Albright erörtert NATO-Erweiterung, Bosnien und Irak

BRÜSSEL – (AD) – Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede, die US-Außenministerin Madeleine Albright am 16. Dezember 1997 beim Ministertreffen des Nordatlantikrates im NATO-Hauptquartier in Brüssel hielt.

Herr Generalsekretär, Herr Ehrenpräsident, verehrte Amtskollegen, meine Damen und Herren, ich freue mich außerordentlich, im Namen der Vereinigten Staaten zu Ihnen sprechen zu dürfen.

Ich werde heute unter anderem vom amerikanischen NATO-Botschafter, Robert Hunter, begleitet, für den dies das letzte Ministertreffen des Nordatlantikrates ist. Botschafter Hunter hat es der NATO durch seine herausragende Arbeit ermöglicht, weltweit das Bündnis Nummer eins zu bleiben und gleichzeitig neue Mitglieder vom gesamten Kontinent einzubeziehen.

Meines Erachtens ist unser Erfolgsgeheimnis während dieser Zeit ziemlich einfach gewesen. Wir sind nicht einfach auf Nummer Sicher gegangen. Bei jeder Entscheidung haben wir uns für den weitblickendsten Weg entschieden.

Heute treffen wir hier zusammen und haben bereits mit der Erweiterung unseres Bündnisses begonnen, während wir gleichzeitig eine Partnerschaft mit Rußland und der Ukraine bilden, wichtige Bande zu anderen europäischen Demokratien anknüpfen, die komplexeste Militäroperation in der Geschichte der NATO durchführen und ihre internen Strukturen anpassen, damit sie die Herausforderungen einer drastisch veränderten Welt bewältigen kann. Aufmerksame Kritiker haben bezweifelt, ob wir zu diesen Schritten bereit sind, und praktisch niemand glaubte, daß wir alle fünf auf einmal unternehmen können. Jedesmal haben wir der Versuchung widerstanden, Taten durch Worte zu ersetzen und schwierige Entscheidungen aufzuschieben.

Unsere unmittelbare Tagesordnung beinhaltet die Erfüllung der von unseren führenden Politikern beim Madrider Gipfel eingegangenen Verpflichtungen. Ich freue mich sagen zu können, daß wir diese Versprechen halten. Ich bin zuversichtlich, daß beim nächsten Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs 1999 die Zeit für weitere Schritte gekommen ist.

Vor zwei Wochen billigten unsere Verteidigungsminister eine neue Kommandostruktur für die NATO, die die Zahl der Kommandostellen von 65 auf 20 verringert. Wir haben den Weg für die vollständige Integration Spaniens in die NATO geebnet. Und wir begrüßen die Entscheidung Frankreichs, sich einer umfassenden Teilnahme an den Aktivitäten des Bündnisses noch weiter anzunähern.

Heute findet das erste Ministertreffen des Ausschusses für die Partnerschaft zwischen der NATO und der Ukraine statt. Unsere Herausforderung wird darin bestehen, die vor uns liegenden Chancen zu ergreifen und auf der leisen Erfolgsgeschichte aufzubauen, die sich bei der neuen, besonderen Partnerschaft mit der Ukraine abzeichnet.

Morgen werden wir erneut mit Rußland im Ständigen Gemeinsamen Rat als Teil eines Prozesses zusammentreffen, der von historischer Bedeutung, aber zunehmend auch geschäftlich orientiert und in seiner Umsetzung sogar Routine ist. Wir setzen unsere praktische tägliche Zusammenarbeit mit Rußland fort, um das gegenseitige Mißtrauen der Vergangenheit zu überwinden.

Ferner werden wir morgen im Euro-Atlantischen Partnerschaftsrat mit all unseren neuen Partnern zusammentreffen. In Zukunft wird viel von dem, was die NATO leistet, in Zusammenarbeit mit den Mitgliedern des EAPR erfolgen, der immer wichtiger wird.

