Gedenken an den größten Atomunfall der Welt

Auch 32 Jahre nach der Katastrophe im Kernkraftwerk Tschernobyl wird daran gearbeitet, das Kraftwerk und die Umgebung sicherer zu machen. (Foto mit freundlicher Genehmigung der EBWE)

Am 26. April 1986 ereignete sich in Block 4 des ukrainischen Atomkraftwerks Tschernobyl der weltweit erste sogenannte GAU – ein Störfall, dessen Größenordnung auf der siebenstufigen internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse in die höchste Kategorie eingeordnet wurde. Die Vereinten Nationen haben den 26. April zum Internationalen Tag des Gedenkens an das Tschernobyl-Unglück ernannt, 2016 wurde dieser zum ersten Mal begangen.

Dieser Text von Steve Burns, dem Leiter der Abteilung Energie und Infrastruktur des Büros für Europa und Eurasien im US-Amt für internationale Entwicklung (USAID), und Leisha McParland, Beraterin für Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit im gleichen Büro, erschien zunächst im Rahmen der USAID-Publikation 2030: Ending Extreme Poverty in This Generation auf Medium.com. Er wurde anschließend auf DipNote, dem Blog des US-Außenministeriums, veröffentlicht.

Jedes Jahr am 26. April wird der Internationale Tag des Gedenkens an das Tschernobyl-Unglück begangen.Was ist in Tschernobyl passiert? Hat die Energiegemeinschaft aus dieser Katastrophe gelernt? Wie kann das US-Amt für internationale Entwicklung in diesem Kontext helfen?

In Tschernobyl ereignete sich der schlimmste Atomunfall aller Zeiten. Am 26. April 1986 explodierte der Reaktor in Block 4 des Kernkraftwerks und setzte eine radioaktive Wolke frei, die sich über der damaligen Sowjetunion und Europa verteilte. Ein Konzeptionsfehler des Reaktors, in dem Kernbrennstäbe Hitze erzeugten, die Wasser verdampfen ließ, sowie Probleme im Betriebsablauf gehörten zu den Ursachen der Katastrophe.

Bei dem Unglück in Tschernobyl wurde über hundert Mal so viel radioaktive Materie freigesetzt wie in Hiroshima und Nagasaki zusammen.
Bei dem Unglück in Tschernobyl wurde über hundert Mal so viel radioaktive Materie freigesetzt wie in Hiroshima und Nagasaki zusammen. (Foto mit freundlicher Genehmigung der EBWE)

Während eines Systemtests an jenem Tag stieg die Reaktorleistung so stark an, dass ein Mitarbeiter entschied, die Notabschaltung des Reaktors auszulösen. Wegen eines Konzeptionsfehlers stieg die Reaktorleistung dadurch noch mehr an, was zu dem Unfall führte.

Die Energiegemeinschaft zog aus diesem Ereignis wichtige Lehren. Im Kernkraftwerk Tschernobyl entdeckte Konzeptionsfehler zogen weltweit sicherheitstechnische Nachrüstungen ähnlicher Reaktoren und einige vollständige Stilllegungen nach sich.

Vor allem aber machte das Unglück der Weltgemeinschaft klar, dass internationale Zusammenarbeit uns allen zugute kommt.
Da die Sowjetunion das Ausmaß des Unglücks erst nach mehreren Tagen offenlegte, waren bis dahin Millionen Menschen unwissentlich radioaktiver Strahlung ausgesetzt. Seitdem hat die Internationale Atomenergie-Organisation die Sicherheitsstandards erweitert und verlangt, dass Mitglieder Vorfälle mit möglicherweise internationalen Auswirkungen umgehend melden.

Welche humanitären und ökologischen Auswirkungen hatte die Explosion? Wer war betroffen?

Das Vermächtnis des Störfalls in Tschernobyl ist für Weißrussland und die Ukraine noch heute eine Bürde.

Die erste Reaktion auf den Störfall war heroisch. Ersthelfer opferten sich, um den Reaktor mit Wasser zu kühlen und mit verschiedenen Materialien zu befüllen, um die Atomreaktion zu entschleunigen, bevor schließlich ein sogenannter Sarkophag aus Beton um den Reaktor herum gebaut wurde.

Arbeiter, die direkt nach dem Vorfall vor Ort waren, wurden immer nur wenige Minuten pro Tag eingesetzt, um sie nicht zu viel Strahlung auszusetzen. Das Ausmaß der gesundheitlichen Langzeitfolgen ist nach wie vor unbekannt. Gesundheitsexperten erwarten in den kommenden Jahren Tausende vorzeitige Todesfälle sowohl unter den Arbeitern als auch unter anderen Personen, die mit der kontaminierten Umgebung in Berührung gekommen waren, was sich auf sozialer und finanzieller Ebene bemerkbar machen wird.

