50. Jahrestag des Besuchs von Martin Luther King in Berlin

IMG_9097BERLIN – (AD) – Nachfolgend veröffentlichen die Rede, die US-Botschafter John Emerson am 13. September 2014 anlässlich der Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag des Besuchs von Dr. Martin Luther King jr. in Berlin im Roten Rathaus gehalten hat.

Es gilt das gesprochene Wort

Bürgermeister Henkel, meine Damen und Herren, ich fühle mich geehrt, aus diesem besonderen Anlass heute mit Ihnen hier zu sein.

Dr. Klimke, willkommen in Berlin.

Vor 51 Jahren, zu einer Zeit, als Amerika tief gespalten war, ertönte die Stimme von Reverend Dr. Martin Luther King jr. in der Hauptstadt der Vereinigten Staaten. Als Dr. King zu den Tausenden von Menschen sprach, die am Marsch auf Washington teilgenommen hatten, um für die Freiheit zu demonstrieren, rief er die Vereinigten Staaten dazu auf, Freiheit zu einer Realität für alle Kinder Gottes zu machen. Seine Botschaft hallte in ganz Amerika wider und wurde in die ganze Welt getragen.

Vor fünfzig Jahren, gut ein Jahr nach seiner „Ich habe einen Traum“-Rede, besuchte Dr. King das geteilte Berlin, die frühere und zukünftige deutsche Hauptstadt.

Der Schlüssel zu Dr. Kings Vermächtnis war sein Appell an das Gewissen, der die Herzen berührte und die Menschen offener machte, sein Bekenntnis zu universellen Idealen – Freiheit, Gerechtigkeit, Gleichheit -, das nicht nur einige wenige, sondern alle Menschen ansprach. Deshalb marschierte er in Detroit mit weißen Arbeitern aus der Automobilindustrie. Deshalb hakte er sich bei mexikanischen Farmarbeitern in Kalifornien unter. Deshalb bestand er darauf, die Grenze zu überqueren und in den Osten Berlins zu gehen, als er auf Einladung des Regierenden Bürgermeisters Willy Brandt hierher kam. Er sagte, Berlin sei „die Achse, um die sich das Rad der Geschichte dreht.“ Das US-Außenministerium war gegen seinen Besuch in Ostberlin, nicht etwa, weil es seine Botschaft ablehnte, sondern aus Sorge um seine Sicherheit und aus Angst, dass das empfindliche Kräftegleichgewicht im Berlin der Nachkriegszeit gestört werden könnte.

Dr. Klimke wird Ihnen mehr über die anderthalb Tage erzählen, die Dr. King hier in dieser Stadt verbracht hat. Erst vor kurzem wurde ein Ereignis unserer gemeinsamen Geschichte allgemein bekannt, nämlich dass Dr. King die Grenze nach Ostberlin mit seiner Kreditkarte überquerte. Er predigte in der überfüllten Marienkirche und Sophienkirche. Übrigens werde ich morgen früh an einem Gedenkgottesdienst in der Marienkirche teilnehmen, und mein Stellvertreter, Jim Melville, wird an einer Gedenkfeier in der Sophienkirche teilnehmen.

Die Predigten, die er in Ostberlin hielt, waren dieselben, die er an jenem Tag auch in der Waldbühne gehalten hatte, aber seine Worte hatten für die Menschen in Ostberlin eine besondere Bedeutung. Er sagte, dass es klar sei, dass „auf beiden Seiten der Mauer Gottes Kinder leben und keine durch Menschenhand gemachte Grenze diese Tatsache auslöschen“ könne.

Dr. King war ein schwarzer Prediger ohne offiziellen Rang oder Titel. Sein Vorbild inspirierte Frauen und Männer aus der ganzen Welt und gab ihnen den Mut, sich den Einschränkungen jener Tage zu widersetzen und für die Zukunft zu kämpfen. Aber Dr. King selbst hätte wohl am ehesten gesagt, dass die Bewegung, für die er eine so zentrale Rolle spielte, von den Männern und Frauen abhing, deren Namen nie in den Geschichtsbüchern auftauchen werden – von all jenen, die mit zahllosen stillen Heldentaten und viel Zivilcourage geholfen haben, Veränderungen herbeizuführen, die wenige jemals für möglich gehalten hätten.

Sowohl die Bürgerrechtsbewegung als auch die Bewegung, die den Fall der Berliner Mauer bewirkte, haben uns gelehrt, dass wir den Fehlern der Geschichte nicht ausgeliefert sind.

Heute, fünfzig Jahre nach dem Marsch auf Washington und 25 Jahre nach dem Mauerfall, sind unsere beiden Länder freier und gerechter geworden. Dennoch gibt es immer noch Hass, Intoleranz und Diskriminierung. In Ferguson (Missouri) sehen wir Szenen, die uns an das erinnern, was Dr. Martin Luther King erlebt hat. Unsere Arbeit und das Werk von Dr. King sind noch nicht vollendet.

In den ersten 13 Jahren dieses neuen Jahrhunderts stellten Kriege und Tragödien die Welt auf die Probe. Unsere Welt wird kleiner, aber aus irgendeinem Grund fällt es den Menschen immer noch schwer, zu erkennen, wie ähnlich wir uns sind und dass wir alle hoffen, unser Leben mit einem gewissen Maß an Glück und Erfüllung für uns und unsere Familien gestalten zu können. In vielen krisengeschüttelten Gegenden in meinem und Ihrem Land und in anderen Ländern auf der ganzen Welt wachsen noch immer zu viele junge Menschen mit zu wenig Hoffnung und zu geringen Zukunftschancen auf.

Drei Monate nachdem Dr. King Berlin besucht hatte, reiste er nach Oslo, um den Friedensnobelpreis entgegenzunehmen. In seiner Rede sagte er: „Ich weigere mich, die Vorstellung anzuerkennen, dass das „Sein“ der gegenwärtigen menschlichen Natur den Menschen in moralischer Hinsicht unfähig macht, nach dem ewigen „Sollen“ zu streben, das ihm für immer gegenübersteht.“ Würdigen wir heute, an diesem 50. Jahrestag – einem der vielen besonderen Augenblicke in unserer gemeinsamen Geschichte – das Vermächtnis von Dr. Martin Luther King jr., indem wir nach einer Welt streben, wie sie sein sollte.

Originalext: 50th Anniversary of Martin Luther King’s Visit to Berlin