Verleihung des Großkreuzes der Bundesrepublik Deutschland an John F. Kerry

453492-1-1068x1423BERLIN – (AD) – Am 5. Dezember 2016 wurde US-Außenminister John Kerry im Auswärtigen Amt von Außenminister Frank-Walter Steinmeier das Großkreuz verliehen. Wir veröffentlichen nachfolgend die Dankesrede von John Kerry.

Ich werde das die nächsten drei Wochen im Büro tragen, mal sehen, ob ich dann mit Respekt behandelt werde.

Guten Abend. Danke. Vielen Dank. Ich danke Ihnen allen für diesen außergewöhnlichen und vollkommen unerwarteten Empfang. Es ist eine große Ehre für mich, und ich bin sehr dankbar, dass Sie alle gekommen sind, um diesen besonderen Augenblick mitzuerleben, diese Freundschaft zwischen der Bundesrepublik Deutschland und den Vereinigten Staaten, zwischen Frank-Walter Steinmeier und mir. Frank, ich nehme diesen Verdienstorden mit mehr als Demut entgegen und bin überwältigt von dem, was du gesagt hast, und auch von den Fotos, die du von mir ausgegraben hast. Ich hätte nie gedacht, dass es so gefährlich sein kann, Fahrrad zu fahren.  Ich habe nicht einmal gewusst, dass ich mich in Gefahr begebe. Aber niemand kann allein etwas bewegen, und ich denke, Sie alle wissen das.

Ich habe das Privileg, über ein Ministerium mit 70.000 Mitarbeitern zu verfügen, die jeden Morgen aufstehen und versuchen, im Leben anderer Menschen etwas zu bewirken. Daher danke ich allen aus dem diplomatischen Corps, die heute hier anwesend sind. Vielen herzlichen Dank, Exzellenzen, dass Sie dies mit mir erleben. Ich danke Ihnen auch für das, was Sie mit meinen 70.000 Mitarbeitern gemeinsam haben, nämlich das Vertrauen in unsere Fähigkeit, etwas zu bewegen, Dinge zu verändern, den Lauf der Geschichte zu beeinflussen, den Menschen, die wir vertreten, helfen zu können, ihr Leben so zu leben, wie sie es sich vorstellen.

Ich weiß, dass Frank es genauso sieht wie ich, nämlich, dass es eine besondere Ehre ist, der Öffentlichkeit zu dienen. Es sind in allen unseren Ländern schwierige Zeiten, dieses ehrenvolle Amt auszuüben. An vielen Orten wird die Regierungsführung an sich infrage gestellt, und darauf werde ich gleich noch näher eingehen. Frank-Walter ist meine Art von Mensch, meine Art von Diplomat. Er war mir ein außergewöhnlicher Partner. Frank, ich weiß nicht, ob dir das bewusst ist, aber du solltest wissen, wie sehr ich die Telefongespräche mit dir, unsere Freundschaft, den Austausch, das Augenzwinkern, das Nicken genossen habe, das Zustimmung oder eine abweichende Meinung signalisierte, wenn wir als Partner gemeinsam Dinge bewegt haben.

Man könnte mir keine größere Ehre erweisen, als diese Auszeichnung von dir zu erhalten. Deutschland kann sich glücklich schätzen, einen so zielstrebigen und vernünftigen Außenminister zu haben, der sich so engagiert für das öffentliche Wohl einsetzt. Es war mir eine Ehre, mit dir zusammenarbeiten zu dürfen. Ich betrachte dich als Freund, und es ist mir eine Ehre, diese Auszeichnung heute von dir zu erhalten. Das letzte Mal, als ich etwas von Außenminister Steinmeier bekam, war es ein Schweizer Taschenmesser mit zwei Schildchen. Auf dem einen, das an die Klinge gebunden war, stand hard power, auf dem anderen, das am Korkenzieher hing, soft power.  Da wir gerade beim Abendessen waren, haben wir die soft power zuerst angewendet. Vielleicht ist heute Abend auch noch ein wenig Zeit dafür.

