Der wichtigste Titel ist der des Staatsbürgers

ATHEN – (AD) – Nachfolgend veröffentlichen wir die Grundsatzrede, die US-Präsident Barack Obama am 16. November 2016 im Kulturzentrum der Stavros-Niarchos-Stiftung in Athen hielt.

Vielen herzlichen Dank. Ich danke Ihnen. Vielen Dank. Nehmen Sie bitte Platz. Ich danke Ihnen.

Hallo Griechenland! Yia sas! Kalispera! Ich möchte der griechischen Regierung, den Bürgerinnen und Bürgern Griechenlands und den vielen jungen Menschen – der Zukunft Griechenlands – für den herzlichen Empfang danken. Ministerpräsident Tsipras, vielen Dank für Ihre Partnerschaft.

Wie Sie wissen, ist dies meine letzte Auslandsreise als Präsident der Vereinigten Staaten, und ich war entschlossen, Griechenland zu besuchen, um in den Genuss der legendären Gastfreundschaft der Griechen zu kommen, der philoxenia, von der ich so viel gehört habe. Ein weiterer Grund für meine Reise war, dass ich die Akropolis und das Parthenon sehen wollte. Aber ich wollte auch meiner Dankbarkeit für all das Ausdruck verleihen, was Griechenland, diese „kleine, großartige Welt“, der Menschheit im Laufe der Jahrhunderte gegeben hat.

Die Tragödien von Aischylos und Euripides haben unsere Herzen berührt. Die Geschichten von Herodot und Thukydides haben unseren Horizont erweitert. Sokrates und Aristoteles haben uns geholfen, die Welt und unseren Platz darin zu verstehen.

Die Vereinigten Staaten sind besonders dankbar für die Freundschaft vieler stolzer griechischstämmiger Amerikanerinnen und Amerikaner. In meiner Heimatstadt Chicago kann man sie in ihren Fustanellas in Greektown treffen. Und gemeinsam haben wir den griechischen Unabhängigkeitstag bei Spanakopita und Ouzo im Weißen Haus gefeiert. Griechischstämmige Amerikaner haben sich als Soldaten für die Freiheit unseres Landes eingesetzt. Griechischstämmige Amerikaner marschierten an der Seite Martin Luther Kings, um unser Land gerechter zu machen. Griechen und Amerikaner feuern gemeinsam Giannis Antetokounmpo an, der jedes Jahr besser spielt. Und wenn Sie noch ein Beispiel für unsere Gemeinsamkeiten, unsere Widerstandsfähigkeit suchen, brauchen Sie nur nach New York zu schauen, wo in der Nähe des Ground Zero die griechisch-orthodoxe Sankt-Nikolaus-Kirche wiederaufgebaut wird.

Aber ganz besonders sind wir den Griechen für das kostbare Geschenk der Wahrheit zu Dank verpflichtet, für die Erkenntnis, dass wir als Individuen freien Willens das Recht und die Fähigkeit haben, uns selbst zu regieren. Denn hier, auf den felsigen Hügeln dieser Stadt, wurde vor 2.500 Jahren eine neue Idee geboren: Demokratia. Kratos, die Macht, das Recht zu regieren, geht von demos aus,dem Volk. Daher stammt die Erkenntnis, dass wir Bürger und nicht Diener sind, dass wir für unsere Gesellschaft verantwortlich sind. Das Verständnis von Staatsbürgerschaft, die sowohl Rechte als auch Pflichten mit sich bringt. Der Glaube an die Gleichheit vor dem Gesetz nicht nur einiger weniger, sondern der vielen, nicht nur der Mehrheit, sondern auch der Minderheit. All diese Konzepte erwuchsen aus diesem felsigen Boden.

Natürlich waren die ersten Formen der Demokratie hier in Athen bei Weitem nicht perfekt, ebenso wie die ersten Formen der Demokratie in den Vereinigten Staaten bei Weitem nicht perfekt waren. Die Rechte im antiken Athen erstreckten sich nicht auf Frauen und Sklaven. Aber Perikles erklärte, „unsere Verfassung bevorzugt die Vielen und nicht die Wenigen, […] daher heißt unser Verfassungsprinzip Demokratie.“

Die Athener wussten auch, dass Ideen, und seien sie noch so edel, nicht ausreichen. Um ihnen Bedeutung zu verleihen, müssen Prinzipien in Gesetzen festgeschrieben, durch Institutionen geschützt und durch bürgerliche Teilhabe weiterentwickelt werden. Und so kamen sie in einer großen Versammlung zusammen, um über Staatsangelegenheiten zu debattieren und Entscheidungen zu treffen. Jeder Bürger konnte das Wort ergreifen, seine Stimme durch Handzeichen oder mit einem weißen Stein für ja oder einem schwarzen für nein abgeben. Geschworenengerichte wahrten diese Rechtsstaatlichkeit.

Die Politiker waren darüber nicht immer glücklich, denn die Steine konnten auch dafür eingesetzt werden, jene zu ächten oder zu verbannen, die sich zu benehmen wussten.

Aber im Laufe der folgenden Jahrtausende gab es immer wieder unterschiedliche Ansichten zu Macht und Regierungsführung. In der Menschheitsgeschichte wurde immer wieder argumentiert, die Menschen könnten mit Demokratie und Selbstbestimmung nicht umgehen und man müsse ihnen sagen, was sie tun sollten. Ein Herrscher müsse mittels Gewalt und durch Zwang für Ordnung sorgen oder mit eiserner Hand regieren. Es hat auch ein anderes Verständnis von Regierung gegeben, das besagt, dass rechr hat, wer die Macht hat, oder dass unkontrollierte Macht über Vererbung weitergegeben werden kann. Es gab den Glauben, dass einige Menschen aufgrund ihrer ethnischen oder religiösen Zugehörigkeit höher gestellt seien, und dass das Eroberungen, Ausbeutung und Kriege rechtfertige.

