Abschiedsrede bei der Atlantik Brücke

Botschafter John B. Emerson Foto: US-Botschaft


BERLIN – (AD) – Nachfolgend veröffentlichen wir die Abschiedsrede, die US-Botschafter John B. Emerson am 18. Januar 2017 bei der Atlantik Brücke hielt, in der er die letzten drei Jahre Revue passieren ließ und mit der er sich von Deutschland verabschiedete.

Es gilt das gesprochene Wort!

Danke, Tom. Friedrich, noch einmal vielen Dank für die freundliche Begrüßung. Ich sage „noch einmal“, weil wir in den vergangenen dreieinhalb Jahren nicht nur so oft zusammengearbeitet und uns das Rednerpult geteilt haben, sondern auch, weil du und die Atlantik Brücke die ersten wart, die die Familie Emerson im August 2013 in Berlin willkommen geheißen haben. Ich erinnere mich noch sehr gut daran. Ich muss schon sagen, ich war ein bisschen eingeschüchtert, als ich in dieses Zelt kam, in dem sich so viele bedeutende deutsche Persönlichkeiten versammelt hatten, um den neuen US-Botschafter in Augenschein zu nehmen. Aber wir konnten uns schnell entspannen, da Sie uns gleich das Gefühl gegeben haben, willkommen zu sein.

Mit sehr vielen von Ihnen, die heute Abend hier sind, haben wir enge Freundschaften geschlossen. Ich danke Ihnen ganz besonders dafür, dass Sie viele meiner Kollegen von der Botschaft eingeladen haben, mit denen ich die Ehre hatte zu arbeiten.

Es ist untertrieben zu sagen, dieser Anlass habe einen bittersüßen Beigeschmack, denn in nur 36 Stunden, noch bevor der designierte Präsident seinen Amtseid ablegt, wird die Familie Emerson im Flugzeug in Richtung ihrer Heimatstadt Los Angeles sitzen. Heute Abend wollen wir uns von Ihnen und den Menschen hier in Deutschland verabschieden.

Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um Ihnen allen im Namen von Kimberly und meiner ganzen Familie für Ihre Unterstützung und Freundschaft während unserer Zeit hier zu danken. US-Botschafter in Deutschland zu sein, war die größte Ehre meines Lebens, und es war für uns alle ein sehr großes Privileg.

Unsere drei Töchter haben unseren Aufenthalt hier in Deutschland sehr geprägt. Taylor und Hayley haben die Highschool beendet und vor Aufnahme ihres Studiums an der Washington University in St. Louis in Berlin ein Jahr ausgesetzt. In ihren drei Jahren in Deutschland konnten sie ihr Fußballspiel und ihre musikalischen Fertigkeiten verbessern, wie einige von Ihnen letzte Woche im Morgenmagazin gesehen haben, und haben auf dem Fußballplatz, der Bühne und während der zahlreichen Praktika, die sie in ihrem freien Jahr gemacht haben, viele neue Freundschaften geschlossen.

Im Herbst 2013 hat unsere älteste Tochter Jackie ihr Studium an der Universität Stanford aufgenommen – gerade einmal einen Monat, nachdem ich als frisch gebackener Botschafter hierher kam. Im vergangenen Jahr konnte sie ein Auslandssemester am Berliner Stanford-Campus einlegen und hat den Großteil ihrer Ferien hier in Deutschland verbracht. Alle drei versäumen die erste Woche des Semesters, damit sie sich hier mit uns verabschieden können – und als sie gehört haben, dass wir eine Wohnung in Berlin gekauft haben, haben sie vor Freude geweint.

Kimberly hat sich als Vorstandsmitglied von Human Rights Watch in Deutschland sehr im humanitären Bereich, in der Kunstszene und im unternehmerischen Bereich eingesetzt und bewiesen, dass Deutschland mit den Emersons gleich zwei Botschafter zum Preis von einem bekommen hat. Als sich die Flüchtlingskrise ausweitete, hat sie sich aktiv engagiert. Und Kimberly hat hier in Deutschland so viele enge Freundschaften geschlossen, dass wir nicht abreisen konnten, ohne eine Wohnung gekauft zu haben.

