Die Bündnisse der Vereinigten Staaten bekräftigen und neu denken

Foto: US-Außenministerium

US-Außenminister Antony J. Blinken bestätigte beim Außenministertreffen der NATO-Mitgliedstaaten am 24. März 2021 im NATO-Hauptquartier in Brüssel nochmals das unerschütterliche Bekenntnis der Vereinigten Staaten zum Nordatlantikpakt. Wir haben die vorbereitete Rede übersetzt.

Guten Tag.

Vor einigen Wochen, nicht lange nach meinem Amtsantritt, habe ich mich direkt an die Amerikanerinnen und Amerikaner gewandt. Ich habe ihnen gesagt, dass meine wichtigste Aufgabe darin besteht, dafür zu sorgen, dass die amerikanische Außenpolitik ihren Interessen Rechnung trägt: dass sie ihr Leben sicherer macht, Chancen für ihre Familien und Gemeinden schafft und die globalen Herausforderungen angeht, die ihre Zukunft zunehmend bestimmen.

Und ich habe ihnen gesagt, dass eine der wichtigsten Maßnahmen, die wir dazu ergreifen werden, darin besteht, die Bündnisse und Partnerschaften der Vereinigten Staaten weltweit wieder zu stärken und mit neuem Leben zu erfüllen.

Deshalb bin ich diese Woche in Brüssel. Ich spreche jetzt aus dem Hauptquartier der NATO zu Ihnen, dem Bündnispakt, der seit fast 75 Jahren die Sicherheit und Freiheit Europas und Nordamerikas schützt.

Die Amerikanerinnen und Amerikaner sind in einigen Fragen unterschiedlicher Meinung, aber der Wert von Bündnissen und Partnerschaften gehört nicht dazu. Einer aktuellen Umfrage des Chicago Council on Global Affairs zufolge sind 90 Prozent der Amerikanerinnen und Amerikaner der Ansicht, dass der Erhalt unserer Bündnisse die effektivste Methode ist, um unsere außenpolitischen Ziele zu erreichen. 90 Prozent. Der Grund dafür ist nicht schwer zu erkennen. Sie sehen die Bedrohungen, mit denen wir konfrontiert sind – den Klimawandel, die Corona-Pandemie, wirtschaftliche Ungerechtigkeit, ein zunehmend selbstbewusstes China – und sie wissen, dass die Vereinigten Staaten viel besser dastehen, wenn sie diese mit Partnern angehen, statt es alleine zu versuchen. Das Gleiche gilt für unsere Bündnispartner.

Die Welt sieht heute ganz anders aus als noch vor einigen Jahrzehnten, als wir viele unserer Bündnisse eingegangen sind – sie sieht sogar anders aus als vor vier Jahren. Die Bedrohungen haben sich vervielfacht. Der Wettbewerb hat sich verschärft. Die Machtverhältnisse haben sich verschoben. Das Vertrauen in unsere Bündnisse wurde erschüttert – das Vertrauen zueinander und das Vertrauen in die Stärke unseres Engagements. Über die Grenzen unserer Bündnisse hinweg und sogar innerhalb unserer Bündnisse herrscht nicht immer Einvernehmen über die Bedrohungen, denen wir uns gegenübersehen oder darüber, wie wir ihnen begegnen können. Unsere gemeinsamen Werte der Demokratie und Menschenrechte werden infrage gestellt, nicht nur von außen, sondern auch in unseren Ländern. Und neue Bedrohungen treten schneller auf, als wir die Fähigkeiten aufbauen können, die wir brauchen, um uns vor ihnen zu schützen.

Doch nichts davon ändert etwas an der Tatsache, dass wir Bündnisse brauchen – heute wie damals, wenn nicht sogar mehr denn je. Die Herausforderung besteht darin, diese Bündnisse anzupassen und zu erneuern, damit sie den Bedrohungen von heute gewachsen sind und genauso wie in der Vergangenheit den Interessen unserer Bevölkerung Rechnung tragen.

