Reflexionen zur deutsch-amerikanischen Partnerschaft

BERLIN – (AD) – Nachfolgend veröffentlichen wir die vom Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, John C. Kornblum, vor der American Chamber of Commerce in Germany am 9. Dezember 1997 in Berlin gehaltene Rede.

Ich freue mich sehr, an Ihrem traditionellen Weihnachtsgansessen teilnehmen zu können.

Charles Dickens hat einmal gesagt: „Zügle den Appetit, und du hast die menschliche Natur besiegt.“ Da ich mich dieser Herausforderung nur ungern stellen möchte, versuche ich, meine Ausführungen heute Abend kurz zu halten.

Die Weihnachtszeit ist eine wundervolle Jahreszeit. Es ist eine Zeit, in der wir an das Jahr zurückdenken, das gerade zu Ende geht. Es ist eine Zeit für Familien. Es ist eine Zeit, in der man dem gedrängten Terminkalender eine Atempause gönnen sollte. Und es ist eine Zeit zu planen und auf das zu blicken, was das nächste Jahr bringen könnte.

Auch die Amerikanische Botschaft in Deutschland befindet sich inmitten solcher Gedankengänge. In den vergangenen Jahren hat sich die Welt dramatisch verändert – und es steht noch mehr bevor. Die wichtigen Pläne für die Umstrukturierung der offiziellen amerikanischen Präsenz in Deutschland sind Ihnen bekannt. Die zentralen Funktionen der Botschaft werden schrittweise nach Berlin verlegt. Viele unserer wichtigen Büros sind bereits hier. Der endgültige Umzug findet mit der Ankunft der Bundesregierung im Sommer 1999 statt.

Gleichzeitig wird eine beträchtliche Zahl unserer Mitarbeiter nach Frankfurt umziehen. Sie sind für regionale und Unterstützungsfunktionen zuständig. Sie müssen nicht in Berlin sein. Effektivität, Nähe zu Transportverbindungen und Logistik sind in Frankfurt am ehesten gegeben. Wir werden auch weiterhin wichtige Büros in Hamburg, Düsseldorf, München und Leipzig haben.

Die Funktionen der Konsulate und Wirtschaftsabteilungen werden erweitert. Wir suchen neue Wege, um unsere Geschäfte in einem Zeitalter raschen Wandels zu tätigen. Insbesondere hoffen wir auf die Zusammenarbeit mit unseren Freunden in der Wirtschaft, um die neuen Chancen zu nutzen, denen Sie sich gegenübersehen.

Kontinuität und Wandel sind konstante Begleiter im diplomatischen Leben. Unser Leitprinzip muß Kontinuität sein. Nationen und Völker prosperieren bei Stabilität und werden durch Wandel häufig verwirrt. Aber Wandel kann auch befreiend sein. Unsere eigene Nation ist auf den Prinzipien von Dynamik und Wandel gewachsen.

Die nahezu revolutionären Veränderungen des vergangenen Jahrzehnts haben unserer euroatlantischen Welt mehr Freiheit und Chancen gebracht als zu jeder anderen Zeit in der Geschichte.

Unsere Arbeit heute besteht darin, die bedeutenden Leistungen der atlantischen Partnerschaft zu bewahren und gleichzeitig sicherzustellen, daß wir die Herausforderungen des Wandels bewältigen. Trotz der dramatischen politischen Unruhen der neunziger Jahre ist die vor fünfzig Jahren geschaffene Grundlage der Partnerschaft fest geblieben. Die Klugheit unserer Vorgänger wurde durch die rasche Anpassung atlantischer Institutionen an das neue Zeitalter unter Beweis gestellt. Meine letzte Amtszeit hier, im Berlin der achtziger Jahre, fand in einer anderen Welt statt. Die Alliierten Streitkräfte haben die Stadt verlassen. Sowjetische Truppen bedrohen nicht länger Ihre Freiheit. Statt dessen treffen wir Vorbereitungen, um Polen, die Tschechische Republik und Ungarn als neue Mitglieder der NATO willkommen zu heißen. Wer hätte das für möglich gehalten? Das ist die Kontinuität eines demokratischen Europas. Die NATO ist weiterhin der Beschützer der Freiheit. Aber es gibt auch Veränderungen. Zentraleuropa tritt endlich der atlantischen Gemeinschaft bei, von der es vor fünfzig Jahren so grausam ausgeschlossen wurde.

