Wie Amerika einen Präsidenten wählt

Im nachfolgenden Artikel beschreiben die Autoren das Verfahren der Präsidentschaftswahlen in den Vereinigten Staaten von der Bekanntgabe der Bewerber über die Vorwahlen und Parteiversammlungen, Parteikongresse und den darauffolgenden Wahlkampf bis zum Wahltag und der Zusammenkunft der Wahlmänner.

Lester David ist Verfasser von 13 Büchern und mehr als 1.200 Artikeln, die in den führenden amerikanischen Zeitungen abgedruckt wurden. Zu seinen Büchern zählen unter anderem Biographien von Präsident Eisenhower, der ehemaligen First Lady Pat Nixon und dem ermordeten Senator Robert F. Kennedy. Irene David, eine ehemalige Journalistin, schrieb zusammen mit ihrem Mann Dutzende von Zeitungsartikeln sowie drei Bücher.

 

Am 5. November 1996 werden Millionen amerikanischer Bürger zu den Wahlurnen im ganzen Land gehen, um den nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten zu wählen.

Das Datum des Wahltages – immer der erste Dienstag nach dem ersten Montag im November – wurde vom amerikanischen Kongreß im Jahr 1845 festgelegt. Obwohl jedes Jahr Wahlen abgehalten werden – für Gouverneure, Parlamentarier sowie politisch Verantwortliche auf Bundesstaaten-, Bezirks- und Gemeindeebene – ist die Wahl des Präsidenten bei weitem einer der wichtigsten Prozesse der repräsentativen Regierung der Vereinigten Staaten. Denn die Amerikaner sind sich voll und ganz der Tatsache bewußt, daß sie selbst die Wahl für den obersten Mann im Staate treffen, wenn sie die in Schulen, Kirchen, Gewerkschaftsgebäuden und sogar Scheunen in ländlichen Gebieten aufgestellten Wahlkabinen betreten, und nicht für einen ihnen aufgezwungenen Kandidaten stimmen.

Die Wahl eines neuen Präsidenten bildet den Höhepunkt eines mörderischen Wahlkampfs – vielleicht des längsten und zermürbendsten in der demokratischen Welt – um die Wahl eines Staatschefs.

Die Bewerber streben die Nominierung durch die beiden führenden Parteien – die Republikanische und Demokratische Partei – an und leiten ihre Kampagne häufig bereits zwei Jahre vor dem Wahltag in die Wege. Sie beginnen ihr Unterfangen, indem sie landesweit in möglichst vielen Staaten Organisationen gründen. Diese mit einigen bezahlten Fachkräften, im übrigen jedoch zumeist mit Freiwilligen besetzten Organisationen gehen mit Elan an die Arbeit, um den Namen und die Ansichten ihres Kandidaten publik zu machen und so viel Geld wie möglich aufzubringen. Der Wahlkampf ist teuer: Fernseh- und Rundfunksendungen müssen zu immer weiter in die Höhe schnellenden Preisen gekauft, Broschüren gedruckt und verschickt, Räume gemietet, Reisekosten bezahlt, Fähnchen, Buttons, Flaggen und andere Gegenstände bestellt werden.

Wie wählen die Amerikaner die endgültigen Kandidaten aus der Liste derjenigen, die sich zur Wahl stellen?

Früher kamen die Parteimitglieder im Senat und im Repräsentantenhaus – den legislativen Körperschaften des Landes, die den Kongreß bilden – hinter verschlossenen Türen zusammen, um die Auswahl zu treffen. Da dieses System jedoch einen elitären Beigeschmack hatte, wurde die Methode der nationalen Parteiversammlungen geschaffen.

Die erste dieser landesweiten Versammlungen einer politischen Partei wurde 1831 abgehalten, und binnen weniger Jahre folgten weitere. Parteikongresse – lautstarke, farbenprächtige, alle vier Jahre stattfindende Zusammenkünfte – sind jetzt eine feste amerikanische Einrichtung. Delegierte kommen von überall her in der Stadt zusammen, in der die Parteiversammlung anberaumt wird, um über ihren Bannerträger zu entscheiden.