Ich werde heute erklären, wie wir das schaffen können.

Zunächst werde ich auf die gemeinsamen Bedrohungen eingehen, denen wir uns gegenübersehen. Dann werde ich darauf zu sprechen kommen, wie wir unsere Bündnisse stärken und mit neuem Leben erfüllen können, damit sie uns gegen diese Bedrohungen verteidigen und gleichzeitig unsere gemeinsamen Interessen und Werte schützen können. Und zu guter Letzt werde ich darlegen, was unsere Bündnispartner von den Vereinigten Staaten erwarten können und was wir im Gegenzug von unseren Verbündeten erwarten.

Es fängt mit der Bestimmung der dringlichsten Bedrohungen an, denen wir uns heute gegenübersehen.

Meines Erachtens gibt es drei Hauptkategorien.

Zur ersten Kategorie zählen militärische Bedrohungen aus anderen Ländern. Wir sehen dies an den Bestrebungen Chinas, die sich gegen die freie Schifffahrt richten, auf die Militarisierung des Südchinesischen Meeres ausgerichtet sind und sich mit immer ausgereifteren militärischen Fähigkeiten gegen Länder im gesamten indopazifischen Raum wenden. Chinas militärischer Ehrgeiz nimmt mit jedem Jahr weiter zu. In Verbindung mit den Realitäten der modernen Technologie sind die Gefahren, die früher sehr weit weg schienen, gar nicht mehr so fern. Dies zeigt sich auch in den neuen militärischen Fähigkeiten und Strategien, die Russland entwickelt hat, um unsere Bündnisse herauszufordern und die regelbasierte Ordnung zu untergraben, die unsere kollektive Sicherheit gewährleistet. Dazu gehören das offensive Vorgehen Moskaus in der Ostukraine, die Aufrüstung seiner Streitkräfte, groß angelegte Manöver und Einschüchterungsversuche an der Ostsee, am Schwarzen Meer, im östlichen Mittelmeerraum und im hohen Norden, die Modernisierung seiner nuklearen Fähigkeiten und der Einsatz von Chemiewaffen – trotz Kritik – auf dem Boden von NATO-Staaten.

Und neben China und Russland streben regionale Akteure wie Iran und Nordkorea eine atomare Leistungsfähigkeit und Fähigkeiten im Bereich der Raketentechnologie an, die für die Verbündeten und Partner der Vereinigten Staaten eine Bedrohung darstellen.

Zur zweiten Kategorie gehören nicht-militärische Bedrohungen, häufig aus den gleichen Ländern: technologische, wirtschaftliche und informationelle Maßnahmen, die unsere Sicherheit gefährden. Hierzu zählen Desinformationskampagnen, der Einsatz von Korruption als Waffe, mit der das Vertrauen in unsere Demokratien ausgehöhlt werden soll, sowie Cyberangriffe auf unsere kritische Infrastruktur und unser geistiges Eigentum. Von der eklatanten wirtschaftlichen Nötigung Australiens durch China bis hin zu Russlands Einsatz von Desinformation, um das Vertrauen in Wahlen und sichere, effektive Impfstoffe zu unterminieren, stellt dieses aggressive Vorgehen nicht nur für unsere jeweiligen Länder eine Gefahr dar, sondern auch für unsere gemeinsamen Werte.

In die dritte Kategorie fallen globale Krisen wie der Klimawandel und die Corona-Pandemie. Diese Gefahren gehen nicht von bestimmten Regierungen aus; es sind globale Bedrohungen. Höhere Temperaturen, steigende Meeresspiegel und stärkere Stürme wirken sich auf alles aus, von der Einsatzbereitschaft der Streitkräfte über menschliche Migrationsmuster bis hin zur Ernährungssicherheit. Wie die Corona-Pandemie überdeutlich gezeigt hat, ist die Gesundheitssicherheit unserer Länder untereinander eng verflochten und nur so stark wie das schwächste Glied.

