Von Rebellen und Demokraten – ein neuer Blick auf ein altes Verhältnis

„Mir persönlich hat die Geschichte der Revolutionen von 1848 und der 48er seit meinem Besuch im Haus der Geschichte in Stuttgart noch lebhafter gezeigt, wie viel Deutsche und Amerikaner gemeinsam haben – und das geht möglicherweise zu einem großen Teil auf den starken Einfluss der Weltanschauung, der Sprache und der Werte und Traditionen der deutschen Einwanderer auf die amerikanische Kultur zurück.“
Am 19. März 2018 hielt Kent Logsdon, Geschäftsträger ad interim der US-Botschaft bei einer Tagung in Berlin eine Rede zu den deutsch-amerikanischen Beziehungen von 1848 bis heute. Veranstaltet wurde die Tagung vom Gustav-Stresemann Institut e.V. und dem Wartburg College Iowa in der Vertretung des Landes Bremen beim Bund in Berlin. 

Dr. Bettermann,
Dr. Burghof,
Dr. Colson,
Frau Hiller,
Dr. Walther,
Frau Crane,
meine Damen und Herren,

das Thema dieses Symposiums erstreckt sich über einen Zeitraum von mehr als 170 Jahren.  Das ist eine lange Zeit – aber die deutsch-amerikanischen Beziehungen reichen sogar noch weiter zurück.

In der Empfangshalle unserer Botschaft hängt eine Tafel mit den Namen aller offiziellen Vertreter der Vereinigten Staaten von Amerika in dem Land, das wir heute als Bundesrepublik Deutschland kennen.  Erster offizieller Vertreter war der spätere Präsident John Quincy Adams, der Sohn von Präsident John Adams.  1797 trat Adams seinen Posten in Berlin als bevollmächtigter Gesandter im Königreich Preußen an.  Zufällig befand sich sein erster Wohnort am Pariser Platz 1, gleich neben dem heutigen Botschaftsgebäude.  Die Geschichte nahm die Zukunft quasi vorweg:  In den folgenden 221 Jahren gab es amerikanische Gesandte im Deutschen Kaiserreich sowie außerordentliche und bevollmächtigte Botschafter sowohl in der Deutschen Demokratischen Republik als auch in der Bundesrepublik.  Insgesamt waren es 64, wenn man die Geschäftsträger ad interim mitzählt, die wie ich länger als ein Jahr im Amt waren.

Als Geschäftsträger ist es mir eine große Ehre, seit 13 Monaten die US-Vertretungen in Deutschland zu leiten, während wir auf die Ankunft eines neuen Botschafters warten.  Richard Grenell wurde als neuer US-Botschafter in Deutschland nominiert, aber er muss noch vom US-Senat bestätigt werden, bevor er diesen Posten antreten kann.

Wenn ich mir die lange Liste der offiziellen Vertreter, ihre Titel und ihre Kompetenzen ansehe, muss ich an die Beziehungen denken, die über Jahrhunderte zwischen unseren Völkern bestanden und Zeiten des Wandels und der Herausforderungen überdauert haben.

Unter den Siedlern in Jamestown 1608 waren auch Deutsche.  Die erste dauerhafte deutsche Siedlung war das am 6. Oktober 1683 gegründete Germantown in Pennsylvania.  Germantown, heute ein Stadtteil Philadelphias, war die erste amerikanische Gemeinde, die sich offiziell gegen das Übel der Sklaverei aussprach.

Jeder vierte Amerikaner hat deutsche Wurzeln.   In Donald Trumps erster Proklamation zu Ehren des Deutsch‑Amerikanischen Tages heißt es: „Diese Einwanderer und ihre Nachfahren haben den Verlauf der amerikanischen Geschichte verändert.  Am Deutsch‑Amerikanischen Tag würdigen wir ihren Anteil am Erfolg unseres Landes.“

Aber warum sind so viele Deutsche in die Vereinigten Staaten ausgewandert?  Wirtschaftliche Chancen waren für viele ein Grund, aber auch der Wunsch nach Glaubensfreiheit und politischer Freiheit.  Das galt für die allerersten Siedler ebenso wie für diejenigen, die nach den Revolutionen von 1848 nach Amerika kamen.  Eine der Forderungen der sogenannten „48er“ war Pressefreiheit.  Als ihre Revolution scheiterte, flüchteten zahlreiche Journalisten, Autoren und Verleger, die die Bewegung unterstützt hatten, aus Europa.