Bis Anfang des 20. Jahrhunderts waren vor allem mächtige Politiker für die Wahl eines Kandidaten durch Parteiversammlungen verantwortlich. Die Entscheidungen wurden in den berüchtigten „Hinterzimmern“ getroffen – Zimmer, in denen zigarren- und pfeifenrauchende Parteifunktionäre die Schlüsselfaktoren der endgültigen Entscheidung waren. Die Delegierten, die von den Parteivorsitzenden gewählt wurden, stimmten schlicht und einfach so, wie es ihnen vorgeschrieben wurde.

Politische Reformbewegungen waren entscheidend für die weitgehende Aushöhlung der Macht der Parteibosse und gestalteten den Prozeß der Auswahl eines Kandidaten damit demokratischer. 1906 verabschiedete Wisconsin als erster Staat ein Gesetz, demzufolge die Delegierten der nationalen Parteikongresse per Volksabstimmung in einer besonderen Art von Wahl – der sogenannten „Vorwahl“ – gewählt wurden.

Andere Staaten erließen bald ähnliche Gesetze, und so führt heute der Weg der Nominierung über eine Reihe dieser Vorwahlen, die im Schnee und Matsch des Februars beginnen und erst kurz vor dem Termin des Parteikongresses in der Hitze des Hochsommers enden. In einigen Bundesstaaten finden statt der Vorwahlen Parteiversammlungen („Caucuses“) statt. Bei diesen im gesamten Bundesstaat stattfindenden Versammlungen stimmen Parteimitglieder für den Kandidaten ihrer Wahl. Das den Vorwahlen und den Parteiversammlungen zugrundeliegende Prinzip ist das gleiche – demokratische Wahl der Personen auf der Liste durch das Volk.

Die Kandidaten sondieren bereits kurz nach Neujahr das Terrain bei Parteiversammlungen und Vorwahlen, geben enorme Summen aus und unternehmen beachtliche Anstrengungen, um so viele Delegierte wie möglich für ihr Lager zu gewinnen. Es ist eine mühselige Aufgabe: Sie durchkreuzen das Land Tag für Tag und Woche für Woche und besuchen häufig drei oder mehr Städte an einem einzigen Tag. Sie stehen bei jedem Wetter im Morgengrauen vor Fabriktoren und begrüßen die Arbeiter: („Hallo, ich bin John Doe, ich bewerbe mich um die Nominierung der …..Partei. Ich hoffe, Du hilfst mir dabei.“) Sie gehen in Einkaufszentren und auf Bahnhöfe, in Versammlungshallen, Schulaulen und überall dorthin, wo sie ihren Beratern zufolge Wähler überzeugen können. Sie arbeiten 16 oder mehr Stunden am Tag, essen im Stehen, schlafen, wann immer sie können. Die Aufgabe ist so ermüdend, daß 1968 selbst Robert F. Kennedy, der die demokratische Nominierung anstrebte, trotz körperlicher Höchstform auf der Hälfte der Strecke vor Erschöpfung zusammenbrach. (Kennedy wurde am 4. Juni erschossen, nachdem er die Vorwahlen in Kalifornien gewonnen hatte.)

Das System der Auswahl der Delegierten ist verwirrend, weil die Bundesstaaten kein einheitliches Verfahren haben. Einige veranstalten Vorwahlen, bei denen eingetragene Wähler einer beliebigen Partei für jeden Kandidaten stimmen können – selbst Delegierte, die keinen bestimmten Bewerber unterstützen. Andere Bundesstaaten haben geschlossene Vorwahlen – Wahlen, bei denen nur Wähler, die sich zuvor für eine Partei eingeschrieben haben, das Recht zur Stimmabgabe besitzen.