Wir sind auch mit globalem Terrorismus konfrontiert, der oft all diese Kategorien berührt. Obwohl wir die Bedrohung durch Terror erheblich verringern konnten, ist sie immer noch erheblich, insbesondere, da Regierungen Gruppen und Einzelpersonen Rückhalt und Zuflucht gewähren oder diese in staatsfreien Räumen Unterschlupf finden.

Viele dieser Bedrohungen standen damals, als unsere Bündnisse geschaffen wurden, nicht im Vordergrund. Einige existierten noch gar nicht. Aber darin besteht ja auch die große Stärke unserer Bündnisse: Sie wurden so gestaltet, dass sie sich anpassen und neuen Herausforderungen entsprechend weiterentwickeln können.

Und so können wir sie heute anpassen:

Erstens müssen wir uns erneut zu unseren Bündnissen bekennen, ebenso wie zu den gemeinsamen Werten, die ihr Fundament bilden.

Als die Vereinigten Staaten am 11. September 2001 angegriffen wurden, erklärten die NATO-Bündnispartner unverzüglich und einstimmig den Bündnisfall nach Artikel 5 – ein Angriff auf einen ist ein Angriff auf alle. Bis heute war dies das einzige Mal in der Geschichte der Allianz, dass der Bündnisfall erklärt wurde, und es geschah, um die Vereinigten Staaten zu schützen. Das werden wir nie vergessen. Und unsere Bündnispartner können heute von uns das Gleiche erwarten. Im vergangenen Monat erklärte Präsident Biden bei der Münchner Sicherheitskonferenz, dass Sie unser unerschütterliches Versprechen haben: Die Vereinigten Staaten bekennen sich voll und ganz zur NATO, einschließlich Artikel 5.

Dieses Gelübde habe ich diese Woche gegenüber unseren Bündnispartnern in der NATO erneut abgelegt.

Verteidigungsminister Austin und ich haben das gleiche Bekenntnis gegenüber unseren Verbündeten in Japan und Südkorea zum Ausdruck gebracht. Wir haben dort vor Kurzem die Verhandlungen über Vereinbarungen zur Lastenteilung abgeschlossen, die im indopazifischen Raum in den kommenden Jahren zur Wahrung von Frieden und Wohlstand beitragen werden.

Unsere Bündnisse wurden geschaffen, um gemeinsame Werte zu verteidigen. Die Erneuerung unseres Bekenntnisses bedeutet also, diese Werte und die Grundlage der internationalen Beziehungen zu bekräftigen, die wir zu schützen geloben: eine freie und offene, regelbasierte Ordnung. An dieser Front haben wir eine Menge zu tun. Praktisch jede Demokratie der Welt steht heute vor Herausforderungen, die Vereinigten Staaten eingeschlossen. Wir haben es mit tiefgreifender Ungerechtigkeit, strukturellem Rassismus und politischer Polarisierung zu tun, die unsere Demokratie weniger widerstandsfähig machen.

Es ist an uns allen zu zeigen, was schon immer die größte Stärke des Systems war – unsere Bürgerinnen und Bürger und das Vertrauen, das wir in sie setzen, dass sie unsere Gesellschaften und Institutionen verbessern werden. Die größte Gefahr für unsere Demokratien besteht nicht darin, dass sie fehlerhaft sind, das waren sie schon immer. Die größte Gefahr ist, dass unsere Bürgerinnen und Bürger das Vertrauen in die Fähigkeit der Demokratie verlieren, diese Fehler zu beseitigen – der Verpflichtung nachzukommen, die wir bei unserer Gründung eingegangen sind, nämlich eine vollkommenere Union zu schaffen. Was Demokratien von Autokratien unterscheidet, ist unsere Fähigkeit und Bereitschaft, unseren eigenen Unzulänglichkeiten ins Auge zu blicken, sie nicht zu leugnen, zu ignorieren oder unter den Teppich zu kehren.