Wie einige von Ihnen heute Abend bereits erwähnt haben, war unsere Zeit hier alles andere als ereignisarm. Zur Bewältigung der vielen Herausforderungen, denen sich Deutschland und die Vereinigten Staaten in den vergangenen dreieinhalb Jahren gegenübersahen, haben wir häufig zusammengearbeitet. Die meisten davon konnte man noch nicht einmal erahnen, als ich im Frühjahr 2013 für diesen Posten nominiert wurde. Denken Sie nur an die NSA-Enthüllungen, den Bürgerkrieg in Syrien, das grausame Vorgehen der IS-Terrormiliz, den sich ausbreitenden Terrorismus in Europa, die russische Intervention in der Ukraine, die illegale Annexion der Krim, die Widerstandskraft der Taliban in Afghanistan, Ebola, die griechische Finanzkrise, den Brexit, den lautstarken Widerstand gegen T-TIP in dem europäischen Land, das am meisten von diesem Abkommen profitieren würde, das Ende des Safe-Harbor-Abkommens und den Schaden, den das für firmeninterne Datentransfers bedeutete, die Bedrohung unserer Regierungen, unserer Volkswirtschaften, Gesellschaften und unserer Politik durch immer ausgefeiltere Cyber-Angriffe durch staatliche und nichtstaatliche Akteure, die größte Flüchtlingsbewegung in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Wie sehr sich Deutschland bei diesen Themen engagiert, ist beeindruckend. Ich kann mich noch gut an den ersten Tag der Deutschen Einheit erinnern, den ich im Jahr 2013 hier verlebt habe, und an die eloquente Rede von Bundespräsident Gauck, in der er Deutschland zu mehr globalem Engagement aufrief. Er sprach von Vertrauen und dankte den Freunden und Partnern Deutschlands für ihren beständigen Glauben daran, dass dieses Land einst wiedervereint sein und weltweit für seine lebendige, stabile Demokratie und seine wirtschaftliche Stärke respektiert werden würde. Ich hatte heute Morgen die Ehre, dabei zu sein, als er seine Abschiedsrede hielt, in der er viele dieser Themen ansprach.

Die transatlantische Partnerschaft entstand in den richtungsweisenden und entscheidenden Nachkriegsjahren aus dem Vertrauen heraus, das von den Mitgliedern neu gegründeter Organisationen wie der Atlantik Brücke und dem American Council on Germany umrissen und gefördert wurde. Beide Organisationen waren darauf ausgelegt, die Versöhnung und Verständigung zwischen Deutschen und Amerikanern zu fördern und zwischenmenschliche Kontakte aufzubauen, damit man die Ereignisse in beiden Ländern nicht nur verfolgen, sondern auch verstehen konnte. Im Laufe der Jahrzehnte haben beide transatlantische Partner viel in diese Beziehungen investiert und so das Vertrauen zueinander gestärkt.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich unmissverständlich sagen, dass das europäische Projekt, das in den Vereinigten Staaten seit Langem überparteiliche Unterstützung genießt und weiter genießen wird, einer der großen Erfolge der Weltgeschichte ist. Wenn Europa und die EU wirtschaftlich erfolgreich sind, sind es auch die Vereinigten Staaten. Auch wenn einige in der neuen Regierung das jetzt noch nicht verstanden haben, habe ich Hoffnung, dass sie es mit der Zeit verstehen werden.

Vertrauen – und auch Herausforderungen – haben sich in meiner Zeit als Botschafter als wichtige Themen erwiesen. Wie ich bereits sagte, ist meine Rede heute Abend das Pendant zu meiner Einführungsrede bei dieser Organisation, in der ich ein sehr großes, unausgesprochenes Problem offen ansprach: die Enthüllungen über die NSA. Vom ersten Tag an lag mein Hauptaugenmerk auf der Wiederherstellung des schwer beschädigten Vertrauens zwischen unseren Ländern.

