Die westliche Hemisphäre muss mehr gegen Kinder- und Zwangsehen tun

WASHINGTON – (AD) – Nachfolgend veröffentlichen wir anlässlich der 16 Aktionstage gegen geschlechtsspezifische Gewalt vom 25. November bis 10. Dezember einen Text von Catherine Russell, Sonderbotschafterin für globale Frauenfragen im US-Außenministerium. Er erschien am 29. November 2016 auf DipNote, dem offiziellen Blog des US-Außenministeriums, sowie auf Medium.com.

Ein Mädchen mit einer Kerze bei einer Veranstaltung in Guatemala-Stadt zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen. (Foto: AP)
Ein Mädchen mit einer Kerze bei einer Veranstaltung in Guatemala-Stadt zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen. (Foto: AP)

Überall auf der Welt erheben Aktivisten, Journalisten, Sozialarbeiter, Diplomaten und Mädchen ihre Stimmen in einem eindringlichen Appell gegen Kinder- und Zwangsehen.

In der Türkei haben Tausende Menschen gegen einen Gesetzesentwurf demonstriert, der es Männern, denen vorgeworfen wird, Mädchen sexuell missbraucht zu haben, ermöglicht hätte, die Strafe zu umgehen – indem sie sie heiraten. Dieser Gesetzesentwurf wurde jetzt dem parlamentarischen Ausschuss zurück übergeben, damit die Haltung der Zivilgesellschaft berücksichtigt werden kann. In Kirgisistan wurde kürzlich aufgrund der hohen Zahl junger Frauen, die vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet sind, ein Gesetz verabschiedet. Aktivisten aus aller Welt, von Jakarta bis Harare, nehmen die 16 Tage gegen Gewalt an Frauen zum Anlass, Regierungen dazu aufzufordern, weitere Schritte in dieser Sache einzuleiten.

Dieser Appell hallt nun in der westlichen Hemisphäre wider, wo wir gemeinsam weitere Maßnahmen ergreifen müssen, um Ursachen und Auswirkungen von Kinderehen und der Mutterschaft Minderjähriger zu bekämpfen.

Nord- und Südamerika hinken bei der Bekämpfung dieses Problems in vielerlei Hinsicht hinter anderen Regionen hinterher. Auf dem amerikanischen Kontinent steigt die Zahl der Kinder- und Zwangsehen vielerorts, anstatt zu sinken, und es fehlt an Forschung und Programmen, wie es sie im südlichen Asien oder in Afrika gibt.

Die Forschungsergebnisse, die wir haben, zeigen uns jedoch, dass wir viel riskieren, wenn wir diesem Thema keine Aufmerksamkeit schenken, denn dieser Kreislauf setzt sich immer weiter fort. Kinder- und Zwangsehen können Armut verfestigen und Mädchen und deren Kinder daran hindern, die Bildung zu erhalten, die sie für ihr Weiterkommen brauchen.

Die gute Nachricht ist, dass wir dennoch nicht bei Null anfangen müssen. Es gibt bereits einen funktionierenden gesetzlichen Rahmen und in vielen Ländern existieren Gesetze zu Kinder- und Zwangsehen, sodass wir daran anknüpfen können, indem wir das Bewusstsein für diese Gesetze schärfen und ihre Durchsetzung verbessern.

US-Außenminister John Kerry spricht am 15. März 2016 bei der Auftaktveranstaltung für die globale Strategie der Vereinigten Staaten zur Stärkung der Rechte weiblicher Jugendlicher im US-Außenministerium in Washington.
US-Außenminister John Kerry spricht am 15. März 2016 bei der Auftaktveranstaltung für die globale Strategie der Vereinigten Staaten zur Stärkung der Rechte weiblicher Jugendlicher im US-Außenministerium in Washington.

Auch die Vereinigten Staaten verfügen über die nötigen Grundlagen, die ihr eigenes Engagement in diesem Bereich leiten. Anfang dieses Jahres hat Außenminister Kerry den Startschuss für eine globale Strategie der Vereinigten Staaten gegeben, die auf eine Reihe von Herausforderungen für heranwachsende Mädchen abzielt, unter anderem auf Kinderehen, Zwangsehen und die Mutterschaft von Minderjährigen.

Innerhalb der Region arbeiten wir daran, die tiefer liegenden Ursachen zu bekämpfen, indem wir die Justiz stärken, Überlebende von geschlechtsspezifischer Gewalt unterstützen und das Bewusstsein für Frauenrechte schärfen. Wir setzen uns dafür ein, Mädchen den Zugang zu Bildung zu erleichtern und Menschen die Hand zu reichen, die Ausgrenzung erfahren haben – darunter auch Ureinwohner und Menschen afrikanischer Abstammung.

In Brasilien, dem Land der Region, in dem es die meisten Kinderbräute gibt, arbeiten die Vereinigten Staaten mit UNICEF zusammen, um Mädchen die nötige Unterstützung zukommen zu lassen, damit sie ihr Potenzial voll ausschöpfen können. Unser Programm führt Mädchen mit Mentoren aus unterschiedlichen Berufsfeldern zusammen. So erfahren sie etwas über Unternehmertum und Innovationen und nutzen Kunst und Kreativität, um geschlechtsspezifische Stereotype zu bekämpfen.