Wir müssen uns auch untereinander an die Einhaltung der Werte erinnern, die im Zentrum unserer Bündnisse stehen – und gegen die weltweite Rezession der Demokratie angehen. Wir müssen alle den Mund aufmachen, wenn Länder den Ansprüchen an Demokratie und Menschenrechte nicht mehr gerecht werden. Das macht man in Demokratien so: Wir gehen offen mit Herausforderungen um. Wir müssen die entsprechenden Länder auch dabei unterstützen, sich wieder in die richtige Richtung zu bewegen, indem wir die Leitplanken der Demokratie stärken, beispielsweise eine freie und unabhängige Presse, Einrichtungen zur Bekämpfung von Korruption und Institutionen zum Schutz der Rechtsstaatlichkeit.

Auch darum geht es beim erneuten Bekenntnis zu unseren Bündnissen.

Zweitens müssen wir unsere Bündnisse modernisieren.

Das fängt an mit der Verbesserung unserer militärischen Fähigkeiten und unserer Einsatzbereitschaft, um auch weiterhin eine starke und glaubwürdige militärische Abschreckung sicherzustellen. Wir müssen zum Beispiel gewährleisten, dass unsere strategische nukleare Abschreckung sicher und effektiv ist, insbesondere angesichts der russischen Modernisierungsmaßnahmen. Um unseren Verbündeten gegenüber die Einhaltung unserer Verpflichtungen stark und glaubwürdig zu versichern, ist dies entscheidend, auch wenn wir Schritte unternehmen, um die Rolle von Atomwaffen zur Gewährleistung unserer nationalen Sicherheit zu verringern. Wir werden auch gemeinsam mit unseren Verbündeten im indopazifischen Raum eine breite Palette komplexer Sicherheitsprobleme in der Region angehen.

Wir müssen unsere Fähigkeit ausbauen, gegen Bedrohungen in den Bereichen Wirtschaft, Technologie und Information vorzugehen. Und wir können nicht nur aus der Defensive heraus agieren – wir müssen einen aktiven Ansatz wählen.

Wir sehen, dass Peking und Moskau den Zugang zu kritischen Ressourcen, Märkten und Technologien immer mehr nutzen, um unsere Verbündeten unter Druck zu setzen und einen Keil zwischen uns zu treiben. Natürlich trifft jeder Staat seine eigenen Entscheidungen, aber wir dürfen wirtschaftliche Nötigung nicht anders betrachten als andere Formen des Drucks. Wenn einer von uns zu etwas genötigt wird, sollten wir als Bündnispartner zusammenarbeiten und unsere Anfälligkeit hierfür verringern, indem wir dafür sorgen, dass unsere Volkswirtschaften stärker miteinander verwoben sind als mit denen unserer Hauptkonkurrenten. Das bedeutet, dass wir uns zusammentun sollten, um zukunftsweisende Innovationen zu entwickeln, um zu gewährleisten, dass unsere Lieferketten belastbar sind, um die Normen und Standards zur Regulierung neuer Technologien zu schaffen und um dafür zu sorgen, dass diejenigen, die die Regeln brechen, auch den Preis dafür zahlen. Wenn wir das tun, werden sich mehr Menschen für die offenen und sicheren Räume entscheiden, die wir gemeinsam schaffen; das zeigt uns ein Blick in die Vergangenheit.

Und wir müssen unsere Fähigkeit ausbauen, transnationale Bedrohungen zu bewältigen, insbesondere den Klimawandel und Pandemien wie die Corona-Pandemie. Diese Herausforderungen sind so gewaltig – und die notwendigen Maßnahmen gegen sie so weitreichend –, dass ihre Bewältigung im Grunde bei allem, was wir tun, einbezogen werden muss und wir sie mit einer Vielzahl von Partnern abstimmen müssen.

Drittens müssen wir größere Koalitionen aus Verbündeten und Partnern schaffen.