Die Zusammenarbeit zwischen unseren Nachrichtendiensten wurde damals sehr kritisch gesehen. Offen gesagt waren die Nachrichtendienste und ihre Verquickung mit der Strafverfolgung absolute Reizthemen. Ich habe von Anfang an die Notwendigkeit von Reformen betont, die aber keinesfalls eine der grundlegenden Pflichten unserer Regierungen beeinträchtigen dürfen, und zwar den Schutz unserer Bevölkerung. Präsident Obama hat wichtige Reformen umgesetzt. Die tragische Tatsache, dass Terroristen nun in Europa wieder in Erscheinung getreten sind, unterstreicht, dass wir die notwendigen Maßnahmen für den Austausch von Informationen und nachrichtendienstlichen Erkenntnissen innerhalb Deutschlands, Europas sowie zwischen den Vereinigten Staaten und Europa ergreifen müssen, um die Pläne der Terroristen zu durchkreuzen und sie letztlich aufzuhalten.

Fakt ist, wir leben in einer Zeit, in der nichtstaatliche Akteure und sich ausbreitende Terrorgruppen, die sich dank gehackter und an die Öffentlichkeit gelangter Dokumente und Informationen ausführlich über die Funktionsweise unserer Nachrichtendienste informieren konnten, sehr geschickt moderne Technologie einsetzen, um Kämpfer anzuwerben, auszubilden und ihre Angriffe zu planen und durchzuführen.

Es ist daher unverzichtbar, dass wir weiter zusammenarbeiten, um ihnen immer einen Schritt voraus zu sein. Die gute Nachricht ist, dass wir, wenn ich auf die letzten dreieinhalb Jahre zurückblicke, nie kooperativer oder effektiver zusammengearbeitet haben als heute.

Und doch gibt es in der heutigen Welt keine absolute Sicherheit. Der grausame Anschlag auf den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche hat uns die Gefahr, die von gewalttätigen Extremisten ausgeht, wieder drastisch vor Augen geführt. Angesichts dieser grausamen Gewalt ist es umso wichtiger, dass wir an unseren Werten festhalten und nicht zulassen, dass Terroranschläge fremdenfeindliche Ressentiments schüren oder unsere Art zu leben untergraben. Das von dieser schrecklichen Tragödie unbeirrte Zusammenrücken der Berlinerinnen und Berliner an den Feiertagen hat mich in seiner Solidarität und Stärke zutiefst bewegt.

Ich weiß natürlich, dass dieser und frühere Anschläge die anhaltende Debatte über die Entscheidung Deutschlands befeuert haben, nicht wegzuschauen, als sich im Sommer 2015 an den deutschen Grenzen eine humanitäre Krise abspielte. Ja, wahrscheinlich sind mit den Flüchtlingen auch Terroristen ins Land gelangt. Aber täuschen Sie sich nicht: Die große Mehrheit derjenigen, die diese schrecklichen Anschläge in Europa verüben, haben wir selbst herangezogen. Die Vorstellung, Europa könne Anschläge verhindern, wenn es seine Binnengrenzen für alle Zuflucht Suchenden schließt, oder dass diejenigen, die darauf aus sind, Schaden anzurichten, nicht auf andere Weise nach Europa finden würden, ist absurd.

Der Kurs, den Bundeskanzlerin Merkel vorgegeben hat, ist – wenn auch schwierig und mit Herausforderungen verbunden – eine Demonstration moralischer Führungsstärke in einer Welt, in der diese viel zu selten ist. Dieser Kurs verleiht, wie Präsident Obama im November in Berlin sagte, den Prinzipien Ausdruck, die Menschen vereinen, statt sie zu spalten, und das ist sehr im Sinne der langfristigen nationalen Sicherheitsinteressen unserer beiden Länder.

Bundeskanzlerin Merkel und Außenminister Steinmeier beschreiben die deutschen und amerikanischen Beziehungen als Eckpfeiler der deutschen Außenpolitik. Aus amerikanischer Sicht gibt es nur wenige andere Länder auf der Welt, die dieselbe Entschlossenheit, Zuversicht und dasselbe Potenzial ausstrahlen wie Deutschland. Unsere Partnerschaft ist unverzichtbar. In diesen komplizierten Zeiten ist für unseren weiteren Weg ein gewisses Maß an Berechenbarkeit wichtig, was mich zu dem Thema führt, das zurzeit natürlich alle beschäftigt: Welche Schwerpunkte wird die neue Regierung setzen, insbesondere in Bezug auf Europa und Deutschland? Ich möchte Ihnen einige meiner Gedanken dazu mitteilen.