Und natürlich werden wir in wenigen Stunden mit der Tschechischen Republik, Ungarn und Polen ihre NATO-Beitrittsprotokolle unterzeichnen. Dies ist ein weiterer Schritt bei dem Prozeß, der noch viele Jahre auf unserer Tagesordnung stehen wird.

Die heutige Unterzeichnung ist nicht nur eine Zeremonie, und sie ist weit mehr als eine bürokratische Formalität.

Wir unterzeichnen jetzt die Beitrittsprotokolle, weil die NATO entschieden hat, daß die Tschechische Republik, Ungarn und Polen bereit zur Übernahme ihrer Verpflichtungen als Verbündete sind. Aufgrund der Stärke und Verläßlichkeit ihrer Demokratien fügen sie sich nahtlos in die europäische Hauptströmung ein. Ihre Volkswirtschaften wachsen. Ihre militärische Infrastruktur ist fortgeschrittener, als viele von uns erwartet haben. Sie haben – großenteils dank der Partnerschaft für den Frieden – gute Fortschritte bei der Anpassung ihrer Streitkräfte an die Normen und Verfahren der NATO gemacht. Wir sind zuversichtlich, daß sie mit der Zeit ausgereifte militärische Fähigkeiten entwickeln werden.

Gleichzeitig geben die Tschechische Republik, Ungarn und Polen uns heute ihr Wort, daß sie genau wissen, was von ihnen als NATO-Verbündete erwartet wird.

Diese Nationen akzeptieren eine grundlegende Veränderung ihrer nationalen Identität. Jahrzehntelang haben sie von der freien Welt Bekräftigung und Unterstützung ihrer Suche nach Freiheit und Unabhängigkeit erwartet. Jetzt übernehmen sie zum ersten Mal die Verantwortung für die Freiheit und Sicherheit anderer. Wir zählen in Zukunft auf ihren Beistand in Stunden der Not und in den Zeiten, wenn andere Nationen unsere Bekräftigung und Unterstützung erwarten.

Diesen Monat haben wir auch ein Abkommen über die Konsequenzen der Erweiterung für unsere Mittel geschlossen. Wir haben die kluge Entscheidung getroffen, das Abkommen auf eine Einschätzung der militärischen Erfordernisse einer größeren NATO und die damit einhergehenden neuen Sicherheitsverpflichtungen zu stützen. Wir haben jetzt eine klare Vorstellung davon, was die derzeitigen und zukünftigen Verbündeten der NATO zur Erfüllung dieser Verpflichtungen tun müssen und wie hoch die gemeinsam getragenen Kosten einer erweiterten NATO sein werden.

Durch die Zustimmung zu den Kostengutachten der NATO haben wir Schätzungen und Prognosen in Verpflichtungen umgewandelt, denen jeder von uns jetzt nachkommen muß. Ferner haben wir bekräftigt, was unsere Staats- und Regierungschefs in Madrid erklärt haben: Die Kosten einer erweiterten NATO sind real, denn jede echte Sicherheit hat ihren Preis. Großenteils aufgrund der von unseren zukünftigen Verbündeten getroffenen Vorbereitungen werden diese Kosten zu bewältigen sein. Sie werden getragen. Und sie werden gerecht verteilt.

Unsere nächste Herausforderung wird darin bestehen, die Ratifizierung der NATO-Erweiterung durch unsere Parlamente zu gewährleisten. Wir dürfen nicht das Ergebnis dieses Prozesses vorschnell beurteilen oder als selbstverständlich hinnehmen. Präsident Clinton und ich haben intensiv mit Kongreßabgeordneten beider Parteien zusammengearbeitet und wissen, daß unsere Debatten im Kongreß und unsere öffentliche Debatte in den nächsten Wochen lebhafter werden.

Gleichzeitig dürfen wir nicht vergessen, daß auch das Votum aller sechzehn Parlamente nicht das Ende unserer Bestrebungen markiert, sondern bestenfalls ihren Beginn. Wir müssen hart daran arbeiten sicherzustellen, daß die Tschechische Republik, Ungarn und Polen umfassend und erfolgreich in unser Bündnis integriert werden.