Allzu oft agieren unsere Bündnisse und Partnerschaften isoliert voneinander. Wir unternehmen zu wenig, um sie zusammenzuführen. Aber das sollten wir. Denn je mehr sich Länder mit sich ergänzenden Stärken und Fähigkeiten zusammentun, um gemeinsame Ziele zu erreichen, desto besser.

Das ist der Gedanke, der hinter der Gruppe der Länder steht, die wir „Quad“ nennen: Australien, Indien, Japan und die Vereinigten Staaten. Erst kürzlich war Präsident Biden Gastgeber des allerersten Gipfeltreffens der Staats- und Regierungschefs der Quad-Staaten. Wir teilen die Vorstellung von einer freien, offenen, integrativen und gesunden Indopazifikregion, die frei von Zwang ist und auf demokratischen Werten beruht. Wir sind ein gutes Team. Unsere Zusammenarbeit wird parallel laufende Bestrebungen stärken, im Ost- und Südchinesischen Meer für Sicherheit zu sorgen und die sichere, kostengünstige und effektive Impfstoffproduktion und den gerechten Zugang dazu zu erweitern.

Die Vertiefung der Zusammenarbeit zwischen der NATO und der EU ist ein weiteres Beispiel. Mehr Zusammenarbeit bei Fragen der Cyber-, Energie- und Gesundheitssicherheit und dem Schutz kritischer Infrastruktur wird helfen, unsere Resilienz und unsere Einsatzbereitschaft im Hinblick auf aktuelle Bedrohungen zu stärken. Das stärkt uns auch, wenn wir für unsere Werte einstehen.

Denken Sie an die Sanktionen, die die Vereinigten Staaten gerade gemeinsam mit Kanada, der Europäischen Union und dem Vereinigten Königreich gegen Personen verhängt haben, die an den Gräueltaten gegen Uiguren in Xinjiang beteiligt sind. Vor dem Hintergrund der Vergeltungssanktionen, die China anschließend gegen Mitglieder des Europäischen Parlaments und des Politischen und Sicherheitspolitischen Komitees der EU, Akademiker und Thinktanks verhängt hat, ist es umso wichtiger, dass wir standhaft bleiben und zusammenstehen, sonst erwecken wir den Eindruck, dass wir uns einschüchtern lassen. Das beinhaltet auch, unseren nicht in der NATO vertretenen Partnern in Europa beizustehen, von denen viele an den Außengrenzen des Bündnisses nach wie vor unnachgiebig an unserer Seite stehen.

Und wir werden über die Grenzen unserer Nationalstaaten hinweg auf den Privatsektor, die Zivilgesellschaft, wohltätige Organisationen, Städte und Universitäten blicken. Eine vielfältige, breit gefächerte Zusammenarbeit ist entscheidend für den Schutz der globalen öffentlichen Güter – jener Ressourcen, auf deren Verwendung und Nutzen alle Menschen ein Anrecht haben und die nun in den Fokus unserer Kontrahenten geraten sind.

Ich denke da an 5G, einen Bereich, in dem chinesische Technologie eine ernsthafte Gefahr der Überwachung mit sich bringt. Wir sollten Technologieunternehmen aus Ländern wie Schweden, Finnland, Südkorea und den Vereinigten Staaten zusammenbringen und mithilfe öffentlicher und privater Investitionen eine sichere und vertrauenswürdige Alternative dazu schaffen. Wir haben Jahrzehnte darauf verwendet, weltweit unsere Beziehungen zu Ländern auszubauen, die unsere Werte teilen. Deshalb haben wir so viel in diese Partnerschaften investiert – um uns auf innovative Weise zusammenzutun und neue Herausforderungen wie diese zu bewältigen.