Ich weiß, daß es in Deutschland große Besorgnis über die beiden Zielsetzungen von Kontinuität und Wandel gibt. Im letzten Jahrzehnt hat es so viele Veränderungen gegeben, daß viele Menschen wohl nicht noch mehr Unsicherheit ertragen können. Gleichzeitig bewegt sich die Welt noch schneller als man erwartet hatte. Neue Begriffe wie „Globalisierung“ und „Datenautobahn“ scheinen die gewohnte Lebensweise zu unterminieren.

Europa ist nicht allein in der Sorge über die Auswirkungen des Wandels. Die Vereinigten Staaten haben eine lange Periode schmerzlicher Umgestaltung hinter sich. Unsere Volkswirtschaft und unsere Gesellschaft sind jetzt so stark und gesund wie zu jeder Zeit in unserer Geschichte. Die Arbeitslosenquote ist auf dem niedrigsten Stand seit 24 Jahren. Es werden weiter Arbeitsplätze geschaffen und Innovationen eingeführt. Vor 15 Jahren wurde die amerikanische Volkswirtschaft beinahe als Modell für andere abgeschrieben. Aber wir sind unserer eigenen Geschichte und Kultur treu geblieben. Wir sind auf amerikanische Art vorgegangen, aber wir haben nie die Bedeutung unserer Partner vergessen.

Die Geschichte gibt mir Vertrauen in Deutschlands Fähigkeit zum Wandel. Welches andere Land hat in nur wenigen Generationen eine so tiefgreifende Umgestaltung durchgemacht? Welches andere Land hätte so gut mit dem riesigen Projekt der deutschen Wiedervereinigung umgehen können? Und nicht zuletzt möchte ich den Pioniergeist und Fleiß der Deutschen bei der Verwirklichung des großen Unternehmens der europäischen Integration erwähnen – der Wirtschafts- und Währungsunion.

Ich bin der festen Überzeugung, daß Deutschland auch diese Phase der Umstrukturierung meistern wird. Die Debatten werden erhitzt sein, und es fallen Kosten an. Aber ebenso wie die Vereinigten Staaten ihrer Geschichte und ihren Traditionen gefolgt sind, um stärker und wohlhabender zu werden, wird das auch Deutschland tun.

Was diesem Prozeß zum Erfolg verhelfen wird, ist die Unterstützung der Partner. Die europäische Integration gewährleistet, daß man sich diesen schmerzlichen Problemen niemals alleine stellen muß, oder daß sie nicht zu schädlichem Wettbewerb führen, wie es in der Vergangenheit häufig der Fall war. Sie in Europa suchen jetzt Lösungen für alle großen Herausforderungen der Zukunft. Die Vereinigten Staaten sind nach wie vor ein Befürworter der europäischen Integration – sowohl der etablierten Integration der Europäischen Union als auch der unerläßlichen Integration von Zentral- und Osteuropa in die demokratische Staatengemeinschaft. Zusammen sind die NATO und die EU die entscheidende Basis für diese Bestrebungen.

Aber auch Deutschland, Europa und die Vereinigten Staaten bleiben natürliche Partner bei diesen Bestrebungen. Wir sehen uns mit gemeinsamen Herausforderungen konfrontiert. Wir haben ein gemeinsames Erbe. Und wir haben durch Zusammenarbeit bei der Bewältigung der wichtigsten Fragen unseres Zeitalters große Leistungen erzielt.

Unsere vornehmlich innenpolitischen Tagesordnungen dürfen uns nicht von dieser wichtigen transatlantischen Agenda ablenken. In der Tat ist genau das Gegenteil der Fall. Wir haben sehr viel mehr Grund, wann immer möglich zusammenzuarbeiten und voneinander zu lernen, um diese Übergänge der Welt nach dem Kalten Krieg und der Globalisierung so reibungslos wie möglich zu gestalten. Bundespräsident Herzog traf diesen Punkt genau, als er sagte: „Wir stehen vor ähnlichen Problemen und ähnlichen Herausforderungen. Also sollten wir auch den Versuch unternehmen, sie gemeinsam zu lösen.“

Die deutsch-amerikanische Partnerschaft ist eine natürliche Partnerschaft, weil unsere beiden Länder so viele gemeinsame Interessen und Ziele haben. Ein Bereich, in dem Deutschland und die Vereinigten Staaten meines Erachtens in der Zukunft etwas bewirken können, ist Zusammenarbeit bei der Stärkung von Demokratie und freiem Handel auf der ganzen Welt. Indem wir uns gegenseitig unterstützen und den Sieg der Demokratie in die Praxis umsetzen, können wir ihn für wirklich positive Zwecke nutzen – sowohl für unsere beiden Länder als auch in der Zukunft für die übrige Welt.

