70. Jahrestag der Rede der Hoffnung

14657423_10153841166982097_8459272133862459798_nSTUTTGART – (AD) – Der damalige US-Außenminister James F. Byrnes leitete mit seiner „Rede der Hoffnung“ eine historische Wende der amerikanischen Außenpolitik gegenüber dem besetzten Deutschland ein. Anlässlich des 70. Jahrestags würdigte US-Botschafter John B. Emerson diese in seiner Rede am 7. Oktober 2016 in Stuttgart, die wir nachfolgend im Wortlaut veröffentlichen. 

Ministerpräsident Kretschmann,

Dr. Böhmler (Chairman of the Board of the German American Institute),

General Scaparrotti,

Botschafter Ischinger,

meine sehr verehrten Damen und Herren,

am 6. September 1946 beschrieb ein amerikanischer Journalist in einem Bericht über den Besuch des amerikanischen Außenministers James F. Byrnes in Stuttgart die einst so wohlhabende „Geburtsstadt des Automobils“ als Gerippe dessen, was sie einmal gewesen war. Ihre Bewohner waren ebenso am Boden zerstört wie die Stadt selbst. Überall in Deutschland brauchten die Menschen Nahrung, ein Dach über dem Kopf, Arbeit – und vor allen Dingen brauchten sie Hoffnung. An jenem Tag trug Außenminister Byrnes dazu bei, inmitten der Trümmer und der Verzweiflung in Nachkriegsdeutschland den Weg für einen neuen Kurs in die Zukunft zu ebnen.

Heute sind Einigkeit und Recht und Freiheit in allen 16 Bundesländern ganz selbstverständlich vorhanden. Wie Bundestagspräsident Norbert Lammert am Montag anlässlich des Tages der Deutschen Einheit in Dresden sagte, mag Deutschland zwar nicht das Paradies auf Erden sein, aber für viele Menschen in aller Welt ist es sehr nah dran.

Warum das so ist? Weil nur wenige andere Länder auf der Welt diese Entschlossenheit, diese Fähigkeiten und diese Zuversicht ausstrahlen. Als größte europäische Volkswirtschaft und durch seine Führungsposition in der NATO, EU und OSZE ist Deutschland ein unverzichtbarer Partner bei der Förderung von Sicherheit und Wohlstand weltweit sowie beim Schutz der Demokratie und der Freiheit, Würde und Menschenrechte aller Völker.

Die Demokratie ist per Definition und auch in der Praxis alles andere als perfekt. Sie ist ein kontinuierlicher Prozess – ein Prozess, der schwierig und langwierig sein kann und manchmal sogar für alle Seiten unbefriedigend ausgeht. Unsere Verfassung in den Vereinigten Staaten ist auf der Prämisse entstanden, „eine noch vollkommenere Union“ zu bilden. Damit ist gemeint, dass Demokratie einem Land das Potenzial gibt, sich zu verändern und neue Herausforderungen anzunehmen – und besser zu werden. Was könnte das eher beweisen als diese Stadt? Als ganz Deutschland? Dieses Land hat seit den tragischen Zeiten des Zweiten Weltkriegs, der schwierigen Nachkriegszeit und der ungewissen Ära des Kalten Krieges einen sehr weiten Weg zurückgelegt.

Wie US-Außenminister John Kerry Anfang dieser Woche in Brüssel sagte, geht die untrennbare Verbindung zwischen Europa und den Vereinigten Staaten auf das Wunder vor 70 Jahren zurück, als aus der Asche der weltweiten Zerstörung und des Genozids neue Prinzipien für die Regelung der zwischenstaatlichen Beziehungen sowie für die Sicherung der Grundrechte und der Würde aller Menschen geschaffen und umgesetzt wurden. Das waren die Prinzipien hinter der „Rede der Hoffnung“ von Außenminister Byrnes. Und diese Prinzipien bestimmen auch unsere Herangehensweise an viele der Herausforderungen, mit denen wir heute konfrontiert sind.

