Schließung des Luftwaffenstützpunkts Rhein-Main

FRANKFURT – (AD) – Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter William R. Timken anlässlich der Schließung des US-Luftwaffenstützpunkts Rhein-Main vom 10. Oktober 2005.

Es ist ein großes Privileg, an dieser Zeremonie teilzunehmen.

Sie markiert ein Ende: die Schließung eines US-Luftwaffenstützpunkts mit einem Vermächtnis, an das wir uns noch lange erinnern werden.

Diese Zeremonie markiert aber auch einen Neuanfang. Einer der geschäftigsten Zivilflughäfen Europas ist erweitert worden. Die United States Air Force baut die Lufttransportkapazitäten des Kommandobereichs aus – kosteneffektiv, mit einer reduzierten Präsenz, aber ohne Verluste bei der Truppenstruktur oder den Kapazitäten. Die Übergabe erfolgte dank der Kooperation mehrerer Behörden und Organisationen auf zwei Kontinenten reibungslos und effektiv. Ich möchte all jenen gratulieren, die so hart gearbeitet und den Job zu einem so guten Abschluss gebracht haben.

Diese Übergabe ist Teil einer übergeordneteren Strategie zur Stärkung und Vorbereitung der NATO auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Über die NATO können die Vereinigten Staaten, Deutschland und ihre Verbündeten die Zielsetzungen erneuern, die der transatlantischen Partnerschaft während der letzten sechzig Jahren zugrunde lagen. Diese Zielsetzungen sind die Verteidigung der Freiheit, die Stärkung der Demokratie und die Schaffung eines stabilen Klimas, in dem Wohlstand gedeihen kann.

Hier am Stützpunkt Rhein-Main wurde im Laufe der Jahrzehnte viel erreicht. Zum Vermächtnis dieses Luftwaffenstützpunkts gehören einige der stolzesten Meilensteine unserer gemeinsamen Geschichte.

Der Stützpunkt Rhein-Main hat in zahllosen Einsätzen die Sache der Freiheit unterstützt. Die Opfer der Geiselnahme in Iran landeten hier. Die Opfer der Entführung des Flugs TWA 840 landeten hier und wurden von Generalkonsul Boddes Vater in Empfang genommen, als er US-Generalkonsul in Frankfurt war. Internationale Politiker, unter ihnen Präsident Bush und der afghanische Präsident Karsai, trafen hier zu wichtigen Gesprächen über die Förderung von Frieden und Demokratie zusammen.

Der Luftwaffenstützpunkt Rhein-Main war für hunderttausende junge Militärangehörige und ihre Familien aus den Vereinigten Staaten das „Tor nach Europa“. In den letzten sechzig Jahren lebten etwa 15 Millionen Amerikaner in Deutschland, mehr als in jedem anderen Land außerhalb der Vereinigten Staaten. Die große Mehrheit dieser Amerikaner war mit dem Militär verbunden. Sie waren gute Botschafter der Vereinigten Staaten, und die Deutschen waren stets ausgezeichnete Gastgeber. Als Folge entstanden tausende und abertausende persönlicher Freundschaften zwischen Deutschen und Amerikanern. Diese Freundschaften bestehen weiter und sind Teil der Fülle positiver Verbindungen zwischen unseren beiden Völkern.

Das Tor nach Europa – der Luftwaffenstützpunkt Rhein-Main – wird aber aufgrund der Rolle, die er während der Berliner Luftbrücke, der Operation Vittles, spielte, in die Geschichte eingehen. In nahezu 300.000 Flügen, von denen die meisten auf dieser Start- und Landebahn starteten, flogen alliierte Piloten in 15 Monaten ungefähr 92 Millionen Meilen, um Nahrungsmittel, Brennstoff und Arzneimittel zu den Bürgern innerhalb der abgeriegelten Zone in West-Berlin zu bringen. Generalmajor William H. Tunner leitete die Berliner Luftbrücke. Die Antwort, die er General Lucius Clay auf die Frage der Durchführbarkeit einer Luftbrücke gab, war folgende: „Wir können alles jederzeit überallhin transportieren.“

Aber General Clay, General Tunner und einer der bekanntesten Piloten der Luftbrücke, Oberst Gail Halvorsen, auch bekannt als der Rosinenbomber, wussten, dass das wichtigste Gut weder Nahrung, noch Brennstoff, noch Medikamente war. Es war Hoffnung.

