Vom Fulbright-Programm zum auswärtigen Dienst

Keisha Toms posiert während ihres Fulbright-Studienaufenthalts im Jemen mit ihrer Gastfamilie für ein Foto.

Nicht selten machen Studierende im Rahmen von Austauschprogrammen prägende und wegweisende Erfahrungen. In diesem Artikel beschreibt die US-Diplomatin Keisha Toms, welchen entscheidenden Einfluss ihre Teilnahme am amerikanischen Fulbright-Programm auf ihre Berufswahl hatte. Der Text erschien am 15. November 2018 auf DipNote, dem offiziellen Blog des US-Außenministeriums.

Meine Zeit als Fulbright-Wissenschaftlerin im Jemen war eine der prägendsten Erfahrungen, die ich in meinem Leben gemacht habe. Ich war eigentlich dort, um zehn Monate lang wissenschaftliche Untersuchungen zu den Themen Identität und Kultur zu machen und die Ergebnisse mit meinen in Ägypten gesammelten Erfahrungen aus dem Vorjahr zu vergleichen. Tatsächlich bin ich aber in den Jemen gekommen, um Abenteuer zu erleben und um frei zu sein und an einem Ort, an dem mich niemand kennt.

Ich durchstreifte Dörfer und sprach mit Menschen. Auf Socotra, einer kleinen Insel zwischen Somalia und dem Jemen, lernte ich schwimmen. Ich erinnere mich noch daran, wie ich mit meinen europäischen Freunden am Strand saß, als sich uns ein Mann auf einem Boot näherte und uns aufforderte, ihm etwas zu essen zu geben. Bis heute bin ich mir nicht sicher, ob ich ihn als Piraten bezeichnen sollte oder nicht. Lange bevor die Huthis weltweit Schlagzeilen machten, bin ich zur Hochzeit einer Freundin in Sadaa inmitten des Huthi-Gebiets gereist. Die Hochzeit war wunderschön, aber auch traurig, denn meine Freundin war noch ein Teenager und musste aus Los Angeles in den Jemen reisen, um dort bei einer Stammeshochzeit vermählt zu werden. Ich vermute, die Mitgift in Höhe von 85.000 US-Dollar, die ihr Vater erhielt, war auch ein Anreiz dafür, sie zu verheiraten. Ich bin hingefahren, weil sie mich angefleht hat, sie zu begleiten und die Reise fotografisch zu dokumentieren. Selbst Mitte der 2000er Jahre war es ein absolutes Tabu, Frauen zu fotografieren.

Ich erinnere mich noch daran, wie mich Leute schweigend dabei beobachteten, wie ich auf meinem Laptop arabische Texte las, wozu sie nicht in der Lage waren. Ich lernte, worin sich Abayas für unverheiratete und verheiratete Mädchen unterscheiden. Und als die Leute anfingen, mir ihre Waffen zum Schießen anzubieten, wusste ich, dass das am Schnitt meiner Abaya lag und nicht an mir.

Letztendlich war es Moshe, ein jemenitischer Jude, der für mich den Jemen verkörperte und mich sehr viel darüber lehrte, was es bedeutet, Berufsdiplomat zu sein.

Zum ersten Mal habe ich von der kleinen Bevölkerungsgruppe der jemenitischen Juden gehört, als ich auf dem Weg zum Arabischunterricht im Zentrum von Sanaa war. Im Souk, also auf dem Markt, fiel mir ein alter jemenitischer Mann auf, der eine Yarmulke trug und die gleichen traditionellen chassidischen Schläfenlocken hatte wie viele Menschen, die ich in Brooklyn in meiner Heimatstadt New York am College kennengelernt hatte. Mir kamen sofort viele Fragen in den Sinn, ich rief also meine jemenitischen Freunde an, um mehr über die jemenitischen Juden zu erfahren.

Sie sagten mir dann, dass der Souk, über den ich jeden Tag ging – der Souq al Milh, der Salzmarkt –, traditionell ein Ort war, an dem die örtlichen Juden ihre Waren verkauften, zu denen auch Salz gehörte. Die jüdischen Jemeniten sind auch für die Herstellung von wundervollem jüdischem Hochzeitsschmuck bekannt. Ich ging oft auf den Markt und kaufte einige Stücke, aber der Arabische Frühling sollte meinen Spaziergängen dorthin schon bald ein Ende machen.

Meine Freunde wussten, dass ich als Fulbright-Stipendiatin zu den Themen Identität und Kultur forschte, also boten sie mir an, mich einer jüdischen Familie vorzustellen, um mir die Möglichkeit zu geben, mehr über das Leben und die Erfahrungen der Juden zu lernen. Moshes Familie wohnte in Raydah, einer kleinen Stadt, in der ein paar hundert jüdische Familien lebten. Er ermöglichte mir einen Besuch der dortigen Gemeinschaft. Ich kann mich gut an die Thora erinnern, die in einer kleinen Synagoge aufgestellt war, und an einen älteren Mann, der den Text unter einem Baum vortrug.

Moshe und seine Familie waren, wie alle anderen Jemeniten auch, ausgezeichnete Gastgeber und erzählten mir von ihrer 300-köpfigen jüdischen Gemeinde im Norden Sanaas. Er war stolz auf seine jemenitische Identität und hatte trotz der Drohungen, die in unregelmäßigen Abständen gegen ihn und seine Familie ausgesprochen wurden, nicht die Absicht, das Land zu verlassen.

Als Afroamerikanerin fühlte ich mich diesem 30-jährigen Metzger mit seinen neun Kindern eng verbunden. Ich bewunderte seine Entscheidung, mir seine Familie vorzustellen und mir von seiner Kultur zu erzählen, statt von den Gefahren, die ihn umgaben. Aber am meisten bewunderte ich Moshe, weil er sich von niemandem sagen ließ, dass er nicht jemenitisch genug sei, weil er einer Minderheit angehörte.

Zum letzten Mal habe ich von Moshe gehört, als ich nach New York zurückgekehrt war, um mein Graduiertenstudium an der School of International Affairs der Columbia University aufzunehmen. Er hatte eine gehetzte Nachricht hinterlassen, ich solle ihn zurückrufen, da er Hilfe benötige.

Als ich das nächste Mal mit ihm sprechen wollte, war Moshe tot. Auf seinem Weg vom Souk nach Hause, wo er vielleicht für eine neugierige Studentin wie mich Lebensmittel gekauft hatte, wurde er auf der Straße erschossen, weil er Jude war. Im Dezember 2018 jährt sich Moshes Tod zum zehnten Mal. Ich denke immer noch an meinen Freund.

Ich fühle mich seinetwegen noch immer schuldig und frage mich, ob ich etwas hätte tun können, als er mich anrief und um Hilfe bat. Moshe dachte, ich könnte ihm helfen, weil ich aus der großartigen „Stadt auf dem Hügel“ kam. Mein Hintergrund und die persönlichen Probleme, die ich mit mir herumtrug, waren ihm egal. Für ihn war ich eine Amerikanerin, die vielleicht die Möglichkeit hatte, ihm und seiner Gemeinschaft zu helfen.

Moshes Tod und mein Wunsch, zu verhindern, dass so etwas noch einmal geschieht, trugen dazu bei, dass ich Diplomatin wurde, um mich weltweit für Demokratie und die Menschenrechte von Menschen wie Moshe einzusetzen.

Originaltext: From Fulbright to the Foreign Service