Aber die Flamme, die hier in Athen zuerst entzündet wurde, ist im gesamten Verlauf der Geschichte nie erloschen. Sie wurde letztendlich durch die Aufklärung genährt. Sie wurde angefacht von den Gründervätern Amerikas, die erklärten, dass „Wir, das Volk“ regieren sollten, dass alle Menschen gleich geschaffen und von unserem Schöpfer mit unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind.

Manchmal werden diese Ideale selbst heute noch infrage gestellt. Man hat uns beigebracht, dass dies westliche Ideale sind. Man hat uns beigebracht, dass sich einige Kulturen nicht für eine demokratische Regierungsführung eignen und tatsächlich autoritäre Herrschaftssysteme bevorzugen. Und nach acht Jahren als Präsidenten der Vereinigten Staaten und den vielen Reisen, die ich rund um den Globus unternommen habe, kann ich sagen, dass es stimmt, dass jedes Land seinen eigenen Weg gehen muss, dass jedes Land seine eigenen Traditionen hat. Aber was ich ebenfalls nach diesen acht Jahren sagen kann, ist, dass die grundlegende Sehnsucht nach einem Leben in Würde, nach Kontrolle über das eigene Leben und über die eigene Zukunft, nach Teilhabe an Entscheidungen, die unsere Gemeinden und Nationen betreffen, eben doch universell sind. Diese Sehnsucht trägt jeder Mensch in sich.

Deshalb hat ein griechischer Bischof auf dem Gipfel eines Berges die Flagge der Unabhängigkeit gehisst. Deshalb haben Völker in Amerika, Afrika und Asien das Joch des Kolonialismus abgeworfen. Deshalb demonstrierten gingen Menschen hinter dem Eisernen Vorhang in Solidarität auf die Straße, rissen diese Mauer ein und schlossen sich Ihnen in einer großen Union der Demokratien. Deshalb unterstützen wir heute das Recht der Ukrainer, selbst über ihr Schicksal zu bestimmen, deshalb unterstützen wir die Menschen in Tunesien und Myanmar bei ihrem historischen Übergangsprozess zur Demokratie.

Das war meine Außenpolitik in meiner Amtszeit. Wir arbeiten notwendigerweise mit allen Ländern zusammen, und viele von ihnen sind keine Demokratien. Manche sind Demokratien in der Hinsicht, dass sie Wahlen abhalten, aber nicht in dem Sinne, dass es tatsächliche Teilhabe oder abweichende Meinungen gibt. Aber auf dem Weg unseres Landes haben wir stets die Bestrebungen all jener unterstützt, die sich für Selbstverwaltung einsetzen und an den Ideen festhalten, die hier vor so vielen Jahren entwickelt wurden.

Es geht dabei nicht einfach nur darum, dass wir unseren Werten treu bleiben. Es geht nicht einfach um Idealismus. Ich glaube, die Vereinigten Staaten müssen Demokratien auch aus Pragmatismus unterstützen. Denn die Geschichte zeigt, dass Länder mit demokratischer Regierungsführung meist gerechter, stabiler und erfolgreicher sind.

Offene, demokratische Gesellschaften können mehr Wohlstand erzielen, denn wenn Menschen frei denken, Ideen untereinander austauschen, Dinge entdecken und erschaffen können, wenn junge Menschen, wie die hier anwesenden, sich im Internet und durch die Technologien vollständig entfalten können, dann wird Innovation möglich und Volkswirtschaften florieren. Dann bereichern neue Produkte, Dienstleistungen und neue Ideen eine Volkswirtschaft. Im Gegensatz zu Regimes, die durch Zwang regieren, basieren Demokratien auf der Zustimmung der Regierten.

Diese Bürger wissen, dass friedlicher Wandel, auch durch die moralische Kraft der Gewaltfreiheit, möglich ist. Und das wiederum führt zu der Stabilität, die so oft wirtschaftliches Wachstum ermöglicht.

Die Geschichte der letzten zwei Jahrhunderte zeigt, dass Demokratien weniger dazu neigen, gegeneinander Krieg zu führen. Mehr Demokratie ist also gut für Menschen überall auf der Welt, aber sie ist auch gut für unsere nationale Sicherheit. Deshalb sind unsere engsten Freunde demokratische Staaten wie Griechenland. Deshalb stehen wir in der NATO zusammen, einem Bündnis der Demokratien.

In den vergangenen Jahren haben wir historische Investitionen in die NATO getätigt und die amerikanische Präsenz in Europa verstärkt. Die heutige NATO, das größte Bündnis der Welt, ist so stark und bereit wie eh und je. Und ich bin zuversichtlich, dass das amerikanische Engagement für das transatlantische Bündnis, das seit 70 Jahren von Demokratischen und Republikanischen Regierungen gleichermaßen fortgeführt wurde, auch bestehen bleibt und wir unserem Versprechen und unserer vertraglichen Verpflichtung zur Verteidigung jedes Bündnispartners nachkommen werden.

Unsere Demokratien zeigen, dass wir stärker sind als Terroristen, Fundamentalisten und Absolutisten, die keine Unterschiede und keine Ideen ertragen, die von ihren eigenen abweichen, die versuchen, die Lebensweise der Menschen gewaltsam zu verändern und uns dazu bringen wollen, unsere Werte zu verraten und aufzugeben. Die Demokratie ist stärker als Organisationen wie die IS-Terrormiliz.

