Die Beziehung zu Amerika – eine einzigartige Partnerschaft

MÜNCHEN – (AD) – Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede, die der Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, John C. Kornblum, am 2. Dezember 1997 in München hielt.

Ein neuer Anfang

Wir sind heute Abend hierher gekommen, um einen wichtigen Schritt bei den engen Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika, Bayern und der Stadt München zu markieren. Ende Dezember wird das beliebte Amerika Haus in der Form, wie wir es seit mehr als vier Jahrzehnten kennen, aufhören zu existieren. Es wird durch eine neue Institution – das Bayerisch-Amerikanische Zentrum – ersetzt. Das Gebäude bleibt das gleiche, viele der Programme bleiben bestehen, aber die Institution wird eine andere sein.

Ich möchte heute zu Ihnen über diese neue Institution sprechen, über ihre Zukunft und die sie konfrontierenden Herausforderungen. Wenn ich diese neuen Bestrebungen erörtere, möchte ich auch einige Lehren für die nächste Phase der deutsch-amerikanischen Beziehungen darlegen. Denn die beiden gehen Hand in Hand. Unsere neue Institution kommt genau zum richtigen Zeitpunkt. Bei dem Versuch, die Welt zu beschreiben, in die sie geboren wird, können wir auch dazu beitragen, ihre künftige Arbeit zu leiten, um die deutsch-amerikanische Partnerschaft zu unterstützen, die wir aufzubauen versuchen.

Zuerst einmal der unmittelbare Grund für den Wandel. In der Welt nach dem Ende des Kalten Krieges haben die traditionellen Informations- und Kulturzentren der Vereinigten Staaten fast aufgehört zu existieren. Im Zeitalter des direkten Zugangs zu den Medien ist es schwierig, eine staatliche Finanzierung kultureller Präsentationen zu rechtfertigen. Einige dieser Zentren werden weiterbestehen, aber entsprechend unserem im vergangenen Jahr verabschiedeten Haushaltsgesetz ist die staatliche Finanzierung für unsere Einrichtungen in München und Hamburg verringert worden. Die Tatsache, daß sie so lange bestanden haben, zeugt von der Bedeutung der deutsch-amerikanischen Beziehungen. Ähnliche Institutionen existieren in Frankreich und Großbritannien bereits seit Jahren nicht mehr. Heute gibt das US-Informationsamt (United States Information Service – USIS) immer noch mehr als die Hälfte seines Europa-Etats für Deutschland aus.

Diese Tatsachen allein sollten zeigen, daß die Vereinigten Staaten weiterhin einen wesentlichen Beitrag zu Informations- und Kulturaktivitäten in München und Bayern leisten werden. Unsere neue Nachschlagebibliothek im Generalkonsulat ist die beste ihrer Art. Die Unterstützung für Kulturprogramme und Diskussionen wird fortgesetzt. Wir haben in Form von Finanzmitteln und Sachspenden einen großen Beitrag zu dem neuen Bayerisch-Amerikanischen Zentrum geleistet. Aber die vollständige Finanzierung eines offiziellen Kulturzentrums war nicht länger möglich.

Diese Notwendigkeit hat eine bedeutende Chance hervorgebracht. Insbesondere in München ist es an der Zeit, mit neuen Formen von Dialog und Austausch zu experimentieren. Es ist zweifelsohne nicht mehr nötig, amerikanische Kultur und Kunst nach Bayern zu bringen. Dieser Bedarf wird über private Kanäle mehr als gedeckt. Amerikanische Ideen und Modelle sind ebenfalls reichlich vorhanden.

Erforderlich ist der innovative Dialog, den das neue Bayerisch-Amerikanische Zentrum bieten kann:

    Einbeziehung vieler verschiedener gesellschaftlicher Gruppen in die Planung und Durchführung der Prüfung neuer Formen der Zusammenarbeit über den Atlantik hinweg.

