Länderberichte zu Menschenhandel 2017 – Bundesrepublik Deutschland

Am 27. Juni 2017 erschienen die vom Büro zur Überwachung und Bekämpfung von Menschenhandel im US-Außenministerium jährlich herausgegebenen Länderberichte zu Menschenhandel. Den Deutschlandteil haben wir übersetzt.

Deutschland (Kategorie 1)
Die Bundesrepublik Deutschland erfüllt die Mindeststandards für die Beseitigung von Menschenhandel. Aufgrund der Fortsetzung der ernsthaften und kontinuierlichen Anstrengungen der Regierung im Berichtszeitraum wird Deutschland erneut in die Kategorie 1 aufgenommen. Die Regierung unternahm ernsthafte und kontinuierliche Anstrengungen, indem sie das Strafrecht im Hinblick auf Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung und zur Ausbeutung der Arbeitskraft verschärfte und die Behörden weitaus mehr Opfer von Menschenhandel zur Arbeitsausbeutung ermittelten. Obwohl Deutschland die Mindeststandards erfüllt, untergruben die milden Strafen in Menschenhandelsfällen die Bestrebungen, Menschenhändler zur Rechenschaft zu ziehen: Nur 26 Prozent der verurteilten Menschenhändler verbüßten eine Gefängnisstrafe. Da die Neufassung der strafrechtlichen Vorschriften erst vor Kurzem umgesetzt wurde, ist deren Auswirkung noch nicht absehbar. Staatlich finanzierte Beratungszentren oder soziale Einrichtungen für Jugendliche boten etwa einem Drittel der ermittelten Opfer Unterstützung; etwas weniger als die Hälfte der ermittelten Opfer erhielten keine fachgerechte Fürsorge. Die Bemühungen, Opfer von Menschenhandel zu identifizieren und zu unterstützen und Menschenhändler zu überführen und zu verurteilen, waren angesichts des Ausmaßes des Problems nicht ausreichend.

Empfehlungen für Deutschland
Verurteilte Menschenhändler sollten Strafen erhalten, die der Schwere der Straftat angemessen sind; aktive Verfahren zur Ermittlung von Opfern, Aufklärungskampagnen und Strafrechtsreformen zur Bekämpfung von Menschenhandel sollten verstärkt werden; die Zahl der Opfer, die staatliche Unterstützung erhält, sollte erhöht werden; die Kapazitäten von Staatsanwälten und Gerichten sollten erweitert werden, damit sich der Beginn von Verfahren nicht verzögert; Maßnahmen zur Opferhilfe und die Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft in den 16 Bundesländern sollten vereinheitlicht werden, auch im Hinblick auf Opfer von Menschenhandel zur Arbeitsausbeutung; die fachgerechte Betreuung von Opfern sollte in Abhängigkeit von ihren besonderen Bedürfnissen ausgeweitet werden; der Anspruch der Opfer auf längerfristige Aufenthaltsgenehmigungen sollte ausgeweitet werden; es sollten Aufklärungskampagnen durchgeführt werden, die sich an die Nutznießer von Zwangsarbeit und Kunden des Sexgewerbes richten.