Weil unsere Demokratien niemanden ausgrenzen, können wir Menschen und Flüchtlinge in Not aufnehmen. Und nirgendwo spüren wir dieses Mitgefühl so deutlich wie hier in Griechenland. Die Großzügigkeit des griechischen Volkes gegenüber Flüchtlingen, die an Ihren Stränden ankommen, hat die ganze Welt inspiriert. Das heißt aber nicht, dass Sie damit allein gelassen werden sollten.

Nur eine wirklich gemeinsame europäische und globale Antwort kann diesen verzweifelten Menschen die Unterstützung zukommen lassen, die sie benötigen. Man kann nicht erwarten, dass Griechenland den Großteil der Last alleine schultert, aber Ihre Demokratie öffnet Ihre Herzen für Menschen in Not mehr als sonst vielleicht möglich gewesen wäre.

Ebenso wie Demokratien auf der friedlichen Beilegung von Differenzen innerhalb unserer Gesellschaft beruhen, so glauben wir daran, dass Kooperation und Dialog die besten Mittel sind, um zwischenstaatlichen Krisen zu begegnen. Deshalb bin ich überzeugt, dass Demokratien eher versuchen werden, zwischenstaatliche Konflikte so beizulegen, dass es nicht zum Krieg kommt. So konnten wir mithilfe der Diplomatie das Atomwaffenprogramm Irans stoppen, ohne auch nur einen Schuss abzugeben. Mithilfe der Diplomatie konnten die Vereinigten Staaten und Kuba ihre Beziehungen wieder aufnehmen. Mithilfe der Diplomatie haben wir uns Griechenland und fast 200 weiteren Ländern in einem überaus ehrgeizigem Abkommen angeschlossen, um unseren Planeten vor dem Klimawandel zu retten.

Apropos Klimawandel – ich möchte noch auf die Verbindung zwischen Demokratie und Wissenschaft hinweisen. Die Prämisse der Wissenschaft ist es, zu beobachten und unsere Hypothesen und Ideen zu testen. Unsere Entscheidungen basieren auf Fakten, nicht auf Aberglauben, nicht auf unserer Ideologie, sondern auf dem, was wir beobachten können. Und in Zeiten, in denen die Welt immer näher zusammenrückt und wir immer mehr gemeinschaftlich handeln müssen, um Problemen wie dem Klimawandel zu begegnen, ermöglicht es der demokratische Diskurs der Wissenschaft sich zu entfalten und in unsere gemeinsamen Antworten einzufließen.

Nun ist die Demokratie, wie alle menschlichen Institutionen, nicht perfekt. Sie kann langsam und frustrierend sein. Sie macht es einem manchmal schwer. Sie kann chaotisch sein. Politiker sind, unabhängig von ihrer Partei, in Demokratien eher unbeliebt, denn in der Demokratie bekommt man per definitionem nie 100 Prozent dessen, was man will. Demokratie erfordert Kompromisse. Winston Churchill sagte einmal, dass die Demokratie wohl die schlechteste aller Regierungsformen sei, abgesehen von allen anderen. Und in einer multiethnischen, multikulturellen Gesellschaft, wie es die Vereinigten Staaten sind, kann Demokratie besonders kompliziert sein. Glauben Sie mir, ich weiß es.

Aber sie ist immer noch die beste Lösung, denn mit ihrer Hilfe können wir unsere Differenzen friedlich überwinden und uns unseren Idealen annähern. Die Demokratie erlaubt es uns, neue Ideen auszuprobieren und Fehler zu korrigieren. Jede Maßnahme eines Präsidenten und jedes Ergebnis einer Wahl, jedes Gesetz, das sich als fehlerhaft herausstellt, kann im demokratischen Prozess korrigiert werden.

Und im Verlauf unserer Geschichte haben wir auf diese Weise gelernt, dass alle Menschen gleich geschaffen sind, was zur Zeit der Gründung unseres Landes nicht so gesehen wurde. Wir konnten die Rechte, die zur Zeit der Gründung unseres Landes festgeschrieben wurden, auf Afroamerikaner, auf Frauen, auf Amerikaner mit Behinderungen und auf amerikanische Ureinwohner ausweiten. Und heute genießen alle Amerikanerinnen und Amerikaner die Freiheit, die Person zu heiraten, die sie lieben. Dank der Demokratie können wir Menschen jeglicher Ethnie, Religion und Herkunft und Einwanderer bei uns aufnehmen, die ihren Kindern ein besseres Leben bieten wollen und die unser Land stärker machen.

Und so bekennen wir uns hier, an dem Ort, an dem die Demokratie geboren wurde, noch einmal zu den Rechten, Idealen und Institutionen, die die Grundlage für unsere Lebensweise sind: Rede- und Versammlungsfreiheit, weil echte Legitimität nur vom Volk ausgehen kann, das nie zum Schweigen gebracht werden darf. Eine freie Presse, die Ungerechtigkeit und Korruption aufdeckt und die Regierenden zur Rechenschaft zieht. Religionsfreiheit, weil wir vor Gott alle gleich sind. Eine unabhängige Justiz, die Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte wahrt. Gewaltenteilung zur Begrenzung der Macht einzelner Gewalten des Staates. Freie und faire Wahlen, denn die Bürgerinnen und Bürger müssen ihre Führung selbst wählen können, auch wenn ihr Kandidat nicht immer gewinnt.

Die Wahlkämpfe in den Vereinigten Staaten und hier in Griechenland werden hart ausgefochten. Aber nach den Wahlen sieht die Demokratie einen friedlichen Machtwechsel vor, was sich insbesondere als wichtig erweist, wenn das Ergebnis nicht das erwünschte ist.