Ein neues deutsch-amerikanisches Entscheidungsgremium wird beschließen müssen, was geschehen soll und wie es geschieht;

Ein Dach für die zahlreichen Einzelinitiativen, die unsere Beziehungen seit Jahren bereichern.

Neue Programme, die Zusammenarbeit in Bereichen gestalten können, in denen sie normalerweise nicht von einer traditionellen Einrichtung dieser Art abgewickelt wird.

Ich bin stolz sagen zu können, daß die Reaktion auf diese neue Herausforderung großartig war. Die bayerische Regierung hat großzügig Mittel und Ideen beigesteuert. Unser Gebäude wird erhalten. Seine Programme werden im neuen Jahr ohne Unterbrechung fortgesetzt. Wir können uns besonders glücklich schätzen, daß Dr. Chris Peters – seit mehr als 34 Jahren selbst eine Institution – weiterhin die Programme und die neue Institution leiten wird. Ich bin sicher, daß jeder unter den Zuhörern des heutigen Abends meine Bewunderung für die von ihm geleistete Arbeit teilt.

Besonders glücklich schätzen können wir uns auch, daß eine sehr aktive Gruppe von Sponsoren und Förderern am Aufbau einer Organisation mitwirkt, die dazu beitragen kann, den Erfolg der neuen Unternehmung sicherzustellen. Ich bezweifle nicht, daß das Amerika Haus in Zukunft Stätte eines noch lebhafteren Dialogs sein wird als in der Vergangenheit.

Definition eines neuen Zeitalters

Soviel zur Organisation. Was geschieht mit der hervorragenden Arbeit, die wir am heutigen Abend feiern? Ich hoffe, daß dieses innovative Unterfangen die Kontakte zwischen Bayern und den Vereinigten Staaten mehr als festigen wird. Ich hoffe, daß wir in diesem innovativsten Teil Deutschlands eine Definition der deutsch-amerikanischen Zusammenarbeit beginnen können, die bis weit ins nächste Jahrhundert hinein ihren Zweck erfüllt.

Was meine ich, wenn ich von der Notwendigkeit einer neuen Definition spreche? Offensichtlich meine ich keine neue Grundlage oder grundlegende Neuorientierung, wie ich manchen Presseberichten zufolge angeblich vorgeschlagen habe. Die Grundlage unserer Partnerschaft war nie stärker. Aber eine neue Arbeitsweise und eine geänderte Definition unserer gegenseitigen Rollen wären nützlich. Ein kurzer geschichtlicher Rückblick wird dazu beitragen, die Szenerie zu beschreiben.

Deutschland und Amerika sind aus verschiedenen Gründen natürliche Partner geworden. Wir haben in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg zusammen eine neue Friedensstruktur in Europa geschaffen – eine Struktur, die auf der Grundlage neuer Beziehungen über den Atlantik hinweg ruht.

Die Vereinigten Staaten unterhalten natürlich enge, kooperative Beziehungen zu zahlreichen Verbündeten in Europa. Aber es war Deutschland, mit dem wir die neue Nachkriegsdefinition unserer Welt erarbeiteten. Deutschland hatte sogar vor 1945 viel mit den Vereinigten Staaten gemein. Unsere natürliche Freundschaft war jedoch von den Nazis zerstört worden und in einem grausamen Krieg untergegangen. Nach 1945 war es nicht möglich, einfach dort weiterzumachen, wo wir aufgehört hatten. Wir mußten etwas völlig Neues schaffen.

Dieses völlig Neue ging aus den Herausforderungen des Kalten Krieges und der Bedrohung der Demokratie in ganz Europa durch die Sowjetunion hervor. Unsere gegenseitige Antwort auf die Berlin-Blockade – Festigkeit und Mut auf Seiten der Deutschen und Amerikaner gleichermaßen – stellte die Weichen für die Schaffung einer integrierten Vision von einem neuen Europa.

Jeder von uns hatte eine wichtige Rolle. Amerika bot die Vision, die Mittel und die Verpflichtung, sich in der neuen atlantischen Gemeinschaft weiterhin zu engagieren, die aus dem alten europäischen Gleichgewicht entstanden war, das durch den Zweiten Weltkrieg zerstört wurde.

