Optimismus bezüglich der Eindämmung von Emissionen

KYOTO – (AD) – Nachfolgend veröffentlichen wir die von Vizepräsident Gore beim Klimagipfel in Kyoto am 8. Dezember 1997 gehaltenen Rede.

Ministerpräsident Hashimoto und Präsident Figueres, Präsident Kinza Clodumar, verehrte Staats- und Regierungschefs, sehr geehrte Delegierte, meine Damen und Herren.

Es ist mir eine Ehre, bei dieser historischen Zusammenkunft in dieser alten Hauptstadt von solcher Schönheit und Anmut anwesend sein zu dürfen. Im Namen von Präsident Clinton und stellvertretend für das amerikanische Volk und unseren Unterhändler, Botschafter Stu Eizenstat, möchte ich unseren japanischen Gastgebern herzlich für ihre großzügige Gastfreundschaft danken und vor allem Ihnen, Herr Ministerpräsident Hashimoto, sowie unseren anderen Vorsitzenden – Minister Ohki und Botschafter Estrada – besonderen Dank für ihre harte Arbeit und Führungsrolle aussprechen.

Seit unserem Treffen bei der Konferenz von Rio 1992 haben wir mit wissenschaftlichem Konsens und politischem Willen viel erreicht. Wenn wir einen Moment innehalten und um uns blicken, können wir sehen, wie außergewöhnlich diese Zusammenkunft wirklich ist.

Wir haben in der Entwicklung der menschlichen Zivilisation ein grundlegend neues Stadium erreicht, in dem es erforderlich ist, die Verantwortung für die jüngste, aber tiefgreifende Veränderung in den Beziehungen zwischen unseren Arten und unserem Planeten zu übernehmen. Aufgrund unserer neuen technologischen Macht und unserer zunehmenden Bevölkerung müssen wir jetzt die Konsequenzen dessen sorgfältig abwägen, was wir der Erde antun – insbesondere der Atmosphäre.

Auch andere Teile des ökologischen Systems der Erde werden von den immer härteren Auswirkungen gedankenlosen Verhaltens bedroht:

 Die Vergiftung zu vieler Orte, an denen Menschen – insbesondere arme Menschen – leben, und der Tod zu vieler Kinder – insbesondere armer Kinder – durch verschmutztes Wasser und schmutzige Luft.

Die gefährliche und nicht haltbare Überfischung der Ozeane.

Die rasche Zerstörung entscheidender Lebensräume – Regenwälder, gemäßigte und boreale Wälder, Feuchtgebiete, Korallenriffe und andere kostbare Quellen genetischer Vielfalt, von der die Zukunft der Menschheit abhängt.

Aber der verletzlichste Teil der Umwelt ist die äußerst dünne Schicht von Luft in der Nähe der Oberfläche des Planeten, in die wir jetzt so fahrlässig Gase emittieren, daß wir die Beziehungen zwischen der Erde und der Sonne verändern – indem wir mehr Solarstrahlung unter dieser die gesamte Erde umgebenden wachsenden Decke von Verschmutzung ansammeln.

Die zusätzliche Hitze, die nicht entweichen kann, beginnt die globalen Muster des Klimas zu verändern, an das wir so gewöhnt sind und an das wir uns in den vergangenen 10.000 Jahren angepaßt haben.

Letzte Woche haben wir von Wissenschaftlern erfahren, daß dieses Jahr – 1977 – von dem nur noch drei Wochen übrig sind, seit der statistischen Erfassung das heißeste Jahr sein wird. In der Tat hatten wir in den vergangenen 10 Jahren 90 Prozent der heißesten Jahre. Der Trend ist eindeutig. Wenn wir nicht handeln, sind die Konsequenzen für den Menschen – und die wirtschaftlichen Kosten – undenkbar. Mehr Rekordüberschwemmungen und Dürren. Krankheiten und Seuchen, die sich auf neue Gebiete ausbreiten. Mißernten und Hungersnöte. Schmelzende Gletscher, schlimmere Stürme und steigende Meeresspiegel.

Unsere grundlegende Herausforderung besteht jetzt darin herauszufinden, ob und wie wir die Verhaltensweisen ändern können, die das Problem verursachen.

