75 Jahre Freiheit

Robin Quinville, Chargée d’Affaires

Am 12. September 1944 wurde die Stadt Roetgen bei Aachen als erste deutsche Stadt von amerikanischen Truppen befreit. Die Gemeinden Rott und Roetgen begingen den 75. Jahrestag mit einem gemeinsamen Festakt, bei dem Robin S. Quinville, die Gesandte der US-Botschaft, am 12. September 2019 folgende Rede hielt.

Es ist mir eine Ehre, heute in Roetgen zu sein, dieser kleinen Stadt, die in der deutschen Geschichte eine so große Rolle spielt.

Von hier aus sieht man gleich, warum die geografische Lage Roetgen von jeher zu einem so wichtigen Transitweg gemacht hat. In unserer Zeit bedeutete das für die Einwohner Roetgens, dass sie Zeugen einiger der schrecklichsten Schlachten des Krieges wurden. Im September 1944 richteten sich die Augen der Amerikanerinnen und Amerikaner plötzlich auf Roetgen – den ersten Ort, der von den Vereinigten Staaten befreit wurde.

Die Befreiung Roetgens war ein entscheidender Schritt. Amerikanische Autoren – darunter Ernest Hemingway, der damals als Kriegskorrespondent über die Schlacht am Hürtgenwald berichtete – sandten den Daheimgebliebenen Berichte über Entbehrungen und Opfer.

Warum sie das taten? Sie taten es, weil das, was hier in Roetgen, in Deutschland, geschah, viele Amerikanerinnen und Amerikaner sehr persönlich berührte. Unsere Soldaten kamen aus den gesamten Vereinigten Staaten mit dem einen Ziel im Blick: Europa zu befreien und dem Kontinent eine demokratische Zukunft zu ermöglichen. Ihnen und auch ihren Familien war bewusst, dass das nicht einfach sein würde.

Sehr viele amerikanische Familien verbinden Geschichten von Verlust und Erinnerung mit dem Krieg. Ich würde heute gerne an eine dieser Geschichten erinnern: Es ist die Geschichte von U.S. Army Lieutenant Richard Spencer Burrows.

Er wuchs in Ogden auf, ging aufs College und arbeitete in Ogden in einem Laden. Nach dem Angriff auf Pearl Harbor verpflichtete er sich für die Army. Sein Bild zeigt ihn als selbstbewussten, stolzen Mann mit einem strahlend breiten Lächeln. Sogar der unscharfe Schwarzweißdruck in der Zeitung wirkt so ansprechend, dass man zurücklächeln möchte.

Er verabschiedete sich von seiner Familie, auch von seiner achtjährigen Tochter, und schloss sich dem Kampf in Europa an.

Als die amerikanischen Truppen an Roetgen vorbeizogen, stieg Burrows kurz aus seinem Panzer, um nachzusehen, was die Straße blockierte. Er wurde von einem Scharfschützen erschossen.

Ein schwerer Verlust für Richard Burrows‘ junge Familie. Aber für die Geschichte war er nicht verloren.

Die Angehörigen von Richard Burrows – einige von ihnen sind heute hier – haben sich gemeinsam mit dem örtlichen Geschichtsverein dafür eingesetzt, dass sein Name heute hier auf diesem Denkmal steht.

Er steht neben dem Namen eines deutschen Soldaten, der am gleichen Tag starb.

Was für ein bemerkenswertes Zeugnis unserer Nachkriegswerte. 1945 hätten sich nur wenige ein solches Denkmal für Verluste auf beiden Seiten vorstellen können.

Lassen Sie uns innehalten und für einen Moment bei diesem historischen Augenblick verweilen. Für die amerikanischen Soldaten, die nach Roetgen kamen und dann weiter in die nächste Schlacht zogen, gab es keine Gewissheiten. Und ganz sicher lebten die Menschen hier in großer Ungewissheit. Was würde als Nächstes geschehen?

Es geschah Folgendes: Wir haben die transatlantischen Beziehungen wiederaufgebaut und sind NATO-Bündnispartner geworden. Erst diesen Sommer hat unsere Botschaft in Berlin den 70. Jahrestag der Luftbrücke gefeiert, eine außergewöhnliche politische und logistische Leistung, die der Welt unsere Unterstützung für ein freies Berlin deutlich vor Augen führte. Damals waren seit Kriegsende erst drei Jahre vergangen.

Dieses Jahr feiern wir außerdem den 30. Jahrestag des Mauerfalls, der zur Wiedervereinigung unseres Partners Deutschlands führte.

Unsere starken transatlantischen Beziehungen sind ein Ergebnis der Arbeit von Generationen. Deshalb investieren wir jeden Tag in diese Beziehungen: um sicherzustellen, dass wir sie an die nächste Generation weitergeben können.

Für die Soldaten aus dem Jahr 1945 bin ich die nächste Generation. Hätten sie sich damals vorstellen können, dass in 75 Jahren eine Frau mit französischem Namen, die Deutsch studiert hat und aus einer kalifornischen Kleinstadt stammt, hier stehen und einen Zusammenhang zwischen der Vergangenheit und unserer gemeinsamen Zukunft herstellen würde?

Vor 75 Jahren standen alle an diesem Ort vor einer ungewissen Zukunft. Aber was wir aus der Zukunft machen, entscheiden wir. Und wir entscheiden uns für eine transatlantische Partnerschaft mit Deutschland.