Deutschland brachte Energie, Mut und eine Vision von Demokratie in Deutschland und Europa ein, die aus der dauerhaften Gemeinschaft über den Atlantik hinweg erwuchs. Eine treibende Kraft dieser Zusammenarbeit war Notwendigkeit. Deutschland hatte dringenden Bedarf an Freunden und Ressourcen. Amerika war die einzige verfügbare Quelle. Amerika benötigte eine feste Grundlage im Zentrum Europas, auf der es die Vision von Demokratie auf dem gesamten Kontinent verwirklichen konnte. Deutschland war der naheliegende Partner.

Eine weitere treibende Kraft war emotioneller Natur. Kurz nach dem Krieg entdeckten wir die große Übereinstimmung von Einstellung und Ansatz unserer beiden Länder wieder. Deutschland und Amerika gingen aufgrund der starken Ähnlichkeit unserer Völker und Gesellschaften eine natürliche Partnerschaft ein. Ich weiß, daß ich darüber hier in Bayern nicht viel sagen muß. Hier fühlen wir Amerikaner uns wirklich zu Hause. Aber dieser im Grunde genommen gleiche Ansatz zeigt sich in ganz Deutschland, wie ich auf meinen Reisen durch die neuen Bundesländer entdecken konnte. Nachdem die Herausforderungen der Nachkriegszeit bewältigt sind, bieten Deutschland und Amerika die Definition für die übrige atlantische Welt.

Eine historische Errungenschaft dieser Partnerschaft war die Wiedervereinigung Deutschlands. Die Rückkehr der Freiheit nach ganz Deutschland schloß ein leidvolles Kapitel der deutschen und europäischen Geschichte. Gleichzeitig war dies ein charakteristisches Moment einer neuen und sogar noch hoffnungsvolleren Phase unserer Bestrebungen, eine sogar noch kraftvollere transatlantische Gemeinschaft aufzubauen.

Amerika war aus zweierlei Gründen ein wesentliches Element bei der Wiedervereinigung: Wir glaubten unbeirrt an das Ziel eines geeinten Deutschlands, und wir hatten die Mittel, dazu einen Beitrag zu leisten. Unsere Vision von Deutschland und Europa war nicht von historischen Ressentiments oder Konkurrenzdenken verdunkelt. Und unsere führenden Politiker hatten die Kraft und die Ressourcen sicherzustellen, daß Bundeskanzler Kohls Vision von einem geeinten Deutschland, das sowohl in Europa als auch in die atlantische Welt integriert ist, erfolgreich umgesetzt werden konnte.

Eine Agenda für die Zukunft

Diese Stärken – Offenheit und Wille – sind auch die beiden Pfeiler der nächsten Phase unserer Partnerschaft. Deutschland und die Vereinigten Staaten sind offene Gesellschaften, die am Scheideweg des Wandels stehen. Wir sind, jeder auf seine Weise, ein Magnet für die neuen und oftmals beunruhigenden Tendenzen auf der ganzen Welt. Jeder von uns hat die Fähigkeit, diese Veränderungen zu verarbeiten und sich daran anzupassen. Wir sind ein Meister darin, neue Lösungen vorzuschlagen. Jeder von uns ist Teil des Rückgrats der neuen demokratischen Welt, die wir über den Atlantik hinweg und in ganz Europa aufbauen wollen.

Ein Beweis für dieses neue Zeitalter ist die lange Agenda von Themen, an denen wir gemeinsam arbeiten – auf bilateraler Ebene und in Zusammenarbeit mit unseren europäischen Partnern und Verbündeten. Die traditionelle Sicherheitsagenda wurde von einem komplexen Programm der Herausforderungen auf ganz unterschiedlichen Gebieten abgelöst: Zusammenarbeit im Weltraum, Biotechnologie und Nahrungsmittelproduktion, Beziehungen zu sogenannten verbrecherischen Staaten, der Aufbau von Demokratie in Zentral- und Osteuropa sowie die Friedensmission in Bosnien.