Strafverfolgung
Die Behörden setzten ihre Anstrengungen bei der Strafverfolgung fort. Das Strafgesetzbuch verbietet alle Formen des Menschenhandels zum Zweck der sexuellen Ausbeutung und der Ausbeutung der Arbeitskraft. Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung steht laut Paragraf 232 des Strafgesetzbuches unter Strafe, Menschenhandel zur Ausbeutung der Arbeitskraft laut Paragraf 233 StGB. Das gesetzliche Strafmaß reicht von sechs Monaten bis zu zehn Jahren Freiheitsstrafe, ist ausreichend streng und steht im Einklang mit den Strafen, die für andere schwere Straftaten wie Vergewaltigung verhängt werden. Im Oktober sind Änderungen der strafrechtlichen Vorschriften, die Menschenhandel zur Ausbeutung der Arbeitskraft oder zur sexuellen Ausbeutung betreffen, in Kraft getreten. Sie umfassen auch die Ausbeutung bei der Ausübung der Bettelei oder der Begehung von mit Strafe bedrohten Handlungen sowie härtere Strafen für Fälle, in denen die Opfer unter 18 Jahre alt sind (das Gesetz war zuvor nur auf Personen unter 14 Jahren anzuwenden) und sehen auch Strafen für Personen vor, die als Kunden wissentlich die gewerblichen Sexdienstleistungen von Menschenhandelsopfern nutzen. Allerdings stellten die komplizierte Formulierung und der Anwendungsspielraum des Paragrafen 233 Strafverfolgungsbehörden und Justizbeamte vor beträchtliche Herausforderungen. Aus diesem Grund klagte die Staatsanwaltschaft mutmaßliche Täter häufig wegen Straftaten an, die leichter zu beweisen waren als Zwang im Kontext von Menschenhandel zur Arbeits- oder sexuellen Ausbeutung, oder sie reduzierten den Schuldvorwurf durch Verständigung im Strafverfahren. Beim Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung verlangt das Gesetz für eine Strafverfolgung der Täter keinen Nachweis über Zwangsausübung, wenn das zur Prostitution gezwungene Opfer unter 21 Jahre alt ist. In offiziellen Verurteilungsstatistiken wurden Fälle von Menschenhandel nicht aufgeführt, wenn Menschenhändler aufgrund einer anderen Straftat mit höherem Strafmaß vor Gericht gestellt und verurteilt wurden. Dies und die Zahl der Menschenhändler, die wegen eines anderen Tatvorwurfs verurteilt wurden, kann dazu geführt haben, dass weniger Menschenhandelsfälle statistisch erfasst wurden. Offiziellen Statistiken zufolge wurden Menschenhändler häufig zu Bewährungsstrafen verurteilt, was eine potenzielle Gefährdung der Opfer von Menschenhandel nach sich zieht, die Abschreckungswirkung verringert und die Bemühungen von Polizei und Staatsanwaltschaft untergräbt.

Die Behörden berichteten über Maßnahmen gegen Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung im Jahr 2015, dem letzten Jahr, für das vollständige Zahlen vorlagen. Die Polizei ermittelte 573 mutmaßliche Täter, die Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung betrieben, ein Anstieg gegenüber 2014, als nur 507 ermittelt wurden. 25 Prozent von ihnen waren deutsche Staatsbürger. Landes- und Bundesbehörden schlossen 2015 die Ermittlungen in 364 Voruntersuchungen zu Fällen von Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung ab – ein leichter Rückgang gegenüber 2014 (392 Fälle) und 2013 (425 Fälle). 2014 wurden 89 Personen des Menschenhandels zur sexuellen Ausbeutung angeklagt, etwas weniger als im Jahr 2014 (105). 2015 verurteilten die Gerichte 72 Täter, die Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung betrieben hatten, (2014: 79; 2013: 77). Weniger als 30 Prozent traten ihre Haftstrafe an. Die meisten Menschenhändler erhielten milde Freiheitsstrafen, da eine Bestimmung des Strafgesetzbuches (StGB) insbesondere bei Ersttätern das Aussetzen von Freiheitsstrafen von unter zwei Jahren gestattet. Von den 72 wegen Menschenhandels zur sexuellen Ausbeutung Verurteilten wurden zwölf lediglich zur Zahlung einer Geldstrafe oder zu einer anderen als zu einer Haftstrafe verurteilt. 45 wurden zu zwei Jahren Haft oder weniger verurteilt. In 42 Fällen wurde die Strafe zur Bewährung ausgesetzt. Insgesamt wurden nur 19 Täter, die Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung betrieben, zu Haftstrafen verurteilt, 16 davon zu Strafen zwischen zwei und fünf Jahren und drei zu Strafen von weniger als zwei Jahren.

2014 und 2015 ermittelte die Polizei 24 mutmaßliche Täter, die Menschenhandel zur Arbeitsausbeutung betrieben. 2015 ermittelten die Behörden in 19 Fällen, ein Anstieg gegenüber dem Vorjahr, in dem es 11 Fälle waren. 2015 kam es in zwölf Fällen des Menschenhandels zur Arbeitsausbeutung zur Anklage (2014: 17). In fünf Fällen kam es zu Verurteilungen; 2014 waren es acht. Drei Täter wurden zu Bewährungsstrafen und zwei zu Gefängnisstrafen verurteilt. Von den 77 Verurteilungen wegen Menschenhandels zur sexuellen Ausbeutung und der Ausbeutung der Arbeitskraft wurden 13 gegen Personen im Alter von 18 bis 21 Jahren verhängt, die nach deutschem Recht als Heranwachsende gelten. Heranwachsende unterliegen einer anderen Rechtsprechung und es liegt im Ermessen der Gerichte, den Reifegrad der Täter festzustellen und die Tat dazu ins Verhältnis zu setzen. Die Sanktionspalette im Jugendstrafrecht ist weit gefächert und beschränkt sich nicht auf Haftstrafen. Eine Beschlagnahme von Vermögenswerten fand nur in wenigen Ermittlungsverfahren statt. Sie beliefen sich 2015 auf insgesamt 512.000 €. Die Staatsanwaltschaft muss beweisen, dass es sich bei den beschlagnahmten Vermögenswerten um Einnahmen aus dem Menschenhandel handelt, was schwierig ist.