Und doch sind die Geister vergangener Konflikte – um sich greifender Nationalismus, Autoritarismus, Vorurteile, die Kluft zwischen den Religionen – in moderner, aber nicht weniger grausamer Form, wieder aufgetaucht. Darüber hinaus sind wir mit einer humanitären Krise gewaltigen Ausmaßes konfrontiert. Über 65 Millionen Menschen mussten ihre Heimat verlassen – mehr als es während des Zweiten Weltkriegs je waren. Deutschland lässt auf Worte Taten folgen und bekennt sich mit seiner Reaktion auf alle Ausprägungen der Flüchtlingskrise zu diesen Prinzipien und Werten.

Dieser Weg, von vor 70 Jahren bis heute, ist auch ein Grund, warum es so wichtig ist, dass an der Gedenkfeier heute Abend junge Menschen teilnehmen. Ganze Generationen von Deutschen und Amerikanern haben diese einschneidenden Erfahrungen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts – die untrennbare Verbindung, um es mit den Worten von Außenminister Kerry zu sagen – nicht gemacht, nicht erlebt. Seit ich in Deutschland bin, betone ich immer wieder, dass unsere dynamischen transatlantischen Beziehungen nicht vererbt sind; es ist vielmehr so, dass eine Generation der nächsten ihren Wert vermitteln muss. Wenn wir die Brücke, die durch diese Verbindungen entstanden ist, erhalten wollen, müssen wir diesen Generationen die Hand reichen.

Das, Ministerpräsident Kretschmann, ist auch der Grund dafür, dass wir die andauernde Unterstützung des Bundeslandes Baden-Württemberg für das James-F.-Byrnes-Institut, das Deutsch-Amerikanische Zentrum hier in Stuttgart, das nach dem Mann und dem Jahrestag benannt ist, den wir heute hier begehen, und die Deutsch-Amerikanischen Institute in Freiburg, Heidelberg und Tübingen so zu schätzen wissen. Wir können viel voneinander lernen, wenn wir auf die kreative Energie unserer jungen Menschen bauen – durch transatlantische Austausch- und Kulturprogramme. Und die Deutsch-Amerikanischen Institute leisten großartige Arbeit!

Abschließend möchte ich noch auf ein weiteres wichtiges Datum in der Chronik unserer Partnerschaft hinweisen: Gestern war Deutsch-Amerikanischer Tag. Präsident Obama hat durch eine Proklamation die Rolle deutscher Einwanderer beim Aufbau der Vereinigten Staaten gewürdigt. Gestern früh hat Kanzlerin Merkel in ihrer Rede am Tag der Deutschen Industrie ihre Wertschätzung gegenüber den Vereinigten Staaten dafür geäußert, dass sie so viele Einwanderer aufgenommen und integriert haben. Mehr Amerikanerinnen und Amerikaner haben Wurzeln in Deutschland als in irgendeinem anderen Land – und das gilt auch für meine Frau und mich. Elemente des deutschen Erbes sind tief im Charakter unseres Landes verankert. Deutsch-Amerikaner und andere Einwanderer haben während unserer gesamten Geschichte gezeigt, dass Vielfalt eine unserer größten Stärken ist.

In seiner letzten Proklamation zu Ehren des Deutsch-Amerikanischen Tages lobte Präsident Obama auch das Bündnis zwischen unseren beiden Ländern, eines der engsten, die die Welt je gesehen hat. Lassen Sie uns also, wenn wir den 70. Jahrestag der „Rede der Hoffnung“ begehen, auch unser Bekenntnis zu den Überzeugungen erneuern, die aus unser gemeinsamen Erfahrung heraus entstanden sind – indem wir Chancen nicht nur für einige Wenige, sondern für viele Menschen schaffen, und indem wir die Würde und Gleichheit jedes einzelnen Menschen bekräftigen.

Ich danke Ihnen. Vielen Dank.

Originaltext: 70th Anniversary of the Speech of Hope