Oftmals konzentrieren sich diese Fragen auf unser gemeinsames Streben nach der Vollendung Europas, um es mit den Worten von Altbundespräsident Richard von Weizsäcker auszudrücken. Wir sind die beiden wichtigsten Partner bei der Erlangung der demokratischen Integration der neuen Demokratien in ein friedliches und prosperierendes Europa. Unser gemeinsamer Erfolg beim Aufbau einer neuen NATO ist nur ein Beispiel für diese wichtige Zusammenarbeit.

Unsere gemeinsamen Bestrebungen konzentrieren sich in zunehmendem Maße auf Fragen von weltweiter Bedeutung. Die Bewältigung der Herausforderungen der Gesellschaft in der Zeit nach dem Ende des Kalten Krieges und im Informationszeitalter sind in dieser Hinsicht von besonderer Bedeutung. Wir sind nicht immer derselben Meinung. Aber in den meisten Fällen sind es Deutschland und Amerika, die bei der Lösung des Problems eine zentrale Rolle spielen. Wenn unsere beiden Länder diesen pragmatischen Ansatz wählen, können wir beim Umgang mit den neuen Herausforderungen auf kooperativer Basis helfen, selbst wenn wir nicht in allen Einzelheiten übereinstimmen. Und die deutsch-amerikanische Zusammenarbeit trägt dazu bei, die atlantische Harmonie mit ganz Europa zu gewährleisten. Gemeinsam werden wir zur Stärkung der wesentlichen Rolle der EU beitragen.

Wenn diese neue Zusammenarbeit wirklich erfolgreich sein soll, müssen wir die neue Definition einen Schritt weiter führen. Wie wir damit umgehen, hängt stark von unserem Erfolg ab, die grundlegende Dynamik unserer Partnerschaft zu verstehen. Die Welt hat sich so grundlegend verändert, daß neue Konzepte erforderlich sind.

Vor 1990 waren die zahlreichen Facetten unserer Beziehungen von der überwältigenden Bedeutung der Sicherheit überschattet – von der Rolle der Vereinigten Staaten bei der Verteidigung Deutschlands und Europas gegen die Sowjetunion; und von der Rolle Deutschlands, die Festung für diese Verteidigung zu bieten. Amerika war gleichermaßen die Großmacht und das gesellschaftliche Modell. Der Beitrag Deutschlands bestand vor allem darin, beim Wiederaufbau von Demokratie und Wirtschaft erfolgreich zu sein und zur militärischen Verteidigung beizutragen. Es war eine äußerst erfolgreiche Beziehung. Sie war jedoch in vieler Hinsicht auch eindimensional – jeder spielte eine Rolle, aber das aus der wechselseitigen Abhängigkeit geborene Gefühl der Unsicherheit stellte oft einen beschränkenden Faktor dar.

Einige Beispiele: Die Fixierung der Vereinigten Staaten auf die Wirtschaft und die innenpolitische Dynamik Deutschlands war oft übertrieben. Als junge Diplomaten mußten wir in den sechziger Jahren über jedes Auf und Ab der politischen Landschaft berichten. Tatsächlich bestand eine der traditionellen Rollen der Amerika Häuser darin sicherzustellen, daß sich der politische Dialog in Deutschland in die richtige Richtung bewegte.

Die Deutschen wiederum schrieben die dramatischsten Gefahren auf Aspekte der amerikanischen Politik zurück, die der Sache der Stabilität in Europa nicht direkt dienlich erschienen. Am dramatischsten war vielleicht die Debatte über die Stationierung von Mittelstreckenraketen in Europa in den achtziger Jahren. Auch 1990, zu Beginn des Golfkriegs, gab es eine äußerst emotionale Reaktion.