Ferner müssen wir auch immer daran denken, daß unsere führenden Politiker zugesagt haben, die Türen der NATO immer für neue Mitglieder offen zu halten. Und sie haben diese Verpflichtung untermauert, indem sie einer Intensivierung des Dialogs der NATO mit den Nationen zustimmten, die eine Mitgliedschaft anstreben.

Im Januar sollte ein neues Stadium des Dialogs beginnen. Wir müssen beim Washingtoner Gipfel zur Überprüfung und Erwägung neuer Schritte in diesem Prozeß bereit sein, und dasselbe gilt für unsere Partner.

Das Grundprinzip der nächsten Runde der NATO-Erweiterung ist genau dasselbe wie das der ersten Runde: Die Erweiterung wird zur Abschreckung externer Bedrohungen der transatlantischen Gemeinschaft beitragen. Sie wird das Gebiet in Europa erweitern, in dem es keine Kriege gibt. Sie wird den dazu bereiten Ländern einen Anreiz zur Intensivierung ihrer Reformen und zur Zusammenarbeit mit all ihren Nachbarn geben. Sie wird unser Bündnis durch die Aufnahme fähiger neuer Mitglieder stärken, die unsere Interessen und Werte teilen. Und sie wird die politische Einheit Europas stärken und seine historischen Spaltungen noch weiter verringern.

Wir sollten die nächste Runde der NATO-Erweiterung genauso angehen wie die erste. Ferner sollten wir vermeiden, gegenüber bestimmten Ländern bestimmte Verpflichtungen einzugehen; es besteht kein Grund, Erwartungen zu wecken, indem wir parteiisch sind oder davon auszugehen, daß unsere Parlamente immer allem zustimmen. Ebenso wie in der Vergangenheit müssen wir darauf bestehen, daß die verbleibenden Beitrittskandidaten den objektiv höchsten Standards entsprechen, bevor sie zum Beitritt eingeladen werden – daß sie die höchsten Hürden für Reformen überwinden, die Bereitschaft zur Erfüllung der gesamten Pflichten der Mitgliedschaft zeigen und beweisen, daß ihre Aufnahme den strategischen Interessen der NATO dient.

Gleichzeitig sollten wir weiterhin deutlich machen, daß jede an einer Mitgliedschaft interessierte europäische Demokratie für eine Mitgliedschaft in Frage kommt, ungeachtet ihrer Geschichte oder Geografie. Und wir müssen weiterhin betonen, daß die Frage nicht lautet, ob die NATO neue Mitglieder aufnimmt, sondern nur, wann und wie das geschieht. Zu einer anderen Runde „vielleicht“ zu sagen, ist nicht viel besser, als ein Nein. Angesichts der in ganz Zentral- und Osteuropa bereits erzielten Fortschritte können wir alle zuversichtlich sein, daß die erste Runde nicht die letzte ist – und das auch sagen.

Fortschritte müssen verantwortungsvoll und überlegt gemacht werden, aber sie müssen erfolgen. Wir benötigen einen Prozeß, innerhalb dessen beitrittswilligen Kandidaten genau gesagt wird, was sie tun müssen und welche Veränderungen erforderlich sind, um ihre Mitgliedschaft zu ermöglichen. Das ist der Zweck – der ganz praktische Zweck – des intensivierten Dialogs.

Natürlich ist die NATO bei weitem nicht das einzige Instrument, das wir für den Aufbau eines geeinten, freien und friedlichen Europas benötigen. Angesichts der Erweiterung der Europäischen Union, der wachsenden Bedeutung der OSZE und unserer gemeinsamen Bestrebungen zur Förderung der Integration in Nord- und Südosteuropa werden auf dem Gebiet des gesamten Baltikums, der Ägäis und des Atlantiks alte Hindernisse für Zusammenarbeit und Handel abgeschafft.

Wir dürfen auch nicht vergessen, daß die gefährlichste Bedrohung unserer Vision in den europäischen Nationen lauert, die sich der Integrationsbewegung noch widersetzen – Nationen, in denen demokratische Prinzipien noch attackiert werden, beispielsweise Belarus und Serbien, und in denen noch Konflikte schwelen, einschließlich Bosniens.