Zunächst zur Außenpolitik. Es ist kein Geheimnis, dass es durchaus erhebliche Meinungsverschiedenheiten zwischen der zukünftigen und der scheidenden Regierung geben könnte, unter anderem über den Klimawandel, die Einwanderung, zum Thema russische Aggression, über den Nahen Osten, über das Atomabkommen mit Iran und die Rolle multilateraler Organisationen, um nur einige zu nennen.

In den Nachrichten wurde in den letzten Tagen einiges über mögliche Veränderungen unserer Beziehungen zu Russland berichtet. Präsident Obama hält gute Arbeitsbeziehungen zu Russland für durchaus wichtig – und das ist eindeutig in unser aller Interesse. Aber enge Beziehungen zu einem anderen Land schließen nicht aus, dass man für seine Werte einsteht. Nach den Erfahrungen der vergangen Jahrhunderte müssen wir mächtigen Nationen die klare Botschaft übermitteln, dass die Neuziehung von Grenzen zu schwächeren Nachbarländern nicht toleriert werden kann und wird. Dasselbe gilt für Versuche, Wahlen in souveränen Staaten zu manipulieren.

Die internationale Gemeinschaft muss protestieren, wenn so etwas geschieht; es muss Konsequenzen geben, die man nicht einfach auslaufen lassen kann, weil ihre Aufrechterhaltung zu unbequem oder politisch inopportun scheint oder weil jemand etwas Nettes über einen sagt. Bei den Anhörungen vorige Woche im Senat haben wir gesehen, dass viele Mitglieder des US-Kongresses diese Meinung teilen.

Allgemeiner gesagt: Der designierte Präsident, Donald Trump, hat im Wahlkampf ganz deutlich eine wesentlich isolationistischere Außenpolitik befürwortet als der lange währende überparteiliche Regierungskonsens vorgibt, der bis in die Zeit von Präsident Truman und dem Marschallplan zurückreicht. Aber viele der Herausforderungen, vor denen wir stehen, können von den Vereinigten Staaten oder Europa nicht im Alleingang bewältigt werden.

Präsident Obama hat gesagt, dass es bei vielen der wichtigen Themen, über die er mit dem designierten Präsidenten kurz nach dessen Wahl gesprochen hat, um die entscheidende Rolle der Vereinigten Staaten bei der Bewältigung globaler Herausforderungen ging. In der Tat erfordert eine gute Führung des eigenen Landes Verbindungen zur gesamten Welt und die effektive Partizipation in multilateralen Institutionen. Das heißt, dass die Vereinigten Staaten, Deutschland, die G7, die G20 und die Europäische Union ihr Engagement für das transatlantische Bündnis und globale Angelegenheiten aufrechterhalten und in einigen Fällen verstärken müssen.

Ich weiß, dass man sich hier deswegen sorgt. Aber sobald man im Weißen Haus ist und mit anderen führenden Politikern weltweit interagiert, sobald man die Vielschichtigkeit der anstehenden Herausforderungen in Gänze erfassen kann, wird die eigene Haltung durch die Anforderungen des Amtes beeinflusst und in einigen Fällen sogar erheblich verändert – so hat es Präsident Obama beschrieben. Und die Tatsache, dass die Personen, die der designierte Präsident als Verteidigungsminister, Außenminister und für die Nachrichtendienste ausgewählt hat, von Berufs wegen langjährige Internationalisten sind, ist ein positives Signal. Wir werden also abwarten müssen.

Ein zweites Thema ist dieses: Ich bin ziemlich sicher, dass eine der Prioritäten des designierten Präsidenten sein wird, die US-Wirtschaft in den wirtschaftlich schwer angeschlagenen Regionen des einst industriellen mittleren Westens und den ländlichen Gemeinden der Vereinigten Staaten zu stärken. Dort hat er die meiste Unterstützung erhalten. Die Frage ist: Wie wird er versuchen, das zu erreichen? Durch eine Kombination aus Investitionen in die inländische Infrastruktur und globalem wirtschaftlichem Engagement oder durch einen eher protektionistischen Ansatz?