Der erste Atomreaktor in Tschernobyl wurde 1977 fertiggestellt. Alle vier Reaktoren zusammen erzeugten zehn Prozent der von der Ukraine benötigten Energie.
Der erste Atomreaktor in Tschernobyl wurde 1977 fertiggestellt. Alle vier Reaktoren zusammen erzeugten zehn Prozent der von der Ukraine benötigten Energie. (Foto mit freundlicher Genehmigung der EBWE)

Die US-Regierung reagierte schnell mit humanitärer Hilfe, als sie von dem Störfall erfuhr. Eine ausgedehnte Initiative von USAID im Bereich der öffentlichen Gesundheit begann im Mai 1998, als der Kongress Mittel für die Behandlung von Kindern bereitstellte, die radioaktiver Strahlung ausgesetzt worden und in der Folge erkrankt waren. Seitdem schützt USAID die Gesundheit von Familien, die in strahlungsbelasteten Gebieten leben.

Aber auch jenseits der Gesundheitsversorgung entstehen Kosten. Hunderttausende Menschen, darunter die gesamte Bevölkerung der Stadt Prypjat und die Einwohner mehrerer weiterer Siedlungen in der Nähe des Unglücksortes, mussten umgesiedelt werden, und bis heute besteht sowohl auf ukrainischem als auch auf weißrussischem Gebiet rund um das Atomkraftwerk eine Sperrzone mit Zugangskontrollen. Beide Länder verwalten diese Sperrzone aktiv, die Ukraine überwacht darüber hinaus noch die fortlaufenden Sicherheitsmaßnahmen, die wahrscheinlich noch einige Generationen lang fortbestehen werden.

USAID hat bei der Stilllegung des Atomkraftwerks von Tschernobyl geholfen. Aber was bedeutet das genau? Welche Rolle hat das US-Amt für internationale Entwicklung dabei gespielt?

USAID hat sich mit Geldgebern aus mehr als 40 Ländern und der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE) zusammengeschlossen. Unter der Führung der EBWE unterstützt diese Gruppe Projekte, die Tschernobyl wieder in einen ökologisch unbedenklichen Zustand versetzen sollen.

Dieses Jahr wird die Testphase der 100 Meter hohen neuen Schutzhülle, die den Austritt von radioaktiven Partikeln verhindert, nahezu abgeschlossen sein, während der alte Sarkophag darunter abgebaut wird – der Höhepunkt von rund 20 Jahren Unterstützung durch USAID.

Mehr als 40 Länder und Organisationen haben sich an der Finanzierung der Arbeiten in Tschernobyl beteiligt.
Mehr als 40 Länder und Organisationen haben sich an der Finanzierung der Arbeiten in Tschernobyl beteiligt. (Foto mit freundlicher Genehmigung der EBWE)

Um die Arbeiter möglichst wenig Strahlung auszusetzen, wurde die Schutzhülle in der Nähe des Reaktorgebäudes errichtet und dann über den alten Sarkophag geschoben – nur eine von vielen innovativen Maßnahmen, die bei diesem Projekt zum ersten (und hoffentlich letzten) Mal zum Einsatz kamen.

Neben der neuen Schutzhülle konnten mithilfe von Spenden auch noch zwei weitere Projekte umgesetzt werden: eine Anlage zur Behandlung flüssiger radioaktiver Abfälle, die diese zur langfristigen sicheren Lagerung in eine feste Form umwandelt, und eine Lagereinrichtung, die die Brennstäbe aus den Reaktoren in von Beton ummantelten Behältern mindestens 100 Jahre lang sicher aufbewahrt. Die US-Firma Holtec leitet die Arbeiten, die 2019 fertiggestellt werden sollen.

Seit dem Unglück sind mehr als 30 Jahre vergangen. Wann wird die Radioaktivität vollständig abgeklungen sein? Wird Tschernobyl jemals wieder ein sicherer Ort sein?

Die neue Schutzhülle ist die Antwort auf eines der großen Sicherheitsrisiken: den sich stetig verschlechternden Zustand des alten Sarkophags. Er wurde nach dem Störfall in aller Eile erbaut, verfällt zunehmend und droht einzustürzen. Ohne die neue Schutzhülle würde ein solcher Einsturz eine Wolke radioaktiven Staubes freisetzen.

Unter der Schutzhülle kann der Sarkophag in einem geschützten Bereich abgebaut werden, sodass die Umwelt nicht noch mehr verunreinigt wird.

Aktuell ist die Strahlung in der Umgebung des Reaktors so stark, dass man davon ausgeht, dass sie für Hunderte von Jahren unbewohnbar sein wird. Die Sperrzone um das Kernkraftwerk ist aufgrund der Abwesenheit menschlichen Lebens zu einer Art Schongebiet für wild lebende Tiere und Pflanzen geworden. Manche Bereiche innerhalb der Zone gelten als sicher, andere aber sind sogenannte „Hot Spots“ mit erhöhter Radioaktivität und für Menschen gefährlich. Das Vermächtnis von Tschernobyl wird nachfolgende Generationen noch lange beschäftigen.

Originaltext: Remembering the World’s Worst Nuclear Disaster