Die neuesten Bürgerinnen und Bürger der Vereinigten Staaten

Menschenmenge in Saal, an der Wand Porträtgalerie
Richard Stengel hielt bei dieser Einbürgerungszeremonie eine Rede (US-Außenministerium/Mary E. Nagel)

WASHINGTON – (AD) – Im nachfolgenden Beitrag vom 21. Oktober 2016 für ShareAmerica geht  Richard Stengel, Staatssekretär für Public Diplomacy und Öffentlichkeitsarbeit im US-Außenministerium, auf eine Rede ein, die er am 11. Oktober bei einer Einbürgerungszeremonie hielt.

Ich hatte am 11. Oktober die Ehre, bei der Zeremonie zur Einbürgerung von 125 Neubürgerinnen und Neubürgern im United States District Court for the District of Columbia unweit des Kapitols eine Rede zu halten.

Die Zeremonie wurde von Richterin Tanya Chutkan geleitet, die aus Jamaika stammt und selbst eingebürgert wurde. Es war eine bemerkenswerte Gruppe von Menschen aus 51 Ländern – von Kasachstan bis Kenia, von Argentinien bis Australien, vom Irak bis Italien.

Diese Frauen und Männer sprechen Dutzende unterschiedliche Sprachen, gehören unterschiedlichen Glaubensrichtungen an und sind verschiedenster kultureller Herkunft. Jede ihrer Geschichten ist einzigartig und außergewöhnlich. Aber zusammengenommen sind ihre Geschichten das, was die Vereinigten Staaten einzigartig und außergewöhnlich macht. Ich habe ihnen gesagt, dass man nicht zu unterschiedlichen Anteilen Amerikaner ist, dass sie von diesem Tag an zu 100 Prozent Amerikanerinnen und Amerikaner seien, punktum. Und dass ihre Geschichte die amerikanische Geschichte sei.

Personen leisten mit erhobener Hand einen Eid (© AP Images)
Amad Chaudhry (19) aus Pakistan, leistet am 25. April 2014 im Rathaus von Jersey City bei seiner Einbürgerung den Eid. (© AP Images)

In meiner Rede habe ich erklärt, was das für mich bedeutet und welche Pflichten an die Staatsbürgerschaft geknüpft sind. Hier einige Auszüge:

Meine Familie ist nicht auf der Mayflower hierhergekommen. Keiner meiner Großväter ist in diesem Land geboren. Als sie als Jungen mit dem Schiff hier ankamen, sprach keiner der beiden Englisch. Keiner der beiden hatte einen Highschoolabschluss. Aber beide gründeten kleine Unternehmen – Einwanderer tun dies noch immer häufiger als hier geborene Amerikaner. Mein Vater, ein Kind aus Brooklyn, kämpfte im Zweiten Weltkrieg an der Seite junger Männer aus allen Teilen der Vereinigten Staaten, die ebenfalls Kinder von Einwanderern oder selbst Einwanderer waren.

Deshalb verkörpert diese Zeremonie für mich – mehr als die Vereidigung von Kongressabgeordneten oder Richtern am Supreme Court oder des Präsidenten der Vereinigten Staaten – mehr als jede andere das, was es bedeutet, Amerikanerin oder Amerikaner zu sein.

Jubelnde Menge (© AP Images)
Alfonso Perez aus der Dominikanischen Republik jubelt bei der Einbürgerung von 755 Bürgerinnen und Bürgern am 16. September 2016 auf dem Turner Field, der Heimspielstätte der Braves. Die Zahl 755 entspricht den Homeruns des ehemaligen Baseballspielers der Atlanta Braves, Hank Aaron. (© AP Images)

Anders als andere Nationen sind wir kein Volk mit einem gemeinsamen kulturellen Erbe, einer Blutsverwandtschaft oder einer gemeinsamen Religion. Unsere Einheit entsteht aus einer Reihe ungewöhnlicher Ideen: dass alle Menschen gleich geschaffen sind. Dass sie von ihrem Schöpfer mit bestimmten unveräußerlichen Rechten ausgestattet wurden, zu denen Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören.

Das verbindet uns. Das macht uns zu Amerikanern.

So wunderbar der heutige Tag auch ist, so fängt Ihre amerikanische Geschichte doch gerade erst an. Wie Richter Brandeis sagte, übernehmen Sie mit Ihrem Eid das höchste Amt im Land, das des Staatsbürgers.