In vieler Hinsicht bringt die deutsch-amerikanische Führungsrolle die transatlantischen Beziehungen voran, und das ist ein gutes Muster für die Zukunft. Es ist ein mächtiger Mechanismus: Transatlantische Fortschritte kurbeln globalen Fortschritt an.

Mein Ziel als Botschafter ist, zur Definition dieser gemeinsamen Agenda beizutragen. Die Zustimmung zu gemeinsamen Zielen bedeutet nicht, daß wir immer dieselbe Meinung zu wichtigen Themen haben werden. Amerika und Deutschland werden ihre Interessen auf der Grundlage ihrer Traditionen und ihres Geschäftsgebarens verfolgen. Unsere Prioritäten festzusetzen wird uns dabei behilflich sein, die vor uns liegenden wirklichen Probleme besser zu verstehen. Durch die Definition dessen, was wir tun sollten, können wir besser verstehen, was wir zusammen tun können.

Geschäftsleute sehen sich regelmäßig mit solchen Fragen konfrontiert. Sie bieten ein Produkt oder eine Dienstleistung an. Sie haben Ziele – Verkauf, Investitionen, Produktentwicklung. Aber Sie sehen sich auch Einflüssen ausgesetzt, die manchmal nicht ihrer direkten Kontrolle unterliegen. Um auf einem unsicheren Markt Erfolg zu haben, setzen Sie Prioritäten, definieren Ziele und verfeinern die Methoden zu ihrer Erlangung.

Das müssen Nationen und Regierungen zunehmend in ihren Beziehungen untereinander tun. Vor zwei Jahren vereinbarten Präsident Clinton und seine europäischen Amtskollegen in Madrid, einen transatlantischen Markt anzustreben. Keinen formellen gemeinsamen Markt oder einen offiziellen freien Markt, sondern einen Markt von Produkten und Ideen, die frei in einer zunehmend integrierten transatlantischen Welt konkurrieren könnten. Dieses Ziel wurde beim US-EU-Gipfeltreffen vergangene Woche in Washington bekräftigt.

Amerika und Europa befassen sich zunehmend unter Marktbedingungen miteinander. Nicht nur bei Geschäften, sondern auch bei gemeinsamen politischen Projekten wie den Herausforderungen der Umwelt oder den Bedrohungen durch verbrecherische Staaten wie Iran und Irak. Wir sind nicht immer einer Meinung. Ebenso wie die Citibank oder die Deutsche Bank manchmal glauben, ihr jeweiliger Ansatz zu Bankgeschäften sei der beste, ist auch die Diskussion von Lösungen in der politischen Welt ein Ideenwettbewerb.

Der wichtige Schritt nach vorne der vergangenen Jahre ist, daß der Ideenwettbewerb jetzt auf einem freien und demokratischen Markt stattfindet. Er gründet nicht auf militärischer Konfrontation oder zusammenprallenden Ideologien. Deutschland und Amerika sind das Rückgrat dieses Ideenmarktes. Wir haben die Erfahrung, die Stärke und die Verpflichtung, ihn für jeden funktionieren zu lassen.

Ich bin stolz, daß die amerikanische Geschäftswelt weiterhin an vorderster Front dieser Bestrebungen steht. Ihr Engagement in Deutschland war seit den frühen Tagen der Nachkriegszeit eine der Grundlagen der atlantischen Partnerschaft. Ihre Bereitschaft, in den neuen Ländern zu investieren, hat zur Stärkung Deutschlands und Europas beigetragen. Und ich hoffe, Sie stellen voller Stolz fest, daß mit einer in ganz Europa etablierten Demokratie selbst unverbesserliche Diplomaten wie ich die Offenheit und Fairneß des Marktes als das Prinzip unserer Zielsetzungen annehmen.

Ich freue mich wirklich sehr, heute Abend bei Ihnen zu sein und alte Freundschaften zu erneuern und eine noch produktivere Partnerschaft mit Ihnen zu beginnen. Ich versichere Sie meines persönlichen Engagements und der Unterstützung der US-Botschaft in Deutschland bei unseren gemeinsamen Bestrebungen. Wir bauen gemeinsam eine großartige Zukunft auf, und es ist mir ein Vergnügen, Sie auf dieser Reise begleiten zu können.