Das erfordert Bescheidenheit, weil die geistigen Wurzeln unserer Krise Hochmut und das mangelnde Verständnis sind, unsere Verbindungen zu Gottes Erde und untereinander zu verstehen und zu respektieren.

Jede der hier vertretenden 160 Nationen hat einzigartige Perspektiven unterbreitet, aber wir alle wissen, daß unsere Arbeit in Kyoto nur der Anfang ist. Keiner der hier erörterten Vorschläge wird alleine das Problem vollständig lösen. Aber wenn wir hier den richtigen Anfang machen, können wir rasch Dynamik entwickeln, während wir gemeinsam lernen, diese Herausforderung zu bewältigen. Unser erster Schritt sollte in der Festsetzung realistischer und erreichbarer, bindender Emissionsobergrenzen bestehen, die neue Märkte für neue Technologien und Ideen schaffen, die wiederum die Grenzen des Möglichen erweitern und zu neuer Hoffnung berechtigen. Dann werden andere Schritte folgen. Und dann werden wir letztlich ein sicheres Gesamtkonzentrationsniveau für Treibhausgase in der Atmosphäre erreichen.

Das ist der schrittweise Ansatz, den wir vor 10 Jahren in Montreal vereinbart haben, um das Problem des Abbaus der Ozonschicht anzugehen. Und er funktioniert.

Dieses Mal erfordert der Erfolg vor allem, daß wir die Meinungsverschiedenheiten unter uns überwinden.

Die wichtigste Aufgabe für die Industrienationen besteht darin, den drängendsten Problemen der Entwicklungsländer ihr Ohr zu leihen. Und ich darf sagen, die Vereinigten Staaten haben zugehört und gelernt.

Wir sind uns bewußt, daß es unsere erste Priorität ist, unsere Bürger aus der Armut zu befreien, die so viele von ihnen ertragen müssen, und starke Volkswirtschaften aufzubauen, die eine besser Zukunft gewährleisten. Das ist Ihr Recht: Es wird Ihnen nicht verweigert.

Und ich möchte Ihnen eine klare Antwort geben: Wir wollen nicht aufgrund einer falschen Prämisse scheitern. Die Milderung der Armut und der Schutz der Umwelt sind beides entscheidende Komponenten einer wirklich nachhaltigen Entwicklung. Wir möchten eine dauerhafte Partnerschaft schmieden, um eine bessere Zukunft zu erlangen. Ein Schlüssel dazu ist die Mobilisierung neuer Investitionen in Ihren Ländern um sicherzustellen, daß Sie einen höheren Lebensstandard mit modernen, sauberen und effizienten Technologien haben.

Das streben unsere Vorschläge für den Handel mit Emissionszertifikaten und die gemeinsame Umsetzung an.

An unsere Partner in den Industrienationen gerichtet möchte ich sagen, daß wir auch Ihnen zugehört und von Ihnen gelernt haben. Wir sind uns bewußt, daß wir zwar ein gemeinsames Ziel haben, jeder von uns sich jedoch mit einzigartigen Herausforderungen konfrontiert sieht.

Sie haben hier Führungsstärke bewiesen, und dafür sind wir dankbar. Wir sind nach Kyoto gekommen, um neue Wege zur Überbrückung unserer Differenzen zu finden. Dabei dürfen wir jedoch nicht in unserer Entschlossenheit nachlassen. Die Vereinigten Staaten verpflichten sich ihrerseits weiterhin zu einer starken, bindenden Obergrenze, die unsere eigenen Emissionen um nahezu 30 Prozent verringert – eine Verpflichtung, die so stark oder stärker ist als alles, was wir hier von einem anderen Land gehört haben. Nun ist es das Gebot der Stunde hier, das zu tun, was wir versprechen, statt etwas zu versprechen, was wir nicht tun können.

Wir alle müssen natürlich die Worte derjenigen verwerfen, die uns glauben machen wollen, daß es überhaupt kein Problem gibt. Wir kennen ihre Argumente – wir haben im gesamten Verlauf der Geschichte ähnliche gehört. In meinem Land erinnern wir uns beispielsweise an den Sprecher des Tabakunternehmens, der so lange insistiert hat, daß Rauchen nicht schadet. Denen, die versuchen, Verwirrung zu stiften und zu uns behindern, sagen wir: Wir werden nicht zulassen, daß Ihr Eure persönlichen Interessen über die Interessen der gesamten Menschheit stellt.

