Stuart Eizenstat erhält „Transatlantic Leadership Award“

WASHINGTON – (AD) – Dem Staatssekretär für wirtschaftliche, unternehmerische und landwirtschaftliche Angelegenheiten im US-Außenministerium, Stuart Eizenstat, wurde am 21. November 1997 der Transatlantic Leadership Award des European Institute verliehen. Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede von Staatssekretär Eizenstat bei der Entgegennahme der Auszeichnung, die er sich mit EU-Kommissar Sir Leon Brittan teilt.

Es ist mir eine große Ehre, heute als diesjähriger Empfänger des Transatlantic Leadership Award zu Ihnen sprechen zu dürfen. Ganz besonders freue ich mich darüber, daß mir diese Auszeichnung vom European Institute verliehen wird. Das Institute spielt eine wesentliche Rolle bei der Bereitstellung des erforderlichen Forums für die Erörterung von Schlüsselfragen unserer transatlantischen Beziehungen und fördert damit das Verständnis zwischen den Vereinigten Staaten und Europa.

Ich danke meinem Freund Hugo Paeman für seine freundlichen Worte und dauerhafte Unterstützung. Seine Fähigkeiten, Kreativität und Kooperation machen ihn zu einem äußerst wertvollen Vertreter der Europäischen Union hier in Washington und zu einer der wichtigsten Stützen der amerikanisch-europäischen Beziehungen.

Dem anderen Empfänger der heutigen Auszeichnung möchte ich meine Glückwünsche aussprechen und ihm versichern, wie sehr ich mich freue, die heutige Ehrung mit ihm zu teilen. Er ist mein Kollege und Gegenstück, Gegner und Freund, Konkurrent und Kohorte – alles in einem. Sir Leon, sie haben während der vergangenen Jahre großen Einfluß auf den Welthandel gehabt. Und auch wenn wir nicht bei allem einer Meinung sind, haben wir doch dieselben Ziele und dieselbe Vision: Engere Bande zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union zum Wohle aller Bürger auf beiden Seiten des Atlantiks.

Ohne die Arbeit von Sir Leon, Mickey Kantor und anderen hätte es keine Uruguay-Runde gegeben.

Das Streben nach der Erreichung dieser gemeinsamen Ziele bringt uns heute hier zusammen. Während unsere Differenzen und Konflikte unsere Zeit, Energie und Mühe beanspruchen mögen, wird unsere Partnerschaft durch unser Engagement für die gemeinsamen Prinzipien definiert.

Es ist eine immer engere und sich entwickelnde Beziehung, die auf gegenseitigem Verständnis und dem Bewußtsein der Bedeutung von Handel und Sicherheit gleichermaßen basiert.

Die Vereinigten Staaten und Europa verbinden einzigartige historische und kulturelle Bande. Wir haben in diesem Jahrhundert drei große Kriege in Europa geführt – zwei heiße und einen kalten – und haben uns der Zusammenarbeit mit Europa verpflichtet, um Frieden auf diesem Kontinent und der ganzen Welt zu sichern. Das hat für uns eindeutig Priorität gehabt – vom Marshallplan vor 50 Jahren bis zur Unterstützung des Aufbaus und der Erweiterung der Europäischen Union heute.

Gemeinsam beendeten wir den Kalten Krieg, unterstützten die aufstrebenden Demokratien in Zentral- und Osteuropa und riefen die Partnerschaft für den Frieden (PfF) ins Leben, die alte Trennlinien in Europa weiter beseitigt. Aus der Zerstörung des Zweiten Weltkriegs und der Spaltung des Kalten Krieges entstand eine dauerhafte Partnerschaft, die auf den Lektionen der Geschichte basiert und eine prosperierende und friedliche Welt anstrebt.