Sie haben vielleicht bemerkt, dass der nächste amerikanische Präsident und ich nicht unterschiedlicher sein könnten. Wir haben sehr unterschiedliche Ansichten, aber die amerikanische Demokratie hängt nicht an einer Person. Deshalb gibt es bei uns die Tradition, dass der scheidende Präsident den neuen Präsidenten begrüßt, wie ich es vorige Woche getan habe. Deshalb wird meine Regierung in den kommenden Wochen auch alles in ihrer Macht Stehende tun, um einen möglichst reibungslosen Übergang zu gewährleisten, denn so muss Demokratie funktionieren.

Und deshalb muss, auch wenn das manchmal schwierig ist, insbesondere jungen Menschen, die gerade erst anfangen, sich in ihren Ländern zu engagieren, bewusst sein, dass der Fortschritt einem gewundenen Pfad folgt, manchmal geht es voran, manchmal zurück, aber solange wir uns unser Vertrauen in die Demokratie bewahren, solange wir an die Menschen glauben, solange wir nicht von den zentralen Grundsätzen abweichen, die eine lebendige, offene Debatte zulassen, wird unsere Zukunft in Ordnung sein, denn Demokratie ist und bleibt die effektivste Regierungsform, die der Mensch je konzipiert hat.

Es stimmt natürlich, dass es in den letzten Jahren Demokratien gegeben hat, die vor ernsten Herausforderungen stehen. Ich möchte auf zwei Herausforderungen eingehen, die sich in Griechenland, den Vereinigten Staaten und weltweit auswirken.

Bei der ersten geht es um das Paradoxon einer modernen Weltwirtschaft. Die gleichen Kräfte der Globalisierung, Technologie und Integration, die uns so viele Fortschritte ermöglicht und so viel Wohlstand geschaffen haben, haben auch tiefe Verwerfungen hinterlassen. Weltweit haben Integration, engere Zusammenarbeit, mehr Handel und das Internet das Leben von Milliarden von Menschen verbessert, Familien aus extremer Armut befreit, Krankheiten geheilt, die Lebenserwartung verlängert und mehr Menschen Zugang zu Bildung und Chancen vermittelt als je zuvor in der Geschichte der Menschheit.

Ich habe den jungen Menschen in den Vereinigten Staaten schon oft gesagt, dass man, müsste man sich eine Zeit in der Geschichte aussuchen, in der man gerne geboren werden würde, ohne vorher zu wissen, wer man sein wird, ob man in eine reiche oder arme Familie geboren wird, in welchem Land und ob man als Mann oder Frau zur Welt kommt – wenn man also blind eine Zeit auswählen müsste, dann würde man die heutige Zeit wählen. Denn die Welt war nie kollektiv vermögender, gebildeter, gesünder oder weniger gewalttätig als heute. Das ist angesichts dessen, was wir in den Nachrichten sehen, schwer vorstellbar, aber es stimmt. Und die Entwicklungen einer integrierten Weltwirtschaft haben viel dazu beigetragen.

Aber die Entwicklungen von Jahrzehnten haben in vielen Ländern und Gemeinden zu enormen Umwälzungen geführt. Technologie und Automatisierung bedeuten, dass für die Herstellung von Gütern weniger Arbeitskräfte gebraucht werden. Das bedeutet, dass Arbeitsplätze und Fertigung Landesgrenzen überwinden und dorthin ziehen können, wo die Löhne niedriger oder die Rechte weniger geschützt sind. Und das bedeutet, dass Arbeitnehmer und Gewerkschaften häufig über weniger Druckmittel verfügen, um bessere Löhne und Leistungen auszuhandeln und größere Schwierigkeiten haben, auf dem globalen Markt zu konkurrieren. Hart arbeitende Eltern machen sich Sorgen, dass es ihren Kindern aufgrund des globalen Wettbewerbs nicht besser gehen wird als ihnen.

Wir haben außerdem die Erfahrung gemacht, dass diese globale Integration die Tendenz zu Ungleichheit innerhalb und zwischen Nationen verstärkt, und zwar in beschleunigtem Maße. Wenn wir dann sehen, dass die Eliten und reichen Konzerne weltweit scheinbar nach anderen Regeln leben, Steuern umgehen, Gesetzeslücken ausnutzen, wenn es scheint, als würden die Reichen und Mächtigen das System austricksen und große Vermögen anhäufen, während Familien der Mittel- und Arbeiterschicht gerade so über die Runden kommen, dann breitet sich ein durchdringendes Gefühl der Ungerechtigkeit aus, das Gefühl, dass unsere Volkswirtschaften zunehmend ungerecht sind.

Diese Ungleichheit stellt heute eine der größten Herausforderungen für unsere Volkswirtschaften und Demokratien dar. Ungleichheiten, die einst geduldet wurden, weil die Menschen sich gar nicht bewusst waren, wie ungleich die Dinge eigentlich sind, werden jetzt nicht mehr geduldet, weil alle ein Smartphone haben und sehen können, wie ungleich es zugeht. Dieses Bewusstsein gibt es selbst im kleinsten afrikanischen Dorf; die Menschen dort können sehen, wie man in London oder New York lebt. Das ärmste Kind in einem unserer Länder kann jetzt sehen, was andere Leute haben, das es selbst nicht hat. Nicht nur die Ungleichheit nimmt also zu, sondern auch das Bewusstsein dieser Ungleichheit. Das ist für die Stabilität unserer Demokratien eine gefährliche Kombination.

