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Januar 27, 2024

Stand Up and Speak Out: Wir müssen jetzt Haltung zeigen und uns gegen Hass aussprechen 

Dieser Gastbeitrag erschien zuerst bei Focus online.

Ich bin die Tochter eines jüdischen Flüchtlings, der aus Nazi-Deutschland geflohen ist, und habe schon als Kind gelernt, wie wichtig es ist, Haltung zu zeigen und sich gegen Antisemitismus auszusprechen, der gemeinhin als die weltweit älteste Form von Hass gilt. 

Am Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust ist es wichtig, sich daran zu erinnern, dass die Grausamkeit, der Hass und der Fanatismus, die den Holocaust schürten, die meinen Vater zwangen, seine Heimat zu verlassen und die zur Vernichtung von sechs Millionen Jüdinnen und Juden und Millionen anderer Angehöriger von Minderheiten führten, nicht mit der Befreiung der Lager endeten. Antisemitismus ist nach wie vor gegenwärtig, und er nimmt zu. Obwohl jüdische Amerikanerinnen und Amerikaner nur zwei Prozent der US-Bevölkerung ausmachen, richten sich überwältigende 55 Prozent aller religiös motivierten Hassverbrechen gegen sie. Nach dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober ist die Zahl der Hassverbrechen gegen Jüdinnen und Juden in den Vereinigten Staaten und überall auf der Welt sprunghaft angestiegen, auch hier in Deutschland.

Dieser Flächenbrand muss uns weltweit so aufschrecken, dass wir alle – ob jüdisch oder nicht jüdisch – zusammenarbeiten, um ihn zu löschen. Die Zunahme antisemitischer Übergriffe bedroht die Sicherheit von Jüdinnen und Juden auf der ganzen Welt und das Wohlergehen unserer Demokratien. Antisemitische Übergriffe sind nie der einzige Ausdruck von Intoleranz in einer Gesellschaft. Wenn Menschenrechte und Grundfreiheiten der jüdischen Bevölkerung in Gefahr sind, dauert es nicht mehr lange, bis sich das auch auf Angehörige anderer Minderheiten und weitere gesellschaftliche Gruppen auswirkt. Der erstarkende Antisemitismus sollte alle, die Menschenrechte, Freiheit und Demokratie schätzen, mit allergrößter Sorge erfüllen.  

Alle Jüdinnen und Juden, die ich kenne, haben irgendwann in ihrem Leben den Stachel des Antisemitismus gespürt. Ich bin in einer hübschen Kleinstadt im Hudson Valley im Bundesstaat New York aufgewachsen, in der wir als eine der wenigen jüdischen Familien zwar akzeptiert, aber nie ganz in die Gesellschaft integriert wurden. Nur selten wurden meine Eltern und ich offen bedroht, aber eine gefährliche Engstirnigkeit war unterschwellig stets und überall spürbar. Einige meiner Mitschülerinnen und Mitschüler in der Grundschule stichelten zum Beispiel, die Juden hätten Jesus getötet, was sie in der Sonntagsschule gelernt hatten. Im Grunde wurden sie zu Antisemiten erzogen. Einmal haben einige Schülerinnen und Schüler eine Schlinge in unserer Schulgarderobe befestigt und damit gedroht, „Christusmörder“ aufzuhängen. Zum Glück hatte ich einen Lehrer, der disziplinarische Maßnahmen gegen sie ergriff, als er von ihrem „Streich“ erfuhr. Ich war immer stolz auf meine jüdische Identität und habe mich nicht damit begnügt, mich zu verteidigen. Ich habe eine Lanze für die Großartigkeit des Judentums gebrochen, die die Jahrhunderte überdauert hat. Ich habe meinen Mitschülerinnen und Mitschülern zur Weihnachtszeit Chanukka-Lieder beigebracht und ihnen die Heldengeschichte der Makkabäer erzählt. Es war nicht das erste und auch nicht das letzte Mal, dass ich mich entschloss, meinen Mund aufzumachen, statt zu schweigen, als ich mit Antisemitismus konfrontiert war.  