Dies war für den Friedensprozeß in Bosnien ein ermutigendes Jahr, großenteils weil unsere Truppen ihre Arbeit mit gewohnter Kompetenz und Energie erledigen.

Ganz im Gegensatz zu den von manchen befürchteten endlosen Schwierigkeiten waren wir zur Verringerung der Truppenpräsenz in der Lage, während der Friedensprozeß Fuß faßte. Meines Erachtens bildet sich unter den Bosniern allmählich ein Konsens – wenn nicht über einen Zustand von Harmonie und Verständnis, der ideal wäre, so doch über einen Zustand der Sicherheit und Normalität, den jede zerstörte Gesellschaft zunächst einmal anstreben muß.

Vergangenen Monat hielten die bosnischen Serben Parlamentswahlen ab, bei denen die Wähler Wahlmöglichkeiten und die Unabhängigen eine Stimme hatten. Und die Partei an der Macht verlor fast die Hälfte ihrer Sitze. Bei den Kommunalwahlen im Oktober stimmten nahezu 150.000 Bosnier über ethnische Grenzen hinweg ab und machten deutich, daß sie nicht durch permanente Trennlinien von ihrer Heimat getrennt werden möchten.

Die paramilitärische Polizei wurde der Kontrolle der SFOR unterstellt. Wir haben dafür gesorgt, daß aufhetzende Rundfunk- und Fernsehsendungen eingestellt werden und die Reichweite der unabhängigen Medien vergrößert wird. In den Gebieten, die das Daytoner Abkommen umsetzen, beschleunigt sich die wirtschaftliche Erholung. Flüchtlinge kehren in verschiedene Gemeinden zurück, auch wenn dieser Prozeß quälend langsam verläuft.

Zusätzlich haben sich 20 mutmaßliche Kriegsverbrecher dem Kriegsverbrechertribunal gestellt – 12 seit unserem letzten Ministertreffen. Das hat den Mitteln des Tribunals eine willkommene Belastung auferlegt – und ich freue mich bekanntgeben zu können, daß wir wie versprochen dem Tribunal die jetzt benötigten Mittel zur Verfügung stellen werden, damit die Gerichtsverfahren zügig stattfinden können. Die Vereinigten Staaten werden einen Beitrag in Höhe von einer Million Dollar leisten. Damit sowie mit einer großzügigen Spende der niederländischen Regierung wird für das Tribunal bis Anfang kommenden Frühjahrs ein neuer Gerichtssaal gebaut.

Trotz der Leistungen der letzten beiden Jahre bleibt noch viel zu tun, bevor wir zuversichtlich sein können, daß der Frieden in Bosnien sich selbst erhalten wird.

Dabei waren wir uns folgender Tatsache bewußt: So hart es auch ist, in einem Land, das einen Bürgerkrieg überlebt hat, eine multiethnische Gesellschaft wiederherzustellen – die Alternative würde noch größere Gefahren und Kosten beinhalten.

In der Vergangenheit kannte Bosnien Frieden in Einheit. Es hat Krieg mit Uneinigkeit erlebt. Was es nie erlebt hat, ist Frieden in Uneinigkeit. Der Versuch, Dayton durch eine Teilung Bosniens zu ersetzen, würde unsere Last keinesfalls erleichtern, denn solch ein historisch unnatürlicher Staat könnte nur von oben oktroyiert werden. Es müßten Grenzen neu gezogen und von unseren Truppen patrouilliert werden, die niedergelassene Bevölkerung würde entwurzelt und Flüchtlinge müßten erneut aus ihren wiedergewonnenen Häusern vertrieben werden.

Eine Teilung Bosniens ist nicht nur falsch, sie ist auch unrealistisch. Aus diesem Grund ziehen wir die Wahl zwischen Risiken und Pflichten vor, die wir und die Parteien in Dayton befürwortet haben, denn diese Wahl hat mehrere Ziele, die lohnend und erreichbar sind.

