Eine kurze Geschichte der Präsidentschaftsdebatten

Gouverneur Bill Clinton, Unternehmer Ross Perot und Präsident George H. W. Bush in gelöster Stimmung nach Ende ihrer Debatte im Fernsehen 1992 (Foto: Mark Cardwell/Reuters)

Am 3. November 2020 finden in den Vereinigten Staaten die Präsidentschaftswahlen statt. Aus diesem Anlass wurde auf ShareAmerica, einer Website des US-Außenministeriums, am 14. September 2020 ein Artikel zu den traditionellen TV-Debatten zwischen den Kandidaten veröffentlicht.

Seit der Zeit, als die Nation gebannt den moralischen Einwänden eines Rechtsanwalts aus Illinois gegen die Sklaverei lauschte, haben sich die Debatten der Präsidentschaftskandidaten in den Vereinigten Staaten stark verändert.

Das war im Jahr 1858 – Abraham Lincoln trat damals gegen Stephen Douglas an, aber seine Argumente verhalfen ihm nicht zu dem angestrebten Senatssitz. Die Niederschriften wurden jedoch im ganzen Land verbreitet und wurden für Lincoln zum Sprungbrett, das ihn zwei Jahre später ins Weiße Haus katapultierte.

Erst seit 1976 – 100 Jahre danach – werden vor jeder Präsidentschaftswahl nationale Debatten abgehalten. In diesem Jahr sind drei Debatten zwischen den Präsidentschaftskandidaten der großen Parteien und eine zwischen ihren jeweiligen Vizepräsidentschaftsbewerbern geplant.

Aufgrund der Coronavirus-Pandemie wird es Änderungen geben. Die Debatten könnten in diesem Jahr wichtiger sein als bei früheren Wahlkämpfen, da die Kandidaten wegen der Auflagen zum Schutz der öffentlichen Gesundheit weniger Möglichkeiten hatten, die üblichen Wahlkampfauftritte wahrzunehmen.

Abraham Lincoln und andere auf einer Bühne vor einer Menschenmenge (Foto: Fotosearch/Getty Images)
Gemälde einer der Debatten von Abraham Lincoln mit Stephen Douglas, 18. September 1858 (Foto: Fotosearch/Getty Images)

Sie werden sich jedenfalls in vielerlei Hinsicht von den Debatten zwischen Lincoln und Douglas unterscheiden: Die Kandidaten werden nicht im Verlauf von drei Stunden jeweils eine Stunde lang oder länger sprechen, sondern sich während einer 90-minütigen, von Journalisten moderierten Frage-und-Antwort-Sendung abwechseln. Auch werden keine Niederschriften der Debatten per Telegramm versandt, sondern Abermillionen werden die Ereignisse live verfolgen, und während der Debatten und danach werden die Aussagen der Kandidaten und die Reaktionen der Zuschauer in den sozialen Medien und von der Presse aufgegriffen.

Üblicherweise nehmen an den Debatten in den Vereinigten Staaten nur die Bewerber der demokratischen und der republikanischen Partei teil, nicht die Bewerber der anderen Parteien. Unabhängige Kandidaten und die anderer Parteien stehen aber durchaus zur Wahl.

Die Debatten wurden jahrelang von der keiner Partei angehörenden Liga der Wählerinnen (League of Women Voters) organisiert, bis 1988 die jeweiligen Parteiführungen übernahmen. Seitdem werden zu den Debatten nur noch Bewerber mit maßgeblicher Unterstützung in den öffentlichen Meinungsumfragen zugelassen. Im Herbst stehen somit meist nur noch zwei Kandidaten auf der Bühne, mit Ausnahme von 1992, als auch Ross Perot teilnahm.

Stimmen die Debatten die Wähler um?

Es ist nicht leicht, den genauen Einfluss der Debatten auf die Wähler zu messen, aber sie spielen „ganz eindeutig eine Rolle“, sagt Kathleen Hall Jamieson, Leiterin des Annenberg Public Policy Center an der University of Pennsylvania. „Es ist die einzige Gelegenheit, bei der sich die Kandidaten [der großen Parteien] am gleichen Ort den gleichen Fragen stellen. Man bekommt einen Eindruck von ihrem Temperament und eine Vorstellung davon, wie sie auf Unerwartetes reagieren.“

Die Debatten vermitteln den Wählern nicht nur ein Gefühl für die Persönlichkeit und den Charakter der Kandidaten, sondern klären die amerikanischen Zuschauer auch über die Themen und die Haltung der Bewerber dazu auf, so Bill Benoit, Professor für Kommunikationswissenschaften an der University of Alabama in Birmingham.

