Würdigung der Freiheit

In seiner Rede am 15. November 2019 am Baker Institute for Public Policy der Rice University in Houston (Texas) würdigte US-Außenminister Michael R. Pompeo die Bedeutung der Freiheit. Wir haben eine unwesentlich gekürzte Fassung der Rede übersetzt.

Guten Morgen allerseits. Vielen Dank, dass Sie alle heute hier sind. Es ist immer wieder schön, hier in Texas zu sein, wo alles ein wenig größer ist. Mein Team hat mich heute Morgen beim Abflug daran erinnert, dass Texas kein eigenständiges Land ist, es sich also um eine Inlandsreise handelt. Ich weiß, dass Sie das womöglich anders sehen, das verstehe ich.

Vielen Dank, Jim, für die großzügige Einführung. Das weiß ich sehr zu schätzen.

Es ist wunderbar, hier am Baker Institute zu sein. Als ich für den Posten des Außenministers nominiert wurde, war ich noch CIA-Direktor. Eines der ersten Telefonate, das ich daraufhin führte, war mit dem damaligen Außenminister James Baker, den ich fragte, ob er vorbeikommen würde. Er flog zu mir raus nach Langley, wo wir einige Stunden zusammen verbrachten. Diese Stunden waren wirklich sehr nützlich für mich, denn die weisen Ratschläge, die Sie mir erteilt haben, haben mich zu einem besseren Außenminister gemacht. Sie baten mich damals auch um etwas. Sie sagten: „Hier ist der Deal. Sie müssen unbedingt an das Baker Institute kommen.“ Und so erfülle ich nun meinen Teil der Abmachung. […]

Das Außenministerium blickt auf eine 25- oder 26-jährige Partnerschaft mit Ihrem Zentrum für Energiestudien und auf viele weitere erfolgreiche Verbindungen zurück, und dafür danken wir Ihnen.

Ich möchte Ihnen persönlich für die Einladung heute danken. […]

Anlässlich des 30. Jahrestages des Falls der Berliner Mauer war ich in Deutschland.

Obwohl Minister Baker sagen würde, dass die Ehre hierfür ganz seinem Chef, Präsident Bush, gebührt, sollte niemand je die Rolle unterschätzen, die Minister Baker persönlich beim Fall der Mauer gespielt hat. Er hat dazu beigetragen, die Grundlagen für ein internationales Bündnis zur Vertreibung von Saddam aus Kuwait zu legen.

Es war nicht leicht, im Außenministerium in Ihre Fußstapfen zu treten.

Dies sind enorme Errungenschaften für die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten, wie diejenigen unter uns wissen, die sich noch daran erinnern, dass es Menschen gab, die unter den Sowjets und unter Saddam litten. Es waren auch Errungenschaften, die der Menschheit im Allgemeinen zugutekamen.

Wie Sie in Ihren Memoiren geschrieben haben – meines Erachtens etwas zu bescheiden –, sollten wir Diplomaten nur einen kleinen Teil dieser fundamentalen Veränderungen als unser Verdienst betrachten, denn „die wahre Verantwortung für Veränderungen auf der Welt, in der wir leben, liegt bei den gewöhnlichen Männern und Frauen, die nach Freiheit strebten, die gegen Dunkelheit und Totalitarismus kämpften und die sich erhoben, um Freiheit für sich zu [erlangen].“

Ich habe das vergangene Woche gesehen. Ich wurde daran erinnert; dies ist das Thema meiner heutigen Rede. Ich möchte über den natürlichen Drang des Menschen nach Freiheit sprechen und darüber, warum wir seine große und gewaltige Macht und unsere Verantwortung, den Menschen auf der ganzen Welt zu helfen, die nach dieser Freiheit streben, nie unterschätzen sollten.

Ich habe über meine Reise letzte Woche gesprochen. Aber ich habe diese Kraft auch selbst erlebt. Ende der Achtzigerjahre habe ich als junger Leutnant in einer Panzereinheit in Süddeutschland gedient.