All jene, die in Frage stellen, was wir durch diese Art der Zusammenarbeit erreichen können, weise ich auf die beispiellose Kooperation in der Wissenschaft hin, in der über Institutionen und Grenzen hinweg gemeinsam an Hunderten viraler Genomsequenzen gearbeitet wurde – Forschung, die für die Entwicklung mehrerer sicherer, effektiver Impfstoffe gegen COVID-19 in Rekordzeit unverzichtbar war. Der allererste dieser Impfstoffe, der von der Weltgesundheitsorganisation anerkannt wurde, wurde von einem in der Türkei geborenen Arzt entwickelt, der in Deutschland aufwuchs und Mitbegründer eines europäischen Pharmaunternehmens ist, das sich zur Herstellung des Impfstoffes mit einem amerikanischen Partnerunternehmen zusammengetan hat.

Verbündete und Partner der Vereinigten Staaten, die mir zuhören, denken jetzt vielleicht: „Wir müssen wissen, was wir von euch zu erwarten haben.“ Denn wie ich schon gesagt habe, ist das Vertrauen in den letzten Jahren bis zu einem gewissen Grad verloren gegangen.

Lassen Sie mich daher deutlich sagen, was die Vereinigten Staaten ihren Verbündeten und Partnern versprechen können.

Wenn unsere Verbündeten einen gerechten Anteil der Last tragen, haben sie verständlicherweise die Erwartung, an Entscheidungen entsprechend beteiligt zu werden. Dem werden wir Rechnung tragen. Es fängt damit an, dass wir unsere Freunde frühzeitig und häufig zu Rate ziehen werden. Dies ist ein zentraler Aspekt der Außenpolitik der Regierung Biden-Harris, und es ist eine Veränderung, die unsere Verbündeten bereits jetzt bemerken und schätzen.

Wir werden die Bestrebungen unserer Verbündeten, mehr Fähigkeiten zu entwickeln, als Bereicherung und nicht als Bedrohung wahrnehmen. Stärkere Verbündete bilden stärkere Bündnisse. Und wenn die Vereinigten Staaten ihre Fähigkeiten ausbauen, um den Bedrohungen zu begegnen, die ich heute angesprochen habe, dann stellen wir sicher, dass sie weiterhin mit unseren Bündnissen vereinbar sind – und dass sie zu einer verbesserten Sicherheit unserer Verbündeten führen. Im Gegenzug erwarten wir dasselbe von unseren Verbündeten.

Wir werden unsere Verbündeten nicht dazu zwingen, sich entweder für die Vereinigten Staaten oder für China zu entscheiden. Es steht außer Frage, dass das einschüchternde Verhalten Pekings eine Bedrohung für unsere kollektive Sicherheit und unseren Wohlstand darstellt und Peking aktiv darauf hinwirkt, die Regeln der internationalen Ordnung und die Werte, die wir mit unseren Verbündeten teilen, zu untergraben. Das bedeutet aber nicht, dass Länder dort, wo es möglich ist, nicht mit China zusammenarbeiten dürften, beispielsweise bei Herausforderungen wie dem Klimawandel und der Gesundheitssicherheit.

Wir wissen, dass unsere Verbündeten komplexe Beziehungen zu China haben, die sich nicht immer vollkommen miteinander vereinbaren lassen. Aber wir müssen diese Herausforderungen gemeinsam meistern. Das bedeutet, mit unseren Verbündeten zusammenzuarbeiten, um die Lücken in Bereichen wie Technologie und Infrastruktur zu schließen, die Peking ausnutzt, um Zwang und Druck auszuüben. Wir werden auf Innovationen bauen, nicht auf Ultimaten. Denn wenn wir zusammenarbeiten, um unsere positive Vorstellung einer internationalen Ordnung in die Realität umzusetzen, wenn wir für das freie und offene System einstehen, von dem wir wissen, dass es die besten Bedingungen für menschlichen Einfallsreichtum, menschliche Würde und Beziehungen schafft, dann sind wir zuversichtlich, dass wir es mit China und auch allen anderen Konkurrenten überall aufnehmen können.