Ich freue mich sagen zu können, daß viele dieser gegenseitigen Tendenzen bereits verschwunden sind. Bei meiner Rückkehr nach Deutschland nach zehnjähriger Abwesenheit bin ich von der Normalität der politischen und sozialen Debatte in diesem Land beeindruckt. Ich weiß, daß es Kontroversen gibt. Und Probleme sind wichtig. Aber bei der Debatte geht es um konkrete künftige Herausforderungen, nicht um echte oder imaginäre Ängste, die aus der Unsicherheit des Kalten Krieges resultieren.

Vom amerikanischen Standpunkt aus kann ich hinzufügen, daß unsere Einstellung zu Deutschland sich schnell über die traditionellen Fragen europäischer Sicherheit hinausbewegt. Unsere Botschaft in Bonn und Berlin hat eine Agenda, die praktisch jede wichtige Frage unserer Zeit beinhaltet. Deutschland ist ein natürlicher und produktiver Partner – sowohl bilateral als auch als wichtiger Teilnehmer an der sich schnell vertiefenden europäischen Integration. Wir sind wahrhaft Partner, die füreinander und für die Welt unentbehrlich sind.

Die Rolle Amerikas

Es ist auch eine neue Herausforderung entstanden – für unsere beiden Länder. Diese Arbeit kann das Bayerisch-Amerikanische Zentrum vielleicht am besten leisten. Es geht um die Verpflichtung, sich mit der Rolle Amerikas in einer Welt ohne Konfrontation auseinanderzusetzen. „America the Inescapable“ nannte es Josef Joffe in der New York Times.

Dieses Phänomen wird auf vielerlei Weise offensichtlich. Es gibt ein unausgesprochenes Unbehagen angesichts der kulturellen und politischen Hegemonie Amerikas. Man verdächtigt uns, Pläne für eine weltweite Vorherrschaft zu schmieden, selbst wenn die Beweise auf das Gegenteil hindeuten. Die außenpolitische Führungsrolle der Vereinigten Staaten kann bisweilen anmaßend erscheinen, aber Präsident Clinton hat persönlich die Notwendigkeit einer kooperativen amerikanischen Einstellung zur Führungsrolle in diesem neuen Zeitalter betont. Dies ist in Deutschland weniger ein Thema als in einigen anderen Teilen Europas, aber ich habe auch hier davon reden gehört.

Dann gibt es Amerika als gesellschaftliches und wirtschaftliches Modell. Während meiner frühen Tage in Deutschland war die Einstellung zu Amerika überwältigend positiv. Wir waren für viele ein Vorbild. Später wurden wir für manche Deutschen zum Beispiel für alles, was moderne Gesellschaften nicht tun sollten. Jetzt werden wir wieder überall beneidet. Wir sind tatsächlich stolz auf unsere Gesellschaft und ihre jüngsten Leistungen. Sie wurden durch harte Arbeit und viele Debatten möglich. Wir können anderen manches beibringen. Aber wir sind kein Modell.

Schließlich gibt es Amerika als Philosophie. Es gibt einen „American way of life“, der immer noch eine der revolutionärsten Philosophien in der Menschheitsgeschichte darstellt. Wir glauben an Gerechtigkeit und Offenheit. Wir beurteilen die Menschen nach dem, was sie können; nicht danach, wer sie sind und woher sie kommen. Es ist leicht, sich in Amerika und im Umgang mit Amerikanern wohlzufühlen, ungeachtet der eigenen Herkunft. Diese Offenheit bringt Kreativität und Leistung hervor. Sie ist eines der Geheimnisse unseres Erfolgs.

Europa und Deutschland sind folglich mit Beziehungen zu mehreren Amerikas gleichzeitig konfrontiert. Wir sind in politischer und militärischer Hinsicht die wichtigste Macht in Europa und auf der Welt. Ohne unser Engagement könnte es keine europäische Stabilität geben. Gleichzeitig definieren wir den Rahmen für einen Großteil der sozialen und technologischen Fortschritte Ende des 20. Jahrhunderts. Unsere Dynamik scheint manchmal genau die Unabhängigkeit und das Verantwortungsbewußtsein zu hemmen, die wir bei anderen – insbesondere in Deutschland – fördern wollen. Manchmal schafft es Unmut, der amerikanischen Führung bei Fragen folgen zu müssen, auf die wir Amerikaner eindeutig nicht alle Antworten haben. Das Fehlen einer offenen militärischen Konfrontation erschwert es bisweilen noch mehr, unsere Macht zu akzeptieren.