Seit Dayton unterstützen die Vereinigten Staaten eine effektive NATO-Mission in Bosnien. Wir tun das aus dem Grund, weil es nicht den amerikanischen Interessen dient, wenn im Herzen von Europa Aggression ungehemmt, Haß ungezügelt und Völkermord unbemerkt und ungestraft bleibt. Es hätte auch nicht unseren Interessen gedient, wenn die NATO ein Bündnis geworden wäre, das sich hypothetischen zukünftigen Herausforderungen mutig stellt, gleichzeitig aber vor den realen Herausforderungen der Gegenwart davonläuft. Die Anpassung und Erweiterung der NATO wären sinnlose theoretische Übungen, wenn wir das Bündnis nicht an die Arbeit gesetzt hätten, als seine Interessen und Werte bedroht waren.

Jetzt lautet die Frage, ob in Bosnien nach dem Abschluß der SFOR-Mission militärische Präsenz benötigt wird, und falls ja, welcher Art sie sein sollte. Weder die NATO noch die Vereinigten Staaten haben endgültige Entscheidungen getroffen. Das Bündnis prüft jetzt aber verschiedene Optionen, falls wir uns entschließen sollten, über den Juni 1998 hinaus zu bleiben.

In den kommenden Monaten wird Präsident Clinton weiterhin triftige Gründe dafür vorlegen, daß unser Engagement in Bosnien den amerikanischen Interessen dient. Der US-Kongreß wird entsprechende Fragen über die Natur unseres Engagements und die Rolle unserer Verbündeten stellen.

Ich habe kein Problem damit, den Beitrag der Europäer zu Bosnien zu loben. Unsere Verbündeten hatten schon lange vor den Vereinigten Staaten Truppen vor Ort, und seit Dayton gehen wir dieselben Risiken ein. Es gibt jedoch eine Frage, die ich nicht beantworten kann, und die lautet, warum die Vereinigten Staaten 90 Prozent des Geldes für die Ausbildung und Ausrüstung der bosnischen Polizei bereitgestellt haben, wenn Recht und Ordnung für jede vernünftige Strategie zur Beilegung des Konflikts so entscheidend sind.

Eine unserer wichtigsten Herausforderungen besteht in der Aufstellung einer zivilen Polizei in Bosnien, die professionell und effektiv ist und das Vertrauen aller Volksgruppen besitzt. Solange die Bosnier bei ihrer öffentlichen Sicherheit von anderen abhängig sind, können wir Bosnien nicht ohne die Sorge verlassen, daß die öffentliche Sicherheit zerstört wird. Und ohne öffentliche Sicherheit gibt es keinen einfachen Weg zur Erreichung entscheidender Ziele, beispielsweise der Rückkehr der Flüchtlinge aus Westeuropa.

Wir müssen der IPTF die Mittel und das qualifizierte Personal geben, das sie benötigt, um die Polizei vor Ort auf einen europäischen Standard zu bringen. Die IPTF muß bereit sein, ihr Mandat entschlossen zu erfüllen. Wir müssen akzeptieren, daß ihre Arbeit bestenfalls Zeit braucht.

Wenn wir die Möglichkeiten zur Unterstützung der IPTF prüfen, können wir uns auch die in vielen Ländern vorhandenen Fähigkeiten in Form von Gendarmen und Karabiniers ansehen. Solche Kräfte könnten die Flexibilität der SFOR erhöhen und die Implementierung des Daytoner Abkommens sowie den Schutz der Truppe verbessern.

Die Vereinigten Staaten werden weiterhin das Ihre tun. Aber in so wichtigen Bereichen wie diesen müssen auch andere Bündnismitglieder weitaus mehr unternehmen. Das wird das Vertrauen unseres Kongresses stärken, daß Europa und die Vereinigten Staaten sich fair und effektiv die Last der Erhaltung des Friedens in Bosnien teilen.

Es ist auch aus anderen Gründen wichtig, daß wir unserer gemeinsamen Verantwortung in Bosnien nachkommen.

