Rede von George Bush sr. am Tag der Deutschen Einheit 1997

BERLIN – (AD) – Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der frühere Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, George H.W. Bush, am 3. Oktober 1997 bei einer Veranstaltung der Organisationen „Wir für Deutschland“ und „Aktion Gemeinsinn“ in Berlin hielt.

Ich danke Ihnen. Herr Bundeskanzler, herzlichen Dank für Ihre bewegenden Worte. Ich freue mich außerordentlich, hier zu sein, und zwar aus mehreren Gründen. Ich kenne keine Stadt in den Vereinigten Staaten, in der 12 Cellisten gleichzeitig ein und dieselbe Melodie spielen. Das war wunderbare Musik, und ich danke den Musikern dafür. Ich wünschte, sie wären nicht so schnell wieder weg gewesen, aber sie hatten sicherlich noch einen weiteren Auftritt am Tag der Deutschen Einheit. Gestatten Sie mir, mich Bundeskanzler Kohl anzuschließen und Herrn Dr. Odewalk, Herrn Dr. Zumwinkel, Professor Schwitzer und andere zu begrüßen, denen ich für meine Einladung am heutigen Tag danken möchte. Es ist sehr schön, daß Herr DeMaziere heute gekommen ist, und ich war stolz, daß Bundeskanzler Kohl ihn herausgehoben und extra begrüßt hat.

Zunächst möchte ich sagen, daß ich es sehr bedauere, daß meine Frau Barbara nicht hier sein kann. Sie war heute morgen bei diesem wunderbaren Ereignis in Stuttgart dabei. Ich wünschte, alle Berliner hätten das sehen können. Ich kann ihnen sagen, daß es womöglich ebenso gefühlsbewegend war wie die wundervolle Parade, die hier von den Deutschen aus Anlaß des Tags der Einheit abgehalten wurde. Zumindest für mich war es ein wunderbarer Tag. Andererseits bin ich vielleicht froh, daß meine Frau nicht hier ist. Denn ich bin wohl mit einer der populärsten Frauen in den Vereinigten Staaten verheiratet, und wohin ich auch gehe, fragen mich die Menschen: „Wo ist Barbara? Warum ist sie nicht gekommen?“ Sie ist also nicht hier, und ich freue mich, hier allein vor Ihnen zu stehen und die liebenswürdigen Worte meines Freundes, Ihres Bundeskanzlers, hören zu dürfen.

Nach einem außergewöhnlichen Tag wie dem heutigen ist es schwierig, einen Anfang für meine Ausführungen zu finden, abgesehen von meinem Dank an Sie, der von Herzen kommt. Es ist schwierig, nicht von den Emotionen eines Tages wie diesem überwältigt zu werden. Und daß ich heute im historischen, geeinten Berlin bin, macht dies für mich zu einem ganz besonderen Tag. Natürlich schulde ich – ebenso wie Sie – meinem geschätzten Freund und Kollegen, Bundeskanzler Kohl, besonderen Dank. Ich habe grenzenlose Achtung vor ihm, und heute an diesem besonderen Tag bei ihm in Deutschland zu sein und dem Geist des deutschen Volkes Tribut zu zollen – dem Geschenk, als das er die deutsche Einheit bezeichnete – ist etwas, an das ich mich lange erinnern werde.

Es ist angebracht, den Abschluß dieses Tags der Einheit hier in Berlin mit zwei Organisationen zu feiern, die den Geist des modernen Deutschland verkörpern: „Wir für Deutschland“ und „Aktion Gemeinsinn“. Schließlich waren es die Menschen, deren Hunger nach Freiheit und einem besseren Leben vor einem Jahrzehnt die Ereignisse ins Rollen brachte, die letzten Endes den Lauf der Geschichte veränderten und den Weg zur Vereinigung Deutschlands ebneten. Es war nicht schwer für mich, Bundeskanzler Kohl und dem deutschen Volk in der Frage der Vereinigung zur Seite zu stehen – vielleicht weil ich alt genug bin, um den Zweiten Weltkrieg erlebt zu haben, wo ich zu hassen lernte. Dann aber sah ich ein demokratisches Deutschland und verstand die Veränderungen. Und es ist viel einfacher, in einem freien, geeinten Deutschland durch dieses Tor zu fahren als früher.

Ebenso wie Ihr Geist im Kalten Krieg den Sieg davontrug, ist es heute Ihr Geist, der Deutschland vorantreibt. Dieser Geist manifestiert sich, wie wir vor kurzem sahen, auf vielerlei Weise und in vielen verschiedenen Menschen. Der Bundeskanzler erinnerte an das Hochwasser an der Oder, das Zehntausende Deutsche betraf. Es war eine schwierige Zeit für Deutschland, als der Schaden eskalierte. Die Menschen verloren ihre Häuser, ihr Eigentum wurde beschädigt, Unternehmen wurden ruiniert, Existenzen zerstört. Aber inmitten dieses Leidens sah ich von der anderen Seite des Atlantiks, was Sie hier sahen. Wir sahen alle, daß etwas Dramatisches geschah. Wir sahen wie Deutsche – nicht nur im Osten, sondern aus dem ganzen Land und in Polen – gemeinsam Hilfe leisteten. Und wir sahen, wie sie dem Schlimmsten der Natur mit dem Besten des menschlichen Geistes begegneten.

