Tag der Befreiung Europas

Menschenmassen feiern auf dem Times Square in New York die Nachricht von der Kapitulation Deutschlands. (Foto: Tom Fitzsimmons/AP Images)

Dieser Beitrag von Lauren Monsen und Sait Serkan Gurbuz erschien am 4. Mai 2020 anlässlich des Tags der Befreiung am 8. Mai 1945 auf ShareAmerica, einer Website des US-Außenministeriums.

Der Tag der Befreiung Europas, an dem die Alliierten des Zweiten Weltkriegs die Kapitulation Nazi-Deutschlands akzeptierten — auf Englisch Victory in Europe Day oder auch V-E-Day —, wurde in vielen Teilen der Welt wie ein Festtag begangen.

Das Ereignis löste am 8. Mai 1945 in weiten Teilen Europas, Nordamerikas und andernorts große Emotionen aus und wurde öffentlich gefeiert. Hunderttausende Menschen strömten in London und Paris auf die Straßen. Sie sangen, tanzten und entzündeten Freudenfeuer. Da jedoch der Krieg mit Japan in Asien und dem pazifischen Raum noch immer andauerte, nahmen einige Staats- und Regierungschefs eine eher abwartende Haltung ein. Einer von ihnen war Präsident Harry Truman.

Als er die Kapitulation der Nationalsozialisten verkündete, sagte Truman: „Wir haben erst einen halben Sieg errungen“, und erinnerte die Amerikanerinnen und Amerikaner daran, dass viele ihrer Nachbarn um im Krieg gefallene Ehemänner, Söhne und Brüder trauerten. Truman forderte die Amerikanerinnen und Amerikaner auf, „vom Feiern Abstand zu nehmen, um sich auf die ihnen bevorstehende Aufgabe im Pazifik zu konzentrieren“, erinnert die Historikerin Judith B. Gerber in ihrem Aufsatz im Historical Dictionary of the 1940s.

Truman, der nach dem plötzlichen Tod seines Vorgängers Franklin D. Roosevelt erst wenige Wochen zuvor sein Amt angetreten hatte, war zurückhaltend, weil der Krieg mit Japan noch immer andauerte.

 

Aber, so Gerber, viele Amerikanerinnen und Amerikaner ignorierten Trumans Bitte. Es gab zwar nur wenige offizielle Veranstaltungen, aber vielerorts kamen Amerikanerinnen und Amerikaner zu spontanen Jubelfeiern zusammen.

 

Freude und Erleichterung

New York war der Schauplatz der mit Abstand größten Feier in den Vereinigten Staaten zum Tag der Befreiung Europas. Menschenmassen versammelten sich am Times Square, und Tausende spazierten die Fifth Avenue hinunter, während Konfetti auf sie hinabregnete.

Schon vor der offiziellen Siegeserklärung wussten New Yorker Beamte, was kommen würde – und waren darauf vorbereitet. Wenige Tage vor der erwarteten Ankündigung der Befreiung Europas teilte die New York Times ihren Lesern mit, dass 15.293 Polizeibeamte im Dienst sein würden, „um sicherzustellen, dass die Feierlichkeiten im Rahmen gesunder und vernünftiger Heiterkeit stattfinden“.

Manhattan war nicht der einzige Teil von New York, in dem das Ereignis gefeiert wurde. In Brooklyn, Queens und der Bronx wurden in den Borough Halls, den Rathäusern der Bezirke, Andachten und Dankgottesdienste abgehalten, an denen protestantische, katholische und jüdische Geistliche sowie Veteranenorganisationen teilnahmen. „In vielen Geschäftshäusern wurden zusätzlich zu den in Kirchen und Synagogen abgehaltenen Gottesdiensten“ Sondergottesdienste veranstaltet, berichtete die New York Times.

Weitere große Siegesfeiern mit Marschkapellen und Paradewagen fanden laut Gerber in San Francisco und Baltimore sowie auf Hawaii statt.

 

Den Kurs halten

Einige amerikanische Städte begingen den Tag der Befreiung Europas aber auf zurückhaltende Weise und folgten damit Trumans Ratschlag. Von der Ost- bis zur Westküste strömten die Amerikanerinnen und Amerikaner in Scharen in die Gotteshäuser, um zu beten.

Wie die Chicago Daily Tribune berichtete, organisierten die Kirchen in Chicago Sondergottesdienste. Hochrangige Regierungsvertreter und Gewerkschaftsführer forderten die Arbeiterinnen und Arbeiter auf, an ihren Arbeitsplätzen zu bleiben, und die Wein- und Spirituosengeschäfte blieben 24 Stunden lang geschlossen.

In New Orleans „gab es keine frenetischen Jubelfeiern“, ähnlich ruhig blieb es laut Newsweek in Dallas, Boston und Denver. Die Stimmung in Atlanta war „düster, nachdenklich“, und in Los Angeles verkündete der Bürgermeister: „Dies ist kein Feiertag.“

In Virginia rief Generalmajor Philip Hayes im Hauptquartier des Third Service Command in Fort Myer dazu auf, sich „wieder auf die Aufgabe zu konzentrieren, den Krieg im Pazifik zu gewinnen“.

Richard L. Strout, ein Korrespondent des Christian Science Monitor, schrieb, dass in der Hauptstadt des Landes „die Freude beinahe zu groß und nur schwer in Worte zu fassen ist“, man aber „immer noch mit Japan fertig werden muss“. Darüber hinaus „äußerte Herr Truman den dringenden Appell, in den Bemühungen nicht nachzulassen, bis ‚die Schlacht gewonnen ist’“.

Ein Mann am Rednerpult vor amerikanischer Flagge
Truman gibt am 8. Mai 1945 aus dem Weißen Haus die bedingungslose Kapitulation Deutschlands gegenüber den Alliierten bekannt. (Foto: AP Images)

Der Tag der Befreiung Europas fiel auf Trumans 61. Geburtstag. Obwohl der neue Präsident die Amerikanerinnen und Amerikaner aufforderte, ihre Euphorie zu mäßigen, bis alle Feindseligkeiten beendet seien — was drei Monate später, Mitte August, der Fall war, als Japan kapitulierte —, sagte er Journalisten, es sei der beste Geburtstag seines Lebens.

Originaltext: How Americans observed V-E Day during World War II