Journalismus 2.0

(Foto: US-Generalkonsulat Frankfurt)

Am 3. März 2018 nahm Geschäftsträger a.i. Kent Logsdon an der von der US-Botschaft und dem Deutsch-Amerikanischen Institut (DAI) Heidelberg veranstalteten Konferenz zum Thema Journalismus 2.0 – Fake News, Aufklärung und Demokratie im digitalen Zeitalter teil. In seiner Rede betonte er, dass unsere Länder sicherer sind, wenn wir zusammenarbeiten, um gemeinsame Ziele zu erreichen.

Danke, Jakob, dass du mir Gelegenheit gibst, die Teilnehmer dieses ehrgeizigen und wichtigen Forums zu begrüßen. Ich danke Ihnen allen, dass Sie an einem Wochenende hergekommen sind, um über einige sehr wichtige Themen zu sprechen, die nicht nur die Zukunft des Journalismus betreffen, sondern auch die Lebensfähigkeit unserer Zivilgesellschaften.

Ich möchte auch dem DAI Heidelberg und dem Deutsch-Amerikanischen Zentrum (DAZ) in Stuttgart dafür danken, dass sie im Namen des Netzwerks der Deutsch-Amerikanischen Institute – oder auch DAIs – die Initiative zu diesem Programm ergriffen haben. Jakob, dir und deinem Team – Ingrid Stolz, Nik Mariani, Vanessa Wagner, Jasper Schmidt: vielen Dank. Mein Dank gilt auch Christiane Pyka, der Leiterin des DAZ Stuttgart, und ihrem Team, Anna Löffler, Pia Herzan und Andrea Aric. Einige der Zentren des Netzwerks sind heute ebenfalls hier vertreten. Ich sehe Friederike Schulte vom Carl-Schurz-Haus in Freiburg. Herzlich willkommen, Friederike. Ich danke Ihnen allen für Ihre engagierte Arbeit.

Die meisten Redner, die heute hier sind, werden weiterreisen und ähnliche Veranstaltungen an DAIs in anderen deutschen Städten durchführen. Ich möchte daher auch den angereisten Experten dafür danken, dass sie sich trotz ihres vollen Terminkalenders Zeit für die Reise nach Deutschland genommen haben. Wir danken Ihnen für Ihre Unterstützung der Deutsch-Amerikanischen Institute.

Ich danke auch der Stadt Heidelberg und allen, die das Netzwerk der DAIs im ganzen Land unterstützen, sei es auf kommunaler Ebene, auf Landes- oder Bundesebene.

Die Vereinigten Staaten haben bei der Einrichtung der Deutsch-Amerikanischen Institute in der frühen Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg eine entscheidende Rolle gespielt. Die als Amerika Häuser gegründeten Institute haben die Tür zur deutsch-amerikanischen Partnerschaft und Zusammenarbeit wieder geöffnet. Im Verlauf der Jahre haben die DAIs immer wieder zur gegenseitigen Verständigung beigetragen.

Obwohl Informationen einem aktuellen Bericht von Freedom House zufolge jetzt zur bedeutendsten und allgegenwärtigsten Ressource der Welt gehören, leben nur 13 Prozent aller Menschen in Ländern, in denen die Presse wirklich frei ist. Die Achtung der Rechtsstaatlichkeit, die Unabhängigkeit der Justiz und eine offene Presse sind Quellen der Stärke und Stabilität. Gesetze zur Einschränkung des Medienbetriebs stellen für internationale Partnerschaften eine Herausforderung dar. Es ist eine historische Tatsache, dass der offene, freie Informationsfluss ein Eckpfeiler der Demokratie ist.

Natürlich verändern neue Technologien immer wieder die Art und Weise, wie Nachrichten und Informationen zirkulieren. Auch das ist eine historische Tatsache. Heute erleben wir allerdings eine globale Desinformationsepidemie. Gewalttätige Extremisten nutzen neue Technologien, insbesondere die sozialen Medien, um Propaganda zu verbreiten und Anhänger anzuwerben. Diese globale Bedrohung wird nicht durch internationale Grenzen eingedämmt und beschränkt sich nicht auf ein Land oder eine Region der Welt. Der Kampf gegen gewaltsamen Extremismus ist vielschichtig, und wir müssen ihn alle überaus ernst nehmen.

Die wirtschaftlichen Realitäten des digitalen Zeitalters bedrohen außerdem die Integrität und die Unabhängigkeit der Presse. Viele Journalisten und Nachrichtenredaktionen tun sich schwer, ihren Betrieb aufrechtzuerhalten, ohne Selbstzensur zu üben oder andere Kompromisse einzugehen, um Einnahmen zu erzielen oder finanzielle Unterstützung zu gewinnen.