Ich glaube, die meisten der heute hier Anwesenden sind der Meinung, dass Handel ein Schlüssel zur Vergrößerung des wirtschaftlichen Wohlstands weltweit sein kann. Aber Handel war auch eines der am meisten diskutierten Kernthemen des Präsidentschaftswahlkampfs. Ich bin sicher, Sie alle haben mitbekommen, dass der designierte Präsident die Transpazifische Partnerschaft TPP für tot erklärt hat – und dass die Führung im Kongress, die TPP zuvor noch unterstützt hat, sich dem angeschlossen und in der Lame-Duck-Phase nicht auf den Abschluss des Handelsabkommens gedrängt hat. Das ist bedauerlich. Wenn man bedenkt, dass China sein eigenes Handelsabkommen mit Ländern in der Region anstrebt, wird klar, dass die Vereinigten Staaten möglicherweise eine Chance zur Schaffung höherer internationaler Handelsstandards vergeben haben.

Innenpolitisch betrachtet sind die politischen Hürden für T-TIP in den Vereinigten Staaten nicht so hoch wie die für die TPP. Dass die neue Regierung es zu einem Schwerpunkt machen wird, ist, wie ich im vergangenen Jahr wiederholt gesagt habe, dennoch eher unwahrscheinlich. Ehrlich gesagt, angesichts der Zurückhaltung, mit der viele europäische Politiker den lautstarken Widerstand gegen T-TIP hinnehmen, und der Blamage der EU bei der Ratifizierung von CETA wird Europa den Vereinigten Staaten gegenüber deutlich machen müssen, dass es ein neu verhandeltes T-TIP-Abkommen will und umsetzen kann, ob es nun diesen Namen trägt oder einen anderen.

Abgesehen davon weiß ich, dass sich hier so mancher wegen kürzlich gemachter Äußerungen über den Überschuss Deutschlands im Handel mit den USA sorgt. Ich vertraue darauf, dass die neue Regierung bald verstehen wird, dass es einen Unterschied gibt zwischen Handelsüberschüssen, die durch niedrige Löhne in Volkswirtschaften mit niedrigen Standards entstehen, die ihre Währungen kontrollieren und protektionistische Barrieren aufgebaut haben, und Volkswirtschaften mit hohen Löhnen und Standards, die sehr viel gerechter arbeiten und einfach nur hochwertige Produkte herstellen, die Amerikanerinnen und Amerikaner kaufen möchten. Übrigens steht BMW kurz davor, in Charleston in South Carolina mehr Autos zu produzieren als in Bayern!

Hoffentlich werden irgendwann in irgendeiner Form Handelsgespräche zwischen den Vereinigten Staaten und Europa aufgenommen werden. Sie alle kennen die Argumente, die für T-TIP sprechen, und viele von Ihnen haben intensiv daran gearbeitet, einer skeptischen deutschen Öffentlichkeit die potenziellen Vorteile des Abkommens zu erklären. Aber wenn wir Gespräche darüber dann wirklich aufnehmen, müssen wir es eindeutig besser machen. So sehr wir uns auch über den gut finanzierten, oft nicht mit Fakten unterfütterten Widerstand gegen T-TIP beklagen – wir haben viel zu lange damit gewartet, die positiven Seiten von T-TIP deutlich und verständlich zu propagieren. Die Zeiten, in denen Regierungen jahrelang hinter verschlossenen Türen über Handelsabkommen verhandeln konnten, um diese dann einer gespannt wartenden Öffentlichkeit zu präsentieren, sind vorbei.

Angesichts gut finanzierter, ständig agierender Interessenverbände, deren Basisfinanzierung oft an ein Feindbild geknüpft ist, und des durchdringenden Einflusses sozialer Medien, die es möglich machen, dass innerhalb quasi geschlossener Räume mehr und mehr Informationen und Fehlinformationen ausgetauscht werden, muss der Versuch, Zweck und Vorteile eines Handelsabkommens zu erklären, von Anfang an von einer gut strukturierten Aufklärungskampagne begleitet werden.

Wir brauchen vom ersten Tag an mehr Transparenz. Verhandlungen müssen nicht unter den Augen der Öffentlichkeit stattfinden, aber es muss erklärt werden, welche Ziele angestrebt werden, was verhandelt wird und was nicht und wo es Fortschritte gibt und wo nicht. Sonst entsteht, wie wir alle festgestellt haben, ein Informationsvakuum, das aus Unsicherheit erwachsende Fehlinformationen und Ängste füllen können.