Demokratie ist die Staatsform, die Ihnen mehr abverlangt als jede andere, diejenige, die Ihnen am meisten Verantwortung auferlegt. In einer Autokratie oder einer Diktatur müssen Sie keine Entscheidungen treffen, die Entscheidungen werden für Sie getroffen. Hier bestimmen Sie Ihr Schicksal selbst.

Mann in Uniform mit amerikanischer Flagge (© AP Images)
Obermaat Reginal Cherubin, der ursprünglich aus Haiti stammt, hält eine Flagge, bevor er am 21. Mai 2007 in Mount Vernon (Virginia) bei seiner Einbürgerung den Eid ablegt. (© AP Images)

Und da kommt die Verantwortung ins Spiel. Als Benjamin Franklin vor 229 Jahren aus dem Saal in Philadelphia trat, in dem die Verfassung unterzeichnet worden war, fragte eine Frau ihn, was dort geschaffen worden war. Eine Republik, meine Dame, wenn Sie es schaffen, sie zu erhalten.

Wenn Sie es schaffen, sie zu erhalten. Und man schafft das, indem man sich beteiligt, indem man Verantwortung übernimmt und sich von diesen heiligen Idealen leiten lässt. Indem man ehrenamtliche Aufgaben übernimmt, indem man sich informiert. Franklin und die anderen Gründerväter sorgten sich, dass die Menschen von Demagogen verführt und von Lügnern zum Narren gehalten werden könnten, dass sie sich von Herrschern beeinflussen lassen könnten, die ihre Macht missbrauchten, und dass sie die Verbindung zu diesen fundamentalen amerikanischen Idealen verlieren könnten.

Hier, so die Gründerväter, regieren die Menschen. Das ist die Definition von Demokratie wie sie im Lehrbuch steht. Die ersten drei Worte der Verfassung lauten „Wir, das Volk“. Nicht: Wir, die Regierung. Oder: Wir, die Elite. Oder: Wir, die Milliardäre. Sie lauten: Wir, das Volk. Die Rechte der Regierung leiten sich von der Macht des Volkes ab. Nicht die Regierung gibt uns Rechte, wir, das Volk, geben der Regierung Rechte. Das ist Teil dessen, was uns außergewöhnlich macht.

Manchmal unterteilen uns Politiker und Regierende in „wir“ und „sie“, vergessen dabei aber, dass wir alle einst „sie“ waren.

Wir ziehen traditionell die Leiter hinter uns hoch. Iren müssen erst gar keinen Antrag stellen. Juden nicht willkommen. Internierungslager für japanischstämmige Amerikaner. Das Gesetz zum Ausschluss von Chinesen. Die Verunglimpfung von Mexikanern. Und natürlich die amerikanische Erbsünde der Sklaverei, die unfreiwillige Einwanderer waren. Unsere Geschichte war nicht immer schön, aber auf eines kann man sich immer verlassen, dass wir unsere Probleme ans Licht bringen. Wir haben viele Fehler, aber wir holen sie ans Licht und versuchen, diese Union gemeinsam zu vervollkommnen.

Menschen mit amerikanischen Flaggen (© AP Images)
Eine Frau aus Kuba, eine von 196 Personen aus 24 Ländern, bei einer Einbürgerungszeremonie in Miami am 1. Juli 2009. (© AP Images)

Als ich aufwuchs, war der Schmelztiegel das Symbol der Einwanderung. Die Menschen wollten sich assimilieren. Ihre Akzente loswerden. Amerikanisches Essen kochen. Jeans und T-Shirt tragen. Schließlich lautet unser Motto „E Pluribus Unum“. Aus vielen Eins.

Aber heute wird Einwanderung meines Erachtens besser als eine Art Patchworkdecke dargestellt. Man muss seine Traditionen oder sein kulturelles Erbe nicht aufgeben. Man bringt sie in seine Staatsbürgerschaft ein. Wir sind alle eine Mischung aus Alt und Neu.

Einwanderer und Flüchtlinge bereichern und erweitern die Vereinigten Staaten. Sie bringen Neues und Frisches mit. Das liegt uns als Land im Blut. Das dürfen wir nie vergessen.

Deshalb sind die neuesten Bürgerinnen und Bürger der Vereinigten Staaten die wahrhaftigsten Amerikanerinnen und Amerikaner.

Originaltext: Meet the newest Americans