Zwar wurden Fälle von Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung häufig von erfahrenen Staatsanwälten bearbeitet, die die Opfer während der Gerichtsverfahren unterstützten, allerdings wurden die meisten Fälle von Menschenhandel zur Arbeitsausbeutung an Staatsanwaltschaften für Finanz- oder Wirtschaftskriminalität übertragen, die über weniger Erfahrung mit Menschenhandel oder opferzentrierter Strafverfolgung verfügten. Polizei, Staatsanwälte und einige Nichtregierungsorganisation stellten ebenfalls einen Rückgang an Fachwissen fest, insbesondere auf der Ebene der Gerichtsverfahren. Nichtregierungsorganisationen und Behörden berichteten von unterschiedlichen Erfahrungen mit der Justiz: Während einige Richter sensibel mit den traumatisierten Opfern umgingen, verlangten andere wiederholte Zeugenaussagen oder machten unsensible Bemerkungen über das, was die Opfer erlebt hatten. Nichtregierungsorganisation zufolge dauerten die Ermittlungsverfahren im Durchschnitt nach wie vor zu lange, manchmal sogar Jahre, und der Polizei fehlte es oft an Personal, um das Arbeitsaufkommen in einem angemessenen Zeitraum bewältigen zu können. Richter waren teilweise nicht darüber im Bilde, worauf in Fällen von Menschenhandel besonderes Augenmerk zu legen ist, und mussten nicht an Schulungen über Verbrechen im Bereich Menschenhandel oder opferzentrierte Verfahrensweisen teilnehmen. Die Deutsche Richterakademie bot weiterhin ihre jährlich stattfindende Schulung zur Bekämpfung von Menschenhandel für Staatsanwälte und Richter an, in der sexuelle Ausbeutung von Frauen und Kindern im Kontext grenzüberschreitender Kriminalität behandelt wird; 2016 nahmen 27 Personen an dieser Schulung teil. Das BKA veranstaltete Fachseminare über Menschenhandel für Ermittlungsbeamte und Staatsanwälte. Das BKA und die Landespolizei arbeiteten bei den Ermittlungen wegen Menschenhandel mit EUROPOL und mehreren ausländischen Regierungen zusammen, unter anderem mit den Regierungen Rumäniens, Bulgariens und Nigerias. Den Behörden zufolge gab es keine Ermittlungen gegen und keine Strafverfolgung oder Verurteilung von in Menschenhandel involvierten Regierungsvertretern.

Opferschutz
Die Regierung setzte sich weiterhin für den Opferschutz ein. Die Zahl der Opfer von Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung, die die Behörden ermittelten, sank von 557 im Jahr 2014 auf 416 im Jahr 2015. (Der Rückgang ist zum Teil auf einen Fall mit 110 Opfern im Jahr 2014 zurückzuführen). Staatlich finanzierte Beratungsstellen oder soziale Einrichtungen für Jugendliche boten etwa 36 Prozent der ermittelten Opfer Unterstützung, während 48 Prozent der ermittelten Opfer keine besondere Betreuung erhielten. Über die verbleibenden 16 Prozent der Opfer liegen keine Informationen vor. Die Behörden gaben an, dass viele Opfer keine Beratung erhielten, weil sie kein Interesse daran hatten oder weil sie in die Heimat oder in die Prostitution zurückgekehrt waren. Von den ermittelten Opfern von Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung waren 20 Prozent unter 18 Jahre alt und 34 Prozent zwischen 18 und 21.

Die Behörden ermittelten 54 Opfer von Menschenhandel zur Ausbeutung der Arbeitskraft, ein deutlicher Anstieg gegenüber den 26 im Jahr 2013. Ein Drittel von ihnen arbeitete in der Landwirtschaft, ein Viertel in der Bauwirtschaft. Bei Ermittlungen in Sachsen-Anhalt wurden 18 rumänische Staatsbürger entdeckt, die unter prekären Bedingungen in der Landwirtschaft gearbeitet und keinen Lohn erhalten hatten, nachdem sie von einem Personaldienstleister vermittelt worden waren.