Und deshalb war es einer der Schwerpunkte meiner Wirtschaftspolitik, dieser Ungleichheit entgegenzuwirken. In unseren Ländern, in den Vereinigten Staaten und in den meisten fortschrittlichen Marktwirtschaften, wollen wir, dass sich Leistung für die Menschen lohnt. Wir sind der Meinung, dass man belohnt werden sollte, wenn man ein neues Produkt erfindet oder eine neue Dienstleistung entwickelt, die beliebt ist und vielen Menschen hilft. Aber wenn der CEO eines Unternehmens an einem einzigen Tag mehr Geld verdient als ein durchschnittlicher Arbeitnehmer in einem ganzen Jahr, wenn es Arbeitnehmern immer schwerer fällt, auf der sozialen Leiter aufzusteigen, wenn sie erleben, dass Fabriken schließen, in denen ganze Städte ihren Lebensunterhalt verdienten, dann trägt das zu dem Gefühl bei, dass die Globalisierung nur jenen ganz oben zugutekommt. Die Reaktion darauf kann das Wachstum im Land beeinträchtigen und die Wahrscheinlichkeit einer Rezession erhöhen. Sie kann auch zu einer Politik führen, die ein ungesundes Wettbewerbsklima zwischen Ländern schafft. Statt die Situation als möglichen Gewinn für beide Seiten zu betrachten, nehmen die Menschen es so wahr, dass sie verlieren, wenn der andere gewinnt, und dann entstehen Barrieren und Mauern.

In modernen Volkswirtschaften gibt es von links oder rechts gelegentlich Bewegungen, die der Integration Einhalt gebieten, die die technologische Entwicklung zurückdrängen und die Arbeitsplätze und Industrien zurückbringen wollen, die in den letzten Jahrzehnten verschwunden sind. Dieser Impuls, sich aus der globalisierten Welt zurückzuziehen, ist nachvollziehbar. Wenn man das Gefühl hat, die Kontrolle über die eigene Zukunft zu verlieren, wehrt man sich dagegen. Das ist hier in Griechenland geschehen. Es ist in Europa geschehen. Es ist in den Vereinigten Staaten geschehen. Es hat sich in Großbritannien in der Abstimmung über den Austritt aus der EU gezeigt.

Ich behaupte allerdings, dass wir uns angesichts der Eigenschaften der Technologie unmöglich voneinander abschotten können. Wir haben jetzt eine globale Versorgungskette. Unser Wachstum speist sich aus grenzüberschreitenden Innovationen und Ideen. Die Arbeitsplätze von morgen werden zwangsläufig anders sein als die Arbeitsplätze von gestern. Wenn wir Antworten suchen, dürfen wir also nicht zurückblicken, sondern müssen nach vorne schauen.

Wir dürfen die Verbindungen, die so viel Fortschritt und so viel Wohlstand geschaffen haben, nicht kappen. Denn wenn wir den Wettbewerb um Ressourcen als Nullsummenspiel begreifen, begeben wir uns auf einen Pfad der Konflikte in und zwischen unseren Ländern. Ich bin deshalb der festen Überzeugung, dass die größte Hoffnung für den menschlichen Fortschritt weiterhin in der Kombination aus offenen Märkten, Demokratie und Menschenrechten besteht. Allerdings bin ich auch der Meinung, dass der aktuelle Kurs der Globalisierung einer Korrektur bedarf. Unsere Staaten müssen in den kommenden Jahren und Jahrzehnten gewährleisten, dass mehr Menschen von den Vorzügen einer integrierten Weltwirtschaft profitieren und die negativen Auswirkungen gezielt angegangen werden.

Wir wissen, was zur Schaffung von integrativeren Volkswirtschaften getan werden muss, aber oft genug haben wir weder den politischen Willen noch den Wunsch, es zu tun. Wir wissen, dass wir eine mutige Politik brauchen, die Wachstum und die Schaffung von Arbeitsplätzen fördert. Wir wissen, dass wir Arbeitnehmern mehr Spielraum geben und bessere Löhne zahlen müssen und dass es Unternehmen sogar besser geht, wenn ihre Arbeitnehmer mehr Lohn erhalten, denn dann haben ihre Kunden mehr Geld zur Verfügung.

Wir wissen, dass wir mehr in unsere Bevölkerung, die Bildung unserer Kinder und Jugendlichen, in Fertigkeiten und die Ausbildung investieren müssen, die für den Wettbewerb in der Weltwirtschaft notwendig sind. Wir müssen es den jungen Menschen, die lernen und arbeiten wollen, leicht machen, die erforderliche Bildung und Ausbildung zu erhalten, ohne sich hoch zu verschulden.

Wir wissen, dass wir den Unternehmergeist stärken müssen, um Unternehmensgründungen und Geschäftstätigkeiten zu vereinfachen. Wir wissen, dass wir den Gesellschaftsvertrag stärken müssen, damit es auch dann ein soziales Sicherungsnetz mit Krankenversicherung und Rentenleistungen gibt, wenn man nicht 30, 40 oder 50 Jahre am gleichen Arbeitsplatz tätig war.

Wir müssen unsere Infrastruktur modernisieren, wodurch Arbeitsplätze entstehen werden. Wir müssen in Wissenschaft, Forschung und Entwicklung investieren, die Innovationen und neue Industriezweige mit sich bringen.

Bei unseren Handelsbeziehungen müssen wir darauf achten, dass der Handel für uns und nicht gegen uns arbeitet. Das bedeutet, dass wir in allen Ländern auf hohen Standards bestehen müssen, die Arbeitsplätze schaffen und starken Arbeitnehmer- und Umweltschutz garantieren, sodass die Vorteile des Freihandels im Alltag aller Menschen in allen Ländern spürbar sind und sich nicht nur aus den Bilanzen multinationaler Großkonzerne ablesen lassen.

