Integration – ein neues Wirgefühl

In einem Gastbeitrag, der im Januar 2016 in der Thüringer Allgemeinen, Thüringer Landeszeitung, Berliner Morgenpost, Neuen Ruhr/Neuen Rhein Zeitung und dem Hamburger Abendblatt erschien, spricht US-Botschafter John B. Emerson über die Erfahrungen der Vereinigten Staaten mit Integration und plädiert für ein neues Wirgefühl.

Wenn ich in Deutschland reise, werde ich oft gefragt, welche Erfahrungen mit der Integration von Einwanderern wir weitergeben können. In den Vereinigten Staaten spielt die Einwanderung eine besondere Rolle. Unser Land wurde geprägt von der Dynamik, die entsteht, wenn Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und Regionen, unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen Glaubens zusammenkommen, um für sich und ihre Kinder ein besseres Leben zu schaffen.

Mit Ausnahme der amerikanischen Ureinwohner sind alle Amerikaner Nachkommen von Einwanderern. Es gibt etwa 80 Millionen Amerikanerinnen und Amerikaner der ersten oder zweiten Generation, das entspricht einem Viertel der amerikanischen Bevölkerung. Nikki Haley und Bobby Jindal, deren Eltern aus Südasien stammen, sind Gouverneure von Bundesstaaten. Barack Obama, Sohn eines kenianischen Austauschstudenten, bekleidet das höchste Amt im Land. Zwei Amerikaner kubanischer Herkunft, die Senatoren Ted Cruz und Marco Rubio, bewerben sich gerade um die Nachfolge von Präsident Obama.

Zugegeben, das Leben in den Vereinigten Staaten ist nicht immer leicht für Zuwanderer. Integration ist ein vielschichtiger Prozess, und es gelingt den Amerikanerinnen und Amerikanern nicht immer, den Idealen der vollständigen Inklusion und Chancengleichheit voll und ganz gerecht zu werden. Präsident Obama sagte bei einer Einbürgerungszeremonie im Dezember 2015, dass es aufgrund der Erwartungen, die wir an uns haben, schwer sei, Amerikaner zu sein. Wir sollten dennoch versuchen, diesen Erwartungen gerecht zu werden. Unsere Bürger, unsere Regierungsvertreter und die Zivilgesellschaft müssen sich gegen jede Form von Hassrede und Fremdenfeindlichkeit aussprechen.

Konstruktiv lässt sich Integration durch die Anwendung erfolgreicher, bewährter Modelle angehen. Vor etwas über einem Jahr hat Präsident Obama eine Arbeitsgruppe im Weißen Haus für Zuwanderer und Flüchtlinge eingerichtet. Die Arbeitsgruppe machte vier Säulen der Integration aus, und jede einzelne verlangt Einsatz, sowohl von den amerikanischen Staatsbürgern als auch von den Einwanderern.

Die erste Säule ist die sprachliche Integration. Englisch sprechen und lesen zu können ist die Voraussetzung für akademischen Erfolg, wirtschaftlichen Wohlstand und mehr gesellschaftliche Teilhabe. Besonders wichtig ist es, den Bedürfnissen der Kinder im Rahmen der Grund- und Sekundarschulbildung gerecht zu werden. Das US-Bildungswesen ermöglicht es Kindern, für die Englisch Zweit- oder Drittsprache ist, sich zu verbessern und ihren Bildungsweg über die Highschool bis an die Universität fortzusetzen.

Die zweite Säule ist die wirtschaftliche Integration. Einwanderer dabei zu unterstützen, ihr Potenzial voll zu entwickeln, ist ein wesentlicher Aspekt unseres Wirtschaftswachstums. Im Ausland geborene Arbeitnehmer stellen inzwischen fast 17 Prozent der amerikanischen Arbeitnehmerschaft.Wenn die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen, werden Zuwanderer maßgeblich zum Wachstum der Erwerbsbevölkerung beitragen – eine Entwicklung, die sich auch in Deutschland vollziehen könnte.

Die dritte Säule der Integration ist der Weg zur Staatsbürgerschaft. Das Verfahren wird vom Staat und von Nichtregierungsorganisationen auf kommunaler Ebene begleitet und erfordert sowohl das Engagement des Staates als auch des Antragstellers.

Die vierte Säule, die staatsbürgerliche Integration, zeigt sich, wenn die Einwohner einer Stadt das Gefühl haben, angekommen zu sein, wenn sie sich ihrer Rechte und Pflichten sicher sind und Verantwortung für ihre Gemeinschaft übernehmen. Gesetze gegen Diskriminierung und Maßnahmen, die Vielfalt fördern, sind Zuwanderern sowohl am Arbeitsplatz als auch in der höheren Bildung eine Hilfe. Wir haben in den Vereinigten Staaten die Erfahrung gemacht, dass es uns als Land umso besser geht, je mehr wir unternehmen, um Einwanderern bei der Verwirklichung ihres amerikanischen Traums zu helfen.

Indem Deutschland unmittelbare Unterstützung für Flüchtlinge leistet und auf eine langfristige Lösung hinarbeitet, zeigt das Land, dass es erkannt hat, welchen Wert Integration für die Bevölkerung hat. Die Erfahrung, die wir im Laufe der Jahrhunderte gemacht haben, ist folgende: Integration heißt nicht, „sie“ zu „uns“ zu machen, sondern vielmehr, ein neues Wirgefühl zu schaffen.