Letzte Woche war Internationaler Frauentag und in den Vereinigten Staaten begehen wir im März den Women’s History Month – wie ich finde ein guter Zeitpunkt, um von einer Journalistin der damaligen Zeit zu erzählen – einer Frau, die, wie das häufig der Fall ist, weniger bekannt ist als ihre männlichen Kollegen.   Mathilde Franziska Anneke kennen weder in Deutschland noch in den Vereinigten Staaten besonders viele Menschen.  Der Women’s History Month ist ein guter Anlass, vergessene Geschichten wie ihre ans Licht zu holen, wobei wir das eigentlich das ganze Jahr hindurch tun sollten.  Für viele ihrer Zeitgenossinnen in Wisconsin verkörperte Mathilde Anneke den wahren Geist der 48er.   Kurz nach ihrer Ankunft in Milwaukee im März 1852 begann Anneke, die Deutsche Frauen-Zeitung zu verlegen – die erste feministische Zeitung, die von einer Frau auf amerikanischem Boden herausgegeben wurde.

Im Gegensatz zu Mathilde Anneke ist Carl Schurz besser als Persönlichkeit jener Zeit bekannt.  An seinem 100. Geburtstag beschrieb Gustav Stresemann, nach dem die Institution, die das heutige Symposium ausrichtet, benannt ist, ihn folgendermaßen: „Carl Schurz‘ … Streben war im tiefsten Sinne auf das Ethische gerichtet, das nicht Vorrecht einer Nation, sondern Gemeingut der Menschheit ist.“  Der Einsatz von Menschen wie Carl Schurz und Mathilde Anneke für diese ethischen Ziele hat das kulturelle Gewebe der Vereinigten Staaten geprägt.

Mehrere zehntausend 48er sind in die Vereinigten Staaten eingewandert.  Ihre Zahl war relativ gering, aber ihr Einfluss war enorm.  Sie setzten sich leidenschaftlich für ihre Ziele ein und waren zweifelsohne überzeugt, dass sie einen Auftrag zu erfüllen hatten.  Die 48er übernahmen in deutsch-amerikanischen Gemeinden im ganzen Land Führungspositionen.  Sie versuchten, ihre Ideale umzusetzen, indem sie sich aktiv am politischen Prozess beteiligten.

Mathilde Anneke schrieb über und sprach sich für die Verteidigung von Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichberechtigung insbesondere von Schwarzen und Frauen aus.   Sie arbeitete eng mit den Suffragetten Susan B. Anthony und Elizabeth Cady Stanton zusammen.  In ihren späteren Jahren gründete sie in Milwaukee eine progressive Mädchenschule.  1848 war sicherlich ein Wendepunkt für Europa, aber die 1850er-Jahre, als die 48er in den Vereinigten Staaten ankamen, waren auch ein Wendepunkt in der Geschichte Amerikas.  Diese Jahre leiteten den Amerikanischen Bürgerkrieg ein.  In dieser Zeit der nationalen politischen Krise spielten die 48er in ihrem neuen Land eine wichtige Rolle.  Wie Mathilde Anneke schrieben viele über die Sklaverei.  Andere engagierten sich direkter für dieses Anliegen.  Präsident Lincoln bot vielen 48ern Aufgaben in seiner Regierung an.  Carl Schurz gehörte zu den bekannteren militärischen Persönlichkeiten, aber es gab auch noch viele andere.

Vor ein paar Jahren, kurz nachdem meine Frau Michelle und ich nach Deutschland gekommen – oder, besser gesagt, zurückgekommen – waren, um hier unsere Posten anzutreten, besuchten wir das Haus der Geschichte in Stuttgart. Offen gesagt ist die Geschichte der 48er in den Vereinigten Staaten relativ unbekannt. Ich dachte, ich sei über deutsche Geschichte und die meisten Aspekte der deutsch-amerikanischen Beziehungen ganz gut informiert. An diesem Tag lernte ich aber sehr viel Neues.

Mich erinnern die Geschichten der 48er an die Partnerschaft unserer beiden Länder und an unsere gemeinsame Geschichte. Wie ich aus meiner Erfahrung als Austauschschüler in Norddeutschland weiß, basiert unsere Partnerschaft auf persönlichen Kontakten. Nach diesem Auslandsaufenthalt entschloss ich mich, Diplomat zu werden. Im Laufe der deutsch-amerikanischen Geschichte haben Amerikaner und Deutsche einander oft auf vielfältige Weise inspiriert – sowohl, wie in meinem Fall, auf persönlicher, als auch auf gesellschaftlicher Ebene.

Schauen wir uns beispielsweise die Medien an – einen Auslöser der Revolutionen von 1848.