Manche würden vielleicht sagen, dass das daran liegt, dass wir in einer sogenannten „postfaktischen“ Welt leben.  Das Oxford Dictionary wählte post-truth zum Wort des Jahres 2016 und definierte es als Wendung, die „Umstände bezeichnet oder sich auf Umstände bezieht, unter denen objektive Fakten weniger Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung haben als Appelle an Gefühle und persönliche Überzeugungen“. Das ist nicht neu. Meinungen entstehen oft im Kontext dessen, was sich wahr „anfühlt“ und mit vorgefassten Ansichten übereinstimmt, aber die Technologie und insbesondere wiederum die sozialen Medien haben das Problem intensiviert und beschleunigt.

Es wird durch die Aktivitäten staatlicher und nichtstaatlicher Akteure noch verschärft, deren Ziel nicht nur in der Verbreitung falscher Informationen liegt, sondern auch darin, das Vertrauen in traditionelle Institutionen und Informationsquellen zu untergraben.

In diesem Zeitalter der hybriden Einflussnahme gibt es ein vielfältiges Repertoire an Methoden und Aktivitäten. Wir müssen alles in unserer Macht Stehende tun, um denjenigen entgegenzuwirken, die den virtuellen Raum, die sozialen Medien und andere Möglichkeiten nutzen, um ihre Desinformations-, Subversions- und Spionagefeldzüge voranzutreiben. Seit dem IS-Feldzug im Irak und dem Konflikt in der Ukraine wird über hybride Taktik diskutiert. Der nationale Sicherheitsberater der Vereinigten Staaten, General H.R. McMaster, wies im Februar bei der Münchner Sicherheitskonferenz darauf hin, dass die Beweise für die Versuche Russlands, die US-Wahlen 2016 zu beeinflussen, „inzwischen unwiderlegbar“ seien. Russland hat auch versucht, Deutschland mit Desinformation in Misskredit zu bringen.

Im November sprach US-Außenminister Tillerson in einer Rede im Wilson Center in Washington offen über die „perfiden Taktiken, mit denen Russland oft versucht, die Vereinigten Staaten und Europa zu spalten, unser Vertrauen ineinander zu schwächen und die politischen und wirtschaftlichen Erfolge zu untergraben, die wir seit dem Ende des Kalten Krieges zusammen erreicht haben“. Ein verantwortungsvoller Staat unternimmt keine Cyberangriffe und Desinformationskampagnen, um freie Wahlen zu untergraben oder politische Spielchen mit der Energieversorgung zu treiben, so der Außenminister.

Wir arbeiten bereits daran, uns besser gegen derartige Bedrohungen zu wappnen. Im vergangenen Jahr haben neun Länder, darunter die Vereinigten Staaten und Deutschland, das Europäische Zentrum zur Bewältigung hybrider Bedrohungen eingerichtet. Darüber hinaus hat das US-Außenministerium den Information Access Fund aufgelegt, um staatliche und private Partner in ihren Bestrebungen zur Offenlegung und Bekämpfung von Propaganda und Desinformation zu unterstützen.

Eines ist klar: Unsere Länder sind sicherer, wenn wir zusammenarbeiten, um gemeinsame Ziele zu erreichen. Wir sind nur so stark wie unser Vertrauen in unsere Werte, und dazu gehört das Vertrauen in eine widerstandsfähige und verlässliche Medienlandschaft.

Für das Vertrauen der Öffentlichkeit in Journalismus ist sachliche Genauigkeit eine wesentliche Voraussetzung. Eine aktuelle Umfrage des Media Insight Project, eine Kooperation des NORC-Center for Public Affairs Research des Associated-Press-Netzwerks und des American Press Institute, hat ergeben, dass sich 40 Prozent der Amerikanerinnen und Amerikaner an einen Vorfall erinnern können, der ihr Vertrauen in die Medien geschwächt hat; am häufigsten ging es dabei um Ungenauigkeiten oder den Eindruck einer einseitigen Berichterstattung.

Aber was geschieht, wenn wir als Endverbraucher von Informationen nicht bemerken, dass wir getäuscht werden? Eine Studie der Universität Stanford hat gezeigt, dass Schüler und Studierende fast aller Altersstufen nicht zwischen echten und gefälschten Nachrichten unterscheiden können. Angebote, die eine kritische Haltung fördern und Informationskonsumenten in die Lage versetzen, die Wahrheit von Falschinformationen zu unterscheiden, sind dafür unerlässlich. Wir müssen gewährleisten, dass die junge Generation diese entscheidenden Fähigkeiten entwickelt.

Wir wissen ja alle, dass junge Menschen technologisch versiert und anspruchsvoll sind. Sie sind empfänglich für Methoden, die Gaming-Technologie und virtuelle Realität für die Entwicklung intelligenterer Möglichkeiten zur Verbesserung der Fähigkeit nutzen, Aussagen auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Und wie zum Beweis nehmen unten im Makerspace des DAI junge Menschen an einem Hackathon und an Workshops zur Medienkompetenz teil, die parallel zu den förmlicheren Gesprächen dieser Konferenz stattfinden. Bestimmt werden Sie heute Nachmittag noch mehr über die Instrumente und Projekte erfahren, an denen sie arbeiten.

