation möglicherweise nicht mehr so klar.

So enge Beziehungen und Freundschaften wie die zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten müssen ständig gepflegt werden – sie erfordern Zeit, Energie und Investitionen. Für bilaterale Beziehungen gilt dasselbe. Wir sollten sie nicht als selbstverständlich betrachten.

Vielen herzlichen Dank. Ich wünsche Ihnen eine großartige und anregende Konferenz.

Originaltext: Opening of the Annual Conference of the German American Studies Association at Hannover University