Was schlagen die Vereinigten Staaten also vor, was sie tun sollten?

An erster Stelle jedes Vorschlags muß sein Verdienst für die Umwelt stehen, und unserer ist umweltpolitisch solide.

Es ist stark und umfassend und deckt sechs wichtige Treibhausgase ab. Er trägt der Verbindung zwischen Luft und Land Rechnung und bezieht Quellen und Senken ein. Er bietet die Instrumente um sicherzustellen, daß Obergrenzen eingehalten werden können – indem er den Handel mit Emissionszertifikaten, gemeinsame Umsetzung und Forschung als mächtige Motoren der technologischen Entwicklung und des Transfers anbietet. Er reduziert die Emissionen im Jahr 2012 und darüber hinaus weiter – unter die Grenzen von 1990. Er stellt die Mittel zur Verfügung um zu gewährleisten, daß alle Nationen uns bei der Bewältigung dieser gemeinsamen Herausforderung zu ihren eigenen Bedingungen folgen.

Er ist auch wirtschaftlich solide. Und bei strenger Überwachung und Rechenschaftspflicht gewährleistet er, daß wir unsere Verbindungen untereinander halten.

Unabhängig davon, ob hier Einigung erzielt wird oder nicht werden wir konkrete Schritte zur Bewältigung dieser Herausforderung unternehmen. Präsident Clinton und ich wissen, daß es unsere oberste Pflicht ist, dieses Thema bei uns zu Hause anzusprechen. Ich verspreche Ihnen heute, daß die Vereinigten Staaten bereit sind zu handeln – und handeln werden.

Ich meinerseits bin hierhin nach Kyoto gekommen, weil ich sowohl entschlossen als auch optimistisch bin, daß wir Erfolg haben können. Meines Erachtens haben wir schon durch unser Treffen in Kyoto einen größeren Sieg errungen – einen Sieg des Inhalts und des Geistes. Ich habe keinen Zweifel, daß der von uns hier begonnene Prozeß in den kommenden Tagen oder Jahren unweigerlich zu einer Lösung führen wird.

Einige von Ihnen hier haben vielleicht aus ihren Hauptstädten gehört, daß Präsident Clinton und ich unablässig telefoniert haben, um zu konsultieren und neue Ideen auszutauschen. Heute möchte ich folgendes hinzufügen. Nachdem ich heute morgen mit unseren Unterhändlern gesprochen und von hier aus vor kurzem mit Präsident Clinton telefoniert habe, weise ich unsere Delegation jetzt an, zunehmende Flexibilität bei den Verhandlungen zu zeigen, wenn ein umfassender Plan in die Praxis umgesetzt werden kann – ein Plan mit realistischen Obergrenzen und Zeitplänen, Marktmechanismen und der konstruktiven Beteiligung der wichtigsten Entwicklungsländer.

Anfang dieses Jahrhunderts schrieb der schottische Bergsteiger W.H. Murray:

 „Bis man sich verpflichtet, gibt es ein Zögern, die Chance eines Rückzugs und immer Ineffektivität. Im Hinblick auf alle Initiativen … gibt es eine grundlegende Wahrheit, die zahllose Ideen und hervorragende Pläne zerstört, wenn man sie nicht kennt: Daß in dem Moment, in dem man sich verpflichtet, auch die Vorsehung eingreift.“

Lassen Sie uns also weitermachen. Lassen Sie uns geloben, uns so zu verhalten, daß unsere Enkelkinder über den „Geist von Kyoto“ lesen und den Ort und die Zeit erinnern, als die Menschheit sich zum ersten Mal entschied, gemeinsam eine langfristige Beziehung zwischen unserer Zivilisation und der Umwelt einzugehen.

In diesem Geiste wollen wir unsere Differenzen überwinden und uns der Sicherung unseres gemeinsamen Schicksals verpflichten: Eines ungeteilten und gesunden Planeten, dessen Nationen im Frieden, wohlhabend und frei und dessen Menschen überall in der Lage sind, das ihnen von Gott gegebene Potential zu verwirklichen.

Ich danke Ihnen.