Wir werden stets unseren Beitrag leisten, aber wir werden es auch anerkennen, wenn unsere Verbündeten ihren Teil beitragen. Und ich sage ganz ehrlich: Dies ist oft umstritten gewesen, insbesondere in den transatlantischen Beziehungen. Wir erkennen den wesentlichen Fortschritt an, den viele unserer NATO-Bündnispartner bei der Erhöhung der Verteidigungsausgaben gemacht haben, einschließlich der Fortschritte hin zur Erfüllung der Zusage von Wales, bis 2024 zwei Prozent des BIP für Verteidigung aufzuwenden. Die vollständige Umsetzung dieser Zusagen ist unerlässlich.

Wir erkennen aber auch die Notwendigkeit einer ganzheitlicheren Betrachtung der Lastenverteilung an. Der Beitrag eines Landes zur Verteidigung unserer gemeinsamen Sicherheit und gemeinsamen Interessen lässt sich nicht an einer einzigen Zahl festmachen. Dies gilt ganz besonders in einer Welt, in der die Antwort auf eine zunehmende Zahl von Bedrohungen nicht mehr in militärischer Stärke liegt. Wir müssen anerkennen, dass Verbündete unterschiedliche Fähigkeiten und Stärken besitzen und ihren Beitrag deshalb auf unterschiedliche Weise leisten. Das bedeutet aber nicht, unsere selbst gesetzten Ziele aus den Augen zu verlieren oder weniger zu tun. Es ist vielmehr so, dass wir im Angesicht der Bedrohungen, denen wir gemeinsam gegenüberstehen, mehr tun müssen.

Es muss möglich sein, über diese kontroversen Themen zu sprechen – und sogar anderer Meinung zu sein – und uns dennoch weiterhin respektvoll zu behandeln. Wir haben in den Vereinigten Staaten in den letzten Jahren viel zu oft vergessen, wer unsere Freunde sind. Das hat sich aber bereits geändert.

Die Vereinigten Staaten werden den Einsatz ihrer Macht, insbesondere der militärischen Macht, als Antwort auf internationale Konflikte sorgfältig abwägen. Wir werden ein Ungleichgewicht zwischen unseren prinzipiengeleiteten Zielen und den Risiken, die für deren Erreichung notwendig sind, vermeiden. Denn wenn wir uns übernehmen, können wir uns den Herausforderungen, die sich am stärksten auf den Alltag der Amerikanerinnen und Amerikaner auswirken, nur noch eingeschränkt zuwenden.

Zudem fragen sich einige unserer Verbündeten, ob unser Engagement für ihre Sicherheit von Dauer ist. Sie vernehmen unser „Amerika ist wieder da“ und fragen sich: für wie lange?

Das ist eine berechtigte Frage. Meine Antwort lautet folgendermaßen:

Es gibt einen Grund dafür, dass die große Mehrheit der Amerikanerinnen und Amerikaner – aus beiden politischen Lagern – unsere Bündnisse befürwortet, auch wenn sie sich in vielen anderen Fragen nicht einig sind. Es ist derselbe Grund, aus dem Republikaner und Demokraten im Kongress unseren Verbündeten immer wieder versichert haben, dass wir entschlossen sind in unserem Bekenntnis. Denn wir betrachten unsere Bündnisse nicht als Last, sondern als eine Chance, die Welt mithilfe anderer nach unseren Interessen und Werten zu gestalten.

Um diese Unterstützung nicht zu verlieren, müssen wir, die wir das Privileg haben, die Vereinigten Staaten auf internationaler Bühne zu vertreten, dafür sorgen, dass unsere Bündnisse den Interessen der Amerikanerinnen und Amerikaner Rechnung tragen. Das dürfen wir nicht aus den Augen verlieren.

Wir müssen nicht nur deutlich machen, wogegen uns unsere Bündnisse verteidigen, sondern auch, wofür sie stehen, beispielsweise für das Recht aller Menschen weltweit auf eine würdevolle Behandlung und die Ausübung ihrer Grundrechte. Nur, weil wir unsere Außenpolitik daran ausrichten, wie die Welt ist, bedeutet das nicht, dass wir nicht mehr versuchen sollten, die Welt so zu gestalten, wie sie sein könnte – sicherer, friedlicher, gerechter und fairer, mit einer besseren Gesundheitsversorgung, stärkeren Demokratien und größeren Chancen für mehr Menschen.

