Bei Lebens- und Arzneimittelexporten aus den USA steht Sicherheit an erster Stelle

Margaret Roles, Qualitätssicherungsmanagerin bei Bell & Evans, erörtert mit Hany Sidrak, einem leitenden Angestellten des Lebensmittelsicherheits- und Kontrolldienstes, dem Hunderte auf Bundesebene beschäftigte Veterinärmediziner unterstellt sind, die Sicherheitsverfahren des hochmodernen Geflüg

In seinem Artikel vom 3. März 2019 für ShareAmerica, eine offizielle Website des Weißen Hauses, beleuchtet Christopher Connell, wie in den Vereinigten Staaten und Europa die Sicherheit von Lebensmitteln gewährleistet wird. Dieser Artikel erschien erstmals am 23. Februar 2017.

180.000 Schlachtkörper werden von Hunderten Arbeiterinnen und Arbeitern in blauen Arbeitskitteln und Haarnetzen im Geflügelbetrieb Bell & Evans in Pennsylvania pro Tag geschickt mit scharfen Messern verarbeitet. Mitten unter ihnen: Kontrolleure von Bundesbehörden, die jedes Hühnchen auf dem Fließband begutachten.

Sie sind Teil eines dem US-Landwirtschaftsministerium unterstellten Heeres von Kontrolleuren, die an vorderster Front über die Qualität aller amerikanischen Geflügel-, Fleisch- und Eiprodukte wachen. Zudem ist in Betrieben, in denen Tiere geschlachtet werden, während der Arbeitszeiten immer auch ein Veterinärmediziner des US-Landwirtschaftsministeriums vor Ort – ansonsten kommt das Fließband zum Stillstand.

Auf dem linken Bild spricht eine Frau mit einem Mann; auf dem rechten Bild ist verpacktes Hühnerfleisch mit dem Stempel des US-Landwirtschaftsministeriums zu sehen. (Foto: Tyrone Turner)
In US-Betrieben, in denen Tiere und Geflügel geschlachtet werden, muss ein amtlicher Tierarzt des Bundes im Einsatz sein, sonst wird die Produktion eingestellt. Die Amtstierärztin bei Bell & Evans, Michelle Bolden, spricht mit dem Vorgesetzten Joseph Crisafulli. Jedes weltweit verkaufte Produkt

 

Die US-Lebensmittelsicherheitsbehörde FDA überwacht über 80 Prozent der Lebensmittelversorgung in den Vereinigten Staaten, darunter Meeresfrüchte, Frischwaren und Milchprodukte. Zusammengenommen belaufen sich die Kosten für die Kontrollen durch das US-Landwirtschaftsministerium und die FDA auf zwei Milliarden US-Dollar im Jahr, aber es lohnt sich: Das amerikanische Kontrollsystem setzt höchste Maßstäbe für den Rest der Welt.

Die FDA stellt auch an Arzneimittel und medizinische Geräte hohe Anforderungen. Andere Bundesbehörden schützen Verbraucher im In- und Ausland vor mangelhaften Produkten – von Booten über LKWs bis hin zu Spielzeug. Die Standards sind die gleichen, unabhängig davon, ob das Produkt für den heimischen Markt oder fürs Ausland bestimmt ist.

„Es gibt hier kein Zweiklassensystem“, erklärt Michael Taylor, der sowohl für das US-Landwirtschaftsministerium als auch für die FDA als leitender Sicherheitsbeauftragter gearbeitet hat.

Wenn die Behörde für Produktsicherheit (Consumer Product Safety Commission) ein gefährliches Produkt zurückruft – beispielsweise leicht entflammbare Schlafanzüge oder mit Bleifarbe eingefärbte Spielsachen – überwacht sie deren Zerstörung oder Reparatur. Die Hersteller dürfen die Produkte nicht in ein anderes Land liefern.

Menschen in Schutzanzügen stehen nebeneinander am Förderband. (Foto: Tyrone Turner)
Arbeiter am Fließband bei Bell & Evans, einem Betrieb in Pennsylvania, in dem unter der Aufsicht eines Teams von Bundeskontrolleuren 170.000 Bio- und andere Hühner am Tag verarbeitet werden. (Foto: Tyrone Turner)

 

Bei Bell & Evans begutachten die Kontrolleure die lebenden Hühner, die von Brutbetrieben in LKWs angeliefert werden, und inspizieren anschließend die Schlachtkörper und Innereien. Jede Verpackung trägt den kreisförmigen Stempel des US-Landwirtschaftsministeriums, auch die Kartons mit Hühnerfüßen, die für Hongkong bestimmt sind, wo sie als Delikatesse gelten. Rinder und Schweine werden ähnlich streng kontrolliert.

Aus dem Stempel des US-Landwirtschaftsministeriums geht auch hervor, aus welchem Betrieb die Lebensmittel stammen. Auf der Verpackung müssen alle Zutaten deklariert sein.

Wissenschaftliche Erkenntnisse helfen, Probleme zu verhindern

Die Kontrollen wurden 1906 nach einem öffentlichen Aufschrei über unhygienische Zustände in der Fleischindustrie eingeführt. Das Kontrollverfahren ist seitdem immer strikter und ausgefeilter geworden.