Frank, ich gratuliere dir zur Veröffentlichung deiner Autobiografie letzte Woche. Jeder einzelne von Ihnen ist verpflichtet, nach dieser Zeremonie loszugehen und sie zu kaufen.  Soweit ich weiß, komme ich darin mit einem Foto vor, auf dem ich mit dem Außenminister und meinem Hund Ben zu sehen bin, der nach Ben Franklin benannt ist. Er ist der Diplo-Hund in unserem auswärtigen Dienst, und ich möchte daran erinnern, dass Frank etwas über Freunde im öffentlichen Leben gesagt hat. Harry Truman hat immer gesagt, wenn man in Washington wohnt und einen Freund will, sollte man sich einen Hund anschaffen.  Das ist also die Erklärung für Ben, und ich werde nachher selbst bei Dussmann vorbeigehen und eine Ausgabe des Buches kaufen, damit ich alles nachlesen kann, was du über uns geschrieben hast.

Als ich Frank eben zugehört habe – also, ich muss Ihnen sagen, in der Politik und im öffentlichen Leben kommt es ja gelegentlich vor, dass jemand bei einer Einleitung etwas Nettes über einen sagt. Ich hatte aber keine Ahnung, dass ich hier sitzen und eine meiner Ansicht nach extrem durchdachte, persönliche und sehr bewegende Rede hören würde. Es ist auch ein bisschen unangenehm zuzuhören, während über einen selbst gesprochen wird.

Ich habe sehr schöne Erinnerungen an meine Jugend hier in Berlin. Meine Eltern hatten mich an einer Schule in der Schweiz abgeladen, und ich wusste eigentlich nicht so recht, wo ich war. Ich habe unter einem Daunenbett geschlafen und hatte keine Ahnung, was das ist. Ich habe mich in Schokolade und die Berge verliebt, ganz besonders in die Berge. Von Frankfurt nach Berlin fuhr ich immer im Militärzug, ich war allein und wurde in die Obhut der U.S. Army gegeben, als ich in den Zug stieg und durch den Ostsektor fuhr. Wir durften die Jalousien nicht hochziehen, aber ich habe es trotzdem gemacht. Ich kaufte immer einen Sixpack Pepsi oder so etwas und las meine Comics, die ich im PX in Frankfurt gekauft hatte. Ich war die ganze Nacht wach, weil es so aufregend war, und ich linste durch das Fenster. Bei unseren Halten an verschiedenen Orten auf dem Weg liefen die russischen, die sowjetischen Soldaten immer auf und ab und klopften, damit niemand den Zug verließ, sie klopften mit dem Gewehrkolben an das Fenster, damit ich die Jalousien schloss, weil ich nicht herausschauen und sehen durfte, wo wir waren. Als wir dann am Bahnhof hier in Berlin ankamen, spielte die U.S. Army Band Stars and Stripes, amerikanische Lieder, denn die Stadt war ja in vier Sektoren unterteilt.

Für einen 12-Jährigen waren das natürlich unglaubliche Eindrücke. Ich habe mich tatsächlich in den Ostsektor getraut und erinnere mich an die starken Gegensätze. Ich erinnere mich daran, dass ich ein bisschen Angst hatte. Ich fühlte diese unheilvolle Dunkelheit, dieses Grau. Es waren sehr wenige Autos und nicht viele Menschen auf den Straßen, weniger Geschäftigkeit als im Westen. Die Dunkelheit gab mir das Gefühl, dass es vielleicht doch nicht so eine gute Idee war, hier zu sein. Ich drehte mit meinem Fahrrad um und fuhr zurück in den amerikanischen Sektor. Und ich erinnere mich natürlich daran, dass ich sofort Hausarrest bekam, als ich meinem Vater davon erzählte. Er nahm mir meinen Pass weg.  Und ich glaube, mein Vater wischte sich buchstäblich den Schweiß von der Stirn, weil ich glücklicherweise keinen internationalen Vorfall ausgelöst hatte.

