Heimliche Helden: Hilfe für amerikanische Bürgerinnen und Bürger in der Karibik

Ein Wirbelsturm folgt auf den nächsten, Naturkatastrophen scheinen sich zu häufen, zumindest aus der Ferne betrachtet. Und jedes Mal müssen Hilfsaktionen vor Ort eingeleitet werden, um Betroffene in Sicherheit zu bringen und zu unterstützen. Dieser Text erschien am 20. September 2017 auf DipNote, dem offiziellen Blog des US-Außenministeriums.

Berichte über Wirbelstürme sind tragisch und dramatisch und können, um ganz ehrlich zu sein, auch manchmal ziemlich abstrakt sein. Wir alle sehen Berichte darüber im Internet oder Fernsehen. Wir halten inne, sind betrübt, und vielleicht spenden wir dann etwas an das Rote Kreuz oder eine andere Hilfsorganisation. Die Großzügigkeit der Menschen in unserem Land ist bemerkenswert und zuverlässig. Doch dann geht das Leben weiter. Manchmal aber passiert etwas, das die Geschehnisse greifbarer macht.

Amerikanerinnen und Amerikaner kauern sich während der Evakuierung nach dem Hurrikan Irma von der Karibikinsel St. Martin in einem Frachtflugzeug zusammen. Eine Person in der Mitte der Gruppe trägt eine orange Weste mit der Aufschrift „US-Botschaft“. (Foto: AP)
Amerikanerinnen und Amerikaner werden nach dem Hurrikan Irma in Begleitung eines Vertreters der US-Botschaft (Mitte, orange Weste) von der Karibikinsel St. Martin ausgeflogen. (Foto: AP)

In meinem Fall war das eine E-Mail, die ich am Samstag, dem 9. September um 23.08 Uhr erhielt. Ein Kollege aus der Konsularabteilung des US-Außenministeriums fragte mich, ob ich nach Puerto Rico fliegen könne, um die Evakuierung amerikanischer Bürgerinnen und Bürger zu organisieren, nachdem Hurrikan Irma in der Karibik eine Spur der Verwüstung hinterlassen hatte. Nachdem ich mit meiner Frau und meiner Tochter Rücksprache gehalten hatte, sagte ich zu. Ich hatte bereits nach dem Erdbeben auf Haiti einen ähnlichen Einsatz mitgemacht; bei einer Katastrophe zu helfen, die noch im Gange ist, ist beängstigend. Sieben Stunden später war ich auf dem Weg zum Flughafen; 13 Stunden später landete ich in San Juan, wo ich auf die Kollegen aus den Konsularabteilungen unserer Botschaften in Barbados und der Dominikanischen Republik traf. Bald kamen auch Kolleginnen und Kollegen aus den Botschaften von Kingston und Bogotá dazu. Sogar Französischdolmetscher aus Montreal waren eingeflogen. Dank einer Task Force, die rund um die Uhr im Einsatz war und den Hurrikan bereits seit Tagen beobachtete, wusste ich, was los war.

Nach US-Recht ist klar geregelt, welche Hilfe und Unterstützung das US-Außenministerium amerikanischen Bürgerinnen und Bürgern in Notsituationen gewährt. Das Büro für Konsularangelegenheiten unterstützt und leitet unseren Einsatz. In dieser Notsituation flogen US-Konsularbeamte laufend in lärmenden C-130-Frachtflugzeugen von Einheiten der US-Luftwaffe und der Nationalgarde in Puerto Rico, New York und Kentucky hin und her. Auf mindestens 25 Flügen waren diese Flüge voll besetzt mit amerikanischen Bürgerinnen und Bürgern, die schreckliche, angsteinflößende Erlebnisse hinter sich hatten. Wir halfen den Menschen beim Ein- und Aussteigen und versorgten sie mit Wasser, Essen und Ohrenstöpseln. Wir brachten sie in Sicherheit.

Menschen warten nach Hurrikan Irma auf die Evakuierung. (Foto: AP)
Amerikanerinnen und Amerikaner warten nach Hurrikan Irma auf ihre Evakuierung. (Foto: AP)

Wer evakuiert wurde, erlebte uns Konsularbeamte an vorderster Front, aber hinter den Kulissen waren noch sehr viel mehr Menschen zur Unterstützung der Botschaften im Einsatz, die Begleiter für die Evakuierungsflüge bereitstellten. Das US-Amt für internationale Entwicklung USAID und Sozialdienste waren ebenfalls vor Ort. Wenn die C-130-Lademeister nicht damit beschäftigt waren, Menschen sicher an und von Bord der Maschinen zu bringen, verluden sie Gabelstapler, mobile Entsalzungsanlagen sowie Paletten mit Lebensmitteln und Wasser.

Die Kommunikation war schwierig, weil die Infrastruktur der Inseln so schwer beschädigt worden war, aber wir fanden Möglichkeiten und nutzten beispielsweise Satellitentelefone, internationale Kurznachrichtendienste und WhatsApp. Wir verloren nie aus den Augen, warum wir dort waren oder was unsere Aufgabe war. Wir spürten die Angst und die Frustration der Menschen ebenso wie später ihre Erleichterung. Obwohl wir abends kaum noch sprechen konnten, standen wir am nächsten Morgen um 5 Uhr wieder auf, um weiterzumachen.

Meine Kolleginnen und Kollegen aus der Konsularabteilung sehen vielleicht aus wie ganz normale Leute, aber das sind sie nicht. Sie sind heimliche Helden. Sie sind ganz besondere Menschen, die, wie so viele US-Regierungsbeamte, Amerikanerinnen und Amerikanern helfen, die in Not sind. Diese speziellen Helden haben ihr Zuhause und ihre Arbeit zurückgelassen und sind nach Puerto Rico geflogen, um bei der Rettung und Evakuierung von mehreren Tausend Opfern des Hurrikans Irma von umliegenden Inseln wie St. Martin, Tortola und Anguilla zu helfen. Fast alle, denen wir geholfen haben, bedankten sich bei uns, auch wenn das nicht nötig war. Darum ging es uns nicht.. Wir saßen alle in einem Boot und taten, was getan werden musste. Rückblickend ist es erstaunlich, was man erreichen kann, wenn es einem egal ist, wem die Leistung zugeschrieben wird.

Über den Autor: Paul Mayer ist hochrangiger Berater im Büro für Konsularangelegenheiten des US-Außenministeriums.  Er war nach dem Erdbeben auf Haiti 2010 und während der Unruhen in Ägypten 2012 an den Hilfseinsätzen zur Evakuierung amerikanischer Bürgerinnen und Bürger beteiligt.

Originaltext: Not All Heroes Wear Capes: Assisting American Citizens in Caribbean