13 der 16 Bundesländer hatten formelle Kooperationsvereinbarungen mit Beratungszentren für Menschenhandelsopfer, aber nicht alle diese Vereinbarungen betrafen auch den Menschenhandel zum Zwecke der Arbeitsausbeutung. Nichtregierungsorganisationen, die teilweise aus Steuermitteln finanziert werden, betrieben in 45 deutschen Städten Beratungszentren, die Opfern Unterkunft, medizinische Versorgung, psychologische Betreuung, Rechtshilfe und berufliche Unterstützung sowie weitere Leistungen anboten oder vermittelten, vorrangig für erwachsene weibliche Opfer des Menschenhandels zur sexuellen Ausbeutung, die etwa 90 Prozent aller identifizierten Opfer ausmachten. Einige Beratungszentren konzentrierten sich insbesondere auf Jungen, allerdings wiesen Nichtregierungsorganisationen auch auf den Mangel an angemessenen und sicheren Unterkünften in manchen Teilen des Landes hin. Die Behörden befugten die Beratungszentren, sowohl Opfer von Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung als auch zur Ausbeutung der Arbeitskraft durch Angebote zu unterstützen, allerdings boten viele von ihnen ausschließlich weiblichen Opfern von Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung Unterstützung an und verfügten im Allgemeinen über weniger Erfahrung im Umgang mit Opfern von Menschenhandel zur Arbeitsausbeutung. Es gab keine umfassende oder langfristige Unterstützung für Kinder und männliche Opfer von Menschenhandel. Gewerkschaftsnahe Beratungszentren und Beratungsstellen für Migranten boten in Abstimmung mit NGOs, die im Bereich des Menschenhandels aktiv sind, Unterstützung für Opfer von Menschenhandel zur Arbeitsausbeutung an. Die Bundesregierung finanzierte einen Dachverband für Beratungszentren von NGOs, und viele Landesregierungen stellten maßgebliche zusätzliche Mittel für die Opferhilfe bereit.

Opfern von Menschenhandel, die nicht über Ausweispapiere verfügen, wird von den Behörden eine dreimonatige Bedenkzeit für die Entscheidung eingeräumt, ob sie vor Gericht aussagen wollen. Opfer, die sich zu einer Aussage bereit erklärten, erhielten über die Bedenkzeit hinaus, jedoch auf die Dauer des Verfahrens beschränkt, eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis. Allerdings konnten Opfer, deren körperliche Unversehrtheit, Leben oder Freiheit in ihren Herkunftsländern nicht gewährleistet oder bedroht waren, oder humanitäre Härtefälle eine Aufenthaltserlaubnis erhalten. Unter bestimmten Umständen konnten Familienangehörige eine Aufenthaltserlaubnis beantragen. Die Innenministerien der Länder erteilten Weisungen für die Erteilung von Aufenthaltstiteln aus humanitären Gründen; Nichtregierungsorganisationen bestätigten, dass das System in der Praxis zu funktionieren schien. Die Gesetze räumen den Behörden jedoch einen Ermessensspielraum bei der Erteilung des Aufenthaltstitels ein. Die daraus resultierende Ungewissheit verringerte die Bereitschaft einiger Opfer, sich als solche zu erkennen zu geben und gegen mutmaßliche Menschenhändler auszusagen. Da es sich bei den meisten Opfern von Arbeitsausbeutung oder sexueller Ausbeutung um deutsche Staatsbürger oder Bürger anderer EU-Mitgliedsstaaten handelte, die keine Aufenthaltsgenehmigung für Deutschland benötigten, war dies aus Sicht der Behörden kein wesentliches Problem. Nichtregierungsorganisationen hingegen gaben an, dass einige Opfer, die weder aus Deutschland noch der EU stammten, aufgrund der Ungewissheit hinsichtlich ihres Aufenthaltsstatus‘ weiterhin Angst davor hatten, Anzeige zu erstatten, obwohl die NGOs auch bestätigten, dass es keine Negativbescheide über Aufenthaltsgenehmigungsanträge in derartigen Situationen gebe. Unter bestimmten Umständen ermöglicht das deutsche Recht den Opfern, in Prozessen als Nebenkläger aufzutreten, kostenlos Rechtshilfe zu beantragen und zivilrechtliche Rechtsmittel einzulegen. Allerdings war es für Opfer von Menschenhandel in der Praxis häufig schwierig, eine Entschädigung zu erhalten. Nach deutschem Recht haben Opfer außerdem bei allen Aussagen Anspruch auf Begleitung durch einen Dolmetscher und einen Vertreter einer Beratungsstelle. Laut Gesetz kann bei kleineren Straftaten, die mutmaßliche Täter während des Zeitraums begangen haben, in dem sie Opfer von Menschenhandel waren, von einer strafrechtlichen Verfolgung abgesehen werden. Staatsanwälte berichteten jedoch von Fällen, in denen Opfern für Straftaten wie den Besitz von Betäubungsmitteln geringe Strafen oder Geldstrafen zur Bewährung erhielten. Eine Nichtregierungsorganisation stellte außerdem fest, dass die Polizei Opfer von Menschenhandel häufig nach ihrem Aufenthaltsstatus fragte, was hinsichtlich der Kooperationsbereitschaft von Opfern für die weiteren Ermittlungen kontraproduktiv war.

