70. Jahrestag des Marshallplans: Erinnerung an ein Vermächtnis

A. Wess Mitchell Foto: United States Diplomacy Center

„Es gibt heute keine größere außenpolitische Herausforderung, die die Vereinigten Staaten oder Europa allein bewältigen könnten.“ A. Wess Mitchell, Leiter der Abteilung für europäische und eurasische Angelegenheiten im US-Außenministerium, in seiner Rede zum 70. Jahrestag des Marshall Plans am 3. April 2018.

Vielen Dank für die Einführung, Rob. Ich freue mich über die Gelegenheit, heute Nachmittag hier zu sprechen und danke der Marshall Foundation für die Organisation dieser Veranstaltung.

Wir sind hier, um den 70. Jahrestag des Marshallplans zu feiern. Vor siebzig Jahren trafen die Vereinigten Staaten die Entscheidung, Europa nach dem Zweiten Weltkrieg wiederaufzubauen. Nach den sechs Kriegsjahren, die auf den deutschen Einmarsch in Polen 1939 folgten, lag ein Großteil des europäischen Kontinents in Trümmern. Viele der größten und bekanntesten westeuropäischen Städte lagen in Schutt und Asche. Die vermögendsten und bevölkerungsreichsten Regionen Deutschlands, Hollands, Belgiens, Italiens und Nordfrankreichs waren von schweren Schlachten, von Besatzung, Blockaden und Luftangriffen verwüstet worden. Die meisten europäischen Männer im Alter von 15 bis 60 Jahren waren tot, versehrt, in Gefangenschaft oder noch nicht nach Hause zurückgekehrt. Ein Großteil der Frauen, Kinder und älteren Menschen war gezwungen, sich mit einem Minimum an Nahrung zu begnügen, und vielerorts trennte sie nur eine Mahlzeit vom Hungertod. Sogar Großbritannien, das der Ärmelkanal vor einem Einmarsch bewahrt hatte, war bankrott.

1946 ähnelte Deutschland aus der Luft eher der Mondoberfläche als einem zivilisierten Land.

Die Vereinigten Staaten hatten mehrere Möglichkeiten, auf die Not in Europa zu reagieren. Um die Tragweite dessen zu ermessen, was die amerikanische Führung 1948 tat, muss man sich in Erinnerung rufen, was ihre Vorgänger 1918 nach einem früheren Krieg in Europa getan hatten. Nach dem Ersten Weltkrieg zogen sich die Vereinigten Staaten aus den europäischen Angelegenheiten zurück. Bei der Pariser Friedenskonferenz bestanden wir darauf, dass hehre Grundsätze – der 14-Punkte-Plan von Woodrow Wilson – den Aufbau einer neuen politischen Ordnung in Europa leiten sollten. Die Vereinigten Staaten halfen dabei, aus den Überresten des Kaiserreichs Österreich-Ungarn, des Russischen Reichs und des Deutschen Reichs ein Dutzend neue Nationalstaaten zu schaffen. Die Karte, die in den Friedensgesprächen erarbeitet wurde, platzierte ein Dutzend kleiner, aus sich heraus nicht zu verteidigender Staaten, die von Deutschland als „Saisonstaaten“ bezeichnet wurden, in der historischen Pufferzone zwischen Deutschland und Russland. Das daraus resultierende Sicherheitsvakuum zog eine geopolitische Prädation eines seit der Antike nicht mehr dagewesenen Ausmaßes nach sich und trug zu den Umständen bei, die zum Zweiten Weltkrieg führten.