Darüber hinaus werden bei einigen Vorwahlen proportionale Systeme verwendet, andere wenden jedoch ein dem Wahlsieger die Hauptmasse der Sitze zuerkennendes Wahlsystem („winner-take-all“) an. Beim ersteren werden die Delegierten entsprechend der Anzahl der Stimmen gewählt, die jeder Kandidat gewinnt, während beim letzteren alle Delegierten des Bundesstaats demjenigen zugeschlagen werden, der die Mehrheit der Stimmen auf sich vereinigt. Einige Bundesstaaten halten sogenannte „Schönheitswettbewerbe“ als Vorwahlen ab. Diese binden die Delegierten nicht, unabhängig davon, wie gut der Kandidat abschneidet, sie registrieren jedoch den Willen des Wählers, der bei den allgemeinen Wahlen in diesem Bundesstaat zum Tragen kommt.

Im weiteren Verlauf dieser Vorwahlen und Parteiversammlungen behalten die Kandidaten und ihre Anhänger zwei entscheidende Daten im Auge, an denen sich die Zukunft abzeichnet.

Das eine Datum ist der Parteikongreß in Iowa Anfang Februar. Er ist insofern ausschlaggebend, weil er die erste Machtprobe eines Kandidaten in einem Bundestaat ist. In diesem Jahr war er für den 12. Februar anberaumt. Der zweite wichtige Wegweiser ist die acht Tage später stattfindende erste Vorwahl in einem Bundesstaat – immer in New Hampshire – dem an der Grenze zu Kanada gelegenen „Granitstaat“ im Nordosten der Vereinigten Staaten.

Kandidaten, die hier schlecht abschneiden, überlegen sich jetzt die Fortsetzung ihres Vorhabens noch einmal, und viele scheiden aus. Im Jahr 1968 zum Beispiel demütigte Senator Eugene McCarthy aus Minnesota überraschend Präsident Lyndon Johnson, indem er einen großen Stimmenanteil errang. Ende März verkündete Johnson dann, er werde sich nicht um die Wiederwahl bewerben. Sein schwaches Abschneiden im Schnee von New Hampshire war politischen Experten zufolge ein wichtiger Faktor für seinen Entschluß.

Die harten Monate des Wahlkampfes in Vorwahlen und Parteiversammlungen finden ihren Höhepunkt in den großen Shows – den politischen Konventen. Die Republikaner werden ihren Parteitag vom 12.-15. August in San Diego (Kalifornien) abhalten, während die Demokraten vom 26.-29. August in Chicago (Illinois) zusammentreten werden.

Diese Versammlungen gehören sicherlich zu den farbigsten, um nicht zu sagen lautesten und schrillsten Ereignissen, die in den Vereinigten Staaten stattfinden. Säle und Arenen, in denen sie veranstaltet werden, gehen unter im Rot, Weiß und Blau amerikanischer Flaggen, Fahnen und Ballons. Die Delegierten tragen Armbinden und Hüte mit den Namen ihrer Favoriten.

Die großen Fernsehsender übertragen live in alle Welt. Nachrichtenagenturen und Zeitungen schicken ihre besten Journalisten, um ausführlich über den Verlauf zu berichten. Aus diesem Grund haben alle Amerikaner die Möglichkeit, ihre Demokratie bei einer ihrer wichtigsten Aufgaben zu erleben – der Auswahl ihrer ersten Politiker.

Die Konvente beginnen stets mit einer vom besten Redner der Partei gehaltenen programmatischen Rede, die bei den Delegierten Begeisterung für den folgenden langen Wahlkampf wecken soll. Nachdem das Überprüfungskomitee die in den Vorwahlen und Parteiversammlungen gewählten Delegierten bestätigt und ihnen Sitze zugewiesen hat, beginnt die eigentliche Arbeit.

