Was Paragraf 504 aus der Sicht einer blinden Diplomatin bewirkt hat

Der Stellvertretende Abteilungsleiter und Sondergesandte für die Rechte von LGBTI, Randy Berry, hält eine Rede vor dem Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen in Genf (Schweiz). Zoe, der Blindenhund, sitzt hinter ihm.
Der Stellvertretende Abteilungsleiter und Sondergesandte für die Rechte von LGBTI, Randy Berry, hält eine Rede vor dem Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen in Genf (Schweiz). Zoe, der Blindenhund, sitzt hinter ihm.

WASHINGTON – (AD) – Nachfolgend veröffentlichen wir einen Text über Paragraf 504 des Wiedereingliederungsgesetzes (Rehabilitation Act), der die Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen verbietet. Die Autorin, Kristin Fleschner, ist in der Abteilung für Demokratie, Menschenrechte und Arbeit im US-Außenministerium tätig. Der Beitrag erschien am 28. April 2017 auf DipNote, einer Website des US-Außenministeriums.

In diesem Monat feiern Menschen überall in den Vereinigten Staaten das erste Bürgerrechtsgesetz zum Schutz von Amerikanerinnen und Amerikanern mit Behinderungen: Paragraf 504 des Gesetzes über die Wiedereingliederung. Nachdem sich Menschen mit Behinderungen und ihre Vertreter, wie beispielsweise Judith Heumann, in einem historischen politischen Kampf dafür eingesetzt hatten, wurde 1977 in Paragraf 504 gesetzlich festgeschrieben, dass kein mit Bundesmitteln finanziertes Programm Menschen mit Behinderung diskriminieren darf.

Ich habe seit einigen Jahren eine Behinderung, nachdem ich infolge einer Organtransplantation erblindet bin. Ich habe einiges über die historischen Kämpfe für Paragraf 504 gelesen, und obwohl ich ihn nicht miterlebt habe, habe ich persönliche Erfahrungen mit Diskriminierung am Arbeitsplatz gemacht und weiß, warum derartige Gesetze notwendig sind. Wenn ich überlege, wie sich diese Gesetze in meinem Alltag auswirken, denke ich auch an die zumutbaren Anpassungsmaßnahmen, die es mir ermöglichen, im US-Außenministerium zu arbeiten.  So verwende ich am Computer beispielsweise ein Bildschirmleseprogramm, mit dem ich E-Mails und Berichte lesen und Artikeln verfassen kann.  Wenn ich an einer Sitzung teilnehme, bitte ich die Organisatoren, mir die Tagesordnung und Informationsblätter vorab in elektronischer Form zu schicken, damit ich sie mithilfe meiner Spezialsoftware lesen kann. Darüber hinaus verwende ich ein iPhone des Ministeriums mit integrierter Voiceover-Technologie, die Blinden die Benutzung erleichtert. Eine Tastatur, die ich an das iPhone anschließen kann, ermöglicht es mir, in Sitzungen Notizen zu machen, Dokumente zu lesen und unterwegs auf E-Mails zu antworten. Wenn sich eine Website nicht für die Vorlesesoftware eignet oder ich während einer Sitzung ein Dokument in Papierform erhalte, schickt die Abteilung Behinderungen und zumutbare Anpassungsmaßnahmen des Ministeriums (Disability and Reasonable Accommodations Division – HR/OAA/DRAD) zu meiner Unterstützung eine „menschliche Lesehilfe“. Alle diese Maßnahmen sind aufgrund von Paragraf 504 möglich.

Kristin Fleschner mit Blindenhund Zoe im Weißen Haus. Kristin Fleschner und Zoe, ihr Blindenhund, 2016 vor dem Oval Office. Kristin und Zoe schauen zur Kamera, hinter ihnen die geschlossene Tür und das glänzende Siegel darüber.
Kristin Fleschner mit Zoe, ihrem Blindenhund, 2016 vor dem Oval Office.

Damit ich mobiler bin, habe ich außerdem eine Blindenhündin. Bei Auslandsreisen helfen mir unsere Botschaften, damit sie „einreisen“ und ich sie mit ins Hotel und in Restaurants nehmen darf.  Oft lernen dabei alle Beteiligten dazu, auch unsere Botschaftsmitarbeiter oder hochrangige Beamte, die noch nie mit einem blinden Menschen zusammengearbeitet haben.  Bei einem Treffen mit einem Außenminister wurde ich gefragt, wo ich studiert habe. Als ich sagte, ich sei auf die Vanderbilt University und die Harvard Law gegangen, folgte ein fast einminütiges Schweigen und dann sagte er mir, dass Blinde in seinem Land in Lagerhallen untergebracht würden. Er fragte, wie man das ändern könne, und ich erklärte ihm die Idee von Paragraf 504 und den Anpassungsmaßnahmen.

Menschen mit Behinderungen sind Menschen, denen man entgegenkommen und die man beschäftigen möchte, weil sie mehr Schwierigkeiten überwinden mussten als die meisten anderen Menschen. Aus diesem Grund sind sie versierte Problemlöser, Netzwerker und Verhandlungspartner.  Das wird täglich unter Beweis gestellt, wenn blinde Menschen in einem unbekannten Gebäude die Toiletten finden und Rollstuhlfahrer an Bahnhöfen ohne Fahrstuhl zurechtkommen müssen und wenn Aktivisten für Rechtsschutz kämpfen – wie 1977, als eine 28-tägige Besetzung des Bundesgebäudes in San Francisco durch mehr als 150 Personen mit Behinderungen zur Unterzeichnung von Paragraf 504 führte.

Seit der Unterzeichnung von Paragraf 504 vor über 40 Jahren hat sich das Blatt gewendet. Und auch wenn wir noch nicht am Ziel sind, setzen sich noch immer viele Menschen dafür ein, dass wir es am Ende erreichen.

Originaltext: Examining the Power of Section 504: From a Diplomat’s Perspective