Als der Marshallplan eingeführt wurde, hatten Amerikanerinnen und Amerikaner mittleren Alters im Zeitraum einer einzigen Generation bereits zwei europäische Kriege erlebt. Beide Kriege hatten in Europa begonnen, sich aber schnell auf den Rest der Welt ausgebreitet. Beide Kriege hatten gezeigt, dass das alte, gewohnte Gleichgewicht, das Europa in früheren Jahrhunderten Stabilität verliehen hatte, dauerhaft zerbrochen war und dass es keine Verbindung europäischer Staaten gab, die ein geeintes, industrielles, nationales Deutschland zügeln konnte. In beiden Kriegen zu kämpfen und zu siegen forderte einen hohen Preis, den die Vereinigten Staaten mit dem Leben von über einer halben Million Amerikaner und Milliarden von US-Dollar bezahlten.

Vor diesem Hintergrund erlangt der Marshallplan seine besondere historische Bedeutung, sowohl als Akt der nationalen Großzügigkeit als auch der strategischen Weitsicht. In den meisten Kriegen der Vergangenheit versuchte der Sieger entweder, den Besiegten auszulöschen oder mit den Ressourcen des besiegten Landes seine eigene nationale Stärke wiederzuerlangen. Nach dem Dritten Punischen Krieg raubte Rom Karthago völlig aus und, so die Legende, streute Salz auf seine Böden. Nach dem Ersten Weltkrieg setzte Frankreich harte Friedensforderungen gegen Deutschland durch, bemächtigte sich wertvoller Industrieregionen und verlangte Reparationszahlungen in Höhe von 269 Milliarden D-Mark. Und nach dem Zweiten Weltkrieg, als Marshall und seine Kollegen Hilfsgelder zur Unterstützung Europas sammelten, verfolgte die Sowjetunion in Osteuropa eine systematische Plünderungspolitik, bei der fast alles, was nicht niet- und nagelfest war – von Lokomotiven bis hin zu ganzen Fabriken – mit in sowjetisches Gebiet verschleppt wurde.

Nicht alle in den Vereinigten Staaten waren davon überzeugt, dass wir den Weg einschlagen sollten, für den wir uns entschieden haben. Finanzminister Henry Morgenthau sprach sich für eine „ländliche“ Politik aus, nach der Deutschland seiner Industrien im Saar- und Ruhrgebiet beraubt und in eine Art landwirtschaftliche Pufferzone zwischen Ost und West verwandelt werden sollte.

Aber das haben die Vereinigten Staaten nicht getan. Anstatt unsere Feinde zu bestrafen oder uns aus den Problemen in Europa herauszuhalten, wie wir das 1918 getan haben, entschied die amerikanische Führung, in Europa zu bleiben – und unseren großen nationalen Wohlstand darauf zu verwenden, Europas zerbrochene Gesellschaften zu fördern und wieder aufzubauen. 1947 sagte Außenminister Marshall an der Universität Harvard, die Vereinigten Staaten würden „alles in ihrer Macht Stehende tun, um die Genesung der Weltwirtschaft zu fördern, ohne die es keine politische Stabilität und keine dauerhafte Sicherung des Friedens geben kann“.

In den Folgejahren halfen die Vereinigten Staaten den Ländern Europas mit mehr als 13 Milliarden US-Dollar – heute wären das über 110 Milliarden Dollar. Aber Geld war nur ein Teil dieser Investition. Wir richteten dauerhafte US-Militärstützpunkte ein, um den Frieden für die Zukunft zu sichern. Gemeinsam mit unseren europäischen Verbündeten erschufen wir neue Institutionen, gründeten die NATO und die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl, aus der später die Europäische Union hervorging.

Die Geschichte der letzten siebzig Jahre hat bestätigt, wie klug diese Investitionen waren. Es ist auch dem Marshallplan zu verdanken, dass europäische Gesellschaften sich stabilisierten und der Bedrohung des Kommunismus standhalten konnten. Auf der Grundlage dieser Stabilität schufen wir gemeinsam mit unseren europäischen Verbündeten das große westliche Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit. In den Jahren nach dem Marshallplan wuchsen viele Volkswirtschaften um über 30 Prozent pro Jahr. Der nationale Wohlstand der Vereinigten Staaten stieg sprunghaft von 200 Millionen US-Dollar im Jahr 1940 auf über 500 Millionen US-Dollar 1960 an. Unsere vereinte Stärke ließ uns der Sowjetunion bis zu ihrem Untergang standhalten.