1978 allerdings, als Alfred Almanza damit begann, in einem kleinen Schlachthof in Texas Rinder zu inspizieren, prüfte man im Grunde noch nach der Methode „anstupsen und dran riechen“, ob ein Tier krank war.

Heute ist Almanza Leiter des Lebensmittelsicherheits- und Kontrolldienstes des US-Landwirtschaftsministeriums, und sein Team mit 6.300 Kontrolleuren stellt mikrobielle Verunreinigen inzwischen mit Labortests fest. Nachdem 1993 eine E.-Coli-Seuche ausgelöst wurde, weil eine Fast-Food-Kette einen nicht ausreichend gegarten Hamburger verkaufte, schrieb die Behörde Untersuchungen auf diesen Erreger sowie Gefahrenanalyse und kritische Lenkungspunkte (Hazard Analysis and Critical Control Points – HACCP) vor – ein wissenschaftliches Risikobewertungskonzept zur Verhinderung von Erkrankungen, die durch Lebensmittel ausgelöst werden können.

Viele Lebensmittelproduzenten hatten die HAACP-Methode bereits von sich aus eingeführt. Hierbei wird im Voraus ermittelt, an welchen kritischen Punkten eine Kontaminierung stattfinden könnte, es werden akzeptable Grenzwerte für Bakterien festgelegt, eine konstante Überwachung durchgeführt und präzisiert, was zu tun ist, wenn Probleme auftreten. Die NASA nutzte in den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts ein ähnliches System, um die Sicherheit der Astronautennahrung zu gewährleisten.

Ein Mann in weißem Kittel überprüft Kartons mit Rindfleisch. (Foto: AP Images) Bildunterschrift 5: Eine Lieferung Black-Angus-Rindfleisch, das aus den Vereinigten Staaten importiert wurde, wird in der Nationalen Veterinär- und Quarantänestation in Inchon (Südkorea) kontrolliert. Alle Tiere und sämtliches Geflügel werden vor und nach dem Schlachten von US-Kontrolleuren untersucht. (Foto: AP Images)
Die US-Lebensmittelsicherheitsbehörde (Food and Drug Administration – FDA) erlässt Vorschriften für 80 Prozent aller amerikanischen Lebensmittel. Die Forscher Tim Muruvanda (links) und Sasha Gorham studieren den genetischen Aufbau von Salmonellen, um die Kontaminierung von Tomaten zu verhinder

 

Die Wissenschaft gibt den Kontrolleuren heutzutage Werkzeuge an die Hand, über die ihre Vorgänger nicht verfügten. Genomsequenzierung beispielsweise macht es möglich, die Ursache für lebensmittelbedingte Krankheiten schnell auszumachen und der Quelle einer Seuche auf die Spur zu kommen.

Der Mikrobiologe Robert Brackett, Leiter des Instituts für Lebensmittelsicherheit und Gesundheit am Institut für Technologie in Illinois, vergleicht sie mit der Fingerabdruckdatenbank des FBI.

„Die Techniken zum Nachweis von Krankheitserregern sind viel, viel besser geworden“, sagt er. „Wir stellen mehr Fälle fest, aber die einzelnen Fälle verlaufen weniger schlimm.“

„Heute“, so Almanza, „basiert alles auf wissenschaftlichen Grundlagen.“ Die umfangreichen Befugnisse seiner Kontrolleure ermöglichen es ihnen, Hersteller zu zwingen, Lebensmittel vom Markt zu nehmen, wenn eine Verunreinigung vermutet wird – und sie nutzen diese auch. Im vergangenen Jahr beschlagnahmte das US-Landwirtschaftsministerium 12.2 Millionen Kilogramm Geflügel und fast 227.000 Kilogramm Rind-, Schweine- und anderes Nutztierfleisch.

Die FDA arbeitet laut Mark Abdoo, einem stellvertretenden FDA-Beauftragten, außerdem offensiv auf die Einführung „eines präventiven Ansatzes“ mit HAACP-Merkmalen hin. „Das ist ein wesentlich besseres Verfahren.“ Ein vor kurzem verabschiedetes Gesetz zur Modernisierung der Lebensmittelsicherheit hat die Durchsetzungsbefugnisse der Behörde gestärkt.

Die Hersteller verbreiten aber nicht nur aufgrund der Anwesenheit von Kontrolleuren in jedem Teil ihrer Produktion strikte Lebensmittelsicherheitsgepflogenheiten.

In Zeiten, in denen sich Nachrichten über einen Produktrückruf oder eine Betriebsschließung über das Internet wie ein Lauffeuer verbreiten, ist Sicherheit „eine Sache des Markenschutzes“, sagt Marianne Rowden, Präsidentin des Verbands amerikanischer Exporteure und Importeure. Wenn Verbraucher krank werden, „trifft das eine Marke härter als jede staatliche Strafe“.

Wie strikt sind die US-Standards?