Frau mit Baby und kleinem Jungen auf dem Boden sitzend vor dem Fernseher (Foto: David Zalubowski/AP Images)
Teresa Natale, Wählerin aus Denver, verfolgt 2004 mit ihrem sechsjährigen Sohn und ihrem Baby auf dem Schoß die Präsidentschaftsdebatte im Fernsehen (Foto: David Zalubowski/AP Images)

„Gelegentlich beeinflussen Debatten Wahlentscheidungen, aber eher noch verstärken sie bereits bestehende Meinungen“, erklärt Benoit. „Die Debatte allein ist kein Faktor, der über Sieg oder Niederlage entscheidet, kann einen Kandidaten aber durchaus stärken oder schwächen.“

Welten entfernt von Lincolns Zeiten ist auch die recht neue Angewohnheit, die Debatte im Fernsehen und gleichzeitig die Kommentare anderer in den sozialen Medien zu verfolgen. Das kann Benoit zufolge dazu führen, dass man nicht richtig mitbekommt, was die Kandidaten sagen.

Dieses Jahr könnte es sein, dass die Debatten aufgrund von COVID-19 ohne Live-Publikum stattfinden. Das wäre eine Verbesserung, meint Jamieson, da sich die Wähler dann ihre Meinung unbeeinflusst vom Applaus aus dem Publikum bilden müssen.

Die Debatten in den Vereinigten Staaten unterscheiden sich insofern von denjenigen in anderen demokratischen Ländern, dass das politische System mehr auf den einzelnen Kandidaten abstellt als auf ein Parteiprogramm, erklärt Stella M. Rouse, außerordentliche Professorin für Staatslehre und Politik an der University of Maryland.

„In diesem Land sind die Debatten sehr personenbezogen“, sagt sie.

Geistreiche Bemerkungen und Fehltritte während der Debatten bestimmen oft die Nachrichten danach. Allerdings geraten dadurch manchmal die eigentlichen Aussagen in den Hintergrund. In der Debatte um die Vizepräsidentschaft 1988 landete Lloyd Bentsen einen Schlag gegen den 40-jährigen Dan Quayle, als dieser sagte, er habe ebenso viel Kongresserfahrung wie John F. Kennedy, bevor er Präsident wurde:

„Ich habe mit Jack Kennedy zusammengearbeitet. Ich kannte Jack Kennedy. Jack Kennedy war ein Freund von mir.“ Bentsen entgegnete: „Senator, Sie sind kein Jack Kennedy.“ Jamieson ist der Meinung, dass die Wahrheit – die Tatsache, dass Quayle sich zutreffend über seine jahrelange Erfahrung geäußert hat – in diesem Wortgefecht untergegangen ist.

Lloyd Bentsen und Dan Quayle geben sich die Hand (Foto: Ron Edmonds/AP Images)
Die Kandidaten Bentsen (links) und Quayle geben sich 1988 nach dem TV-Duell der Vizepräsidentschaftskandidaten in Omaha (Nebraska) die Hand. (Foto: Ron Edmonds/AP Images)

Die Wähler erfahren in den Debatten aber durchaus etwas darüber, wie ein Kandidat regieren würde. Zweifler beschweren sich zwar gerne, dass Politiker ihre Wahlversprechen nicht halten, aber Jamieson meint, die Beweise zeigten etwas anderes. Präsidenten versuchen im Durchschnitt, 60 Prozent ihrer Wahlversprechen durchzusetzen.

Bei den Debatten „erkennt man recht deutlich, wie unterschiedlich sie vorgehen würden“, so Jamieson.

Die Debatte 1980 sei ein gutes Beispiel dafür. Präsident Jimmy Carter, der Ingenieurwesen studiert hatte, kannte viele Fakten, war aber nicht in der Lage, das große Ganze zu vermitteln. Bei Ronald Reagan war es genau umgekehrt: Er konnte gut Geschichten erzählen und so eine Verbindung zu den Menschen herstellen, hatte aber bei den Feinheiten Schwächen.

Jamieson zufolge regierten beide schließlich mit diesen ihnen eigenen Stärken und Schwächen.

Reagan war ein Meister der einprägsamen Formulierung und gewann die Wahl mit der Frage: „Geht es Ihnen heute besser als vor vier Jahren?“

Obwohl sich ein Großteil der Berichterstattung auf solche Einzeiler konzentriert, haben die Wähler mehr davon, etwas über Inhalte zu erfahren. Benoit zufolge zeigt die Forschung, dass diejenigen, die die Debatten verfolgen, hinterher mehr über die Inhalte wissen als vorher – und auch mehr als diejenigen, die nicht zugesehen haben.

Originaltext: The spirited history of presidential debates