Heute sind wir mit neuen Bedrohungen konfrontiert. Das revisionistische Russland dringt in Nachbarländer ein, unterstützt feindliche Regime und versucht, westliche Gesellschaften von innen heraus zu schwächen. China versucht, seinen Einflussbereich durch militärischen Druck auf die Nachbarstaaten zu vergrößern und erhält ein gefährliches Ungleichgewicht in der internationalen Wirtschaft aufrecht. Extremistische Terroristen verüben Akte der Barbarei gegen unsere Bürgerinnen und Bürger, die ihren Alltagsgeschäften nachgehen.

Diese Probleme sind nicht weniger komplex als diejenigen, denen sich frühere Generationen von Amerikanern und Europäern gegenübersahen. Nach 1945 lag die Aufgabe darin, etwas zu erschaffen – neue Beziehungen zu knüpfen und eine neue Wirklichkeit entstehen zu lassen, die man sich bisher nicht hatte vorstellen können. Heute ist unsere Aufgabe, zu bewahren – den Westen als Sphäre einer geordneten Freiheit gegen Bedrohungen zu einen und zu erhalten, die sich in den turbulenten Tagen nach dem Niedergang des Kommunismus kaum jemand hätte vorstellen können. Um diese Aufgaben erfolgreich zu bewältigen, müssen wir unsere Bündnisse und die Werte der Demokratie, auf denen sie gründen, stärken.

Es gibt heute keine größere außenpolitische Herausforderung, die die Vereinigten Staaten oder Europa allein bewältigen könnten. Das Bekenntnis der Vereinigten Staaten zum westlichen Bündnis zeigt sich in den mehr als 11 Milliarden US-Dollar, die wir seit Januar 2017 für die Europäische Abschreckungsinitiative (European Deterrence Initiative) bewilligt haben, in den Waffen, die wir der Ukraine und Georgien zur Verteidigung zur Verfügung stellen, in der Unterstützung beim Wiederaufbau, die wir den Ländern Nordafrikas zuteilwerden lassen, in unserer Hilfe und Unterstützung für Reformer in Osteuropa und der Ukraine, in den verringerten Hürden für amerikanische Gasexporte an Bündnispartner und in der Zusammenarbeit in den Bereichen Grenzsicherung, Austausch von nachrichtendienstlichen Erkenntnissen, Strafverfolgung und Cyberabwehr, die wir täglich mit unseren europäischen Bündnispartnern durchführen.

Unsere Bündnispartner müssen bereit sein, mehr zu tun. Man kann nicht von den Amerikanerinnen und Amerikanern erwarten, dass sie sich mehr um Europas Sicherheit sorgen – und mehr dafür ausgeben – als die europäischen Staats- und Regierungschefs selbst. Man kann nicht von uns erwarten, dass wir stärkeren Widerstand gegen Pipelines leisten, die in Europa im Winter Versorgungsengpässe verursachen könnten, als die Europäer selbst. Und man kann nicht von uns erwarten, die wachsenden Bedrohungen an den südlichen und östlichen Grenzen Europas ernster zu nehmen, als die Europäer es selbst tun.

Gedenkfeiern wie diese hier sind wichtig, um auf beiden Seiten des Atlantiks in Erinnerung zu rufen, dass alliierter Zusammenhalt von unschätzbarem Wert ist – und dass sein Erhalt große Opfer verlangt. Die Generation unserer Großeltern hat das nach dem Zweiten Weltkrieg verstanden. Nun liegt es an uns zu gewährleisten, dass der Frieden und Wohlstand, den sie mit ausgehandelt und von dem wir unser Leben lang profitiert haben, an zukünftige Generationen weitergegeben wird.

Danke.

Originaltext: The 70th Anniversary of the Marshall Plan: A Legacy Remembered