American Football: eine herbstliche Tradition an amerikanischen Schulen

Die Kapitäne des Footballteams der Decatur High School in Texas betreten das Spielfeld und warten auf den Münzwurf, der darüber entscheidet, welches Team den Ball zuerst erhält. (Foto: Tim Richardson)

Im Herbst beginnt an den Schulen überall in den Vereinigten Staaten wieder die American-Football-Saison. Tim Neville beschreibt eindrücklich, welchen Einfluss der Sport auf das Leben der Jugendlichen hat. Sein Artikel erschien am 13. Oktober 2017 auf ShareAmerica, einer Website des US-Außenministeriums.

Es ist Freitagabend in den Vereinigten Staaten von Amerika, und im ganzen Land beginnt ein Herbstritual. Die Cheerleader legen ihre Pompons zurecht, die Mitglieder der Band wärmen ihre Instrumente auf, und in den Kabinen ziehen Teenager Kleidung mit Protektoren und spezielle Football-Schuhe an und bereiten sich auf den Einlauf in gut besuchte und hell erleuchtete Stadien vor. Es ist Football-Saison an den Sekundarschulen – oder Highschools – und für viele Amerikanerinnen und Amerikaner ist das die beste Jahreszeit.

Bei Football – nicht zu verwechseln mit dem neunzigminütigen Fußballspiel, bei dem nur die Füße zum Einsatz kommen und das die Amerikaner soccer nennen, – ist das ganze Drumherum mindestens genauso wichtig wie das Spiel selbst. Für die Spieler geht es darum, als Team hart zu arbeiten, um etwas zu erreichen, das man als allein nie erreichen könnte. Die Trainer betrachten den Sport als Metapher für das Leben – man lernt, Hindernisse zu überwinden. Die Fans lieben das Gemeinschaftsgefühl, das durch den Sport entsteht, mit Cheerleadern, Tanzgruppen und Bands, die alle für Begeisterung sorgen.

Decatur High School (Texas)

Football-Spieler laufen unter einem großen Teambanner hindurch auf das Spielfeld. (Foto: Tim Richardson)
Die Spieler der Football-Mannschaft der Decatur High School treten gegen ihre Rivalen von der Alvarado High School an. (Foto: Tim Richardson)

„Wir alle wollen gewinnen, und wir alle lieben das Spiel“, sagt Mike Fuller, Cheftrainer des Highschoolteams in Decatur (Texas), einer Kleinstadt mit 6.600 Einwohnern. „Aber eigentlich bin ich deshalb Trainer, weil ich den jungen Männern helfen möchte, das Beste aus sich herauszuholen, nicht nur auf dem Spielfeld, sondern im Laufe ihres Lebens auch als Ehemänner, Väter, Vorgesetzte und Arbeitnehmer – wo auch immer das Leben sie hinführt.“

Fuller ist bereits seit 25 Jahren Trainer, vier davon in Decatur. Mehr als 90 Stunden pro Woche gibt er sein Bestes für die Sportler. Es ist eine große Herausforderung, an manchen Tagen klingelt der Wecker bereits um 4 Uhr früh, und an manchen Tagen kommt er erst um halb zwei Uhr morgens nach Hause. Er analysiert Aufzeichnungen von Spielen der Teams, auf die seine Mannschaft treffen wird, um eine erfolgreiche Strategie zu entwickeln, geht mit den anderen 16 ihm unterstellten Trainern die Ausrüstungslisten durch und stellt sicher, dass seine Spieler die Schule nicht vernachlässigen.

Links: Football-Spieler im Klammergriff. Rechts: Der Trainer spricht mit dem Team. (Foto: Tim Richardson)
Links: Der Verteidiger von Decatur greift den Runningback von Midlothian Heritage an. Rechts: Trainer Fuller spricht nach dem Sieg mit seinem Team. (Foto: Tim Richardson)

„Die Schule steht an erster Stelle“, sagt Fuller, „aber die meisten Spieler haben während der Football-Saison ohnehin bessere Noten, weil sie sich intensiv auf alles konzentrieren müssen.“ Neben Konditionstraining und Übungseinheiten versucht Fuller seinen Spielern die Qualitäten guter Teamspieler zu vermitteln. „Es geht um viel mehr als Sieg oder Niederlage – [es] geht darum, dass die Spieler zusammenarbeiten“, sagt er.

Pewaukee High School (Wisconsin)

Football-Teams im Spiel, ein Spieler im Sprung während der Ball über ihn hinwegfliegt. (Foto: Don Gorzek/Lifetouch)
Der Spieler mit der Rückennummer 12 von der Pewaukee High, Seth Bickett, versucht zu verhindern, dass der Gegner den Ball fängt. (Foto: Don Gorzek/Lifetouch)

Seth Bicketts Leben dreht sich fast ausschließlich um Football. Der 1,80 Meter große und 107 Kilogramm schwere Schüler im letzten Highschool-Jahr spielt bereits seit der Grundschule Football und ist jetzt Abwehrspieler an der Pewaukee High. Er versucht, die Linie der gegnerischen Mannschaft zu durchbrechen und den gegnerischen Spieler anzugreifen, der im Ballbesitz und möglicherweise der Spielgestalter – der „Quarterback“ – ist.