Es deutet nichts darauf hin, daß die sich selbst reproduzierende Dynamik der Vereinigten Staaten abnehmen wird – egal was der Konjunkturzyklus uns bringen mag. Während die europäische Welt ihren Bürgerkrieg des 20. Jahrhunderts beendete, wurden die Vereinigten Staaten allmählich zum Sammelbecken für soziale und technologische Innovationen auf der ganzen Welt.

Letztlich liegt die Stärke unseres Landes nicht in seinen Armeen oder seiner Währung. Unsere wirkliche Stärke wird unsere Fähigkeit sein, Ideen und Aktionen hervorzubringen und Probleme auf unerwartete Weise zu lösen. Wir ziehen die Begabungen von Menschen verschiedener Nationalität und Herkunft an und „amerikanisieren“ sie auf ziemlich ungewöhnliche Weise. Diese neuen Amerikaner übernehmen nicht notwendigerweise die Gebräuche unserer europäischen Vergangenheit. Aber sie übernehmen Amerika als System und als Philosophie und machen es stärker.

Ein Großteil dieser Ereignisse hat unabhängig von der Politik der US-Administration stattgefunden – egal welche Partei an der Macht war. Das Votum des amerikanischen Kongresses beeinflußt sie nicht oft. Selbst wenn wir uns manchmal über Tendenzen in unserer Politik Sorgen machen, uns nach innen zu wenden, hat sich die Zahl der Amerikaner, die im Ausland leben und arbeiten, in den letzten zehn Jahren nahezu verdoppelt. Die Ergebnisse unseres einzigartigen Systems werden nicht als offizielle Kultur oder Außenpolitik exportiert, sondern als die Synthese von Ideen, die oft von anderen in unser Land gebracht worden sind.

Wenn wir diesen Aspekt der amerikanischen Realität besser verstehen, werden wir erfolgreicher bei der Formulierung einer neuen Definition der deutsch-amerikanischen Partnerschaft sein. Zum Beispiel: Es sind nicht die äußerlichen Beispiele der Beziehungen, die wichtig sind. Zunehmend wird es auch der gesellschaftliche und wirtschaftliche Rahmen sein, der unsere neue Welt definiert. Anstatt sich über Europa und Amerika als separate Gebilde Sorgen zu machen, definieren unsere Geschäftsleute und Wissenschaftler auf der Basis unserer integrierten Bestrebungen eine gemeinsame Realität. Amerikanische und europäische Unternehmen haben gleichermaßen Teil an den Ergebnissen der sogenannten „Globalisierung“.

Traditionelle Definitionen von Partnerschaft und nationalem Interesse passen nicht in diese neue Situation. Die Amerikaner selbst haben oft Schwierigkeiten, die Auswirkungen dieser neuen Art weltweiter Synthese zu verstehen, die von ihrer Gesellschaft hervorgebracht wird. Die etablierten außenpolitischen Instrumente haben keinen Einfluß auf den machtvollen Wandel, der stattfindet. Um nur ein Beispiel zu nennen: Der US-Dollar ist weltweit so sehr zu einer gemeinsamen Währung geworden, daß seine Fälschung zu einem „globalisierten“ Handel großen Stils geworden ist. Unsere Regierungen geben jährlich Millionen in dem Versuch aus, dem entgegenzuwirken.