Aber es war ein tolles Abenteuer. Ich habe wirklich etwas gelernt, ehrlich. Berlin war eine tolle Erfahrung für mich. Und ich habe eine Menge Zeit mit Fahrradfahren verbracht. Ich fuhr durch den Grunewald, den Kurfürstendamm rauf und runter, Unter den Linden und die ganzen anderen Straßen entlang. Ich kannte mich gut aus. Aber ich habe auch mitbekommen, was Frank erwähnt hat, nämlich die Energie und die Wiederaufbauarbeiten, die überall stattfanden. Der Reichstag war noch ausgebrannt, der Hitlerbunker war noch da und man konnte diese riesigen Betonteile herausragen sehen. Und ich fuhr mit meinem Fahrrad herum und sah all das.

Ich sah auch Schilder: „Hier hilft der Marshallplan.“ Frank erwähnte es bereits. Ich hatte also einen Platz in der ersten Reihe als die unauslöschliche Partnerschaft zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland ihren Anfang nahm, ermutigt durch die NATO, durch Schlüsselinvestitionen des Marshallplans und die zunehmende Kooperation bei Herausforderungen in Europa und andernorts – und natürlich auch als das große Projekt Europa selbst begann.

Diese Partnerschaft war damals und ist heute in unserem gemeinsamen Verständnis von der NATO, in unserem Engagement für dieses Bündnis und für ein geeintes, freies und erfolgreiches Europa verankert. Diese Partnerschaft wurde immer weiter ausgebaut und durch unsere gemeinsamen Werte gestärkt. Dies ist kein – zumindest glaube ich, dass Frank und ich das so sehen – Great Game. Und das sollte es 2016 auch nicht sein. Es gibt immer noch Menschen, die so denken, zu viele Menschen in einer globalisierten Welt, in der alle miteinander verbunden sind, aber noch nicht vollständig, zumindest nicht so, wie es, wie wir alle wissen, sein sollte.

Ich nehme diese Auszeichnung aufrichtig im Namen der 70.000 Mitarbeiter und im Namen von Ihnen allen an, die sich für dieses großartige Unterfangen, das sich Diplomatie nennt, engagieren. Nur so werden wir es letztlich schaffen. Alle sagen, es gäbe für den Krieg in Syrien keine militärische Lösung, und so ist es. Selbst wenn Aleppo fiele, würde das den Krieg nicht beenden. Letztlich müssen Russland, Assad, die Iraner und andere alle verstehen, dass es tiefe religiöse und andere Spaltungen und Interessen gibt, die überwunden werden müssen, um den Krieg zu beenden.

Unser Bündnis hat sich im Laufe der Zeit, in den vergangenen Jahren der Rezession, des Konflikts, der unvergesslichen Luftbrücke, des Baus und letztlich der Zerstörung einer hässlichen Mauer langfristig bewährt. Es hat unseren beiden Ländern unverzichtbare Vorteile gebracht. Ich habe schon lange aufgehört zu zählen, wie oft ich zum Telefon gegriffen und Frank-Walter angerufen habe, um Deutschland um Hilfe oder Rat zu bitten oder wie oft Präsident Obama das gleiche getan hat. Ich denke, Sie haben die Herzlichkeit in der Beziehung zwischen Bundeskanzlerin Merkel und Präsident Obama gespürt, als er vor ein paar Tagen hier war.

Die Bundeskanzlerin hat unsere Freundschaft vor Kurzem als Eckpfeiler der deutschen Außenpolitik bezeichnet und hinzugefügt, dass Deutschland zu keinem Land außerhalb Europas so enge Verbindungen hat wie zu den Vereinigten Staaten von Amerika. Diese bemerkenswerte Geschichte der Zusammenarbeit und Führungsstärke hat sich, das kann ich mit Stolz sagen, in meinen vier Jahren als US-Außenminister fortgesetzt. Meine erste Reise als Außenminister führte mich hier nach Deutschland, nach Europa, zu unserem Bündnis.