Herr Bundeskanzler, damals sprachen Sie vom Geist der Solidarität und der Nachbarschaftshilfe, und sie wiesen heute erneut darauf hin. Sie sprachen von den Mitarbeitern der Hilfswerke und den Freiwilligen, die die Ärmel hochkrempelten und die Deiche entlang des Flusses sicherten. Während meiner Zeit als Präsident, und sogar heute, als ich mit Ihrem Minister Neuter darüber sprach, nannte ich das eine engagierte Staatsbürgerschaft, eines von Tausend Glanzlichtern. Die vom deutschen Volk Anfang August unter Beweis gestellte Solidarität erklärt durch ihr Beispiel möglicherweise besser als meine Worte, was es bedeutet, sich zu engagieren. Bei der Bewältigung der vor uns liegenden Herausforderungen gibt es Dinge, die eine Regierung nicht sehr gut leisten kann. Manchmal kann die Regierung einfach nicht dieses besondere Einfühlungsvermögen zeigen wie ein engagierter Bürger, der in seiner Gemeinde tätig ist und einem Freund in Not hilft – sei dieser das Opfer einer Flutkatastrophe oder jemand, der nicht lesen kann. Ich sage immer gerne, es gibt in Amerika kein Problem, das nicht von engagierten Bürgern irgendwo bereits gelöst wird. Ebenso wie die beiden Organisationen – die Gastgeber des heutigen Abends – es in Deutschland tun. Stein um Stein, Dorf um Dorf bewirken Sie einen Unterschied. Sie werden Ihrer Verantwortung als freies Volk in einer freien Gesellschaft gerecht und tragen als einzelne Bürger dazu bei, dieses großartige Land in Freiheit voranzubringen.

Während wir diesen Tag der Einheit feiern, beglückwünsche ich Sie zu Ihren selbstlosen Taten und Ihrem engagierten Beitrag zur Gestaltung einer noch besseren Zukunft für Deutschland. Tatsächlich sind Organisationen wie Ihre ein weiterer Grund, warum ich optimistisch hinsichtlich der Zukunft dieses großartigen Landes bin, und warum andere das auch sind. Der 3. Oktober 1990 war nach Ansicht vieler Menschen das erste von zahlreichen Kapiteln der deutschen Erfolgsgeschichte der kommenden Jahre, Jahrzehnte und Jahrhunderte. Wenn ich das hinzufügen darf, ich hoffe, daß die äußerst wichtigen deutsch-amerikanischen Beziehungen sich weiterhin erfolgreich entwickeln, denn meines Erachtens sind sie entscheidend für das zukünftige Wohlergehen nicht nur unserer großartigen Länder, sondern auch von Europa und darüber hinaus. Besonders möchte ich die Bedeutung der jungen Menschen und ihrer wichtigen Rolle hervorheben, die sie in dieser Hinsicht in Zukunft übernehmen werden. Ich weiß, daß manche sich Sorgen über die Zukunft machen, aber schauen Sie auf den Weg, den wir bereits zurückgelegt haben und sehen Sie, wie weit wir gekommen sind. Ich meine damit die freien Nationen der Welt. Und schauen Sie auf Deutschland. Betrachten Sie den zurückgelegten Weg und wie weit Sie gekommen sind.

Wo ich gerade über junge Menschen spreche. Ich arbeite mit Freunden in Deutschland und den Vereinigten Staaten an der Förderung von mehr deutsch-amerikanischen Austauschprogrammen zwischen Akademikern. Meines Erachtens wird das Projekt „Endowment for the 21st Century“ – das von einem Mann namens Heinz Prechter, einem auf seine deutsche Herkunft stolzen Amerikaner, ins Leben gerufen wurde – zu einem besseren Verständnis zwischen unseren Völkern führen. Das sind Glanzlichter. Es ist nicht die Regierung, es sind die Menschen, die mit ihren Möglichkeiten versuchen, etwas zu bewirken.

Heute stehen wir an der Schwelle zu einem neuen Jahrhundert, einem neuen Jahrtausend, und während wir uns auf das Unbekannte vorbereiten, wissen wir eines: Die Welt von heute ist sicherer, freier und wohlhabender als je zuvor. Ein neues und hoffnungsvolles Zeitalter ist angebrochen. Aber es liegt noch viel Arbeit vor uns. Der Kalte Krieg mag vorüber sein, aber neue Herausforderungen sind entstanden, und daher ist es angebracht, daß wir diesen besonderen Tag mit einer Botschaft des Dienstes begehen. Die Art von Dienst, für den nicht nur diese beiden Organisationen am heutigen Abend beispielhaft sind, sondern die Art von Dienst, die zahllose Deutsche einer hehren und selbstlosen Sache täglich erweisen. In diesem Sinne geben Sie ein leuchtendes Beispiel dafür, daß jeder von uns jeden Tag etwas bewirken kann. Ich beglückwünsche Sie zu dem, was Sie geleistet haben. Ich beglückwünsche Sie zu dem, was Sie tun und wünsche Ihnen alles Gute und weiterhin viel Erfolg bei Ihrer wichtigen Arbeit.

Man hat mir zehn Minuten für meine Ausführungen gegeben, und ich werde sie mit einem Witz beenden, den mein Freund, der große Prediger Billy Graham, erzählt hat. „Er stand da, wo ich jetzt meine Rede halte. Und er redete 10 Minuten, er redete 20 Minuten, er sprach eine Stunde. Daraufhin zog der Vorsitzende seinen Schuh aus und warf ihn nach dem Redner. Er traf nicht ihn, sondern eine Dame, die in der ersten Reihe saß. Worauf diese sagte: Noch einmal. Ich kann ihn immer noch hören.“ Ich danke Ihnen.