Die Tatsache, dass jedes Handelsabkommen auch Verlagerungen mit sich bringt, muss von Anfang an akzeptiert werden. Unsere Regierungen müssen sich genauso intensiv mit den Auswirkungen dieser Verlagerungen befassen, wie sie sich vorher mit den Verhandlungen zum Abkommen befasst haben.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Es wird immer Menschen geben, die jedes Handelsabkommen infrage stellen. Aber wenn wir mehr erklären, sind unsere Erfolgsaussichten in der Zukunft umso größer.

Das dritte Thema, über das ich gerne sprechen würde, ist etwas, das quasi jeder, mit dem ich seit der Wahl hier in Deutschland gesprochen habe, angesprochen hat: Es geht um die Sorge sehr vieler Menschen über den möglichen Einfluss unserer Wahl auf die bevorstehenden Wahlen in Frankreich, Deutschland und der EU in diesem und dem nächsten Jahr.

Wir wissen alle, was in den Vereinigten Staaten passiert ist, und es ist nicht wirklich so gekommen, wie ich – und viele andere – erwartet haben. Natürlich gibt es bei jedem knappen Wahlausgang zahlreiche Faktoren und Ereignisse, die ihn in die eine oder andere Richtung beeinflusst haben können. Aber was ist denn eigentlich genau geschehen und warum?

Die Komplexität unserer Welt, befeuert vom hohen Tempo der Globalisierung und des technologischen Wandels, hat zu einem allgegenwärtigen Gefühl der Unsicherheit geführt. Die zunehmenden wirtschaftlichen, kulturellen, demografischen und sozialen Veränderungen haben im Zusammenspiel mit einer politischen und gesellschaftlichen Polarisierung, die es schwerer macht, Dinge anzupacken und zu erledigen, das öffentliche Vertrauen in die Politik enorm geschwächt. In den Vereinigten Staaten und Europa sind Menschen an beiden Enden des politischen Spektrums verärgert, weil sie den Eindruck haben, dass der Staat oder etablierte Institutionen – einschließlich der Wirtschaft – nicht in Ihrem Sinne arbeiten.

Es geht allerdings nicht nur um wirtschaftlichen Wohlstand. Seit den Achtzigerjahren des 20. Jahrhunderts verläuft entlang kultureller Fragen wie Rechte für LGBTI, Abtreibung, Waffengesetze, Religion, Klimawandel, ethnische Herkunft und Einwanderung ein Riss durch die amerikanische Gesellschaft. Am stärksten ausgeprägt sind diese Meinungsverschiedenheiten zwischen den Bewohnern der Städte und der Landbevölkerung, die in den Regionen lebt, die elitäre Amerikaner aus den Küstenregionen gern als „Überfluggebiete“ bezeichnen und auf die sie im wahrsten Sinne des Wortes herabschauen. Die kulturellen Fragen, die zynische politische Entscheidungsträger nutzen, um einen Keil zwischen die Lager zu treiben, haben zu einem tiefen emotionalen Riss in unserem Land geführt. Die Kluft zwischen diesen gegnerischen Lagern ist so tief, dass eine rationale Debatte fast unmöglich erscheint. Das müssen wir überwinden.

Und die gesellschaftliche Polarisierung wird durch ein Umfeld verstärkt, in dem Nachrichten sofort und jederzeit verfügbar sind und in dem ein Tweet mit 140 Zeichen den Nachrichtenzyklus eines ganzen Tages bestimmen kann. Auch die sozialen Medien und ideologisch gefärbte Nachrichtensendungen im Kabelfernsehen tragen dazu bei, indem sie geschlossene Informationsräume schaffen, die es leicht machen, sich zu isolieren und Informationen lediglich aus den Quellen zu beziehen, die die eigenen, bereits bestehenden Ansichten wiedergeben. Die Menschen suchen sich ihre Nachrichten immer mehr aus und bilden sich ihre Meinungen in diesem postfaktischen Umfeld. Die Gefahr ist, wie wir gesehen haben, dass durch diese „Silobildung“ eine Echokammer für Desinformation und letztlich auch Wut entsteht, die man sich zunutze machen kann, um politische Unterstützung zu gewinnen oder das Vertrauen in unser Wahlverfahren zu untergraben.