Tatsächlich stehen, wo man auf der Welt heute auch hinschaut, unsere beiden Länder im Mittelpunkt, wenn es um Themen von globalem Belang geht. Wir stehen Seite an Seite [unverständlich] diese Schlacht werden wir mit Sicherheit gewinnen. Wir haben bereits 55 Prozent der von der IS-Terrormiliz eingenommenen Gebiete zurückerobert. Wir bewegen uns auf Mosul zu. Wir haben Tikrit, Ramadi und Falludschah befreit, wir bewegen uns auf Al-Rakka zu, und wir haben mit unseren Verbündeten weltweit zusammengearbeitet, um die Zahl der ausreisenden Rekruten erst von 1.000 pro Jahr, pro Monat, meine ich, auf 500 pro Monat und jetzt auf ein Bruchteil dieser Zahl zu reduzieren. Die Finanzströme wurden unterbrochen, die Propaganda entlarvt, und wir haben eine Reihe von Initiativen gemeinsam umgesetzt. Wir stehen fest hinter der Souveränität und territorialen Integrität der Ukraine, und wir sind dankbar für die Führungsrolle, die Deutschland und Frankreich bei der Entwicklung und jetzt der Umsetzung des Minsker Abkommens übernommen haben, und wir sind dankbar für die Führungsstärke Europas, das bereit ist, beim Thema Sanktionen standfest zu bleiben, so schwierig das auch sein mag, denn wir haben die Aufgabe Minsk noch nicht bewältigt.

Wir haben zusammengearbeitet, um die schwerwiegendste Krise zu bewältigen, mit der Europa mit Blick auf Flüchtlinge seit dem Zweiten Weltkrieg konfrontiert war, und wir wollen gemeinsam die Umwelt und das Wohlergehen unseres Planeten schützen. Darauf werde ich gleich noch zurückkommen.

Wir fühlen uns zutiefst der unerlässlichen Aufgabe verpflichtet, Libyen zu retten und den Krieg im Jemen zu beenden. Auch jetzt, in dieser Woche, arbeiten wir nach Kräften daran, die Parteien in beiden Ländern zusammenzubringen und die Regierung der Nationalen Einheit dabei zu unterstützen, eine Waffenruhe zu vereinbaren und in Kuwait Gespräche über den Jemen zu führen. Ich bin zuversichtlich, dass wir vor unserer Abreise in diesem Hinblick Fortschritte erzielen werden.

Und schließlich setzen wir uns nachdrücklich für ein Ende des sinnlosen, endlosen Krieges in Syrien ein, denn wir wissen, dass es keine militärische Lösung gibt und dass die Nachwirkungen des schrecklichen Blutvergießens in Aleppo und anderen besetzten Bezirken in Syrien noch in Jahrzehnten zu spüren sein werden.

Und schließlich unterstützen Deutschland und die Vereinigten Staaten als Partner die vollständige Umsetzung des gemeinsamen umfassenden Aktionsplans (Joint Comprehensive Plan of Action – JCPOA) mit Iran. Ich bin Frank-Walter sehr dankbar. Wir alle haben an diesem Bemühen festgehalten. Und ich bin meinen Kollegen dankbar, die nach Wien gereist und dort geblieben sind, obwohl wir manchmal nicht wussten, wann das nächste Treffen stattfinden würde. Aber wir hatten ein gemeinsames Ziel, und jeder einzelne Partner hat dabei Geduld bewiesen, und dafür bin ich zutiefst dankbar.

Niemand sollte einen Zweifel daran hegen, dass die Region, Deutschland, die Vereinigten Staaten, Europa, Israel und die Welt sicherer sind, weil der Weg Irans zu Atomwaffen blockiert wurde – und, wie ich hinzufügen möchte, mit Zustimmung und unter Beteiligung Irans und seiner Bereitschaft, die Plutoniumreaktoren mit Beton zu füllen, die Zentrifugen abzubauen, sein Lager zu verringern und die Anreicherung zu begrenzen.

