Feierlicher Gedenkakt zum Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Flossenbürg

Ambassador Grenell lays a wreath at the Dietrich Bonhoeffer memorial in Flossenbürg Concentration Camp

Anlässlich des feierlichen Gedenkaktes zum Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Flossenbürg hielt US-Botschafter Richard Grenell am 14. April 2019 eine Rede.

Vielen Dank. Es ist mir eine Ehre, heute hier zu sein.

Die Anwesenheit meines Freundes Jack Terry erfüllt mich mit besonderer Demut.

Jack wuchs in einfachen Verhältnissen im Osten Polens auf. Nach dem Überfall auf Polen 1939 fielen auch seine Angehörigen den Massakern der Nazis zum Opfer. 1944, als er 14 Jahre alt war, wurde Jack hier in Flossenbürg inhaftiert.

Als die Amerikaner im Frühjahr 1945 näher rückten, evakuierten die Nazis Flossenbürg. Jack aber versteckte sich in einem unterirdischen Belüftungsschacht, bis das Lager durch die U.S. Army befreit wurde. Er war der jüngste Überlebende Flossenbürgs – und der einzige Überlebende aus seiner Familie. Mit 15 Jahren war er ganz allein auf der Welt. Mir hat er gesagt: „Ich wollte einfach nur gewollt werden.“

Jack, heute können wir dir alle sagen: Du wirst nicht nur gewollt. Du wirst gebraucht.

Das jüdische Recht lehrt uns: Wer ein Menschenleben zerstört, der zerstört eine ganze Welt. Vor 74 Jahren waren 100.000 Menschen in Flossenbürg inhaftiert, und 30.000 Welten wurden zerstört.

Das Konzentrationslager wurde im Mai 1938 auf Befehl Heinrich Himmlers gebaut und im April 1945 von der 97. Infanteriedivision der U.S. Army befreit. Es gibt keine Worte für das, was in dieser Zeit hier geschah. Ich werde gar nicht erst versuchen, zu wiederholen, was Tausende von den Geschehnissen betroffene Frauen und Männer bereits gesagt haben.

Stattdessen möchte ich über das Leben eines KZ-Häftlings sprechen, der in Flossenbürg starb, und darüber, wie sein Leben und seine Welt mich berührt haben.

Dietrich Bonhoeffer stammte aus Breslau und war Pfarrer und Theologe. Sein Kampf gegen die NS-Rassenlehre über Juden machte ihn 1933 zu einem der ersten Gegner Hitlers. Bonhoeffer entschied sich 1939 dagegen, als Flüchtling in den Vereinigten Staaten zu bleiben. Er kehrte nach Deutschland zurück, um Juden zu helfen, in die Schweiz zu fliehen. Während des Krieges arbeitete er im Untergrund für den Widerstand und wurde schließlich mit dem Attentat auf Hitler in Verbindung gebracht. Er wurde verhaftet und nach Flossenbürg gebracht. Am 9. April 1945 wurde er auf persönliche Anordnung von Adolf Hitler hingerichtet.

Als er 1943 in Flossenbürg eintraf, war Bonhoeffer bereits ein Märtyrer, der seine Freiheit für seine Überzeugungen geopfert hatte. Dennoch stellte er sich eine bemerkenswerte Frage: „Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen? Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?“

Im Sommer des Jahres 1944, zehn Monate bevor er im Alter von 39 Jahren hingerichtet wurde, fand er darauf eine Antwort: „Nicht das Beliebige, sondern das Rechte tun und wagen, nicht im Möglichen schweben, das Wirkliche tapfer ergreifen, nicht in der Flucht der Gedanken, allein in der Tat ist die Freiheit.“

Einen wahren Propheten zeichnet aus, dass seine Lehren im Wandel der Zeiten relevant bleiben, auch wenn der ursprüngliche Kontext und die Umstände, unter denen sie entstanden sind, nicht mehr existieren.

68 Jahre nach Bonhoeffers Tod unterzog ich mich gut 9.000 Kilometer von Flossenbürg entfernt einer Krebsbehandlung mit sechs Zyklen Chemotherapie. Als ich Antworten suchte – als ich im Angesicht des Todes auf der Suche nach Sinnhaftigkeit war –, fand ich sie in Bonhoeffers Worten.

Als meine Familie und ich uns mit der Möglichkeit auseinandersetzten, dass Gott womöglich nicht mehr Teil meines Lebens war, lasen wir die Briefe dieses Mannes, der ebenfalls eine Glaubenskrise hatte.

Daraus haben wir Folgendes gelernt: Das Leben ist nicht immer bequem. Nur in Krisenzeiten wird der Glaube auf die Probe gestellt. Worin andere das Ende sehen, kann ein Neubeginn liegen. Gerechtigkeit erfordert Barmherzigkeit, Barmherzigkeit erfordert Gerechtigkeit. Wer seine Überzeugungen lebt, erwartet keinen Beifall.

Als er den Punkt fand, an dem Gerechtigkeit auf Gnade trifft, fand Dietrich Bonhoeffer auch die Kraft, Widerstand zu leisten. Indem er für seine Überzeugungen den Tod riskierte, lehrte er uns, wie man ein erfülltes Leben führen kann.

Wir werden gleich eine Gedenktafel enthüllen, die der Erinnerung an Dietrich Bonhoeffer gewidmet ist. Ich möchte Sie alle dazu ermutigen, ihre Inschrift vollständig zu lesen. Die Gedenktafel wurde durch eine großzügige Spende von Paul Packer und seiner Kommission, Präsident Trump und Vizepräsident Pence ermöglicht. Vizepräsident Pence hat mir erzählt, dass Bonhoeffer auch sein Leben enorm beeinflusst hat und dass er wünschte, heute mit uns hier sein zu können.

Heute stellen wir außerdem eine Website vor, die Pfarrer Bonhoeffer gewidmet ist. Diese pädagogische Ressource wird von Paul Packer, der Kommission und den Amerikanerinnen und Amerikanern zur Verfügung gestellt und ist für jeden über das Smartphone zugänglich. Die Website führt den Besucher durch Flossenbürg, erläutert wichtige Ereignisse und beinhaltet Texte, die Bonhoeffer schrieb, als er hier inhaftiert war.

Dietrich Bonhoeffer, ein deutscher Philosoph und Pfarrer, hat Millionen Amerikaner inspiriert, ihrem Leben einen tieferen Sinn zu geben. Im Namen all dieser Amerikanerinnen und Amerikaner danke ich Ihnen dafür, dass Sie uns an Dietrich Bonhoeffer teilhaben lassen.

Originaltext: Ambassador Grenell Speaks at the Commemoration Ceremony at Flossenbürg