Kurz gesagt, wir brauchen eine positive Vision, die die Menschen mit einem gemeinsamen Ziel zusammenbringen kann. Das ist etwas, was unsere Gegner nicht bieten können. Es ist eine unserer größten Stärken.

An diesem Punkt trifft unser Interesse, als Verbündete verlässlich zu sein, mit dem Erfüllen der Bedürfnisse unserer Bürgerinnen und Bürger zusammen. Ohne wirksame Bündnisse können wir keine Außenpolitik umsetzen, die den Interessen der Amerikanerinnen und Amerikaner Rechnung trägt. Und wir können keine wirksamen Bündnisse erhalten, ohne zu zeigen, dass sie den Interessen der Amerikanerinnen und Amerikaner Rechnung tragen.

Vor 70 Jahren schrieb ein Gefreiter der U.S. Army während seiner Ausbildung in Fort Dix (New Jersey) einen Brief an Dwight D. Eisenhower, der damals der erste Oberbefehlshaber der Alliierten Streitkräfte in Europa war. Der Gefreite fragte Eisenhower in seinem Brief, ob es bei seinem Dienst um mehr ginge als um „töten oder getötet werden?“

Eisenhower war ein gestandener Realist. Er hatte die Zerstörungen des Krieges aus nächster Nähe gesehen. Er war sich bewusst, dass der Einsatz amerikanischer Menschenleben für die Verteidigung unserer Verbündeten eine Frage von Leben und Tod war. Dennoch glaubte er, und so formulierte er es in seiner Antwort an den Soldaten, dass „die wahren Ziele des Menschen etwas weitaus Erfüllenderes und Konstruktiveres als das bloße Überleben des Stärkeren umfassen.“

Er schrieb, dass die Vereinigten Staaten zusammen mit ihren Verbündeten eine auf gemeinsamen Werten basierende Ordnung schaffen müssten. Dies unterschied sich nicht grundlegend von den Werten, die auch das Leben in den Vereinigten Staaten prägten – „zu versuchen, die Vielzahl der Probleme, die uns stetig begegnen, mit Anstand, Fairness und Gerechtigkeit zu lösen“, wie Eisenhower es formulierte. Das bedeutet nicht, alle Probleme überall auf der Welt lösen zu wollen. Es bedeutet vielmehr, bei keinem Problem, das wir lösen müssen, unsere Werte aus den Augen zu verlieren, denn sie sind gleichzeitig ein Quell unserer Stärke und unserer Demut. Eisenhower schrieb dem Soldaten, dass er hoffe, seine Worte würden „ein wenig Optimismus und Vertrauen“ spenden.

Nun hätte sich Eisenhower viele unserer heutigen Herausforderungen nicht vorstellen können. Aber er wusste, welche neuen Bedrohungen sich auch ergeben würden, wir würden ihnen mit Partnern begegnen wollen, die unsere Werte teilen.

Das vergangene Jahr war eines der herausforderndsten in der Geschichte unserer Länder, und wir haben die Krise noch nicht hinter uns gelassen – auch, wenn wir berechtigten Grund zur Hoffnung haben. Aber unsere Zusammenarbeit mit Verbündeten und Partnern ist für uns Grund für mehr als nur ein klein wenig Optimismus und Vertrauen. Sie weist uns den Weg: gemeinsam, verankert in unseren gemeinsamen Werten und entschlossen, unsere Bündnisse und Partnerschaften nicht nur wiederherzustellen, sondern sie besser zu machen. Wenn wir dies tun, dann können und werden wir alle Herausforderungen überwinden. Vielen Dank.

Originaltext: Reaffirming and Reimagining America’s Alliances