In den Jahrzehnten nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges spielten die Vereinigten Staaten eine wichtige Rolle beim Aufbau der freien Presse im frühen Nachkriegsdeutschland. Deutschland und die Vereinigten Staaten leiten ihre Stärke aus ihren Verfassungen ab, die Presse- und Meinungsfreiheit garantieren. Das pluralistische Wesen unserer engagierten politischen Kulturen, unsere dynamischen Volkswirtschaften und unsere lebhaften Gesellschaften sind die Treiber unserer transatlantischen Gemeinschaft. Und die Medien spielen in all diesen Bereichen eine enorm wichtige Rolle.

Anfang des Monats hatte ich die Gelegenheit, bei einer Konferenz am Deutsch-Amerikanischen Institut (DAI) in Heidelberg zu erfahren, wie erfahrene und junge Journalisten mit den Herausforderungen und Chancen unserer Zeit umgehen. Der Titel der Konferenz lautete: „Journalismus 2.0 – Fake News, Aufklärung und Demokratie im digitalen Zeitalter“. Als „TechForum“ beinhaltete die Veranstaltung auch einen Hackathon, bei dem junge Journalisten gemeinsam mit Programmierern und Technikfreaks Apps für mehr Transparenz entwickelten. Außerdem gab es Workshops zum Thema Medienkompetenz für Sekundarschülerinnen und -schüler. Ein hochkarätiges Panel aus deutschen und amerikanischen Journalisten diskutierte über die Herausforderungen des Zeitalters der digitalen Nachrichten. Bezeichnenderweise holten zwei der vier Redner aus den USA zu Beginn ihrer Reden abgegriffene Kopien der US-Verfassung hervor.

Meinungs- und Pressefreiheit sind in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, aber eben auch im ersten Zusatz zur Verfassung der Vereinigten Staaten verankert. Der erste Verfassungszusatz ist Teil unseres Grundrechtekatalogs, der Bill of Rights. In den Vereinigten Staaten wird die Presse manchmal als vierte Staatsgewalt bezeichnet. Eine wichtige Aufgabe der Presse besteht darin, zu informieren, den Bürgerinnen und Bürgern zu helfen, die häufig komplizierten politischen Abläufe zu verstehen und darauf aufmerksam zu machen, inwieweit auf höchster Ebene getroffene Entscheidungen sie betreffen werden.

In den Vereinigten Staaten fördert die Presse eine lebendige Debatte, genau wie in Deutschland. Demokratische Politiker sehen es vielleicht nicht gern, wenn ihre Politik öffentlich in Frage gestellt wird, aber sie werden das Recht der Presse, dies zu tun, trotzdem aufrechterhalten. In der Zeit nach den Revolutionen von 1848 war das natürlich nicht der Fall. Der preußische König sagte damals in aller Öffentlichkeit, nur Gott und nicht die Menschen oder irgendein gesetzgebendes Organ könne über seine Krone bestimmen.

Heute sind Deutsche und Amerikaner der Ansicht, dass es die Aufgabe einer Regierung ist, ihren Bürgern zu dienen. Wenn die Bürgerinnen und Bürger im Zentrum des politischen Systems stehen, sind freie Medien unverzichtbar.

Die Achtung der Pressefreiheit, der Rechtsstaatlichkeit und der Unabhängigkeit der Justiz sind Quellen der Stärke und Stabilität. Gesetze zur Einschränkung des Medienbetriebs stellen eine Herausforderung für internationale Partnerschaften dar und untergraben die globale Stabilität. Der offene, ungehinderte Informationsfluss ist ein Eckpfeiler der Demokratie. Das ist eine historische Tatsache – in Deutschland, in den Vereinigten Staaten und weltweit.

Neue Technologien verändern immer wieder die Art und Weise, wie Nachrichten und Informationen verbreitet werden. Auch das ist eine historische Tatsache. Heute leben wir in einem, wie Experten es nennen, Zeitalter der hybriden Einflussnahme. Die Bandbreite der Methoden und Aktivitäten ist sehr groß, was wir zum Beispiel daran sehen, wie die IS-Terrormiliz das Internet nutzt, um Unterstützer und Geldgeber anzuwerben. Wir müssen uns dieser Herausforderungen bewusst sein.

Die wirtschaftlichen Realitäten des digitalen Zeitalters bedrohen außerdem die Integrität und die Unabhängigkeit der freien und transparenten Presse.

Mancher würde vielleicht sagen, dass das zum Teil daran liegt, dass wir in einer sogenannten „postfaktischen“ Welt leben. Das Oxford Dictionary wählte post-truth zum Wort des Jahres 2016 und definierte es als Ausdruck, der „Umstände bezeichnet oder sich auf Umstände bezieht, unter denen objektive Fakten weniger Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung haben als Appelle an Gefühle und persönliche Überzeugungen“. Das ist nicht neu. Meinungen entstehen oft im Kontext dessen, was sich wahr „anfühlt“ und mit bestehenden Ansichten übereinstimmt, aber die Technologie hat das Problem intensiviert und beschleunigt.