Prävention
Es gab weiterhin staatliche Maßnahmen zur Verhinderung von Menschenhandel. Dabei wurde dem Menschenhandel zur Arbeitsausbeutung keine so hohe Priorität eingeräumt wie dem Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung, die Anstrengungen zur Bewertung und Bekämpfung des Problems wurden allerdings weiter intensiviert. Dies geschah mithilfe eines teilweise vom Bund finanzierten Bündnisses gegen Menschenhandel zur Arbeitsausbeutung, das dazu wissenschaftliche Studien erstellte, Aufklärungskampagnen durchführte und Schulungen dazu anbot, wie man Opfer von Menschenhandel erkennt. Die Bund-Länder-Arbeitsgruppe Menschenhandel berichtete über bewährte Verfahren, erarbeitete Vorschläge und führte Evaluierungen zu den Maßnahmen des Bundes und der Länder gegen Menschenhandel durch und arbeitete auf Ebene der Länder und Kommunen mit unterschiedlichen Koordinierungsgremien zusammen. Die 2016 gegründete Bund-Länder-AG gegen Menschenhandel zur Arbeitsausbeutung kam im April und Juni zu Workshop-Treffen zusammen. Im Oktober stellte das Bundesministerium für Arbeit und Soziales den ersten Entwurf einer Strategie zur Bekämpfung von Menschenhandel zur Arbeitsausbeutung vor, der Empfehlungen für eine nationale Berichterstatterstelle Menschenhandel, zur Verbesserung der Koordinierung innerhalb der Bundesregierung sowie zur Einsetzung einer nationalen Koordinierungsstelle Menschenhandel zur Arbeitsausbeutung enthielt. Allerdings stellte die Bundesregierung die Notwendigkeit eines nationalen Berichterstatters weiterhin infrage, da es bereits behördenübergreifende Koordinierungsgremien sowie Gremien zur Bekämpfung von Menschenhandel auf Bund-Länderebene gäbe.

In Zusammenarbeit mit Nichtregierungsorganisationen trug der Staat im Berichtszeitraum zur Finanzierung und Durchführung verschiedener Aufklärungskampagnen bei. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) führte Schulungen zur Erkennung von Opfern unter Asylbewerbern durch und setzte zur Handhabung und Dokumentation mutmaßlicher Fälle von Menschenhandel unter der steigenden Zahl von Asylbewerbern Standardverfahren ein. Die Empfehlungen aus einer vom BAMF-finanzierten Studie mit dem Titel „Flucht und Menschenhandel – Schutz und Unterstützungsstrukturen für Frauen und Minderjährige“, die im Dezember veröffentlicht wurde, beinhalteten die Verbesserung des Systems zur Identifikation schutzbedürftiger Asylsuchender, die Aufstockung des im Bereich Menschenhandel geschulten Personals in den Beratungszentren, zusätzlichen Schutz für Minderjährige und die Untersuchung der Ursachen dafür, dass Opfer aus einigen Staaten sehr viel häufiger den Weg in die Beratungsstellen finden als andere. In Zusammenarbeit mit einer Nichtregierungsorganisation organisiert die Regierung weiterhin Informationsveranstaltungen und führt jährlich persönliche Gespräche mit bei Botschaftsmitarbeitern in Berlin tätigen Hausangestellten durch, in denen sie sie über ihre Rechte und die Gesetze zur Bekämpfung von Menschenhandel aufklärt. Ihre Arbeitgeber sind bei diesen Gesprächen nicht anwesend.