Wir werden in Europa vielleicht nicht erneut mit einer Herausforderung wie Bosnien konfrontiert. Tatsächlich macht unsere Integrationsstrategie das weniger wahrscheinlich. Aber die Vereinigten Staaten und Europa werden sich zweifelsohne außerhalb der europäischen Grenzen Herausforderungen stellen müssen. Unsere Nationen haben gemeinsame globale Interessen, die von uns fordern, daß wir mit demselben Ausmaß an Solidarität zusammenarbeiten, das wir auf diesem Kontinent seit langem bewahrt haben.

Meines Erachtens haben wir gegenseitige Verpflichtungen als Verbündete und Freunde, für deren Erfüllung wir uns härter einsetzen müssen.

In diese Kategorie fällt meines Erachtens die Verpflichtung der Vereinigten Staaten, ihre Außenstände bei internationalen Organisationen wie den Vereinten Nationen zu begleichen – nicht zuletzt, weil wir unseren engsten Verbündeten eine noch größere Last auferlegen, wenn wir nicht zahlen. Ich kann nur sagen, daß ich im kommenden Jahr keine höhere Priorität habe als die Lösung dieses Problems, wobei ich zur Überarbeitung des Beitragsschlüssels der UNO mit Ihnen sowie mit unserem Kongreß zusammenarbeiten werde.

Unsere größte Verpflichtung besteht jedoch darin zusammenzuhalten, wenn unsere wichtigsten Sicherheitsinteressen bedroht sind. Das taten wir 40 Jahre lang an der Fulda Gap. Das tun wir jetzt in Bosnien. Das taten wir im Golfkrieg, obwohl die NATO dort offiziell nicht führend war, und das tun wir auch jetzt noch in der Golfregion.

Während des Kalten Krieges waren wir durch unser herausragendes Interesse an der Eindämmung der Sowjetunion geeint, und wir ließen nicht zu, daß andere Überlegungen dieses schmälerten.

Viele Menschen sind der Ansicht, daß wir nicht länger eine solche einigende Bedrohung haben. Ich bin der Meinung, daß das doch der Fall ist, und die NATO erkannte das schon vorher: Wir müssen die Verbreitung von atomaren, chemischen und biologischen Waffen stoppen. Wir müssen die explosive Mischung aus Technologie und Terror beseitigen – die Möglichkeit, so unwahrscheinlich sie auch erscheinen mag, daß Massenvernichtungswaffen in die Hände von Menschen fallen, die keine Skrupel haben, sie einzusetzen.

Diese Bedrohung kommt großenteils aus dem Nahen Osten und Eurasien, weshalb Europa besonders gefährdet ist. Es handelt sich um das wichtigste Sicherheitsanliegen unserer Zeit, das nicht gegen konkurrierende politische oder ökonomische Überlegungen abgewogen werden kann.

Wir müssen gemeinsam mehr darüber nachdenken, wie wir im Rahmen und außerhalb des Bündnisses mit dieser Bedrohung umgehen können. Eine größere NATO befaßt sich nicht automatisch damit. Wir sollten diese Überlegungen berücksichtigen, wenn wir das strategische Konzept des Bündnisses den aktuellen Gegebenheiten anpassen.

Ein Teil unserer übergeordneten Herausforderung besteht darin, möglichst hohe Standards gegen die Weiterverbreitung zu setzen um sicherzustellen, daß die Regeln des internationalen Systems von dessen Freunden aufgestellt werden, nicht von seinen Feinden. Mit der unbefristeten Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags, der Inkraftsetzung der Chemiewaffenkonvention und der Unterzeichnung des Vertrags über ein umfassendes Atomtestverbot (CTB-Vertrag) durch mehr als 145 Staaten haben wir einen guten Anfang gemacht. Jetzt besteht ein entscheidender nächster Schritt darin, dem Vertrag über biologische Waffen Biß zu geben, indem wir ein bindendes Protokoll zu seiner Umsetzung verabschieden.

Tatsächlich besteht unsere größte Herausforderung in der Befolgung der von uns aufgestellten Regeln, und das ist eine Frage des politischen Willens.