Eines ist klar: Wir sind sicherer, wenn wir und unsere Regierungen zusammenarbeiten, um gemeinsame Ziele zu erreichen. Wir sind nur so stark wie unser Vertrauen in unsere Werte, und die 48er hätten gesagt, dazu gehört auch das Vertrauen in eine widerstandsfähige und verlässliche Medienlandschaft – und konkret im Jahr 1848 auch das Recht, Artikel unzensiert in einer Zeitung zu veröffentlichen.

Eine aktuelle Umfrage hat ergeben, dass sich 40 Prozent der Amerikanerinnen und Amerikaner an einen Vorfall erinnern können, der ihr Vertrauen in die Medien geschwächt hat; am häufigsten ging es dabei um Ungenauigkeiten oder den Eindruck einer einseitigen Berichterstattung. Aber was geschieht, wenn wir als Endverbraucher von Informationen nicht bemerken, dass wir getäuscht werden?

Die Veränderungen, die wir momentan erleben, tragen womöglich dazu bei, die Macht derer zu verstärken, die uns täuschen wollen, aber das macht es umso wichtiger, die Wahrheit aufzudecken und zu verbreiten.

Demokratische Gesellschaften sind nicht unfehlbar, aber sie müssen dank eines offenen Austauschs von Ideen und einer mündigen Bevölkerung Verantwortung übernehmen. Daran glaubten Mathilde Anneke und Carl Schurz, und daran glauben auch wir heute.

Das war auch die Schlussfolgerung, die die Journalistinnen und Journalisten bei der erwähnten Konferenz in Heidelberg zogen. Die deutschen Journalisten im Abschlusspanel berichteten von ihren Beobachtungen des aktuellen Zustands des Journalismus in den USA und überlegten, ob sich diese Entwicklungen auf Deutschland übertragen ließen. Sie kamen zu drei Schlussfolgerungen. Erstens ist es wichtig, Standards einzuhalten, transparent zu arbeiten und, wenn die genauen Quellen nicht genannt werden, den journalistischen Prozess fair und objektiv zu dokumentieren. Zweitens müssen diese Standards auf investigativen Journalismus angewendet werden – nicht nur, wenn es darum geht, die Vergehen von Unternehmen aufzudecken, wie es in oft Deutschland geschieht, sondern auch bei allgemeineren gesellschaftlichen Themen. Und drittens müssen wir uns damit auseinandersetzen, welche Konsequenzen das schrittweise Verschwinden kleinerer Zeitungen und Medienorganisationen haben kann. Wieder bin ich überzeugt, dass Mathilde Anneke und Carl Schurz dem zugestimmt hätten.

Ich habe mich heute auf die Pressefreiheit konzentriert – einen der wichtigsten Werte der 48er. Aber ihr Einfluss prägt auch die zivilgesellschaftlichen Strukturen überall in den Vereinigten Staaten – nicht nur in unseren Lokalzeitungen, sondern auch in Kindergärten und Schulen, in Parks, auf Spielplätzen und in unseren Theatern und Orchestern.

In meiner Zeit als Geschäftsträger hatte ich viele Gelegenheiten, mich mit Deutschen aus allen gesellschaftlichen Bereichen zu unterhalten. Es gibt keine einfachen Antworten auf die schwierigen Herausforderungen, die wir zu Hause und international bewältigen müssen. Aber ich empfinde diese Gespräche trotzdem stets als anregend und ermutigend. Warum? Weil sie zeigen, dass uns die gleichen Themen am Herzen liegen, sogar sehr, auch wenn wir sie manchmal unterschiedlich angehen. Und sie zeigen, dass uns die deutsch-amerikanischen Beziehungen am Herzen liegen. Mir persönlich hat die Geschichte der Revolutionen von 1848 und der 48er seit meinem Besuch im Haus der Geschichte in Stuttgart noch lebhafter gezeigt, wie viel Deutsche und Amerikaner gemeinsam haben – und das geht möglicherweise zu einem großen Teil auf den starken Einfluss der Weltanschauung, der Sprache und der Werte und Traditionen der deutschen Einwanderer auf die amerikanische Kultur zurück.

Ich wünschte, ich könnte noch bleiben und mehr über die langfristigen Auswirkungen der Revolutionen von 1848 auf unsere transatlantischen Beziehungen erfahren, aber ich muss leider gleich weiter zum Flughafen und der nächsten Veranstaltung in Düsseldorf. Ich wünsche Ihnen allen eine interessante Konferenz. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Originaltext: From Rebels to Democrats – A New Assessment of an Old Relationship