Obwohl wir die Bedeutung von Handel und Investitionen in aufstrebende Märkte verstehen, dürfen wir nie vergessen, wie wichtig unsere eigenen Handelsbeziehungen sind. Die Vereinigten Staaten und die EU produzieren gemeinsam nahezu die Hälfte aller Waren und Dienstleistungen weltweit, und auf sie entfällt mehr als die Hälfte des gesamten Welthandels. Die EU ist bei weitem unser größter Handelspartner. Die Exporte in beide Richtungen und der Absatz von Tochtergesellschaften auf dem jeweils anderen Markt eingerechnet, beläuft sich der transatlantische Handel auf ungefähr zwei Billionen Dollar jährlich. Tatsächlich ist der europäische Markt – Exporte und Absatz von Tochtergesellschaften eingeschlossen – für die amerikanischen Unternehmen doppelt so groß wie der kanadische und japanische zusammengenommen.

Europa ist auch unser wichtigster Partner bei der Förderung des Welthandelssystems. Während der vergangenen 50 Jahre war jeder Fortschritt des Welthandelssystems das Ergebnis amerikanisch-europäischer Übereinkünfte und Initiativen. Wenn wir uns nicht einig sind – wie beim Thema Landwirtschaft in der Uruguay-Runde – macht der offene Handel wenig Fortschritte. Was durch eine gemeinsame amerikanisch-europäische Führungsrolle erreicht werden kann, zeigt der Blick auf die jüngsten Erfolge – die Uruguay-Runde, die Gründung der Welthandelsorganisation (WTO), das Informationstechnologieabkommen und das Abkommen über Telekommunikationsdienste.

Die Verabschiedung der neuen transatlantischen Agenda (New Transatlantic Agenda – NTA) im Dezember 1995, die einen Plan für die Stärkung der Zusammenarbeit zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union bis ins 21. Jahrhundert darstellt, hat unsere Partnerschaft gestärkt und gefördert. Die NTA erweitert unsere Zusammenarbeit um den Handel. Sie beinhaltet mehr kooperative Mechanismen denn je – halbjährliche Gipfeltreffen, regelmäßige Zusammenkünfte unterhalb der Kabinettsebene sowie eine breite Palette von Kontakten auf Arbeitsebene.

Unsere Beziehungen entwickeln sich ständig weiter und passen sich an interne und externe Veränderungen an. Wir sind uns bewußt, daß sich die EU verändert – sie wird durch die Aufnahme neuer Mitglieder erweitert, durch die Einführung der Wirtschafts- und Währungsunion integriert und entwickelt sich zu einem immer wichtigeren Forum, in dem Europa diplomatische Fragen, Themen der Strafverfolgung und globale Probleme erörtern und gemeinsame Maßnahmen ergreifen kann. Diese Veränderungen bergen Herausforderungen und Chancen. Gleichzeitig widmen wir der Ausweitung und Vertiefung unserer Handels- und Investitionsbeziehungen besondere Aufmerksamkeit, um unser gemeinsames Ziel der Schaffung eines transatlantischen Marktes ohne Handelshemmnisse zu erreichen.

Eine andere wichtige Innovation und Bestandteil der NTA ist der transatlantische Wirtschaftsdialog (Transatlantic Business Dialogue – TABD), eine einzigartige Partnerschaft zwischen Regierung und Wirtschaft, die uns bei der Suche nach Gemeinsamkeiten zur Beseitigung der Hindernisse für offenen und fairen Handel hilft. Wir erwarten von den praktischen Empfehlungen des transatlantischen Wirtschaftsdialogs die Stärkung der Handels- und Investitionsbeziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union und üben starken Druck auf unsere jeweiligen Regierungen aus, die Umsetzung dieser Empfehlungen sicherzustellen. Damit gibt der transatlantische Wirtschaftsdialog unseren Politikern auf beiden Seiten des Atlantiks eine zukunftsorientierte Agenda an die Hand, während wir uns für die Beseitigung der Handelshemmnisse und die Stärkung der Handelsbeziehungen einsetzen.

Obwohl die Handels- und Investitionsbeziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und der EU stark sind, wäre ich nicht ehrlich, wenn ich nicht zugeben würde, daß wir auch wesentliche Differenzen haben – Differenzen, bei deren Überwindung diese Institutionen eine konstruktive Rolle übernehmen können. Zu diesen Differenzen zählen die von der EU vorgeschlagene Richtlinie über spezifizierte gefährliche Stoffe und kosmetische Mittel sowie der Einsatz von Sanktionen.

