Gewalt gegen Frauen schadet der Gesellschaft als Ganzes

Am 4. Dezember 2017 fand im George C. Marshall Center in Washington eine Veranstaltung zur Einbeziehung von Männern und Jungen bei der Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und Mädchen statt. Der stellvertretende US-Außenminister John J. Sullivan hielt eine Rede, in der er dazu aufrief, Gleichberechtigung zu fördern und den Kreislauf der Gewalt durch eine stärkere Einbindung der Männer zu durchbrechen.

Vielen Dank, Botschafter Kozak. Guten Morgen allerseits. Vielen Dank, dass Sie gekommen sind. Ich freue mich sehr, bei Ihnen zu sein und hier eine Rede halten zu dürfen.

Jedes Jahr am 25. November begehen wir den Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen, mit dem der 16-tägige Aktionszeitraum gegen geschlechtsspezifische Gewalt beginnt.

Dieser 16-tägige Aktionszeitraum bietet Regierungen, Organisationen und jedem Einzelnen weltweit die Gelegenheit, die Aufmerksamkeit auf die dringende Aufgabe zu lenken, Gewalt gegen Frauen und Mädchen umfassend zu beseitigen und andere dazu zu motivieren, sich daran zu beteiligen.

Wie Botschafter Kozak bereits erwähnte, war ich vor wenigen Wochen in Nigeria und habe mich dort mit Vertretern der Zivilgesellschaft, mit Überlebenden, Frauen und Mädchen – jungen Mädchen, Teenagern – getroffen, gegen die grauenhafte Verbrechen verübt wurden, unter denen sie und ihre Familien leiden. Dies ist also ein Thema, das uns alle angeht, insbesondere aber uns als Amerikanerinnen und Amerikaner.

Geschlechtsspezifische Gewalt schadet dem Einzelnen und verstößt gegen das elementarste unserer unveräußerlichen Rechte. Von sexueller Gewalt über Kinder- oder Zwangsehen, Vergewaltigung und Gewalt bei Verabredungen bis hin zu sogenannten Ehrenmorden sehen sich Frauen und Mädchen weltweit unverhältnismäßig oft von Gewalt bedroht. Die Zahlen sind leider schockierend und traurig. Jede dritte Frau auf der Welt wurde schon einmal geschlagen, vergewaltigt oder auf eine andere Art und Weise missbraucht. Der Weltgesundheitsorganisation zufolge haben mindestens 30 Prozent aller Frauen weltweit durch ihren Partner schon einmal diese Form der Gewalt erfahren. Laut UN Frauen führt Gewalt gegen Frauen bei Mädchen und Frauen zwischen 15 und 44 Jahren zu mehr Todesfällen und mehr Beeinträchtigungen als Krebs, Verkehrsunfälle, Malaria und Krieg zusammengenommen.

Und schließlich ist fast jede dritte Frau und jeder sechste Mann in den Vereinigten Staaten schon einmal Opfer irgendeiner Form der sexuellen Gewalt geworden. Neben dem offensichtlichen und unmittelbaren Schaden, den die Betroffenen davontragen, schadet Gewalt gegen Frauen der Gesellschaft als Ganzes, bremst Fortschritte in den Bereichen wirtschaftliche Entwicklung, Gesundheit und Sicherheit oder hebt diese ganz auf. Radikale Terrororganisationen zum Beispiel, auch die, mit denen wir bedauerlicherweise in Nigeria Erfahrungen sammeln mussten, greifen gezielt Frauen und Mädchen an, um ihre ideologischen und taktischen Ziele zu erreichen. Diese Angriffe auf Mädchen und ihre Schulen verhindern, dass Mädchen am Unterricht teilnehmen und Bildung erhalten und dass sie ihr volles Potenzial als Bürgerinnen, Unternehmerinnen, Führungspersönlichkeiten oder einfach menschliche Wesen ausschöpfen.

Und diese Gewalt betrifft nicht nur die Opfer selbst, sie führt zu einer Kettenreaktion, die weiter zu dem Kreislauf der Armut und Instabilität beiträgt, den wir aus so vielen Ländern kennen, und wirkt sich somit nicht nur auf Einzelne, sondern auf ganze Gesellschaften aus. Ob am Arbeitsplatz oder anderswo, Gewalt gegen Frauen kann Frauen daran hindern, vollständig am wirtschaftlichen Leben teilzuhaben. Das ist kein einfaches Thema, oft ist es schmerzhaft und emotional anstrengend, mit Überlebenden darüber zu sprechen, aber wir müssen es offen angehen, wenn wir etwas erreichen wollen.

Einer der wichtigsten Schritte zur Beseitigung dieses globalen Problems ist es, alle einzubinden, auch die Männer und Jungen. Gewalt gegen Frauen wirkt sich auf Männer und Jungen negativ aus, und zwar in zweierlei Hinsicht: einmal, wenn sie direkt betroffen sind, als Überlebende von Gewalttaten, und dann indirekt, wenn sie Zeugen von Gewalt werden. Zahlreiche Studien haben gezeigt: Wer Zeuge von Gewalt wird oder Gewalt erfährt, wird wahrscheinlich selbst gewalttätig. Geschlechtsspezifische Gewalt ist ein Kreislauf. Männer, die als Kind Zeugen von Gewalt werden, werden später doppelt so häufig selbst zu Gewalttätern wie Männer, die keine Gewalt erlebt haben. Ähnlich besteht bei Mädchen, die schon früh Missbrauch erleben, ein erhöhtes Risiko, später selbst zum Opfer zu werden. Männer und Jungen, die liebevolle, hilfsbereite und engagierte Ehemänner und Väter sind, sind unerlässlich, wenn sich dauerhaft etwas ändern soll.

