Geschichte des Amerika Hauses

Von Beginn an war die Kulturarbeit des Amerika Hauses Frankfurt, einer Institution des United States Information Service, und ihre Rezeption durch das deutsche Publikum in den Kontext der besonderen historischen und aktuellen außenpolitischen Beziehungen der Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik Deutschland eingebettet. In der unmittelbaren Nachkriegszeit prägten die Folgen von Nazi-Zeit und Krieg, die militärische Besatzung und der einsetzende Kalte Krieg ein Umfeld, in dem das Amerika Haus eine bedeutende Rolle in der Frankfurter Kulturlandschaft spielte. Ein amerikanischer Leseraum, nur wenige Monate nach Kriegsende im November 1945 in der Börse eingerichtet, führte wegen des großen Publikumsinteresses am 25. März 1946 zur Eröffnung des Amerika Hauses in der Taunusanlage 11, Ecke Mainzer Landstraße. Als erstes von zeitweise 45 Amerika Häusern in westdeutschen Großstädten bot es neben der Bibliothek nun auch ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm an. Nach Umzügen in die Taunusanlage 12 im April 1948 und in die Villa in der Bockenheimer Anlage 11 im März 1954 wurde auf Beschluß des Frankfurter Magistrats das Gebäude an der Staufenstraße 1 am Rothschildpark gebaut. Im Mai 1957 wurde es als endgültiger Sitz des Amerika Hauses eingeweiht.

Die Einrichtung von Amerika Häusern war Bestandteil des Versuchs der amerikanischen Militärregierung, die deutsche Bevölkerung im Rahmen der „re-education“ nach zwölf Jahren national-sozialistischer Herrschaft mit westlichen Idealen von Demokratie und Menschenrechten und mit der Kultur, Gesellschaft und Politik der USA vertraut zu machen. Die Akzeptanz durch die Frankfurter Bürger war wie in anderen Städten aus mehreren Gründen überwältigend positiv. Zum einen standen der Öffentlichkeit in der unmittelbaren Nachkriegszeit kaum Lesemöglichkeiten zur Verfügung, da durch den Bombenhagel des Zweiten Weltkrieges die öffentlichen Bibliotheken mit ihren Bücherbeständen ebenso zerstört waren wie Buchhandlungen, Verlage, Druckereien und Büchersammlungen in Privatwohnungen. Zum anderen bestand ein starker Nachholbedarf an der von national-sozialistischer Zensur und Propaganda unterdrückten und verbotenen amerikanischen Literatur. Anfangs nur in den Amerika Haus-Bibliotheken erhältlich, erreichte amerikanische Prosa Ende der vierziger Jahre durch deutsche Übersetzungen, insbesondere Rowohlts preiswerte Rotations-Romane, ein Massenpublikum. Neben der Wiederentdeckung von Klassikern wie Herman Melville, Mark Twain und Theodore Dreiser, interessierte sich die Leserschaft vor allem für Vertreter der amerikanischen Moderne wie William Faulkner, Thomas Wolfe, Ernest Hemingway, Thornton Wilder, J. D. Salinger und John Steinbeck. Aber auch populäre Romane wie Margaret Mitchells Gone With the Wind wurden in der Bibliothek des Amerika Hauses Frankfurt zu Ausleihe-Rennern. Die Verleihung des Literatur-Nobelpreises an Faulkner, Hemingway und Steinbeck in den Jahren 1950, 1954 und 1962 erhöhten weiter die Popularität amerikanischer Literatur und deren Präsentation im Amerika Haus in Form von Büchern und Lesungen. Nachdem Thornton Wilder 1947 in Frankfurt der Friedenspreis des deutschen Buchhandels verliehen und sein Bühnenstück Unsere kleine Stadt von Fritz Remond für die Städtischen Bühnen Frankfurt mit Siegfried Lowitz in einer der Hauptrollen inszeniert worden war, stellte das Amerika Haus im September 1954 dem Frankfurter Publikum in der überfüllten Aula der Universität Thornton Wilder in persona vor. In der frühen Zeit des Amerika Hauses galten die Veranstaltungen jedoch nicht allein der amerikanischen Kultur und deren Repräsentanten, sondern auch nicht-amerikanischen Künstlern, die unter dem Nazi-Regime unterdrückt worden waren wie Franz Kafka, Paul Klee und Paul Hindemith, der persönlich Gast des Amerika Hauses war. Zu den Angeboten gehörten auch Filmvorführungen, Sprachkurse und spezielle Film-, Mal- und Theaterprogramme für Kinder. Dieses Kulturprogramm für Alle füllte in der Nachkriegszeit die großen Lücken einer weitgehend zerstörten Frankfurter Kulturlandschaft. Mit dem Wiederaufbau der kulturellen Infrastruktur übernahmen andere Institutionen, vor allem die Theater- und Konzertsäle, Museen, Kinos, Volkshochschulen und privaten Sprachen-Institute Funktionen, aus denen sich das Amerika Haus teilweise zurückziehen konnte.