Zur Frage der Sanktionen habe ich kürzlich im Kongreß im Rahmen einer Anhörung erörtert, wie das Außenministerium einen Prozeß eingeleitet hat, um die Verhängung von Sanktionen durch die US-Regierung, ihre Wirksamkeit und die Möglichkeit ihrer verbesserten Integration in unsere Gesamtstrategie zu analysieren. Diese Überprüfung soll gewährleisten, daß der Einsatz von Sanktionen unsererseits klar definierte Ergebnisse erzielt und im allgemeinen nur dann erfolgt, wenn andere diplomatische Maßnahmen erfolglos waren. Ferner unternehmen wir mehr, um die Regierungen der Bundesstaaten einzubeziehen, damit der Einsatz von Sanktionen durch sie disziplinierter erfolgt. Neben der internen Überprüfung von Sanktionen bemühen wir in den Vereinigten Staaten uns um Zusammenarbeit mit unseren Verbündeten, um Wege zur Entwicklung eines gemeinsamen Ansatzes bei internationalen Problemen zu finden, die eine Gefahr für unsere Werte, unsere Sicherheit sowie die persönlichen und Eigentumsrechte unserer Bürger darstellen. Aus diesem Grund haben wir vorgeschlagen, daß die Vereinigten Staaten und die EU als Teil der derzeitigen Verhandlungen über Maßnahmen gemäß dem Helms-Burton-Gesetz einen hochrangigen Konsultationsmechanismus ins Leben rufen, um auf Probleme dieser Art zu reagieren. Ich hoffe, daß wir bei dieser Frage zu Übereinstimmung und Verständnis gelangen, damit wir an gemeinsamen Zielen zusammenarbeiten können und damit eher in der Lage sind, notfalls individuelle Maßnahmen zu ergreifen, um auf Bedrohungen unserer gemeinsamen Interessen und Werte zu reagieren.

Die laufenden Verhandlungen zu diesem Thema beinhalten auch die Arbeit an einer Lösung der Helms-Burton-Frage. Diese Verhandlungen drehen sich um die Schaffung von Disziplinen zur Behinderung oder Abschreckung von Investitionen in enteignetes Eigentum. Unseres Erachtens haben Unternehmen auf beiden Seiten des Atlantiks guten Grund, ein Abkommen zu unterstützen, das Eigentumsrechte weltweit stärkt.

Wie viele von Ihnen wissen, prüfen wir im Hinblick auf den Iran derzeit die von Unternehmen aus Frankreich, Rußland, Kanada, Indonesien und Malaysia mit dem Iran abgeschlossenen Verträge über Ölfeldprojekte und untersuchen, ob diese Verträge unter dem Sanktionsgesetz für Iran und Libyen eine mit Sanktionen zu belegende Aktivität darstellen. Wir haben ein Team, das mit den an diesem Geschäft beteiligten Unternehmen sowie den betroffenen Regierungen spricht, um mehr Informationen zu bekommen und unsere Besorgnis im Zusammenhang mit Investitionen im Iran zu erörtern, während die iranische Regierung weiterhin den internationalen Terrorismus unterstützt und versucht, Massenvernichtungswaffen zu beschaffen. Wir werden unsere Untersuchungen gewissenhaft fortsetzen, und abhängig von den Ergebnissen werden Sanktionen eine mögliche Option bleiben. Das Ziel der Gesetze besteht jedoch darin, gemeinsam Bedrohungen der internationalen Sicherheit durch Iran und Libyen abzuwehren.

Ferner streben wir die Unterstützung der Wirtschaft für ein starkes multilaterales Investitionsabkommen (Multilateral Agreement on Investment – MAI) an. Wir müssen die Sicherheit von Investitionen erhöhen und ein hohes Maß an Liberalisierung erreichen.