Wir sind also alle dafür verantwortlich, dass dieses Abkommen bestehen bleibt, und ich weiß, dass Präsident Obama bereits Gespräche mit dem designierten Präsidenten darüber führt. Wir werden nach Kräften versuchen, dem neuen Team die absolute Notwendigkeit zu vermitteln, dieses und andere Abkommen zu erhalten.

Letztendlich bedeutet das Folgendes: In den vergangenen Jahren, wie schon im Verlauf der letzten beinahe sieben Jahrzehnte, hat unser Bündnis, haben Deutschland und die Vereinigten Staaten gemeinsam, haben die NATO und Europa zu mehr Frieden, Sicherheit und Freiheit auf unserem Kontinent und unserem Planeten beigetragen. Glauben Sie mir: Das ist nicht nur eine Behauptung, es ist eine unbestreitbare Tatsache.

Ich möchte kurz einige Dinge hervorheben. Ich denke, dass es unangemessen wäre, wenn ich hier – nach allem, was wir gestern in Italien gesehen haben und zuvor beim Brexit und bei unseren eigenen Wahlen – nicht in irgendeiner Form auf die Unsicherheit der Menschen bezüglich der zukünftigen Entwicklungen einginge. Es gibt ganz offensichtlich Ängste, die die Wähler weltweit umtreiben. Das vergangene Jahrhundert war geprägt von Nationalstaaten, die sich entschieden, in das Great Game einzusteigen und aus diesem Grund auch Kriege in Kauf nahmen. In deren Verlauf kamen Millionen von Menschen ums Leben; der Erste Weltkrieg, der Zweite Weltkrieg, die ungeklärten Fragen des Zweiten Weltkriegs, Korea, Vietnam und schließlich das Ende des Kalten Krieges und nun die Freisetzung einer ganzen Reihe von Kräften, die durch die autoritären Regierungssysteme und die Struktur der Nachkriegswelt im 20. Jahrhundert unterdrückt worden waren.

Heute sind nichtstaatliche Akteure die Hauptstörfaktoren, sowohl jene, die kinetische Aktivitäten verfolgen als auch jene, die Technologie und Wissenschaft voranbringen wollen. Nicht der Handel kommt die Vereinigten Staaten teuer zu stehen. 85 Prozent der Arbeitsplätze, die in den Vereinigten Staaten verloren gingen, fielen nicht dem Handel zum Opfer, sondern technischem Fortschritt. Da wir in einer Welt mit AI – Artificial Intelligence oder künstlicher Intelligenz – und anderen großen technologischen Fortschritten leben, ist es an uns allen, enger zusammenzuarbeiten, umfassender zu kommunizieren und intensiver daran zu arbeiten, Wege zu finden, um die Probleme, die uns entzweien, gemeinsam zu lösen und die Sorgen zu zerstreuen, die eine sich verändernde Welt mit sich bringt.

Was wir im Nahen Osten, im Süden Zentralasiens oder in Nordafrika erleben, wird oder war in vielen Fällen ursprünglich nicht durch religiösen Extremismus motiviert. Es wurde von religiösen Extremisten ausgenutzt, aber ausgelöst wurde es von einem Obsthändler in Tunesien, der der Korruption und korrupter Menschen überdrüssig war, die ihm sagten, wo er seine Waren verkaufen dürfe und wo nicht. Von jungen Menschen auf dem Tahrir-Platz, die Google, Messenger-Programme und Textnachrichten nutzten und einander mitteilten, dass sie für Arbeitsplätze kämpfen wollten, wurde es weitergeführt. Die Erinnerungen verblassen schnell, aber so fing es auch in Syrien an. Einige junge Menschen gingen auf die Straße, um für Arbeitsplätze zu demonstrieren. Sie dachten, sie könnten diese neu entstehenden Chancen nutzen, stattdessen warteten die Verbrecher des Regimes auf sie und verprügelten sie. Und als die Eltern, die wütend darüber waren, dass ihre Kinder geschlagen wurden, auch auf die Straße gingen und demonstrierten, wurden sie ebenfalls von Kugeln begrüßt. So begann es. Wir dürfen uns keinen Illusionen hingeben.