Vielleicht haben diese ersten Schritte dazu beigetragen, den Weg für meine spätere Laufbahn als Lehrerin, Politikwissenschaftlerin, Leiterin einer Universität und heutige US-Botschafterin in dem Land zu ebnen, aus dem mein Vater fliehen musste. Sicherlich waren sie Vorboten meines leidenschaftlichen Engagements für Bildung und Demokratie. Ich habe schon früh gelernt, dass Bildung und Demokratie zusammengehören.  

Damit Demokratie funktioniert, muss Bildung mehr vermitteln als nur Lesen, Schreiben und Rechnen. Sie muss auch Toleranz und Respekt gegenüber anderen Religionen, Ethnien, Geschlechtern, sexuellen Orientierungen, Fähigkeiten und anderen Unterschieden lehren. Schülerinnen und Schüler müssen lernen, für ihre Wertvorstellungen einzustehen, sich mit anderen auszutauschen und offen für Standpunkte zu sein, die von ihren eigenen abweichen.   

Die Achtung der freien Meinungsäußerung ist ein unverzichtbarer demokratischer Wert, darf aber nicht als Freibrief für Schikane, Drohungen oder Anstiftung zu Gewalt missverstanden werden. Damit die freie Meinungsäußerung der Demokratie dient, muss verantwortungsvoll von ihr Gebrauch gemacht werden. Deshalb ist Bildung für das Fortbestehen und die erfolgreiche Entwicklung von Demokratien unerlässlich.  

Antisemitismus beim Namen zu nennen, wo immer er sein hässliches Haupt erhebt, ist ein Beispiel dafür. Wenn Jüdinnen und Juden nur deshalb zur Zielscheibe werden, weil sie jüdisch sind, wenn nach den Gräueltaten der Hamas-Terroristen vom 7. Oktober Unternehmen in jüdischem Besitz vorgeworfen wird, einen „Völkermord“ zu unterstützen, dann ist das schlicht und einfach Antisemitismus und muss als solcher benannt werden.   

Wir müssen auch klarstellen, dass es kein Antisemitismus ist, die Politik der israelischen Regierung in der gleichen Weise zu kritisieren, wie man die Politik jedes anderen Landes kritisieren würde. Legitime Kritik an der Politik einer Regierung – jeder Regierung – ist nicht nur ein Recht, das geschützt werden muss, sondern der Schlüssel für eine erfolgreiche Gesellschaft. Viel zu häufig wird jedoch gezielt nur die israelische Politik verurteilt; die gleiche – oft sogar noch bedenklichere – Politik anderer Länder hingegen nicht. Man muss sich fragen: Warum ist das so?  

Die Geschichte des Nahen Ostens ist komplex und leidvoll. Aber das Existenzrecht des Staates Israel ist nicht verhandelbar. Wir trauern um das Leben jeder Zivilistin und jedes Zivilisten: um Israelis, Palästinenser, Juden, Christen, Muslime, Gläubige und Nichtgläubige und Menschen jeder Nationalität. Es sollte jedoch klar sein, dass weder Antisemitismus noch irgendeine andere Form des Hasses dem Frieden oder den Rechten einer Gruppe dient. Jüdische Gemeinden zur Zielscheibe von Hass, Einschüchterung und Gewalt zu machen, heißt nicht, dass man die Menschenrechte oder die Palästinenserinnen und Palästinenser verteidigt. Das ist schlicht und einfach Antisemitismus. 