Das führt mich zu der allgemeineren Frage nach den wirtschaftlichen Instrumenten – und neuen Werkzeugen – zur Bewältigung der Herausforderungen und Nutzung der Chancen des Journalismus 2.0. Gibt es Geschäftsmodelle, die Ehrlichkeit belohnen und Unehrlichkeit bestrafen? Diese Frage steht heute Nachmittag ebenfalls auf der Tagesordnung.

Kurzum, die heutige Konferenz wartet mit einem sehr ambitionierten Programm auf, das an die TechCamp-Initiative des US-Außenministeriums angelehnt ist. Bei den teilnehmergesteuerten TechCamps kommen in praxisbezogenen Workshops Journalisten, NGOs sowie Vertreter der Zivilgesellschaft und der Wirtschaft zusammen, um in diesen schwierigen Zeiten innovative Lösungen für globale Probleme zu erarbeiten. Wo es Herausforderungen gibt, gibt es auch Chancen. Diese Chancen und konstruktiven Möglichkeiten der Zusammenarbeit sollten wir auf keinen Fall ignorieren oder herunterspielen.

Ich habe das Problem der Desinformation und Propaganda sowie das Potenzial der sozialen Medien und anderer Technologien, zu polarisieren und zu spalten, bereits angesprochen. Innovative digitale Instrumente versetzen Journalisten und die Öffentlichkeit gleichermaßen in die Lage, die sachliche Richtigkeit von Informationen in umfassenden Netzwerken zu ermitteln und zu überprüfen sowie diese dort zu verbreiten.

Ja, die Veränderungen, die wir momentan erleben, tragen womöglich dazu bei, die Macht derer zu verstärken, die uns täuschen und zensieren wollen, aber das macht es umso wichtiger, die Wahrheit aufzudecken und zu verbreiten. Desinformation und Propaganda vergiften den öffentlichen Diskurs und unsere Fähigkeit zur Zusammenarbeit. Demokratische Gesellschaften sind nicht unfehlbar, aber sie müssen dank eines offenen Austauschs von Ideen und einer mündigen Bevölkerung Verantwortung übernehmen.

Deutschland und die Vereinigten Staaten leiten ihre Stärke aus ihrer Verfassung ab, die Presse- und Meinungsfreiheit garantiert. Ob im Journalismus, in der Literatur, in Kunst, Film oder Fernsehen, Forschung oder Wissenschaft: Unsere Gesellschaften bieten eine enorme Vielfalt an Ausdrucksmöglichkeiten. Das pluralistische Wesen unserer politischen Kultur ist der Antrieb unserer transatlantischen Gemeinschaft.

Ich möchte Ihnen allen für Ihr Engagement zugunsten dieser Gemeinschaft danken. Zusammen bereichern Sie diese Konferenz mit Ihrem beeindruckenden Fachwissen und vielen verschiedenen Perspektiven. Jakob, ich freue mich darauf, alles über die Gespräche und Schlussfolgerungen über Journalismus 2.0 zu hören, zu denen Sie bei dieser Konferenz gelangen. Leider kann ich, wie bereits erwähnt, nicht bis zum Nachmittag bleiben.

Ich muss zurück nach Berlin zu einer Veranstaltung mit einer anderen Gruppe von Journalisten – ehemaligen und zukünftigen Absolventen des Arthur-F.-Burns-Fellowship-Programms. In den letzten 30 Jahren hat das Burns-Programm, das nach einem ehemaligen US-Botschafter in Deutschland benannt ist, jungen deutschen und amerikanischen Journalisten die Gelegenheit geboten, ihre Expertise mit Kolleginnen und Kollegen auf der anderen Seite des Atlantiks auszutauschen und gleichzeitig als „Auslandskorrespondenten“ für die Nachrichtenorganisationen ihrer Heimatstädte zu arbeiten.

Es ist mir eine große Ehre, seit nunmehr 13 Monaten die US-Auslandsvertretungen in Deutschland als Geschäftsträger zu leiten, während wir auf die Ankunft eines neuen Botschafters  warten. Richard Grenell, Experte in Medienkommunikation aus Kalifornien, wurde für den Posten des US-Botschafters in Deutschland nominiert, seine Nominierung muss vor seinem Amtsantritt allerdings noch vom US-Senat bestätigt werden. In meiner Zeit als Geschäftsträger hatte ich viele Gelegenheiten, mich zu offiziellen und vertraulichen Gesprächen mit Journalisten zusammenzusetzen. Sie können sich sicherlich vorstellen, dass es keine einfachen Antworten auf die schwierigen Fragen gibt, die sie mir stellen, aber ich empfinde diese Gespräche stets als anregend und ermutigend. Warum? Weil diese Interaktionen zeigen, dass uns die gleichen Themen am Herzen liegen, auch wenn wir sie manchmal unterschiedlich angehen, und dass uns die deutsch-amerikanischen Beziehungen am Herzen liegen. Ohne Zweifel wird das auch heute so sein. Ich wünsche Ihnen eine großartige Konferenz.

Originaltext: TechForum: Journalism 2.0