Meine Ermahnung für alle, die hier heute unsere Partnerschaft feiern, lautet deshalb, dass uns der Marshallplan etwas Wichtiges lehrt. Ich bin davon überzeugt, dass die Welt einen neuen Marshallplan braucht, allerdings keinen, der wie der erste darauf abzielt, bereits entwickelte Gesellschaften, Länder die einmal Industriegiganten waren, wieder aufzubauen. Wir müssen uns vor Augen führen, dass es heute 1,5 Milliarden Menschen auf der Welt gibt, die 15 Jahre oder jünger sind. Und ganze 400 Millionen, die meisten in Nordafrika, dem Nahen Osten und Südasien, werden nicht zur Schule gehen können, wenn wir nichts verändern.

Einer meiner Amtskollegen aus einem nordafrikanischen Land lud mich eines Abends zum Abendessen ein. Wir unterhielten uns und ich sagte: „Wir gehen Sie mit den 40 Prozent Muslimen in ihrem Land um?“ Eine Minderheit, aber eine große. Und er antwortete: „Wir machen uns große Sorgen.“ Denn Extremisten, Ausbeuter, schnappen sich diese Kinder im Alter von 12, 13 und 14 Jahren, laden sie ein, geben ihnen Geld und missionieren. Sobald sie vollständig konvertiert sind, werden sie als Anwerber losgeschickt und die nächste Welle beginnt. Er fragte mich: „Wissen Sie was, John? Sie haben einen 35-Jahresplan. Wir haben nicht einmal einen Fünfjahresplan.“

Denken Sie einmal darüber nach in der westlichen Welt, in den Industrieländern. Die Vereinigten Staaten sind ein Land mit einer 18-Billionen-Dollar-Volkswirtschaft, aber wir wenden nur einen Cent von jedem US-Dollar für all die Dinge auf, die wir weltweit mit Diplomatie und Entwicklungshilfe tun. Der Marshallplan war ein Programm über 13 Milliarden US-Dollar. Heute wären das umgerechnet etwa 120 Milliarden US-Dollar. Ausgedrückt in realem Geld wären es etwa 120 Milliarden US-Dollar. Wenn wir das nun anteilig, bezogen auf unser BIP, berechnen, wären es heute etwa 720 Milliarden US-Dollar. Im Irak und in Afghanistan haben wir drei Billionen US-Dollar ausgegeben. Ich bin fest davon überzeugt – und ich werde das auch immer wieder betonen, wenn ich nicht mehr im Amt bin –, dass wir an unsere Interessen denken müssen, wir alle müssen das. Es gibt kein „weit entfernt“ mehr. Alles ist miteinander verbunden. In den vergangenen Jahren, seit dem 11. September, haben uns Paris und viele andere traurige Ereignisse von Ankara bis zum Nahen Osten und andernorts gezeigt, dass es sich rächt, wenn wir den jungen Menschen, die Arbeit brauchen, die ihre Ziele erreichen wollen, wie jeder andere auch, keine Aufmerksamkeit schenken.

Nun, ich weiß, was die Politik des Aufbaus von Nationen bedeutet. Das ist immer eine Herausforderung. Aber nach einer langen beruflichen Laufbahn in diesem Geschäft möchte ich jedem Einzelnen von Ihnen meine tiefe Überzeugung vermitteln, dass wir alle gemeinsam der Herausforderung für die Regierungsführung Beachtung schenken müssen. Es gibt weltweit zu viele gescheiterte oder scheiternde Staaten, und es herrscht zu viel Korruption in diesen Staaten. Sie wird in vielen unserer Länder von rechtmäßigen Institutionen ermöglicht, die andere Dinge die Werte stellen, nach denen wir selbst leben.