Antisemitisches Gedankengut ist ein zentrales Element der terroristischen Leitsätze der Hamas. Die Massaker vom 7. Oktober haben zum schlimmsten Massenmord an Jüdinnen und Juden seit dem Holocaust geführt. Der menschliche Anstand gebietet es, um das Leben jeder Zivilistin und jedes Zivilisten zu trauern und die Grausamkeit und Brutalität der Hamas zu verurteilen, die auch vor der Vergewaltigung, Verstümmelung und Folterung von Frauen und Kindern nicht Halt macht. Antisemiten nutzen die pro-palästinensische Bewegung, um Hass und blinden religiösen Eifer gegen jüdische Menschen zu schüren. Wir befürworten einen künftigen palästinensischen Staat und verurteilen die Hamas als terroristische Organisation, die sowohl in Israel schlimmes Unheil verursacht als auch die Interessen der palästinensischen Bevölkerung untergräbt.  

Um Hass wirksam zu begegnen, müssen verantwortungsbewusste Menschen gemeinschaftsübergreifende Bündnisse bilden und zusammenarbeiten, damit Antisemitismus in all seinen Erscheinungsformen verstanden, erkannt und bekämpft werden kann. Dafür sind international aufeinander abgestimmte Strategien entscheidend. Die umfassende Strategie der Europäischen Union zur Bekämpfung von Antisemitismus und zur Förderung jüdischen Lebens diente als Orientierungshilfe für die Nationale Strategie der Vereinigten Staaten zur Bekämpfung von Antisemitismus, die im Mai 2023 veröffentlicht wurde.  

Beide Strategien unterstreichen, wie wichtig es ist, das Bewusstsein und das Verständnis für Antisemitismus und die Bedrohung zu schärfen, die er für unsere Gesellschaft darstellt, wie wichtig es ist, die Wertschätzung für das jüdische Erbe zu steigern, Solidarität und kollektive Maßnahmen gegen Hass zu entwickeln und das Nötige zu tun, um „Nie wieder“ zu dem Vermächtnis zu machen, auf das unsere Kinder und Enkelkinder ein Anrecht haben. Meine inständige Hoffnung, ja dringende Bitte, ist, dass wir uns alle zusammentun, um dieses Versprechen einzulösen.  

Wir dürfen nicht schweigen. Die Vorzeichen in den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts, die im Holocaust kulminierten, zeigten, wie das Schweigen das bösartige Virus des Hasses gedeihen ließ.  

Deshalb habe ich für die US-Botschaft und Konsulate in Deutschland die Kampagne Stand Up, Speak Out for Democracy ins Leben gerufen, im Rahmen derer wir uns gemeinsam mit unseren zahlreichen Partnern im ganzen Land gegen Antisemitismus und alle anderen Formen von Hass stellen wollen.   

Gemeinsam können und müssen wir unsere Stimmen und unsere Plattformen nutzen, um eine tolerantere, sicherere Zukunft zu schaffen. Für den Erfolg unserer Kampagne Stand Up, Speak Out for Democracy zählen wir auf die Beteiligung und das Engagement der jüngeren Generationen. Sie sind unsere Zukunft. Aber auch Bürgerinnen und Bürger aller anderen Altersgruppen müssen befähigt werden, unterschiedliche Sichtweisen zu verstehen. Wir müssen Wahrheitssuche und Wahrheitsvermittlung, Toleranz und gegenseitigen Respekt fördern. Wir müssen die Fähigkeiten und Tugenden kultivieren, die es uns erlauben, eine intensive und dennoch fundierte Debatte zu führen. Dazu gehört auch, dass Vorfälle von Islamophobie und Hetze gegen Palästinenser oder Araber, die seit dem 7. Oktober ebenfalls zur Zielscheibe geworden sind, als solche anerkannt werden. Und wir müssen all jene unterstützen, die sich für unser Gemeinwohl einsetzen, die Haltung zeigen und sich gegen Antisemitismus und alle Formen von Hass, für Menschenrechte, Freiheit und Demokratie aussprechen.   

Dies ist ein historischer Zeitpunkt im Kampf gegen die älteste Form des Hasses der Welt. Und er verlangt von uns allen, alles zu tun, um durch unsere eigenen Worte und Taten die Welt zu gestalten, die wir uns wünschen.