Das Bundeskriminalamt veröffentlicht weiter einen Jahresbericht zum Menschenhandel in Deutschland, in dem Strafverfolgungsmaßnahmen, Opfergruppen und Herausforderungen bei der Bewältigung dieser Straftaten beschrieben werden. Im November veröffentlichten die Behörden einen Menschenrechtsbericht, in dem auch nationale und internationale Maßnahmen gegen Menschenhandel beschrieben werden. Die Regierung finanzierte weiterhin eine Hotline für Frauen, die Opfer von Gewalt wurden, darunter auch weibliche Opfer von Menschenhandel. Die Hotline stand in 15 Sprachen zur Verfügung und bot 2015 in 86 Fällen von Menschenhandel Beratung und Unterstützung an; dies entspricht einer Zunahme von 50 Prozent gegenüber 2014. Die Bundesregierung hat keine Schritte zur Verringerung der Nachfrage nach kommerziellem Sex und Zwangsarbeit unternommen. Ein neues Gesetz, das im Oktober 2016 verabschiedet wurde und im Juli 2017 in Kraft treten soll, stärkt allerdings den Schutz von Menschen in der Prostitution, unter anderem durch die Registrierung von Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern und die Überprüfung der Betreiber von Bordellen. Die Strafverfolgungsbehörden kooperierten mit ausländischen Behörden, um die Beteiligung deutscher Staatsangehöriger an Kindersextourismus zu untersuchen. Im April wurde ein deutscher Staatsangehöriger in Deutschland wegen Kindesmissbrauchs in Kambodscha zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Die Bundesregierung bot ihren Diplomaten keine Schulungen zum Thema Bekämpfung von Menschenhandel an, aber Soldaten, die zu internationalen Friedensmissionen entsandt wurden, wurden zu diesem Thema geschult. Das Auswärtige Amt finanzierte 2016 sechs Programme zur Bekämpfung von Menschenhandel in Ursprungsländern, zu denen auch Opferidentifikation und Präventionskampagnen in Südamerika, die Schulung von Strafverfolgungsbehörden und Grenzschutztruppen im Afrika südlich der Sahara sowie die Entwicklung von Kapazitäten in der Prävention von Menschenhandel im Nahen Osten und Nordafrika gehörten.

Profile im Menschenhandel
Wie bereits in den vergangenen fünf Jahren berichtet wurde, ist Deutschland Ursprungs-, Transit- und Zielland für Frauen, Kinder und Männer, die Opfer von Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung sowie zur Ausbeutung von Arbeitskraft werden. Die Mehrzahl der Opfer von Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung in Deutschland sind Europäer, überwiegend bulgarische, rumänische und deutsche Staatsangehörige; allerdings gibt es auch Opfer aus anderen Teilen der Welt, insbesondere aus Nigeria und anderen Teilen Afrikas. Die meisten Opfer von Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung werden in Bars, Bordellen und Wohnungen ausgebeutet. Opfer von Menschenhandel zur Arbeitsausbeutung stammen mehrheitlich aus europäischen Ländern wie Bulgarien, Polen und Rumänien, aber auch aus Afghanistan, Pakistan und Vietnam. Opfer von Zwangsarbeit werden auf Baustellen, in der Landwirtschaft, der Hotellerie, in der fleischverarbeitenden Industrie, als Saisonarbeiter, in Restaurants und in Diplomatenhaushalten ausgebeutet. Roma und allein reisende Minderjährige aus dem Ausland sind besonders gefährdet, Opfer von Menschenhandel zu werden. Sie werden unter anderem zum Betteln und zu kriminellen Handlungen genötigt. Der große Zustrom von Migranten während der Flüchtlingskrise 2015 und 2016 stellt für die staatlichen Ressourcen auf allen Ebenen sowie für die Behörden, die für die Bekämpfung des Menschenhandels verantwortlich sind, weiterhin eine wesentliche Belastung dar. Dies wirkte sich auf die Fähigkeit zur Überwachung und Identifikation potenzieller Opfer von Menschenhandel unter den irregulär Eingewanderten aus. Die irregulären Migranten und Flüchtlinge sind auch weiterhin gefährdet, Opfer von Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung und Arbeitsausbeutung zu werden. Einige ausländische Regierungen berichteten außerdem über deutsche Sextouristen.

Originaltext: Trafficking in Persons Report 2017 – Germany