Sobald die Saison zu Ende geht, stemmt Seth Gewichte in der Turnhalle, um Kraft für die kommende Saison aufzubauen. Während des Schuljahrs steht er um fünf Uhr morgens auf und beginnt mit seiner ersten Trainingseinheit. Wenn der Unterricht um 15 Uhr zu Ende ist, ist er wieder draußen und trainiert bis um 18.30 Uhr mit dem Team. Dabei dokumentiert er, was er isst, um sicherzustellen, dass er möglichst gut in Form ist.

Von Seth wird erwartet, dass er gute Noten bekommt und keine Aufgaben vergisst. „Man muss wirklich lernen, seine Zeit einzuteilen“, sagt er.

Malcolm High School (Nebraska)

Links: Cheerleader bei einer Choreographie. (Foto: Ted Kirk/Lincoln Journal Star) Rechts: Angriff auf den Spieler in Ballbesitz. (Foto: Heidi Hoffmann/Lincoln Journal Star)
Links: Cheerleader der Malcolm High tanzen während eines Spiels. (Foto: Ted Kirk/Lincoln Journal Star). Rechts: Spieler der Malcolm High greifen einen Gegner der East Butler an. (Foto: Heidi Hoffmann/Lincoln Journal Star)

 

Football mit seinen sehr intensiven Phasen, auf die längere Pausen zur Vorbereitung der Teams auf den nächsten Spielzug folgen, scheint im Vergleich zu Fußball manchmal ein langsames Spiel zu sein. Es gibt jedoch kaum einen Zweifel daran, dass ein lautes Publikum die Dynamik des Spiels aufrechterhalten und damit auch die Spieler unterstützen kann.

Dann haben die Cheerleader ihren Auftritt. „Ich liebe es“, sagt Samantha Fortik, die seit vier Jahren Mitglied der Cheerleader der Malcolm High ist. Malcolm ist eine Kleinstadt in Nebraska mit nur 400 Einwohnern, und die Football-Spiele sind eine toller Zeitvertreib am Freitagabend, sagt sie.

Das Team der Cheerleader hat rund 40 Anfeuerungsrufe im Repertoire, von denen die meisten von Generation zu Generation weitergegeben werden. Als Kapitänin kündigt Samantha die Anfeuerungsrufe an, damit das ganze Team weiß, was zu tun ist. Kurze Anfeuerungsrufe dauern manchmal nur wenige Sekunden – „Hey, Big Blue! Wir zählen auf Dich!“ – während andere 30 Sekunden dauern können.

„Cheerleading hat mir mehr Selbstvertrauen gegeben“, sagt Samantha. „Meine Mutter sagt, ich erscheine größer, obwohl ich gar nicht gewachsen bin.“

Massillon Washington High School (Ohio)

: Eine Menschenmenge umringt zwei Schulbusse; Menschen lehnen sich aus dem Fenster. (Foto: Jenna Watson/Tiger Legacy/Daylight Books)
Heimkehr der Sieger: Umringt von Anhängern hält ein Spieler von Massillon den Pokal hoch. (Foto: Jenna Watson/Tiger Legacy/Daylight Books)

Eine Gemeinde, die Football an der High School richtig ernst nimmt, ist Massillon in Ohio. Die Stadt hat 32.000 Einwohner, von denen schon einmal 10.000 zu einem Spiel kommen. Das Krankenhaus der Stadt schenkt neugeborenen Jungen einen Football zur Geburt.

„Football bringt die Stadt zusammen“, sagt Kathy Catazaro-Perry, Bürgermeisterin der ehemaligen Stahlstadt, in der heute Kartoffelchips, Tiefkühlmahlzeiten und Speck für die Fast-Food-Kette Wendy’s produziert werden. „Es geht um die Tradition.“

Zwei Männer fallen sich auf dem Football-Feld vor Freude in die Arme (Foto: Gary Harwood/Tiger Legacy/Daylight Books)
: Fans umarmen sich nach einem Sieg. (Foto: Gary Harwood/Tiger Legacy/Daylight Books)

 

Catazaro-Perry verpasst kein einziges Spiel. Sie hat mit dem Bürgermeister einer rivalisierenden Stadt schon Wetten abgeschlossen. „Wenn wir gewinnen, muss der Bürgermeister [der anderen Stadt] in einem Massillon-Trikot zur Stadtverordnetenversammlung gehen. Und wenn die anderen gewinnen, muss ich deren Trikot zu einer unserer Versammlungen anziehen“, erklärt sie. „Wir haben viel Spaß.“

Football-Spieler laufen durch künstlichen Nebel. (Foto: Caitlin Bourque/Tiger Legacy/Daylight Books)
Massillon-Spieler laufen durch künstlichen Nebel aufs Feld, wo sie gegen ihre größten Rivalen antreten, die Canton McKinley Bulldogs. (Foto: Caitlin Bourque/Tiger Legacy/Daylight Books)

Originaltext: Football: A fall tradition in schools across America