Frank hat erwähnt, dass ich in die Antarktis gereist bin. Ich bin dorthin gereist, weil ich zuvor schon in der Arktis war und mir Wissenschaftler dort gesagt hatten: „Wissen Sie, wenn Sie schon die Eisschmelze in Grönland besorgniserregend finden, dann sollten Sie in die Antarktis fahren und sich ansehen, was dort geschieht.“ Also habe ich das getan. Ich war auf dem Eisschild der Westantarktis und die Wissenschaftler haben mir erklärt, dass das wärmere Wasser nun unter das Eis strömt, weil das Gewicht des Eises den Kontinent nach unten drückt und das Wasser darunter strömt und zu einer noch schnelleren Destabilisierung führt, und dass sie Veränderungen in noch nie dagewesener Geschwindigkeit beobachten können. Vor zwei Wochen lag die Temperatur am Nordpol in der Arktis mehr als zwei Grad über der seit Beginn der Aufzeichnungen an diesem Tag gemessenen Durchschnittstemperatur. Neulich erhielt ich ein Fläschchen mit einer Luftprobe – ich habe einige von diesen Fläschchen mit Luftproben vom Südpol. Jedes ist mit einer Grafik beschriftet, die den Anstieg des Kohlendioxid in der Atmosphäre wiedergibt und es in Relation zur Temperatur setzt. Es ist zufälligerweise auch – und das steht auf dem Fläschchen – „Die sauberste Luft der Welt“. Dahinter steht „401,6 ppm“. Wer sich mit diesem Thema beschäftigt, weiß, dass dieser Wert mindestens 50 Punkte über dem Punkt liegt, den die Wissenschaftler zum Wendepunkt erklärt haben. Und das ist die sauberste Luft der Welt.

Das vergangene Jahr war als das wärmste Jahr in der Geschichte der Menschheit. Das Jahr davor war bisher das wärmste Jahr. Dieses Jahr ist das wärmste Jahr im wärmsten Jahrzehnt in der Geschichte der Menschheit. Es folgt auf das zweitwärmste Jahrzehnt in der Geschichte der Menschheit, das wiederum auf das drittwärmste in der Menschheitsgeschichte folgte. Können wir als rational denkende menschliche Wesen nicht klar erkennen, was hier geschieht? Der Meeresspiegel steigt in Boston bereits über die Ufermauern. In Miami Beach heben wir die Straßen an und pumpen Wasser ab, um dieser Entwicklung zuvorzukommen. Die US-Marine in Norfolk (Virginia) zieht wegen des Anstiegs des Meeresspiegels bereits in Erwägung, die Schiffsanleger umzubauen, weil sie überlegt, wie die Mannschaften an Bord gelangen, denn bei starken Stürmen sind sie bereits komplett abschnitten. Brände dauern länger, Dürren werden dramatischer. Ich sage Ihnen allen daher: Wir haben es mit ernsten Dingen zu tun. Ich denke, das wissen Sie alle.

Das Wichtigste ist – ich fand übrigens sehr gut, was Frank dazu gesagt hat – in unserem Job die Wahrheit zu finden und auch auszusprechen. Die Wahrheit lautet, dass es für alle diese Dinge Lösungen gibt. Für mich ist das Glas nicht halb leer.  Ich glaube, das Glas ist halb voll. Das glaube ich wirklich. Warum? Weil wir inzwischen Krankheiten heilen können, die früher unheilbar waren. Weil wir es zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit geschafft haben, die extreme Armut auf unter zehn Prozent zu senken. Weil es dieses Bündnis gibt und weil wir in der Lage sind, gemeinsam die Rechtsstaatlichkeit zu fördern. Weil es für Frauen überall auf der Welt heute zum ersten Mal in der Geschichte wahrscheinlicher ist, die Geburt eines Kindes zu überleben als dabei zu sterben. Weil die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder heute in die Schule gehen können und genug zu essen bekommen heute höher ist als je zuvor. In Afrika stehen wir heute, aufgrund dessen, was wir geschafft haben, kurz vor der ersten Generation von Kindern, die AIDS-frei geboren wird. Vor zwei Jahren wurde die Prognose aufgestellt, dass eine Million Menschen an Ebola sterben würden, aber wir, wir alle, und haben uns gemeinsam auf internationale Maßnahmen verständigt, und raten Sie mal, was geschehen ist? Nur ein Bruchteil ist daran gestorben, und wir haben die Gefahr gebannt. Das Gleiche machen wir bei Zika und bei anderen Problemen. Wir haben das in Paris gemacht, wo 190 Länder gemeinsam beschlossen haben, den Märkten ein Signal zu sauberer Energie zu senden, und raten Sie mal, was geschehen ist? Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit wird mehr Geld in alternative, erneuerbare und nachhaltige Energien investiert als in fossile Brennstoffe.