Sowohl Freunde der Vereinigten Staaten als auch die Amerikaner selbst sind öfters durch diesen Trend verwirrt. Wie sieht die Zukunft der sogenannten gleichgewichtigen Partnerschaft aus, wenn der überwältigende Einfluß der Vereinigten Staaten mit jedem Jahr stärker zu werden scheint? Wie und wann sollen Amerikaner ihren Einfluß geltend machen? Was tun wir, wenn Partner sich nicht beteiligen können oder wollen? Wie können Alternativen zu amerikanischen Lösungen, von denen viele logisch und wichtig sind, in diesem zunehmend amerikanischen Äther noch gehört werden? Ich möchte ein paar einfache Gedanken anbringen. Sie stellen keine Lösungen dar, könnten bei unserer Suche nach einer neuen Definition, die ich bereits angesprochen habe, jedoch hilfreich sein:

    Visionen sind nicht die Antwort. Insbesondere die atlantische Welt sollte sich nicht mit Debatten darüber beschäftigen, wer gleichberechtigter oder wer mehr im Recht ist. Wir haben einen gemeinsamen Rahmen für Zusammenarbeit geschaffen. Wir sollten zulassen, daß er funktioniert.

Es gibt kein Monopol auf gute Ideen. Die Europäer fragen oft, wann Amerika sie wie gleichberechtigte Partner behandeln wird. Auf vielen Gebieten tun wir das bereits. Auf einigen Gebieten, wie dem Handel, haben wir es mit einer europäischen Supermacht zu tun. Aber der Wunsch nach Einheit sollte nicht benutzt werden, um neue Ideen oder Wandel abzublocken. Die europäischen Methoden sind nicht genau die gleichen wie die der Amerikaner, aber sie sollten auch nicht als Vorwand für andere Interessen benutzt werden. Was zählt, ist der Inhalt.

Abhängigkeit liegt im Auge des Betrachters. Wer jedoch versucht, die Dinge nur aus dem Grund anders zu machen als Amerika, um nicht abhängig zu erscheinen, schlägt fehl. Einer der faszinierendsten Aspekte dieser neuen amerikanischen Dynamik liegt darin, daß sie nicht imperialistisch im traditionellen Sinne ist. Wir entwickeln Lösungen, keine Gesellschaftsmodelle. Die Innovationen eines multikulturellen Amerikas sind per definitionem das Produkt zahlreicher Kulturen und können sich für Situationen innerhalb und außerhalb Amerikas eignen.

Die Bedeutung des Dialogs

Warum ist es dann so entscheidend, daß unser neues Bayerisch-Amerikanisches Zentrum Erfolg hat? Weil die Lösungen für viele der von mir hier angesprochenen Fragen im Dialog und in gemeinsamen Bestrebungen liegen – nicht in konkurrierenden Definitionen der Realität. Die neue Definition der deutsch-amerikanischen Partnerschaft wird wahrscheinlich ebenso aus praktischer Zusammenarbeit hervorgehen wie aus Zukunftsvisionen. Wir haben eine starke Grundlage. Darauf müssen wir aufbauen.

Es gibt sowohl Herausforderungen als auch Chancen. Die traditionelle Vorgehensweise wird auch in Zukunft unter Druck geraten. Es wird Differenzen und sogar Kontroversen geben. Der Fortschritt mag oft langsam, der Druck des Wandels manchmal überwältigend erscheinen. Viele derselben Kriterien hätten auf die ersten Jahre unserer Partnerschaft vor 50 Jahren angewendet werden können. Mehr als 45 Jahre lang hat das Amerika Haus München als Podium für die Herausforderungen des Wandels gedient. Wir haben unsere Aufgaben brillant erfüllt.

Das neue Bayerisch-Amerikanische Zentrum ist mit einer ähnlichen Herausforderung konfrontiert. Ich wollte einige Gedanken darüber darlegen, was es tun sollte. Was wir jetzt alle tun sollten, ist, es startklar zu machen. Ich sage Ihnen mein vollständiges persönliches Engagement und das meiner Regierung für den Erfolg dieser Bestrebungen zu. Ich weiß, daß die Menschen in München und Bayern diese Herausforderung ebenso deutlich sehen.