Wir patrouillierten an der damaligen Grenze zu Ostdeutschland und einem Stück der damaligen Grenze zur Tschechoslowakei. Dort sah ich Menschen, die versuchten, von der ostdeutschen Seite aus in die Freiheit zu gelangen. Wir haben letzte Woche ein Dorf namens Mödlareuth besucht. Es war ein kleines Dorf, das vollständig durch eine Mauer und Stacheldraht in zwei Teile geteilt wurde, Menschen auf der westdeutschen Seite, Familien, wurden durch diesen Zaun von Menschen auf der anderen Seite des Zauns in der gleichen Stadt getrennt, Gebäude standen buchstäblich Zentimeter voneinander entfernt auf entgegengesetzten Seiten – der des Autoritarismus und der der Freiheit.

Und wie so viele tausend mutige Ostdeutsche schätzten sie – die Menschen in Mödlareuth – ihre Freiheit so sehr, dass sie bereit waren, für sie zu sterben.

Ich wurde eindringlich an ihren Mut erinnert, als ich vergangene Woche zum ersten Mal über die damalige Grenze ging. Ein Teil der Mauer steht noch dort. Der Stacheldraht ist noch erhalten. Es gibt auch noch einen Wachturm. Die Bewohner im jetzt vereinten Mödlareuth wollen die Gräuel des Kommunismus und das, was er ihren Familien angetan hat, nie vergessen, und auch wir sollten das nie vergessen. Wir sollten auch nicht das Gute, die positive Kraft der Vereinigten Staaten bei dieser wichtigen Errungenschaft vergessen.

Wir sollten würdigen, was durch Freiheit erreicht wurde, und uns gleichzeitig an die Vergangenheit erinnern. Wir halten es für selbstverständlich – mein Sohn ist jetzt 29 Jahre alt, er wurde also kurz nach dieser monumentalen Errungenschaft geboren. Manchmal denke ich, dass die Menschen das, was geschehen ist, für selbstverständlich halten, aber diejenigen, die es gelebt und sich dafür eingesetzt haben, wissen, dass die Wiedervereinigung Deutschlands nicht immer einfach war.

Das Leben in Mödlareuth ist heute zweifelsohne besser als es damals hinter dem Eisernen Vorhang war.

Bei unserem Besuch in Leipzig gereist konnten wir ein weiteres Ergebnis unserer Arbeit sehen. Wir haben die Nikolaikirche besucht, also den Ort, an dem die allerersten Proteste gegen die ehemalige, sogenannte Deutsche „Demokratische“ Republik stattfanden – auch Minister Baker war bereits anlässlich des 25. Jahrestages des Mauerfalls dort. In den Achtzigerjahren begannen sich die Ostdeutschen in dieser Kirche zu versammeln. Sie kamen dort jeden Montagabend zusammen, um für Frieden zu beten.

Ich hatte die Gelegenheit, einige der ehemaligen Bürgerrechtler zu treffen, die an der friedlichen Revolution beteiligt waren. Sie haben mir erzählt, dass sie nie wussten, was passieren würde, sobald sie die Kirche verlassen. Sie wussten, dass sie verfolgt wurden, aber sie sahen, dass die Proteste immer weiter anschwollen. Es gab einen Herrn, der mir erzählte, dass er sich – als die Menge auf schätzungsweise 70.000 Menschen angewachsen war – fragte, was die Stasi wohl tun würde. Kann es sein, dass sie uns alle erschießen werden? Er habe es nicht gewusst, ging aber, wie er mir sagte, „auf die Straße“. Er war jung. Damals war er vermutlich Anfang 20.

Die große Zahl der Demonstranten gab ihnen Sicherheit, sie fanden Stärke in ihrem Glauben und einen sicheren Hafen in dieser Kirche.

Die Geschichte der Kirche in Leipzig steht für eine umfassendere Wahrheit, wie ich meine, für jede und jeden einzelnen von uns, und sie steht auch für unsere Verantwortung auf der Welt: die Sehnsucht nach Freiheit wächst an und ist der gesamten Menschheit gemein.

Kein Mensch möchte sich einem andern unterwerfen. Wir sind alle nach Gottes Ebenbild geschaffen.

Wir wurden alle von ihm mit dem Recht ausgestattet, frei zu leben, mit den unveräußerlichen Rechten, die unsere Gründer nur zu gut kannten: dem Recht auf Leben und Freiheit und dem Streben nach Glück.

Ich denke, die Menschen wissen, dass diese universellen Wahrheiten existieren, tief in ihrem Innern, in ihrer Seele. Ich denke, das liegt in der Natur des Menschen. Ich habe es gespürt, als ich in Westdeutschland diente und über die Grenze nach Ostdeutschland schaute.