Ich freue mich bekanntgeben zu können, daß wir uns bei den heutigen OECD-Verhandlungen erfolgreich auf den endgültigen Text einer umfassenden Konvention über das Verbot der Bestechung ausländischer Staatsbeamter bei internationalen Wirtschaftstransaktionen geeinigt haben. Die heutige Vereinbarung stellt einen großen Vorstoß im Kampf gegen Korruption dar. Die internationale Wirtschaftsbestechung unterminiert gute Regierungsführung, schadet der wirtschaftlichen Effizienz und verzerrt den Handel. Wir begrüßen das Übereinkommen der OECD-Mitgliedsländer, weitere spezifische Aktionen zu erwägen, um wirtschaftliche Bestechung im staatlichen Sektor zu bekämpfen und alle beteiligten Länder zu drängen, die schnelle Ratifizierung und Durchsetzung der heutigen Übereinkunft sicherzustellen.

Dies ist ein Beispiel für Zusammenarbeit zur Bewältigung unserer Herausforderungen und Schwierigkeiten sowie eine weitere Demonstration der Stärke und Vitalität unserer Beziehungen insgesamt. Am 5. Dezember ist Präsident Clinton Gastgeber des Gipfeltreffens der Vereinigten Staaten und der Europäischen Union, bei dem wir zahlreiche Fragen von gemeinsamem Interesse erörtern werden, die Verständnis fördern, Zusammenarbeit verbessern und uns am besten auf zukünftige Herausforderungen vorbereiten werden. Beim Umgang mit diesen Herausforderungen müssen wir auch unsere gemeinsamen Ziele im Auge behalten:

    Förderung von Frieden, Stabilität, Demokratie und Entwicklung in den Krisenherden der Welt. Wir müssen unsere Bestrebungen zur Schaffung eines dauerhaften Friedens in Bosnien fortsetzen und gemeinsam an der Schaffung eines Klimas für Fortschritte beim Friedensprozeß im Nahem Osten arbeiten.

Fortsetzung unserer entscheidenden Zusammenarbeit bei der Reaktion auf globale Herausforderungen wie Terrorismusbekämpfung und Drogenmißbrauch sowie verstärkte Zusammenarbeit bei der Bekämpfung von organisiertem Verbrechen und Umweltzerstörung.

Ausweitung des Welthandels und Stärkung der Wirtschaftsbeziehungen durch die Fortsetzung unserer Zusammenarbeit in multilateralen Foren. Wir haben unsere Fähigkeit zum Erzielen von Ergebnissen durch das Abkommen über Basistelekommunikationsdienste und das Informationstechnologieabkommen unter Beweis gestellt und können darauf aufbauen. Das beinhaltet die Weiterentwicklung des Konzepts eines neuen transatlantischen Marktes – insbesondere unter Führung des Privatsektors entsprechend den Empfehlungen und der Initiative des transatlantischen Wirtschaftsdialogs.

Bau von Brücken zwischen Amerikanern und Europäern, insbesondere der Generation nach dem Kalten Krieg, was zu fortgesetzter Unterstützung der Öffentlichkeit für die transatlantischen Beziehungen und zur Beteiligung des Privatsektors beitragen soll, während wir uns für die Bewältigung der Herausforderungen und Chancen eines neuen Jahrhunderts einsetzen.

Wir sind durch unsere Verpflichtung zur Förderung von Frieden, Wohlstand, Demokratie, Menschenrechten und offenen, marktorientierten Volkswirtschaften miteinander verbunden. Wir standen bei vielen äußerst wichtigen Fragen während der vergangenen 40 Jahre Seite an Seite. Unsere gemeinsame Ge-schichte und unser gemeinsames Erbe müssen ein Bindeglied zwischen uns darstellen, während wir uns künftigen Herausforderungen stellen. Diese Beziehungen sollten weiterhin durch unsere Leistungen definiert werden, während wir gemeinsam den Weg in eine Zukunft voller Versprechungen und Möglichkeiten zurücklegen. Ich danke Ihnen.