Solche politischen Maßnahmen, diese Arbeit habe ich in meiner Zeit als Präsident verfolgt. Sie erinnern sich vielleicht, dass ich mein Amt inmitten einer der schlimmsten Krisen seit der Weltwirtschaftskrise angetreten habe. Die von uns angestrebte Erholung hat jetzt die große Mehrheit der Amerikanerinnen und Amerikaner erreicht. Wir haben Brücken und Straßen gebaut und damit Arbeitsplätze geschaffen. Wir haben Steuersenkungen für die Mittelschicht durchgesetzt. Wir haben die vermögendsten Amerikanerinnen und Amerikaner gebeten, ein bisschen mehr Steuern zu zahlen, ihren gerechten Anteil. Wir haben interveniert, um die Autoindustrie zu retten, gleichzeitig aber darauf bestanden, dass sie energieeffizienter wird und bessere Fahrzeuge baut, die weniger Luftverschmutzung verursachen.

Wir haben Maßnahmen ergriffen, die Studenten bei der Abzahlung ihrer Kredite unterstützen und Verbraucher vor Betrug schützen. Wir haben die massivste Reform der Wall Street in der Geschichte verabschiedet, damit die Exzesse und der Missbrauch, die die globale Finanzkrise ausgelöst haben, sich nicht wiederholen oder zumindest nicht wieder von der Wall Street ausgehen.

Und in den vergangenen fünf Jahren haben unsere Unternehmen mehr als 15 Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen. Die Einkommen sind in den Vereinigten Staaten im vergangenen Jahr so schnell gestiegen wie seit 1968 nicht. Die Armutsrate ist schneller gesunken als zu irgendeiner anderen Zeit seit 1968. Die Ungleichheit nimmt ab. Zudem sind wir dabei, die Einkommensschere zwischen Männern und Frauen auszugleichen.

Wir haben erklärt, dass Gesundheitsfürsorge in den Vereinigten Staaten kein Privileg für einige Wenige ist, sondern ein Recht für alle. Die Zahl der Nichtversicherten in unserem Land ist heute auf dem niedrigsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen. Und all das haben wir getan, während wir die Produktion sauberer Energie verdoppelt und unsere Kohlendioxidemissionen schneller gesenkt haben als irgendein anderes Industrieland. Wir haben also bewiesen, dass die Wirtschaft wachsen und gleichzeitig der Kohlendioxidausstoß, der den Klimawandel verursacht, reduziert werden kann.

Ich sage dies alles nicht, weil wir alle Probleme gelöst haben. Unsere Arbeit ist noch lange nicht getan. Es gibt immer noch zu viele Menschen in den Vereinigten Staaten, die sich um ihre Zukunft sorgen. Zu viele Menschen, die einen Lohn erhalten, der unter dem Existenzminimum liegt. Zu viele junge Menschen, die für sich keine Chancen sehen. Aber die politischen Maßnahmen, die ich beschreibe, weisen die Richtung, die wir einschlagen müssen, um integrative Volkswirtschaften aufzubauen. So können Demokratien den Wohlstand schaffen und die Hoffnung bieten, die die Menschen brauchen. Wenn die Menschen Chancen für sich sehen und Vertrauen in ihre Zukunft haben, ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass sie sich gegeneinander wenden und der Anziehungskraft der dunkleren Mächte erliegen, die es in allen unseren Gesellschaften gibt und die uns auseinanderreißen können.

Sie machen hier in Griechenland ähnliche Veränderungen durch. Der erste Schritt war der Aufbau eines Fundaments, auf dem wieder ein solides Wirtschaftswachstum erzielt werden kann. Wir müssen hier nicht sämtliche Ursachen der Wirtschaftskrise in Griechenland noch einmal aufzählen. Wenn wir ehrlich sind, können wir einräumen, dass es eine Kombination aus inneren und äußeren Kräften war. Die Verschuldung hatte in der griechischen Wirtschaft ein unhaltbares Niveau erreicht. In dieser globalen Wirtschaft wandern Investitionen und Arbeitsplätze dorthin, wo es effiziente, nicht aufgeblasene Regierungsapparate und klare Regeln gibt. Um wettbewerbsfähig und attraktiv für Investitionen zu bleiben, die Arbeitsplätze schaffen, musste Griechenland einen Reformprozess einleiten.

Die Welt versteht meines Erachtens nicht voll und ganz, wie schmerzhaft diese Reformen waren, oder welche enormen Opfer Sie, die Griechinnen und Griechen, gebracht haben. Ich bin mir dessen sehr wohl bewusst und stolz darauf, was meine Regierung getan hat, um Griechenland nach Möglichkeit bei diesen Anstrengungen zu unterstützen. Ein Grund für meinen Besuch ist auch, der Welt zu zeigen, welche wichtigen Schritte Griechenland unternommen hat.

Der Haushalt verzeichnet wieder einen Überschuss. Das Parlament hat Reformen verabschiedet, um die Wirtschaft wettbewerbsfähiger zu machen. Ja, es bleibt noch viel zu tun. Ich möchte Ministerpräsident Tsipras meine Anerkennung für die sehr schwierigen Reformen aussprechen, die seine Regierung verfolgt, um die Wirtschaft auf eine solidere Grundlage zu stellen. Griechenland bemüht sich um mehr Investitionen und versucht, ein Wiederauftreten alter Ungleichgewichte zu verhindern und ein stärkeres Fundament für die Wirtschaft aufzubauen, und dabei wird es weiterhin die volle Unterstützung der Vereinigten Staaten haben.