Seit der Gründung von Promundo in Brasilien vor 20 Jahren arbeitet unser Partner mit einer Reihe anderer engagierter Partner daran, durch relevante Forschung und Evaluierung, den gezielten Einsatz für das Thema und die Entwicklung evidenzbasierter Bildungsprogramme in über 40 Ländern Gewalt zu verhindern. Organisationen wie Promundo binden Männer und Jungen in den Kampf gegen geschlechtsspezifische Gewalt ein, indem sie männliche Führungsqualitäten und Gleichberechtigung fördern. Promundo ermutigt Männer dazu, als Väter aktiv, liebevoll und gleichberechtigt für ihre Kinder zu sorgen. Zu diesem Zweck hat Promundo die Kampagne MenCare ins Leben gerufen. Männer sollen einbezogen werden – als engagierte Väter und Bezugspersonen, zur Stärkung von Familien, zur Verbesserung der Geschlechtergerechtigkeit und der Förderung der Gesundheit der gesamten Familie. Promundo führt zudem Umfragen zur Gleichberechtigung durch (International Men And Gender Equality Surveys – IMAGES), die die Einstellung von Männern und Frauen sowie den Umgang mit Gleichberechtigung und Gewalt gegen Frauen und Mädchen untersuchen.

Wir freuen uns, heute die Gründung von Stimmen gegen Gewalt (Voices Against Violence– VAV) bekanntgeben zu können, einer öffentlich-privaten Partnerschaft mit der Avon-Stiftung, die den Kampf gegen Gewalt an Frauen ganzheitlich angeht und Männer und Jungen in das Bestreben einbezieht, den Kreislauf, insbesondere in Konfliktgebieten, zu durchbrechen. In Konfliktgebieten wird Gewalt gegen Frauen, insbesondere sexuelle Gewalt und Ausbeutung, gezielt als Kriegsmittel eingesetzt, und zwar leider viel zu oft. Wir sehen immer wieder, dass Frauen in Krisenzeiten unverhältnismäßig häufig betroffen sind, sei es in dem Konflikt in Bosnien und Herzegowina, in Kolumbien, Liberia oder in jüngerer Zeit durch die IS-Terrormiliz, Boko Haram und die Sicherheitskräfte in Myanmar.

VAV geht auf Männer und Jungen zu – auf allen Ebenen. Die Organisation bringt wichtige Akteure zusammen, damit Kompetenzen und bewährte Verfahren global genutzt werden können. Indem wir gewährleisten, dass Männer und Jungen an den Schulungen zur Gewaltprävention teilnehmen, helfen wir anderen Männern zu verstehen, dass es sich hier nicht lediglich um ein Frauenproblem handelt, sondern dass alle helfen müssen, damit sich etwas ändert.

VAV führt inzwischen regionale Schulungen zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen durch und lädt dazu männliche Justiz- und Polizeibeamte, männliche Vertreter der Zivilgesellschaft und Aktivisten ein, um Männer als Verfechter und Unterstützer besserer Schutzmaßnahmen für Betroffene zu gewinnen. Um den Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen, ist die Unterstützung von Männern unverzichtbar.

VAV wird ein effektives neues Instrument sein, mit dem unsere Botschaften und Abteilungen hier im US-Außenministerium die Überlebenden geschlechtsspezifischer Gewalt nicht nur unterstützen, sondern auch die Gewaltspirale durchbrechen können, indem sie bei diesem Thema mit Männern und Jungen zusammenarbeiten. Zudem kann das US-Außenministerium mithilfe von VAV wichtige Initiativen gegen Säureangriffe, weibliche Genitalverstümmelung oder Ehrenmorde starten, um Frauen auf der ganzen Welt zu schützen, die nicht wissen, an wen sie sich wenden sollen.

Männer und Jungen einzubeziehen, um Wandel zu bewirken und der Gewalt gegen Frauen ein Ende zu bereiten, ist ein wesentlicher Bestandteil der Lösung dieses globalen Problems. Wir machen Fortschritte, aber wir stehen erst am Anfang. Es ist noch sehr viel zu tun. Wenn wir weiter zusammenarbeiten, um Gleichberechtigung zu fördern und geschlechtsspezifische Vorurteile abzubauen, bin ich zuversichtlich, dass wir große Fortschritte beim Durchbrechen der Gewaltspirale machen werden.

Ich danke Ihnen im Namen von Außenminister Tillerson, dass Sie heute gekommen sind. Wir hoffen, dass uns diese wichtigen Gespräche auf unserem Weg, Männer und Jungen einzubinden und ein Problem zu lösen, das uns alle angeht, zumindest ein wenig weiter bringen werden. Vielen herzlichen Dank.

Originaltext: Remarks at the Engaging Men and Boys in Preventing Violence Against Women and Children Event