Nach der Wahl eines Vorsitzenden für die Dauer des Konvents beginnt die Aussprache über die Plattform, in der die Haltung der Partei zu innen- und außenpolitischen Themen zum Ausdruck kommt. Viele der darin enthaltenen Leitlinien wurden bereits vorher erarbeitet, aber häufig kommt es zu hitzigen Wortgefechten über einzelne Punkte oder Grundsätze, wenn solch umstrittene Themen wie Bürgerrechte, Verteidigung und Wirtschaft zur Debatte stehen.

Der Beobachter kann die Richtung eines Konvents ersehen, wenn er das schließlich verabschiedete Programm studiert. Wenn die von einem bestimmten Kandidaten unterstützten Themen vorherrschen, so bestehen gute Chancen, daß er die Mehrzahl der Delegierten kontrolliert.

Die Nominierung der Kandidaten für die Ämter des Präsidenten und Vizepräsidenten findet immer am dritten Tag statt. Nachdem der Name jedes Kandidaten zur Nominierung aufgerufen wurde, spielen nach einem sorgfältig einstudierten Ritual Kapellen auf, Delegierte schreien, und Demonstrationsmärsche finden in der Arena statt. In früheren Jahren dauerten diese Kundgebungen eine Stunde oder länger, aber heute werden sie von den Parteien auf 15 Minuten begrenzt.

Nach der Abstimmung und Nominierung des Kandidaten schweben von der Decke des Saals Tausende von Ballons herab, und die Arena wird zum Tollhaus.

Führt schon die Nominierung des Kandidaten zu Ovationen, so ist alles außer Rand und Band, wenn er schließlich die Bühne betritt. Nur indem er unaufhörlich mit seinem Hammer aufs Pult schlägt, kann der Vorsitzende die Delegierten so weit beruhigen, daß sie die Dankesrede hören können. Der Parteitag endet damit, daß der nominierte Kandidat, sein Vizepräsidentschaftskandidat und deren Frauen lachend und winkend auf der Bühne stehen. Nun kann der eigentliche Wahlkampf beginnen.

Erneut reisen die Kandidaten durch das ganze Land und erläutern dabei den Standpunkt ihrer Partei zu wichtigen Themen. Sie konzentrieren sich dabei auf die Staaten, die nach Meinung ihrer strategischen Berater umkämpft sind, und sie verwenden weniger kostbare Zeit und Geld auf diejenigen, in denen sie wahrscheinlich nicht gewinnen können sowie die, in denen ihnen der Sieg sicher scheint.

Bisweilen durchbrechen idealistische Kandidaten diese harten Spielregeln und treiben damit ihre Unterstützer fast zum Wahnsinn. So sprach Adlai Stevenson im Wahlkampf gegen Präsident Dwight D. Eisenhower im Jahr 1956 einmal über eine Stunde lang angeregt mit einer Handvoll Eisenbahnern. Er ignorierte Einwände, er verschwende wertvolle Wahlkampfzeit.

In den mit allen Mitteln geführten Wahlkämpfen gab es auch zeit ihres Bestehens Verleumdungen, Verunglimpfungen und Beleidigungen. Der ehemalige Direktor des Komitees für faire Wahlkampfpraktiken (Fair Campaign Practices Committee), Bruce L. Felknor, verweist darauf, daß noch nicht einmal der Held des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges und erste Präsident der Vereinigten Staaten, George Washington, gegen Schlammschlachten gefeit war. Seine Gegner beschuldigen ihn, er strebe nach Errichtung einer Monarchie – eine ziemlich dumme Behauptung, da Washington noch nicht einmal Präsident werden wollte.

Der Verfasser der Unabhängigkeitserklärung und dritte US-Präsident, Thomas Jefferson, wurde als „Mad Tom“, als Trinker und Feigling beschimpft. Abraham Lincoln nannte man einen Affen, Ignoranten, Hanswurst, Dämon, Unhold, Mörder und Irren.

Die amerikanischen Medien, womit sämtliche gedruckten und elektronischen Mittel bezeichnet werden, über die Informationen, Bildung und Unterhaltung vermittelt wird, sind ein mächtiger, jedoch nicht unbedingt entscheidender Faktor für das Ergebnis einer Präsidentschaftswahl.