Gleichzeitig werde ich die Gläubiger weiter auffordern, die erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen, um Griechenland auf den Weg einer nachhaltigen wirtschaftlichen Erholung zu bringen. Der IWF hat zum Ausdruck gebracht, dass neben der weiteren Umsetzung der Reformen durch Griechenland die Entschuldung für die Wiederherstellung von Wachstum entscheidend ist. Der IWF hat Recht. Es ist wichtig, denn wenn die Reformen hier nachhaltig sein sollen, müssen die Menschen Hoffnung haben und Fortschritte erkennen. Und die jungen Menschen hier und im ganzen Land müssen wissen, dass es eine Zukunft gibt, dass es Bildung und Arbeitsplätze gibt, die ihres unvorstellbaren Potenzials würdig sind. Sie müssen nicht ins Ausland gehen, Sie können sich hier in Ihrer Heimat niederlassen und Erfolg haben.

Und ich bin zuversichtlich, wenn Sie durchhalten, so schwer das bisher auch gewesen sein mag, wird Griechenland bessere Zeiten erleben. Denn dieser herrliche Saal, dieses Zentrum, dieses Sinnbild griechischer Kultur und Widerstandskraft, erinnert uns daran, dass ebenso wie es Ihre Stärke und Entschlossenheit Ihnen ermöglicht haben, im Verlauf Ihrer Geschichte große Widrigkeiten zu überwinden, nichts den Geist des griechischen Volkes brechen kann. Sie werden diese Zeit der Herausforderung ebenso überwinden, wie Sie in der Vergangenheit andere Herausforderungen überwunden haben.

Ökonomie wird für den Erhalt unserer Demokratien also von zentraler Bedeutung sein. Wenn unsere Volkswirtschaften nicht funktionieren, kommt es in unseren Demokratien zu einer Verzerrung und in einigen Fällen zum Zusammenbruch. Das führt mich zu einer weiteren drängenden Herausforderung, vor der unsere Demokratien heute stehen, nämlich der Frage, wie wir in unserer vielfältigen, multikulturellen, multiethnischen und multireligiösen Welt und unseren vielfältigen Nationen sowohl die Rechte des Einzelnen als auch eine grundlegende staatsbürgerliche Bindung an eine gemeinsame Überzeugung wahren, die uns zusammenhält.

Demokratie ist am einfachsten, wenn alle gleich denken, gleich aussehen, das Gleiche essen und an den gleichen Gott glauben. Demokratie wird schwieriger, wenn Menschen unterschiedlicher Hintergründe versuchen, zusammenzuleben. In unserer globalisierten Welt, in der es Migration und den raschen Austausch von Ideen, Kulturen und Traditionen gibt, erleben wir zunehmend, wie sich diese Kräfte auf eine Art und Weise vermischen, die unsere Gesellschaft bereichert, aber auch Spannungen verursacht.

Der beispiellose Austausch von Informationen im Informationszeitalter kann Unterschiede auch betonen oder lieb gewonnene Lebensgewohnheiten scheinbar bedrohen. Früher wusste man womöglich nicht, wie Menschen in einem anderen Teil des eigenen Landes oder in Städten im Vergleich zu Dörfern lebten. Jetzt wissen alle, wie die anderen leben, und alle fühlen sich womöglich manchmal bedroht, wenn andere Dinge nicht genauso handhaben wie sie selbst. Es kann sein, dass man sich dann Fragen über die eigene Identität stellt. Das kann zu politischer Unbeständigkeit führen.

Angesichts dieser neuen Realität, in der Kulturen aufeinanderprallen, werden einige zwangsläufig Trost im Nationalismus, in ihrer Stammes-, ethnischen oder Sektenzugehörigkeit suchen. In Ländern, die von Grenzen zusammengehalten werden, die von Kolonialmächten gezogen wurden, darunter viele Länder im Nahen Osten und in Afrika, kann es verlockend sein, sich in die vermeintliche Sicherheit von Enklaven und Stammeszugehörigkeit zurückzuziehen.

In einer Welt, in der es immer mehr Ungleichheit gibt, wächst das Misstrauen gegenüber Eliten und Institutionen, die sich zu weit vom Leben der normalen Menschen entfernt zu haben scheinen. Welche Ironie, dass in einer Zeit, in der wir Menschen in den entlegensten Winkeln der Erde erreichen können, so viele Bürger das Gefühl haben, den Kontakt zu ihrer eigenen Regierung verloren zu haben.

Wir brauchen also neben einer integrativen Wirtschaftsstrategie eine exklusive politische und kulturelle Strategie. Wir müssen dafür sorgen, dass in allen unseren Hauptstädten die Regierungen effizienter und effektiver auf die täglichen Bedürfnisse ihrer Bürger reagieren. Die Regierungsinstitutionen, sei es in Athen, Brüssel, London oder Washington, müssen auf die Sorgen ihrer Bürgerinnen und Bürger eingehen. Die Menschen müssen wissen, dass man sie hört.

Ungeachtet der Herausforderungen der heutigen Zeit meine ich, dass die europäische Integration und die EU hier in Europa aufgrund der Fortschritte, die sie im Laufe der Jahrzehnte erzielt haben, der Stabilität, die sie bieten, und der Sicherheit, die sie stärken,

eine der großartigen politischen und wirtschaftlichen Errungenschaften der Menschheitsgeschichte sind und bleiben. Die Welt braucht ein starkes, wohlhabendes und demokratisches Europa heute mehr denn je.

Dennoch sollten sich meines Erachtens alle Institutionen in Europa fragen: Wie können wir den Menschen in den einzelnen Ländern das Gefühl vermitteln, dass man sie erhört, dass ihre Identität gestärkt wird, dass die getroffenen Entscheidungen, die sich maßgeblich auf ihr Leben auswirken, nicht so bürgerfern sind, dass sie keinen Einfluss darauf haben?