Ein Mann in weißem Kittel überprüft Kartons mit Rindfleisch. (Foto: AP Images)
Eine Lieferung Black-Angus-Rindfleisch, das aus den Vereinigten Staaten importiert wurde, wird in der Nationalen Veterinär- und Quarantänestation in Inchon (Südkorea) kontrolliert. Alle Tiere und sämtliches Geflügel werden vor und nach dem Schlachten von US-Kontrolleuren untersucht. (Foto: AP Images

 

Sie gehören zu den strengsten weltweit. Die Vereinigten Staaten und Europa haben strenge Vorschriften und Aufsichtsbehörden. Europa und Großbritannien haben nach dem Ausbruch des Rinderwahns in den Neunzigerjahren unabhängige Lebensmittelsicherheitsbehörden eingerichtet.

Aber in den Vereinigten Staaten und der EU gibt es unterschiedliche Grenzwerte.

In den Vereinigten Staaten beispielsweise sind tödliche Listerien in gekochten, verzehrfertigen Lebensmitteln überhaupt nicht erlaubt, während in Europa sehr geringe Mengen zulässig sind. Die europäischen Standards sind wiederum weniger tolerant, wenn es um Pestizidrückstände in Lebensmitteln oder Tierfutter geht. Pestizidvorschriften werden in den Vereinigten Staaten von der Umweltschutzbehörde erlassen.

Hormonbehandeltes Rindfleisch ist in den Vereinigten Staaten zugelassen, in Europa dagegen verboten. Um das Salmonellenrisiko zu minimieren, dürfen Eier in den Vereinigten Staaten nur gewaschen verkauft werden, in Europa nicht.

Kevin Kenny, Gründer von Decernis, einer Washingtoner Firma, die Unternehmen hilft, sich in den Lebensmittelvorschriften von 180 Ländern zurechtzufinden, sagt: „Die Welt ist, was Lebensmittel angeht, heute wesentlich sicherer als noch vor 20 Jahren.“

Verbraucher, die Angst vor winzigen Mengen „gefährlicher Substanzen“ in Lebensmitteln haben, die in Teilen pro Million oder sogar Milliarde gemessen werden, sind sich nicht darüber im Klaren, wie gering das Risiko ist. „Ein Teil pro Million entspricht einem Molekül in einem Swimmingpool“, fügt er hinzu.

Fleischtheke mit Geflügel- und Rindfleischprodukten (Foto: US-Landwirtschaftsministerium)
Unabhängig davon, ob sie für den heimischen Markt oder für den Export bestimmt sind, durchlaufen Fleisch, Geflügel und verarbeitete Eier in den Vereinigten Staaten die gleichen Sicherheitskontrollen. Es gibt selten Auffälligkeiten, aber wenn es dazu kommt, kann die Quelle schnell festgestellt und vo

 

Früher gab es oft große Rückrufaktionen von mit E. coli verunreinigtem Rinderhack, aber seit Einführung der Gefahrenanalyse und kritischer Lenkungspunkte ist ihre Anzahl stark gesunken. „Das ist eine riesige Erfolgsgeschichte“, sagte Bill Marler, Anwalt aus Seattle.

Der Eigentümer von Bell & Evans in Pennsylvania, Scott Sechler, investierte neun Millionen US-Dollar in die Installation eines Förderbandsystems, auf dem das Geflügel drei Stunden lang luftgekühlt wird, statt die Schlachtkörper in Wasser oder Chlor zu baden. Die Luftkühlung dauert länger und ist teurer, aber das Hühnerfleisch schmeckt besser, erklärt er.

Die Vögel werden trotzdem mit einem essigbasierten Antimikrobiotikum bestrichen, aber es gibt keine gegenseitige Kontaminierung. „Dieses System ist wesentlich sauberer“, erklärt  Margaret Roles, die für die Qualitätssicherung im Betrieb zuständig ist.

Person in der Umkleide – auf den Rücken des Arbeitskittels ist ein Huhn aufgestickt. (Foto: Tyrone Turner)
Roles macht ihre Runde durch den Betrieb, der sein Geflügel mit Luft kühlt. Bell & Evans setzt statt Chlor diese in Europa übliche Methode der Desinfektion ein. (Foto: Tyrone Turner)

 

Bell & Evans hat sein eigenes Testlabor und desinfiziert das Fließband nach jeder Schicht. Die Schlachtkörper werden sehr schnell auf dem Förderband transportiert, aber „wenn man weiß, wie ein gutes Hühnchen aussieht, kann man ein schlechtes schon aus einiger Entfernung erkennen“, sagt Joseph Crisafulli, Aufsichtsbeamter des US-Landwirtschaftsministeriums.

Hühner von Bell & Evans werden ohne Hormone und Antibiotika aufgezogen. Ein Viertel sind als Bio-Erzeugnisse zertifiziert, das heißt, sie wurden unter weniger belastenden Bedingungen mit natürlichem Licht im Stall und Freilaufgehege aufgezogen.

Die besonderen Aufzuchtbedingungen kosten zwar mehr, aber Betriebseigentümer Sechler meint, es lohne sich allemal: „Ich produziere das teuerste Hühnerfleisch, und trotzdem können wir nicht schnell genug produzieren, um die Nachfrage zu befriedigen.

Originaltext: Safety comes first for U.S. food and drug exports