Betrachten wir jeden Bereich für sich:

Die Presse: Sie beeinflußt Wähler, indem sie Themen gründlich und detailliert definiert und erklärt und bei jedem die guten und schlechten Seiten erläutert. Nicht weniger als Zehntausende von Tages- und Wochenzeitungen sowie Hunderte von wöchentlich und monatlich erscheinenden Zeitschriften und Illustrierten geben der Wahlkampfberichterstattung breiten Raum.

Wichtige Tageszeitungen können Wähler durch ihre Leitartikel, die von erfahrenen und angesehenen Journalisten verfaßten Kolumnen sowie die in ihrem Nachrichtenteil abgedruckten Fakten beeinflussen. Dazu gehören die New York Times, die Los Angeles Times, die Washington Post, der Boston Globe und die Constitution aus Atlanta (Georgia). Ihre Unterstützung, die für gewöhnlich am Vorabend der Wahl bekanntgegeben wird, wird von beiden Parteien heiß ersehnt.

Ebenso einflußreich sind die Nachrichtenmagazine, etwa Time, Newsweek und U.S. News and World Report. Auch Nachrichtenagenturen wie Associated Press (AP) spielen eine entscheidende Rolle. Häufig wird ein Kandidat mit seiner Pressekonferenz erst beginnen, wenn er weiß, daß ein Vertreter von AP anwesend ist, denn er kann sicher sein, daß der Bericht des Reporters an unzählige Zeitungen geht, die keine eigenen Korrespondenten dort haben.

Fernsehen:Das bei weitem wichtigste Medium, das Jahr für Jahr mehr Zuschauer erreicht, ist der Fernseher zu Hause, einschließlich der Kabelsender.

Die Macht des Fernsehens im Wahlkampf wurde zum ersten Mal 1960 erkannt, als der junge, gut aussehende John F. Kennedy Richard M. Nixon in einem Kopf-an-Kopf-Rennen besiegte. „Das Fernsehen liebte Kennedy“, schrieb der bekannte amerikanische Journalist David Halberstam. „Er und die Kamera waren füreinander geschaffen: Er war der erste große politische Superstar.“ Halberstam stellte rundweg fest: „Ohne das Fernsehen wäre er nie und nimmer zum Präsidenten gewählt worden.“ Theodore Sorensen, ein enger Mitarbeiter und Redenschreiber Kennedys, stimmt dem zu: „Ohne Fernsehen wäre John F. Kennedy nie gewählt worden.“

1984 gab der demokratische Kandidat Walter Mondale zu, gegen den Republikaner Ronald Reagan verloren zu haben, „weil ich mich nie mit dem Fernsehen anfreunden konnte und das Fernsehen sich nie mit mir.“ Reagan hingegen zog auf dem heimischen Bildschirm alle Register, vermittelte totale Aufrichtigkeit und machte klugen Gebrauch von „klangvollen Worten“, kurzen, markanten Sätzen und Gags.

Die beiden wichtigsten Parteien heuern hochbezahlte Experten an, die den Kandidaten vermitteln sollen, wie man das Fernsehen am besten einsetzt. Diese Berater drillen die Matadoren in verschiedenen Techniken, bringen ihnen bei, wie man Augenkontakt herstellt, sich persönlich darstellt und seine Stimme kontrolliert.

Das Medium ist so mächtig, daß ein einziger Fehler die Chancen eines Kandidaten zunichte machen kann. 1972 brach der Bewerber für die Nominierung der Demokraten, Senator Edmund Muskie aus Maine, weinend zusammen, als er auf den gegen ihn gerichteten Vorwurf des Rassismus und Verleumdungen gegen seine Frau antwortete. Er wurde darauf weithin wegen seines emotionalen Ausbruchs kritisiert, galt als schwach und für das Präsidentenamt nicht geeignet, woraufhin er das Rennen aufgab.