Wir müssen deutlich machen, dass der Staat existiert, um den Interessen der Bürger zu dienen, und nicht umgekehrt. Deshalb habe ich als Präsident der Vereinigten Staaten Initiativen wie die Open Government Partnership ins Leben gerufen, die Transparenz und Rechenschaftspflicht fördert, damit normale Bürger mehr über die Entscheidungen erfahren, die sich auf ihr tägliches Leben auswirken. Deshalb haben wir sowohl im Inland als auch weltweit Maßnahmen gegen Korruption ergriffen, die eine Gesellschaft von innen zerstören kann.

Während autoritäre Regierungen den Bürgern den Raum nehmen, den sie brauchen, um sich zu organisieren und ihrer Stimme Gehör zu verschaffen, haben wir begonnen, die Zivilgesellschaft bei der Verteidigung demokratischer Werte und der Suche nach Lösungen in unseren Gemeinden zu unterstützen. Und da so viele Menschen auf der Welt manchmal versucht sind, zynisch zu werden und sich herauszuhalten, da sie meinen, den Politikern und dem Staat egal zu sein, haben wir Netzwerke für junge Führungspersönlichkeiten geschaffen und in junge Unternehmer investiert, weil wir glauben, dass Hoffnung und Erneuerung unserer Gesellschaft ihren Anfang bei den jungen Menschen nehmen.

Abschließend möchte ich darauf eingehen, dass unsere Welt eine Zeit tief greifenden Wandels erlebt. Ja, es gibt Unsicherheit und Unbehagen, und niemand weiß, was die Zukunft bringt. Die Geschichte bewegt sich nicht immer geradlinig voran. Die Bürgerrechte in den Vereinigten Staaten haben sich nicht immer geradlinig entwickelt. Die Demokratie in Griechenland hat sich nicht immer geradlinig entwickelt. Die Entstehung eines geeinten Europa ging ganz sicher nicht immer geradlinig vonstatten. Und es gibt keine Garantie für den Fortschritt. Jede Generation muss sich den Fortschritt verdienen. Aber ich meine, die Geschichte gibt uns Grund zur Hoffnung.

2500 Jahre nachdem uns Athen erstmals den Weg gewiesen hat, 250 Jahre nach dem Beginn der großen amerikanischen Reise, sind mein Glaube und mein Vertrauen so stark wie eh und je, ebenso wie meine Überzeugtheit von unseren demokratischen Idealen und universellen Werten. Ich bin mehr denn je davon überzeugt, dass Dr. King recht hatte, als er sagte: „Der Bogen des moralischen Universums mag lang sein, aber er neigt sich der Gerechtigkeit zu.“ Aber er neigt sich nicht der Gerechtigkeit zu, weil dies unvermeidlich ist, sondern weil wir ihn in diese Richtung lenken; nicht, weil es keine Hindernisse auf dem Weg zu Gerechtigkeit gibt, sondern weil es in jeder Generation Menschen gibt, die die Vorstellungskraft, den Mut und den Willen haben, den Bogen unseres Lebens in Richtung einer besseren Zukunft zu lenken.

Ich habe in den Vereinigten Staaten und an jedem Ort, den ich in den vergangenen acht Jahren besucht habe, Menschen und insbesondere junge Menschen getroffen, die sich für Hoffnung und gegen Angst entschieden haben, die daran glauben, dass sie ihr Schicksal selbst bestimmen können, die sich weigern, die Welt so hinzunehmen, wie sie ist, und entschlossen sind, sie so zu gestalten, wie sie sein sollte. Sie sind mir eine Inspiration.

In jeder Region der Welt habe ich Menschen getroffen, die in ihrem täglichen Leben zeigen, dass wir trotz unterschiedlicher ethnischer Zugehörigkeit, Religion, Überzeugung oder Hautfarbe die Fähigkeit haben, uns im Anderen wiederzuerkennen. Wie die Frau hier in Griechenland, die von den Flüchtlingen, die hier an Land kamen, sagte: „Wir leben unter der gleichen Sonne. Wir verlieben uns unter dem gleichen Mond. Wir sind alle Menschen, wir müssen diesen Menschen helfen.“ Frauen wie diese geben mir Hoffnung.

In allen unseren Gemeinden, in allen unseren Ländern gibt es meiner Meinung nach noch mehr von dem, was die Griechen Philotimo nennen, Liebe, Respekt und Güte gegenüber der Familie, der Gemeinschaft und dem Land, und das Gefühl, dass wir alle in einem Boot sitzen und Verantwortung füreinander tragen. Philotimo – ich sehe es jeden Tag, und das macht mir Hoffnung.

Denn letztendlich liegt es an uns. Es ist nicht die Aufgabe oder Verantwortung anderer – die Bürgerinnen und Bürger unserer Länder und der Welt müssen den Bogen der Geschichte in Richtung Gerechtigkeit lenken.

Und das ermöglicht uns die Demokratie. Deshalb ist das wichtigste Amt in einem Land nicht das des Präsidenten oder Ministerpräsidenten. Der wichtigste Titel ist der des Staatsbürgers. In allen unseren Nationen werden es immer unsere Bürgerinnen und Bürger sein, die darüber entscheiden, welche Art von Land wir sein wollen, über die Ideale, die wir anstreben und die Werte, die uns leiten sollen. In diesem großartigen, unvollkommenen, aber notwendigen System der Selbstverwaltung, werden Macht und Fortschritt immer vom demos kommen: „Wir, das Volk.“ Ich bin davon überzeugt, dass unsere Zukunft, solange wir diesem System der Selbstverwaltung treu bleiben, eine strahlende sein wird.

Vielen herzlichen Dank. Zito i Ellas.

Originaltext: Remarks by President Obama at Stavros Niarchos Foundation Cultural Center in Athens, Greece