Aus diesem Grund glaube ich an die Zukunft. Ich bin davon überzeugt, dass aus genau diesem Grund diese Beziehungen, Beziehungen wie die unseren, uns die Fähigkeit geben, etwas zu bewirken. Das sind keine leeren Worte. Wir müssen jedoch zusammenstehen, und wir müssen uns gegen diese kurzfristigen, politisch eigennützigen Parolen wehren, die nicht einmal als Maskerade für Politik bezeichnet werden können. Mithilfe unserer Medien und unseres gesunden Menschenverstandes werden wir hoffentlich in der Lage sein, die Botschaft zu vermitteln, die unsere Bürgerinnen und Bürger brauchen, um kluge Entscheidungen zu treffen, weil all diese Dinge nicht zu übersehen sind. Mit dem neuen Energiemarkt, der sich uns bietet, kann das Problem des Klimawandels gelöst werden – und es ist noch nicht zu spät dafür. Dieser Markt wird der größte sein, den die Welt je gesehen hat.

Mein Heimatstaat Massachusetts hat in den Neunzigerjahren, wie viele Menschen in den Vereinigten Staaten, sehr viel Wohlstand erlangt. Das kam durch den Technologieboom im Bereich Kommunikation und Computer. Das war ein 1-Billion-Dollar-Markt mit einer Milliarde Verbrauchern. Der heutige Energiemarkt umfasst mehrere Billionen US-Dollar mit vier bis fünf Milliarden Verbrauchern, der bis etwa 2050 auf neun Milliarden Verbraucher anwachsen wird. Es ist der größte Markt weltweit. Daher bin ich davon überzeugt, dass man dort Geld verdienen kann, dass er das Leben vieler Menschen verändern kann und dass es vieles gibt, was wir tun können, um auf dem aufzubauen, was wir heute hier würdigen, nämlich Diplomatie. Ich danke Ihnen für die Tradition unserer Partnerschaft, die meines Erachtens durch die Verleihung dieses Verdienstordens gewürdigt wird. Ich bin für diesen Tag zutiefst dankbar. Ich werde versuchen, einige Worte auf Deutsch zu sagen, falls mir das gelingt.

Die Vereinigten Staaten und Deutschland setzen sich vereint für Frieden, die Förderung gemeinsamen Wohlstands und eine sicherere Zukunft ein. Der Verdienstorden würdigt dieses Engagement und unsere lange, enge und unerschütterliche Freundschaft.

Ich denke, das wurde gerade verdolmetscht – ich hoffe es zumindest.  Ich habe eben etwas ausführlicher gesprochen, weil ich die Gelegenheit nutzen wollte, um meine Überzeugung zu vermitteln, dass alles gut wird.  Wir werden es schaffen, was das angeht, bin ich absolut zuversichtlich. Wir müssen einfach dranbleiben, wir müssen uns weiter dafür einsetzen und am gleichen Strang ziehen. Bei diesem Bündnis geht es nicht nur um die Vereinigten Staaten und Deutschland. Dieses Bündnis ist für alle Menschen auf der Erde wichtig, denn es geht um das, an das wir im Menschen glauben, um Chancen, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit.

Vielen Dank. Dies führt mir den Sinn des Lebens vor Augen. Ich fühle mich geehrt, hier bei Ihnen zu sein. Ich danke Ihnen.

Originaltext: Remarks at a Ceremony Awarding the Grand Cross 1st Class of the Order of Merit of the Federal Republic of Germany to Secretary Kerry