Ansprache zum 4. Juli 2008

BERLIN – (AD) – Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Präsident George H.W. Bush zur feierlichen Eröffnung der neuen US-Botschaft am Pariser Platz vom 4. Juli 2008.

Ich danke Ihnen für die herzliche Begrüßung, und ich danke meinem lieben Freund Botschafter Tim Timken für die freundliche Einführung.

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,
sehr geehrte derzeitige und ehemalige Vertreter der Bundesregierung,
sehr geehrter Regierender Bürgermeister von Berlin,
verehrte Gäste aus Washington,
Exzellenzen,
Veteranen der Luftbrücke,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

als stolzer Ehrenbürger Berlins, fühle ich mich nicht nur geehrt, sondern auch berührt, heute aus diesem besonderen Anlass hier zu sein.

Heute fügen wir eines der letzten Teile eines historischen Puzzles in seinen Platz ein, und die Wirklichkeit, die damit zutage tritt – eine neue Amerikanische Botschaft in der Hauptstadt eines vereinten Deutschlands im Herzen eines Europas, das wirklich geeint, frei und in Frieden lebt – ist, in der Tat, die Verwirklichung eines großartigen und noblen Traums.

Fast siebzig Jahre sind vergangen, seit amerikanische Diplomaten auf diesem besonderen Stück Land tätig waren, und jetzt sind Sie zurückgekehrt, um Seite an Seite mit unseren deutschen Freunden für das gemeinsame Anliegen der Menschheit zu arbeiten.

Meinen amerikanischen Mitbürgern möchte ich ganz einfach sagen: „Willkommen zu Hause.“ Viel hat sich verändert, seit die amerikanische Flagge, die Stars and Stripes, zuletzt hier wehte.

Zunächst war da der Beginn des Zweiten Weltkriegs und der Schrecken, die er auf dem ganzen Kontinent und darüber hinaus verbreitete. Danach kam der Kalte Krieg, der die Deutschen auf zwei schmerzlich unterschiedliche Weg führte.

Es folgte eine Zeit der Bewährungsproben – ein Test der Willensstärke zweier unterschiedlicher Ideologien, die unser Bekenntnis zu Freiheit und dem Bündnis freier Menschen, das sie erhielt, auf die Probe stellte, aber letztlich bestätigte.

Dann kam der Herbst 1989 mit einer hoffnungsvollen Revolution. Deutsche, Polen, Tschechen, Ungarn – alle nahmen ihr Schicksal selbst in die Hand, und gemeinsam veränderten sie den Verlauf der Geschichte.

Während der langen, bitteren Nacht des Kalten Kriegs, während andere schwankten, haben Sie, das deutsche Volk, die Funken des Vertrauens am Leben gehalten – des Vertrauens in Ihr Land und zueinander. Sie haben nie Verrat geübt an der ewigen, unverrückbaren Wahrheit, dass sie ein Volk sind – in Sprache, Erbe und Schicksal.

Das Gefühl für das Mögliche, das die unwahrscheinlichen Ereignisse von 1989 und 1990 auslöste, brachte das Eis des Kalten Kriegs zum Tauen, und auch der Orte, des Fortschritts und der Einstellungen, die dieser notwendige Kampf im Prinzip zum Erstarren gebracht hatte.

In einem beliebten Lied dieser Zeit hieß es, dass wir tatsächlich „der Welt dabei zuschauen, wie sie von der Geschichte erwacht.“ Und mit dem ersten Licht des neuen Zeitalters, so soll es die Geschichte festhalten, haben Deutschland und die Vereinigten Staaten gemeinsam entschiedene Maßnahmen ergriffen, um ein historisches Unrecht zu berichtigen und einer zerrissenen Nation beim Heilen zu helfen.

Ich möchte hervorheben, dass von den vielen dramatischen Entwicklungen, die ich während meiner Präsidentschaft erlebte, die Wiedervereinigung Deutschlands die wichtigste von allen war. Sie beendete nicht nur die Teilung Deutschlands, sondern auch Europas – und ermöglichte die Zeit relativen Friedens und Wohlstands, die wir seitdem erleben.

Ich bin natürlich nur einer in einer Reihe amerikanischer Präsidenten und anderer wichtiger Bündnispartner, die sorgfältig Wache über dieses Anliegen, Ihr Anliegen gehalten haben. Auf der anderen Seite des Atlantiks denke ich da insbesondere an meine Freunde Ronald Reagan und Brian Mulroney sowie an herausragende Kollegen wie Brent Scowcroft und Jim Baker.

