Oregon Trail – der Weg nach Westen

(AD) – Der nachfolgende Artikel von Brad Knickerbocker erschien erstmals in The Christian Science Monitor. Übersetzung und Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von The Christian Science Monitor, Copyright Copyright 1993, the Christian Science Publishing Society. Alle Rechte vorbehalten.

Der Verfasser, Brad Knickerbocker, ist Journalist beim Christian Science Monitor.

Das Jahr 1993 markierte den 150. Geburtstag des Oregon Trail – des Wegs nach Westen -, der ein wesentliches Element in der Geschichte und Folklore der Vereinigten Staaten darstellt. Der Trail – eigentlich ein Netz ineinander übergehender Wege, die große Teile der Route zu den Goldfeldern in Kalifornien und des Mormonentrecks nach Utah umfassen – erschloß einen Großteil des amerikanischen Westens für Einwanderer aus dem Osten. Und er beschleunigte die Schließung der Grenze um das Siedlungsgebiet – von der Historikerin Patricia Nelson Limerick von der University of Colorado respektlos als der Ort auf der Landkarte bezeichnet, an dem Europäer „selten wurden und Angst bekamen“.

Es war eine unvermeidliche und in gewisser Weise tragische Konsequenz, daß die Bewegung in Richtung Westen entlang des auch als „Overland Trail“ bezeichneten Wegs eine offizielle Politik beschleunigte, die dem Nomadenleben der Indianer ein Ende setzte. Sie hatten dort mehr als 12.000 Jahre gelebt, und zumindest während der ersten Jahre der Reise nach Westen waren sie den Siedlern eher eine Hilfe als eine Behinderung. Meistens wurden sie von den mächtigeren Neuankömmlingen jedoch als unwichtig, wenn nicht sogar hinderlich für den Fortschritt und das „Manifest Destiny“ angesehen (die im 19. Jahrhundert vertretene Überzeugung, daß es die Bestimmung der Vereinigten Staaten ist, sich auf ganz Nordamerika auszudehnen), denn sie hatten weder Land bestellt noch Besitzansprüche geltend gemacht.

In den ungefähr drei Jahrzehnten zwischen dem ersten organisierten Zug von Siedlern nach Oregon und dem Abschluß der Bauarbeiten an der Eisenbahnlinie in Richtung Westen legten mehr als 300.000 Menschen etwa 3.200 Kilometer zurück. Die meisten kamen mit dem Güterzug oder zu Pferd. Einige zogen Handkarren hinter sich her, andere liefen die ganze Strecke neben ihren Ochsen und Eseln zu Fuß auf Wegen, die heute noch sichtbar sind. Bis in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts hinein reisten diejenigen, die sich kein Auto oder Zugticket leisten konnten, weiterhin entlang dieses Wegs nach Westen – eine Reise, die Lillian Schlissen, Direktorin für Amerikastudien am Brooklyn College, als „eine der großen Völkerwanderungen der Neuzeit“ bezeichnet.

Obwohl es meistens alleinstehende Männer waren, die sich später auf die Suche nach Glück und Gold begaben, war die Wanderung nach Oregon großenteils eine Familienbewegung. Es war nicht außergewöhnlich, mit sechs oder sieben Kindern zu reisen, und ungefähr 20 Prozent der Frauen waren schwanger. Die Ehepaare waren oft vollständig aufeinander angewiesen, aber Frauen und Männer hatten normalerweise sehr unterschiedliche Ansichten über diese in ihrem Leben einmalige Reise.

Für die Männer war es die Gelegenheit für Abenteuer und unentgeltliches Land in dem fruchtbaren Flußtal des Willamette. Aber für die Frauen auf den holpernden, staubigen, von Independence in Missouri aus aufbrechenden Wagen war es eine weitere Entwurzelung, eine Trennung von der Familie und den Freunden zu Hause. Viele fühlten sich wie Agnes Stewart, die 1853 schrieb: „Ich bin dieser Reise müde. Ich sehne mich nach der Ruhe eines Zuhauses, in dem ich wieder in Frieden leben kann.“

Die Reise war für alle gefährlich. Einigen Schätzungen zufolge kamen 10 Prozent auf dem Weg um – meistens aufgrund von Unfällen und Krankheiten. Diese Sterblichkeitsrate war sehr viel höher als die der amerikanischen Soldaten in Vietnam.

Obwohl sie auf dem Weg viel erdulden mußten und ihnen nach ihrer Ankunft harte Arbeit bevorstand, hatten die meisten Auswanderer auch das Gefühl, daß sie an einem Ereignis beteiligt waren, das sowohl historisch als auch persönlich von Bedeutung war. Tausende ritzten ihre Namen und ein Datum in Felswände entlang des Wegs. Und am Ende des Tages machten sie Eintragungen in ihre Tagebücher oder schrieben Briefe.

„Kein anderes Ereignis in diesem Jahrhundert mit Ausnahme des Bürgerkriegs brachte so viele persönliche Aufzeichnungen hervor wie diese Reise über Land“, schreibt Dr. Schlissel in ihrem Buch Women’s Diaries of the Westward Journey. Die Aufzeichnungen – einige ungeschliffen, andere eloquent – sind aufschlußreich und häufig ergreifend. Über 800 wurden Schlissel zufolge veröffentlicht oder katalogisiert, und zahlreiche weitere sind in Familiensammlungen aufbewahrt.

Und was ist heute mit dem Territorium von Oregon, diesem riesigen Landstrich, der ein Gebiet so groß wie England, Frankreich und Deutschland zusammen- genommen umfaßt? Viele Nachfahren dieser in Oregon Geborenen, die das Manifest Destiny überlebten, leben in Indianerreservaten entlang des Oregon Trail – Wind River in Wyoming, Fort Hall in Idaho, Umatilla und Warm Springs in Oregon – und sind oft ärmer als die Nachkommen der Pioniere.

Obwohl noch ein Gefühl der Weite entlang der Route vorherrscht (zumindest entfernt von den Städten), haben die Ansiedlungen bemerkenswerte Veränderungen bewirkt. Die größten Flüsse des Columbia Basin wurden zur Bewässerung und Stromerzeugung gedämmt. Ein Großteil der ursprünglichen Wälder wurde abgeholzt. Bergbau und Viehzucht haben die Umwelt geschädigt. Überreste des Bombenbaus aus der Zeit des Kalten Krieges haben ein Gebiet nördlich des Columbia zur mit den meisten Giftstoffen belasteten Gegend Nordamerikas gemacht.

Solche Veränderungen würden die ersten fleißigen Siedler von vor anderthalb Jahrhunderten erstaunen. „Ich würde gerne die Reaktion einiger dieser Leute auf das sehen, was wir dem Land heute angetan haben“, äußerte Joe Vogel hoch zu Roß, als er 1993 mit einer Gruppe aus Nebraska nochmals den Trail entlangritt. „Einiges ist nicht sehr gut.“ Dennoch herrscht heute wie damals ein Gefühl der Möglichkeiten und Hoffnung vor. Tausende Amerikaner (häufig aus dem dicht bevölkerten Kalifornien) brechen ihre Zelte ab und ziehen in die kleinen Städte und ländlichen Gebiete von Oregon, Washington, Idaho, Montana und Wyoming. Sie sind die neuen Einwanderer entlang des Oregon Trail.