Bis weit hinein in die sechziger Jahre sprach das Amerika Haus Frankfurt eine ausgesprochen Amerika-freundliche Bevölkerung an. Während sich die jüngere Generation für Rock’n Roll, Jazz, Blues und die Stars des amerikanischen Films begeisterte, fühlte sich die ältere Generation der amerikanischen Außenpolitik verbunden, die sie mit der Befreiung vom National-Sozialismus, der Berliner Luftbrücke und mit CARE-Paketen assoziierte. Ende der sechziger Jahre wurde das amerikanische Engagement im Vietnamkrieg zu einem der Kernthemen der Studentenrevolte gegen die ältere Generation und den westdeutschen Staat. In Frankfurt, einem der Hauptschauplätze der Revolte, veränderte sich das Amerika Haus in der Wahrnehmung der rebellierenden Studentenschaft von einer Kulturinstitution zu einem politischen Symbol. Der anfängliche Dialog zwischen Frankfurter Studenten und Vertretern des Amerika Hauses, des Generalkonsulates und der amerikanischen Botschaft in Bonn verwandelte sich schließlich in Konfrontation. Dabei übernahmen die Studenten Protestlieder und Protestformen wie „sit-ins“, „go-ins“ und „teach-ins“ von der amerikanischen Bewegung gegen den Vietnamkrieg. So auch im September 1967, als über 100 Studenten unter Führung von Rudi Dutschke und KD Wolff, dem ehemaligen SDS-Bundesvorsitzenden, mit einem „go in“ im Amerika Haus eine Podiumsdiskussion zum Vietnam-Krieg sprengten. In den achtziger Jahren sorgte vor allem die Nachrüstungsdiskussion für eine Repolitisierung des Umfeldes, ehe Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre eine Entspannung eintrat.

In den letzten Jahren reflektierten die kulturellen Veranstaltungen des Amerika Hauses die tiefgreifenden Veränderungen der amerikanischen Kultur und Gesellschaft. Frauen und ethnische Minderheiten brachen die traditionellen Strukturen von Wirtschaft, Politik und Universitäten auf und gewannen Akzeptanz in nicht gekanntem Ausmaß. Die Verleihung des Literatur-Nobelpreises an Toni Morrison im Jahr 1993 bedeutete schließlich eine internationale Anerkennung dieser Entwicklung. Neben prominenten amerikanischen Intellektuellen und Schriftstellern wie Joyce Carol Oates, Neil Postman, Susan Sontag und Gore Vidal stellten sich im Amerika Haus vermehrt indianische, afro-amerikanische, hispano-amerikanische und feministische Repräsentanten aus Literatur, Musik, Malerei und Film dem Frankfurter Publikum vor. Die Vielfalt ethnischer und regionaler Kulturen in den USA, die sich auch in den zahlreichen Seminaren und Vorträgen niederschlug, hat in einer Stadt wie Frankfurt eine starke Aktualität gewonnen. Nicht nur in ihrem äußeren Erscheinungsbild sondern auch durch ihren multikulturellen Charakter, stellt Frankfurt die „amerikanischste“ Stadt Deutschlands dar. Daß amerikanische Kultur auch in den wichtigsten deutschen Kulturinstitutionen Frankfurts präsent ist, liegt an der bedeutenden internationalen Rolle, die Musik, Ballett, Theater, Film, Architektur, Wissenschaft, Kunst und Literatur der Vereinigten Staaten seit einiger Zeit spielen. Das Amerika Haus hat damit nicht mehr die alleinige Verantwortung für die Vorstellung amerikanischer Kultur in Frankfurt. Eine seiner besonders wichtigen Funktionen aber bleibt es, nicht, wie die anderen Institutionen, ein spezifisches kulturelles Genre sondern das gesamte Formenspektrum amerikanischer Kultur in einem Haus zu zeigen. Die Breite dieses Spektrums – Ausstellungen von Malerei, Photographie und Kunsthandwerk, Konzerte, Lesungen, Vorträge, Diskussionen, Seminare. Konferenzen und die Dienstleistungen des Information Resource Centers – sowie die Vielfalt der Themen ergibt sich aus einem umfassenden Kulturbegriff. Dieser entspricht nicht der engen deutschen und europäischen sondern der amerikanischen Definition von culture, die populäre Kultur ebenso einbezieht wie die Bereiche Wirtschaft, Politik und Umwelt. Ein solch inklusiver Kulturbegriff ermöglicht es, viele Einzelaspekte der amerikanischen Wirklichkeit miteinander in Beziehung zu setzen und in ihren komplexen aktuellen und historischen Zusammenhang zu stellen. Dabei hat sich das Amerika Haus Frankfurt mit den oftmals starken Prädispositionen seines Publikums gegenüber den USA auseinanderzusetzen. Wie kaum ein anderes Land haben die Vereinigten Staaten seit ihrer Gründung deutsche Emotionen und Projektionen auf sich gezogen, die quer über das politisch-ideologische Spektrum zwischen unkritischem Proamerikanismus und einseitigem Antiamerikanismus schwankten. Die gegenwärtige Informationsflut durch den Massentourismus in die USA und die Dominanz der amerikanischen Unterhaltungsindustrie in deutschen Kinos und Fernseh- und Radiostationen tragen ebenso zum oberflächlichen, klischeehaften Amerikabild bei wie die großen Informationsdefizite der Vergangenheit. Mit seinem Veranstaltungs- und Informationsangebot versucht das Amerika Haus Frankfurt, den Blick für den äußerst komplexen und oft widersprüchlichen Charakter der amerikanischen Gesellschaft, Wirtschaft und Politik zu schärfen und das differenzierte Urteil zu fördern.

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[Wichtiger Hinweis: Dieser Text wurde veröffentlicht von Dr. Gerhard Wiesinger in Rolf Lauter, Hg., Kunst in Frankfurt – 1945 bis heute. Frankfurt am Main: Societäts-Verlag, 1995, S. 402-404. Er spiegelt den Entwicklungsstand des Jahres 1995 wider! Informationen zu den aktuellen Aktivitäten der Presse- und Kulturabteilung finden Sie an anderer Stelle auf dieser Website.]