Auch wenn wir sehr stolz auf diese Projekte sind, besteht kein Zweifel daran, dass wir mehr tun müssen, insbesondere, da dieses Thema im Einklang mit unseren strategischen Interessen steht. Wir haben immer wieder die Erfahrung gemacht, dass es ganzen Ländern besser geht, wenn es Frauen und Mädchen besser geht. Das bedeutet, dass unsere großen gemeinsamen Ziele für die westliche Hemisphäre – Sicherheit, Wohlstand und gute Regierungsführung – direkt mit der Problematik der Kinderehen und der Mutterschaft von Minderjährigen verknüpft sind.

Mit anderen Worten, es liegt in unserem eigenen Interesse, uns mit Kinder- und Zwangsehen auseinanderzusetzen. Es ist in unserem Interesse, dass die Kinderehe betreffende Gesetze eingehalten und durchgesetzt werden. Es ist in unserem Interesse, dass Mädchen die Bildung erhalten, die sie brauchen, um Geld verdienen und eines Tages selbst in die Gesundheit und Bildung ihrer eigenen Kinder investieren zu können. Und es liegt selbstverständlich in unserem Interesse, den vielen Formen der geschlechtsspezifischen Gewalt ein Ende zu setzen, die eine wachsende Unsicherheit in Privathaushalten, Wohnvierteln und Gemeinden mit sich bringen.

Aber was müssen wir tun, um das zu erreichen?

Ich habe heute bei einer Veranstaltung zu Kinder- und Zwangsehen in unserer Region drei Ideen vorgestellt, wie wir Fortschritte bei diesen Themen machen können.

Zuerst müssen wir unsere Forschungsaktivitäten intensivieren. Kein Problem kann gelöst werden, wenn Ursachen und Abhilfemaßnahmen nicht bekannt sind. Wir müssen uns weiterhin fragen, was die Problematik hier, im Gegensatz zu anderen Orten, verschärft und wie sie unter den spezifischen Umständen unserer Region am besten angegangen werden kann.

Zweitens müssen die Länder diese Themen auf ihre politische Tagesordnung setzen. Die Strategie der Vereinigten Staaten für minderjährige Mädchen hat sich als wertvolles Werkzeug erwiesen, um verschiedene Teile der US-Regierung zusammenzubringen und Maßnahmen für minderjährige Mädchen zu erarbeiten. Die Strategie sorgt dafür, dass diese Arbeit auch unter der nächsten Regierung fortgesetzt wird. Andere Regierungen sollten erwägen, diese Strategie als Instrument zu nutzen, um die Herausforderungen für junge Mädchen auf umfassende Weise anzugehen.

Drittens müssen wir Wege finden, um alle zu mobilisieren, sich für dieses Thema einzusetzen. Politische Entscheidungsträger und Aktivisten sind entscheidend, aber wir wissen, dass wir diese Aufgabe nicht allein bewältigen können. Auch führende Gemeindemitglieder und Unternehmer, Eltern und Lehrer, Mädchen und Jungen müssen sich künftig an unseren Bemühungen beteiligen.

Was mir an unserer Strategie besonders gefällt, sind die Bilder dazu von Stephanie Sinclair. Als Fotojournalistin ist sie in der Lage, Themen wie die Kinderehe auf eine Weise darzustellen, wie es Worte – und vor allem Strategiepapiere – einfach nicht können. Wir brauchen noch mehr Menschen wie Stephanie, die ihre persönlichen Fähigkeiten für dieses Thema einsetzen und andere dazu ermutigen, sich uns anzuschließen.

Ich habe zahllose Aktivisten aus diesem Bereich getroffen, darunter auch heranwachsende Mädchen. Eines der Mädchen, die mich besonders beeindruckt haben, war Jimena, die in Guatemala als Tochter minderjähriger Eltern geboren wurde. Als sie acht Jahre alt war, war sie bereits ein angesehenes Mitglied ihrer Gemeinde und informierte andere Mädchen über Menschenrechte, Bildung und sexuelle und reproduktive Gesundheit. Mit zwölf Jahren sprach Jimena im Rahmen von Veranstaltungen der UN-Kommission für die Rechtsstellung der Frau. Dort habe ich sie getroffen.

Bei einer Veranstaltung, an der wir beide teilnahmen, sagte sie: „Investieren Sie in Mädchen, denn wir sind nicht nur die Zukunft. Wir sind die Gegenwart.“

Ihre Worte erinnern uns daran, dass wir aus vielen verschiedenen Gründen an diesem Thema arbeiten. Einerseits geht es um Strategie und Planung: Wir setzen uns gegen Kinderehen ein, weil es im Interesse unseres Landes oder unserer Region liegt. Aber wir engagieren uns auch gegen Kinderehen, weil es im Interesse der Mädchen liegt.

Deshalb ist es entscheidend, dass wir uns nicht aus Mitleid für Mädchen einsetzen, sondern als Partner, dass wir ihnen zuhören und ihnen ein Forum bieten, in dem sie für sich selbst sprechen können, und dass wir dem Aufruf Folge leisten, besser und mehr daran zu arbeiten, die Praxis von Kinder- und Zwangsehen auf dem amerikanischen Kontinent zu beenden.

Originaltext: In the Western Hemisphere, More Action Needed to Address Early and Forced Marriage