Es wäre sehr nachlässig von mir, wenn ich auf dieser Seite des Atlantiks nicht meinen geschätzten Freund Helmut Kohl erwähnen würde, ebenso wie unseren einstigen Gegner und jetzigen Partner in diesem historischen Unterfangen, Michail Gorbatschow. Die Geschichte wird an diese beiden richtungsweisenden Persönlichkeiten als Männer von seltener visionärer Kraft und einzigartigen Mutes erinnern.

Seit der Wiedervereinigung hat Deutschland als eine der wichtigsten Triebkräfte des globalen Wirtschaftswachstums weiter den Weg nach vorne gewiesen.

Deutschland ist aus der Asche des Hasses und der Intoleranz auferstanden und zu einem Vorbild einer offenen, dynamischen Gesellschaft geworden, die sich für die Freiheiten und Werte engagiert, die zivilisierte Menschen auf der ganzen Welt einen.

Während die Welt sich bemüht, mit dem unerbittlichen Tempo und Ausmaß des globalen Wandels Schritt zu halten, ist vielleicht jedoch am Wichtigsten, dass Deutschland eine bedeutende Führungsrolle in der EU, der NATO und anderen großen multilateralen Organisationen übernimmt, die Frieden und Wohlstand im 21. Jahrhundert beeinflussen.

Vor 45 Jahren, fast auf den Tag genau, stand Präsident Kennedy nicht weit von hier und forderte die Welt auf, „nach Berlin zu kommen“ – um Zeugnis abzulegen über die gesellschaftlichen und politischen Ungerechtigkeiten dieser nun lange vergangenen Zeit. Wie weit sind wir – und unsere Welt – seit diesen ungewissen Tagen gekommen. Damit es keinen Zweifel gibt: Wir konnten so weit kommen, weil beide Länder die strategische Entscheidung getroffen haben, dass es der guten Sache am besten dienen würde, wenn wir diesen schwierigen und gefährlichen Weg gemeinsam gehen.

Vorigen November, bei einer Zeremonie zum 60. Jahrestag des Marshallplans, bemerkte Bundeskanzlerin Merkel zu Recht, dass „die freundschaftlichen Verbindungen zwischen Europa und den Vereinigten Staaten einzigartig und alternativlos sind. Gemeinsam als Partner sind wir stark. Dazu haben wir so viel Gutes erlebt. Wir haben gemeinsam die Freiheit zur Verantwortung und die Verantwortung zur Freiheit.“

Frau Bundeskanzlerin, ich kann mir keine bedeutungsvollere Art und Weise vorstellen, dieses Jahr die Geburt der Freiheit in Amerika zu feiern, als hier zu sein und mit ihnen die symbolische Wiedergeburt unserer diplomatischen Verbindungen zu würdigen, die mittlerweile 211 Jahre zurückreichen. Wie viele andere bin ich überzeugt, dass die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland heute stärker sind als je zuvor – und die starke Partnerschaft von Bundeskanzlerin Merkel mit dem 43. Präsidenten der Vereinigten Staaten ist der Hauptgrund, warum wir das sagen können.

Vielleicht hatten die Piloten der Berliner Luftbrücke auch einen besonderen Spruch, aber wenn ich hier heute stehe, erinnert mich dass an etwas, was wir als Marinepiloten immer sagten: freie und unbegrenzte Sicht. CAVU – ceiling and visibility unlimited. Das wollte man hören, wenn man auf das Flugdeck kam und sich darauf vorbereitete, einen Einsatz zu fliegen.

Freie und unbegrenzte Sicht.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, meine lieben amerikanischen Mitbürger und unsere deutschen Gastgeber. Wenn ich an die starke und dauerhafte Freundschaft denke, die unsere beiden Nationen verbindet, wenn ich auf unsere gemeinsame Zukunft blicke und das grenzenlose Versprechen, dass sie birgt, freue ich mich berichten zu können, dass tatsächlich freie und unbegrenzte Sicht herrscht.

Möge der allmächtige Gott das freie und wiedervereinte Deutschland, seinen standhaften Bündnispartner, die Vereinigten Staaten, und unsere gemeinsame Arbeit für Frieden und Freiheit überall segnen. Vielen Dank.