Im Fall des Irak haben unsere Nationen harte Sanktionen, Inspektionen und ein Überwachungsregime unterstützt, um Saddam Hussein davon abzuhalten, jemals wieder Massenvernichtungswaffen zu besitzen oder einzusetzen. Wie die jüngste Mission von Botschafter Butler zeigte, haben wir noch nicht die erforderlichen Zusicherungen bekommen, bedingungslosen und ungehinderten Zugang zu allen Einrichtungen im Irak zu erhalten, was weiterhin unser übergeordnetes Ziel ist.

Bei anderen Problemen sind wir nicht immer einer Ansicht, insbesondere im Hinblick auf die Schaffung eines angemessenen Gleichgewichts zwischen Sanktionen und Diplomatie.

Ich weiß, daß manche Europäer das Gefühl haben, die Vereinigten Staaten würden allzu schnell unilateral handeln und allzu schnell Sanktionen verhängen. Entsprechend haben manche Amerikaner das Gefühl, die Vereinigten Staaten würden allzu oft bei schwierigen Fragen den Kopf hinzuhalten, während andere die Wirtschaftsverträge erhalten – daß unsere Bereitschaft, Verantwortung für Frieden und Sicherheit zu übernehmen, es anderen erleichtert, sich vor ihrer Verantwortung zu drücken.

Diese Ansichten sind wichtig. Ich bin jedoch der Meinung, daß wir darüber hinausblicken und den Wunsch der Vereinigten Staaten erkennen müssen, möglichst in Abstimmung mit unseren Verbündeten zu handeln, und daß wir auch dem Beitrag Europas zu globalem Frieden, Sicherheit und Entwicklung Rechnung tragen müssen.

Wir dürfen nie vergessen, daß wir einander brauchen, daß wir gegenseitige Verpflichtungen und grundlegend gleiche Interessen haben.

Bosnien hat uns daran erinnert, daß es keine größere Bedrohung Europas gibt, die nicht auch eine Bedrohung für Amerika darstellt. Und ebenso gibt es keine Bedrohung Amerikas, die nicht auch eine Bedrohung für Europa ist. Wir sind alle Mitglieder eines Bündnisses, das die Sicherheit der Menschen in Paris, Oslo und Rom zu einem Interesse und Verantwortungsbereich der Vereinigten Staaten macht, ebenso wie es die Sicherheit der Einwohner von New York und Los Angeles zu einem europäischen Anliegen und Verantwortungsbereich macht.

Wenn die Welt eine von Prinzipien geleitete, zielgerichtete Führung zur Bekämpfung von Aggression, Weiterverbreitung und Terror benötigt, müssen die hier vertretenen Nationen andere Anliegen beiseite lassen und die Führung übernehmen, denn nur wenige andere können und werden das tun. Jeder von uns muß so handeln, als ob die Sicherheit der Welt von unseren individuellen Aktionen abhinge, denn sehr oft ist das der Fall. Vor einiger Zeit hatte ich eine Anhörung im US-Senat über die NATO-Erweiterung. Ich beendete meine Ausführungen damit, daß ich sagte, wenn wir im gesamten Spektrum menschlicher Aktivitäten etwas erreichen wollen – vom Familienleben über die Nachbarschaft bis zur nationalen und Weltpolitik – schließen wir uns zuerst einmal mit denen zusammen, deren Werte und Ansichten wir teilen.

In einer Welt, in der das Negative uns oft das Positive vergessen läßt, kann es sich niemand von uns leisten, seine Freunde zu vergessen oder diejenigen als selbstverständlich hinzunehmen, auf die wir uns verlassen können.

Aus diesem Grund pflegen die Vereinigten Staaten ihre Beziehungen zu Europa, und aus diesem Grund glauben wir an dieses Bündnis. Ich habe als Außenministerin keinen größeren Wunsch als die Vertiefung und Ausweitung unserer Partnerschaft – einer Partnerschaft, in der wir immer in der Lage sein müssen, auf Sie zu zählen, und in der Sie – hier auf diesem Kontinent und weltweit – immer auf uns zählen können.