Die Parteien vergeben viel Geld an Werbeagenturen, die ihnen Werbesendungen erarbeiten – kurze Spots, die die Botschaften ihrer Kandidaten überzeugender vermitteln. Diese werden von der Opposition als unfair eingestuft, und unweigerlich bricht ein Krieg der Worte aus, wenn jede Partei die andere der „Schläge unter die Gürtellinie“ bezichtigt. In den letzten Jahren war kein Wahlkampf frei von diesen Spitzen. Die meisten Amerikaner nehmen dies leicht und akzeptieren es als Teil des politischen Spiels.

Die meisten Analysten sind überzeugt, daß die Macht der Medien groß, aber bei einer Wahl nicht immer entscheidend ist. Die Printmedien unterstützen beispielsweise oft liberale oder moderate Ideologien, die Wähler entscheiden sich hingegen für konservative Kandidaten. Oft werden die Bombardements der Medien auch durch nationale Gegebenheiten wie eine marode Wirtschaft oder einen unpopulären Krieg kompensiert.

Bei den Wahlen 1996 werden die Meinungsforschungsinstitute noch aktiver sein als sonst, um die Ereignisse vorherzusagen. Umfragen sind nichts Neues. Bereits 1828 veranstaltete eine Zeitung aus Harrisburg in Pennsylvania eine Leserumfrage im Nachbarstaat Delaware und kam zu der korrekten Vorhersage, Andrew Jackson würde John Quincy Adams besiegen.

In der Folgezeit waren einige Umfragen präzise, andere versagten jämmerlich bei der Vorhersage von Ergebnissen. Die katastrophalste wurde von einer Publikation namens Literary Digest durchgeführt, die 1936 verkündete, der republikanische Gouverneur von Kansas, Alfred M. Landon, würde Franklin D. Roosevelt besiegen. Roosevelt gewann mit überwältigender Mehrheit. Die Zeitschrift, die bald darauf in Konkurs ging, hatte 10 Millionen Stimmzettel an Wähler verschickt, die einmal nach dem Telefonbuch ausgewählt worden waren und zum anderen danach, ob sie Autobesitzer waren. Der Fehler bestand darin, daß Roosevelts Anhänger ärmere Menschen waren, die kein Telefon oder Auto besaßen.

1948 stellten sich die Meinungsforscher ein weiteres Armutszeugnis aus, als sie prognostizierten, der Republikaner Thomas E. Dewey würde Präsident Harry S. Truman besiegen. Sie hatten natürlich unrecht. Seither haben Marktforschungsexperten zuverlässigere Wege konzipiert, um die öffentliche Meinung aus Stichprobenerhebungen – für gewöhnlich etwa 2.500 bis 5.000 Personen – zu ermitteln, und es hat keine größeren Fehler gegeben.

Aber die Vorhersage von Wahlergebnissen hat nur begrenzten Wert. „Sie dient größtenteils der Befriedigung der Neugier“, erklärten zwei führende Politologen, die Professoren Nelson W. Polsby und Aaron Wildavsky von der University of California in Berkeley. „Die Vorhersage des Ergebnisses allein“, schreiben sie in ihrem Buch Presidential Elections, „sagt, auch wenn sie ziemlich genau trifft, wenig darüber aus, wie das Ergebnis zustande kam“. Mit anderen Worten, Umfrageprognosen über Gewinner sagen uns, was geschehen wird oder geschehen könnte, aber nicht warum.

Von praktischerem Wert für Kandidaten sind die während des Wahlkampfs durchgeführten Umfragen. Durch diese erfahren die Parteispitzen, ob ihr Programm bei älteren oder jüngeren Wählern, Männern oder Frauen, Mitgliedern aller Einkommensgruppen oder anderen Bevölkerungsschichten ankommt. Diese Information hilft den Strategen bei Nachbesserungen ihrer Kampagne, Schwachstellen zu beheben.