Oberst Halvorsen ist heute anwesend, um mit uns diesen Anlass und seinen 85. Geburtstag zu feiern. Meinen Glückwunsch, Oberst Halvorsen, und vielen Dank. Ihre Süßigkeitenpakete an Mini-Fallschirmen ermutigten die Berliner am Boden – und beflügelten die Fantasie von Amerikanern in den Vereinigten Staaten. Eine wahre Spendenflut traf aus den Vereinigten Staaten ein, von Unternehmen und Einzelpersonen. Warum? Ein Sprecher der Süßigkeitenindustrie begründete es wie folgt: „Kinder waren die Hoffnung der Zukunft und egal, was davor geschehen war, es lag jetzt in der Vergangenheit.“

Während der Luftbrücke trafen die Piloten viele der Kinder, die die Pakete mit Süßigkeiten erhielten. Sie bekamen auch tausende Dankesbriefe adressiert an Onkel Wackelflügel oder den Schokoladenpiloten, und manchmal enthielten diese Briefe auch exakte Wegbeschreibungen zu den Häusern, in denen die Kinder lebten. Als Oberst Halvorsen die weißen Hühner nicht finden konnte, die ein kleines Mädchen namens Mercedes ihm als Orientierungspunkt genannt hatte, schickte er ihr eigens ein Päckchen per Post.

Aber das Vermächtnis der Operation zeigt sich am besten in den Erinnerungen eines der Kinder in Berlin, fünfzig Jahre später. Ein Mann erinnerte sich an den Tag, als ein kleiner Fallschirm mit einem amerikanischen Hershey-Schokoriegel vor ihm landete. Alle Kinder essen gern Schokolade, aber dieser Schokoriegel bedeutete mehr. Er bedeutete, dass jemand außerhalb der abgeriegelten Stadt Berlin wusste, dass der Junge dort war. Er war eine Verbindung zur Welt außerhalb der Blockade, eine Hoffnung, dass eines Tages alles gut sein würde.

Sechsundfünfzig Jahre nach der Berliner Luftbrücke und fünfzehn Jahre nach der Wiedervereinigung sind die Dinge in Deutschland gut, Oberst Halvorsen. Mauern sind eingerissen worden. Es gibt vielleicht Schwierigkeiten und Herausforderungen, aber sie sind Teil des andauernden Kampfes von freien Nationen beim Aufbau und Erhalt dynamischer Volkswirtschaften und widerstandsfähiger Demokratien.

Überall auf der Welt sind die Herausforderungen, die wir heute bewältigen müssen, nicht minder gewaltig als die während des Kalten Krieges. Ebenso wie vor sechzig Jahren sind unsere Schicksale heute miteinander verwoben. In diesem neuen Jahrhundert ist es die Verantwortung der transatlantischen Partner, die Beziehungen auf der Grundlage gemeinsamer Werte in den Dienst gemeinsamer Ziele zu stellen.

Oberst Halvorsen, in Ihrem Buch beschreiben Sie die letzte Stunde, die Sie auf der Rampe am Flughafen Tempelhof in Berlin verbracht haben. Es war mitten im Winter. Zwei kleine Mädchen, begleitet von ihrer Großmutter, liefen über die vom Wind gepeitschte Landebahn, um den Piloten als Angebot der Freundschaft und zum Dank einen Blumenstrauß zu überreichen. Frische Blumen mitten im Winter in einer Stadt, die sieben Monate unter militärischer Belagerung gestanden hatte! Die Blumen waren ein Symbol für etwas, das über die physikalischen Grundbedürfnisse hinaus ging, ein Zeichen der Hoffnung, des Friedens, der Schönheit und der Dinge, die kommen sollten.

Wir sollten uns heute auf dem Luftstützpunkt Rhein-Main, am Ende einer Ära und dem Anfang einer neuen, erneut der Partnerschaft zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland verpflichten, die das Leben aller Menschen auf der Welt verbessern kann. Wir müssen den Frieden, die Freiheit und den Wohlstand gestalten, Dinge, die Sie, Oberst Halverson, in Deutschland im 20. Jahrhundert ermöglicht haben, so dass in Zukunft alle Menschen die Möglichkeit haben, ihre Träume zu verwirklichen.

Originaltext: Rhein Main Closure