Diese Wut und die Angst, aus der sie erwächst, haben zum Brexit und in vielen Teilen Europas zum Erstarken von Populismus links und rechts der Mitte beigetragen, und sie haben auch zu Protestwahlen, wie bei unserer Präsidentschaftswahl 2016, und den Bewegungen gegen Handel oder Einwanderung geführt, die wir auf beiden Seiten des Atlantiks sehen. Die entwurzelnde Wirkung, die die Globalisierung haben kann, muss also anerkannt und thematisiert werden, und dasselbe gilt für die Beziehungen zwischen sozialen Medien, der Presse, Verbreitern von Falschmeldungen und unserer Politik, insbesondere angesichts der anstehenden Europawahl. Diesem Thema könnte sich die Atlantik Brücke vielleicht ausführlicher widmen.

Ich bin mir bewusst, dass hier in Deutschland große Sorge über unsere zukünftige Regierung besteht, aber ich bin überzeugt, dass Stellenwert und Bedeutung unserer Beziehungen zu Deutschland in den kommenden Jahren nicht abnehmen werden. Wie Präsident Obama sagt, verlaufen Geschichte und Politik nie geradlinig. Ich zitiere: „Wir gehen im Zickzack, und manchmal schlagen wir Wege ein, die die einen für fortschrittlich und die anderen für rückschrittlich halten.“ Wichtig ist, dass wir dabei unseren Glauben an die Demokratie und die lebendige, offene Debatte, die sie voraussetzt, behalten.

Um noch einmal auf die Prioritäten der nächsten Regierung zurückzukommen: Denjenigen, die Kaffeesatzleserei betreiben, um die Richtung der zukünftigen Regierung auszumachen, möchte ich etwas sagen. Erstens sollten Sie die Tweets nicht überbewerten. Beachten Sie sie, aber lassen Sie sich davon nicht ablenken oder reizen. Tweets sind keine Politik, und häufig wird das, was ein Präsident sagt, beim Durchlaufen des politischen Entscheidungsprozesses der US-Regierung erheblich abgeändert.

Zweitens gibt es in der Politik eine Binsenweisheit: Die Menschen sind die Politik. Verfolgen Sie also aufmerksam die Anhörungen der Nominierten, die vergangene Woche begonnen haben. Übrigens, wer dort welche Fragen stellt, könnte für die Prognose, wie der Kongress auf vorgeschlagene politische Maßnahmen und deren Ausgestaltung reagieren wird, ebenso erhellend sein, wie die Antworten selbst.

Drittens, verfolgen Sie die Antrittsrede am Freitag. Sie sollte eine ambitionierte Erklärung des zukünftigen Präsidenten zu seinen Visionen, Zielen und Prioritäten sein, eine Agenda für die nächsten vier Jahre auf hohem Niveau. Achten Sie darauf, was gesagt wird und was nicht – und ebenso wichtig, auch auf den Ton.

Und sehen Sie sich ganz genau den Haushalt an, der von der neuen Regierung gegen Ende Februar vorgelegt werden wird. Der Haushaltsvorschlag eines Präsidenten ist eine Blaupause für die Schwerpunkte, die er in seiner Amtszeit setzen wird. Sehen Sie sich genau an, wofür Geld ausgegeben und wo gekürzt wird. Das wird zeigen, wo die Prioritäten wirklich liegen.

Den Deutschen möchte ich nahelegen, der kommenden Regierung mit etwas Geduld und Objektivität zu begegnen, dabei aber nicht zu zögern, sich für unsere gemeinsamen Werte einzusetzen und sie hervorzuheben, und ich möchte Sie ermutigen, deutlich zu machen, wie sehr unsere engen Wirtschafts- und Handelsbeziehungen zum Wohlstand der Bürgerinnen und Bürger unserer beiden Länder beitragen.

Wie geht es nun also weiter? Ja, die persönliche Verbundenheit zwischen Bundeskanzlerin Merkel und Präsident Obama war außergewöhnlich stark. Das war aber nicht immer so. Die deutsch-amerikanischen Beziehungen gehen weit über den Namen oder die politische Zugehörigkeit des gegenwärtigen Präsidenten hinaus.