Seit Jahren drängen eine Reihe von nationalen Organisationen Radiostationen und Fernsehsender, die Bürger nicht mehr unmittelbar nach dem Urnengang zu befragen. Auf der Basis von Stichproben an der Ostküste können mit diesen „exit polls“ die Gewinner ermittelt werden, bevor die Wahllokale drei Stunden später an der Westküste geschlossen werden. Wähler, die das Ergebnis verändern könnten, werden so unter Umständen davon abgehalten zu wählen, weil sie der Ansicht sind, das Spiel sei bereits entschieden.

1980 verkündete die National Broadcasting Company (NBC) die Wahl von Ronald Reagan kaum 15 Minuten nach Schließung der Wahllokale an der Ostküste – die Wähler an der Westküste hatten immer noch reichlich Zeit zu wählen, und in Hawaii war es erst Nachmittag. Ist es fair, so die Kritiker, einen Sieger auszurufen, bevor jeder Bürger die Chance hatte zu wählen?

Fernsehstationen wurden aufgefordert, ihre Befragung der Wähler beim Verlassen der Wahllokale freiwillig aufzugeben. Versprechen wurden abgegeben, aber nicht eingehalten, die Umfragen werden fortgeführt, weil die Sender wetteifern, als erste einen neuen Präsidenten auszurufen. Ein langer Kampf in der Gesetzgebung ist wahrscheinlich das einzige Mittel, um diese Praktiken abzuschaffen.

Mit der Schließung der Wahllokale ist der Wahlprozeß beendet – aber nicht endgültig. Es gibt noch einen weiteren offiziellen Schritt.

Dazu muß man wissen, daß US-Präsidenten nicht direkt vom Volk gewählt werden, sondern mittels einer indirekten Methode, in deren Mittelpunkt das Electoral College (Wahlmännerkollegium) steht. Dies ist keine Stätte akademischer Bildung, sondern das Gremium, das die entscheidenden Stimmen abgibt.

Diese indirekte Methode der Wahl eines Kandidaten ist in Artikel II, Abschnitt 1 der Verfassung der Vereinigten Staaten vorgesehen. Trotz der Veränderungen, die sich ergeben haben, weil das Land selbst gewachsen ist und sich verändert hat, wird das Prinzip immer noch getreu der Formulierung durch die Gründerväter angewandt.

Jeder Bundesstaat nennt eine Zahl von Wahlmännern, die der Gesamtzahl seiner Senatoren und Repräsentanten im Kongreß entspricht. Der Kandidat, der die meisten Wählerstimmen in einem Staat auf sich vereinigen kann, gewinnt alle Wahlmänner, der Verlierer geht leer aus. Der Kandidat, der die meisten Wahlmännerstimmen erhält, gewinnt das Weiße Haus.

Am Montag nach der zweiten Dezemberwoche – das Datum ist per Gesetz festgelegt – treffen sich die Wahlmänner in den Hauptstädten ihrer Bundesstaaten zur Wahl. Die Stimmzettel werden versiegelt und dem Präsidenten des US-Senats (immer der Vizepräsident) sowie dem Leiter der allgemeinen Verwaltung übersandt. Am 6. Januar des folgenden Jahres werden die Stimmzettel bei einer Sitzung beider Häuser des Kongresses geöffnet und der neue Chef des Weißen Hauses und sein Vizepräsident bekanntgegeben.

Zu diesem Zeitpunkt kennt sie die Welt bereits seit Wochen, die Wahl und die Zeremonie sind reine Formalität. Darüber hinaus können die Wahlmänner nicht nach Belieben wählen. Sie werden selbst von den politischen Parteien gewählt und sind somit gefordert, für den Kandidaten ihrer Partei zu stimmen. Durch das Wahlmännerkollegium wird das Ergebnis jedoch offiziell.

Bis dahin ist ein langer Weg zurückgelegt worden. Der demokratische Prozeß hat, wie bereits seit 200 Jahren, wieder einmal funktioniert.