Die Grundlage für unsere engen Beziehungen ist der persönliche Kontakt zwischen unseren Bürgerinnen und Bürgern. Schriftsteller, Journalisten, Forscher, Wissenschaftler, Künstler, Studenten, Unternehmer, Angestellte und Touristen besuchen die jeweils andere Seite des Atlantiks. Unser beiderseitiger Handel und unsere gegenseitigen Investitionen eröffnen neue Möglichkeiten für Synergien, neue Produkte und technologische Neuerungen. Und bei Fragen von globaler Bedeutung sind starke Institutionen wie die Atlantik Brücke und die American Academy in Berlin dynamische Plattformen für die deutsch-amerikanische Zusammenarbeit. Wir müssen also unsere Bemühungen auf der zwischenmenschlichen und der unternehmerischen Ebene verstärken, insbesondere, wenn wir uns in schwierigem Fahrwasser befinden.

Meine erste Rede, die ich vor dreieinhalb Jahren hier vor Ihnen gehalten habe, beendete ich damit, wie entscheidend es ist, auf junge Menschen zuzugehen. Und damit werde ich auch heute Abend schließen.

Die untrennbare Verbindung zwischen Europa und den Vereinigten Staaten geht auf das Wunder von vor 70 Jahren zurück, als aus der Asche der weltweiten Zerstörung und des Genozids neue Prinzipien für die Regelung der zwischenstaatlichen Beziehungen sowie für die Sicherung der Grundrechte und der Würde aller Menschen geschaffen und umgesetzt wurden.

Aber ganze Generationen von Deutschen und Amerikanern haben diese einschneidenden Erfahrungen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht gemacht. Das sind Menschen, für die die Luftbrücke, Sätze wie „Ich bin ein Berliner“ und „Reißen Sie diese Mauer nieder“ und die Wiedervereinigung fast so etwas wie alte Geschichte sind. Unsere dynamischen transatlantischen Beziehungen sind nicht vererbbar, vielmehr muss ihr Wert von einer Generation zur nächsten vermittelt werden. Wir beziehen daher in alle unsere Bestrebungen im Rahmen der Public Diplomacy junge Menschen ein.

Während seines Besuchs in Berlin kurz nach den Wahlen wurde Präsident Obama bei einem Mittagessen im kleinen Kreis in der Botschaft gefragt, was ihm am meisten Sorgen und was ihm am meisten Hoffnung mache. Als Sorge nannte er den Klimawandel. Aber Barack Obama zögerte keinen Augenblick, bevor er der Hoffnung Ausdruck verlieh, die er in die jungen Menschen setzt. Dann merkte er in einem Radio-Interview an, dass wir mehr tun müssen, als „Präsidentschaftswahlen zu feiern oder darüber zu verzweifeln“, dass wir mehr tun müssen, um jungen Menschen eine Stimme zu geben, ihren Aktivismus zu befeuern und zu helfen, etwas zu bewegen.

Politik kann frustrierend sein, aber viele erleben jetzt zum ersten Mal überhaupt, dass Wahlen Konsequenzen haben, insbesondere in Großbritannien und den Vereinigten Staaten. Wir müssen uns darauf konzentrieren, wie wir in unserem Alltag, unserem Leben als Staatsbürger, in unseren Medien, unserer Kultur alle Teil der Lösung sein können. Und darum geht es bei einem großen Teil der Arbeit der Atlantik Brücke.

Wir stehen heute tatsächlich an einem Scheideweg. Um es einfach auszudrücken: Wir sind stärker, wenn wir zusammenarbeiten. Wir müssen die Gelegenheit nutzen, die Zukunft zu gestalten, und zwar basierend auf unseren Werten und Idealen.

Abschließend möchten Kimberly und ich Ihnen allen nochmals persönlich für Ihren Einsatz für das Aufrechterhalten der engen Beziehungen zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten und für Ihre Freundschaft danken. Ja, Europa und auch die Vereinigten Staaten sind mit einer Reihe längerfristiger Herausforderungen konfrontiert. Aber bei all diesen Herausforderungen können wir viel voneinander lernen, und mit Sachlichkeit, Zusammenarbeit, Flexibilität, Kreativität und Engagement werden wir in den folgenden Monaten und Jahren sehr viel erreichen können.

Vielen Dank.

Originaltext: Atlantik Brücke Farewell Speech