Selbst in den dunkelsten Tagen des Kalten Krieges gab es ein periodisches Aufflammen – wir haben es miterlebt. Dieses Aufflammen stand immer im Dienste der Freiheit – in Ungarn, in der Tschechoslowakei, in Polen und an vielen anderen Orten, an denen, offen gesagt, die mutigen Taten Einzelner niemals an die Öffentlichkeit gelangten.

Jetzt komme ich zu meiner Zeit als Außenminister zurück. Wir erleben heute den gleichen Kampf für Freiheit. Wir erleben ihn bei den Menschen in der Islamischen Republik Iran, wir erleben ihn bei den Menschen in Venezuela, und wir erleben ihn bei den Menschen in Hongkong. Wir sollten ihren tiefen Wunsch nach persönlicher Freiheit niemals abwerten.

Das ist ein hehres Ziel.

Es ist kein Zufall, dass die erfolgreichsten Gesellschaften weltweit tatsächlich freie Gesellschaften sind, weil sie der einzige Ort sind – und ich denke, dessen sind wir uns alle bewusst –, an dem Frauen und Männer ihr ganzes Potenzial entfalten können.

Wir haben das erlebt. Wir haben gesehen, wie sich die gleiche Geschichte immer wieder wiederholt.

Schauen Sie sich an, wie sich das Leben der Menschen in Ländern wie Polen oder im Baltikum nach der bemerkenswerten Arbeit während des Kalten Krieges verändert hat.

Schauen Sie sich den Wohlstand tragender pazifischer Länder wie Taiwan oder Südkorea an. Schauen Sie sich dieses wunderbare Experiment hier in den Vereinigten Staaten an. Es ist ungebärdig und frei.

Die Vorteile der Freiheit sind enorm, und die Geschichte beweist es. Die Rolle der Vereinigten Staaten bei der Ausbreitung von Freiheit überall auf der Welt ist maßgeblich für das weltweite Verständnis dafür, wie wir dies erreichen können.

Wir sollten nie davon ausgehen, dass der Weg zur Freiheit vom Schicksal vorbestimmt ist. Er erfordert harte Arbeit. Ich erinnere mich noch, dass ich Deutschland im Oktober 1989 verließ. Ich war auf dem Weg zu meinem nächsten Einsatz in der 4. Infanteriedivision in Colorado. Es lagen nur wenige Wochen dazwischen. Ich erinnere mich noch daran – damals hatten wir noch keine Mobiltelefone –, dass ich meine alte Einheit anrief, einen Freund namens Jeff Bubar, der ebenfalls Leutnant war – und fragte: „Jeff, was zum Kuckuck ist da los?“ Und er sagte: „Mike, wir waren in der Gegend auf Patrouille, wir haben Menschen daran gehindert, diese Straßen zu überqueren und die Leute auf der anderen Seite haben sie ebenfalls daran gehindert.“ Wir haben praktisch unsere gesamte Zeit als Offiziere dort verbracht. Und er sagte: „Mike, der Verkehr läuft nur in eine Richtung.“

Nur eine Richtung. Die Mauer fiel und alle bewegten sich in Richtung Freiheit.

Aber natürlich mussten wir dafür arbeiten. Es bedurfte jahrzehntelange Bemühungen mehrerer amerikanischer Regierungen. Mit Hilfe unserer Verbündeten und der Menschen in Ostdeutschland haben wir die Welt von der sowjetischen Geißel befreit. Es erforderte geduldige Diplomatie von Männern wie Minister Baker. Der Sieg stand nicht von vorneherein fest. Man kann zurückblicken und die Zitate aus den Tagen, Wochen und Monaten vor dem Mauerfall lesen. Es gab Kritiker, die sagten: „Ihre Politik scheitert, sie funktioniert nicht, es wird für immer so bleiben.“ Niemand konnte sagen, wann der Tag kommen würde.

Schauen Sie sich die Welt heute an. Schauen Sie in Richtung Süden, nach Venezuela, Nicaragua, nach Kuba. Leider gibt es viele Beispiele. Wir wissen nicht, wann sie ihre Freiheit erlangen werden, aber wir wissen: Wenn wir daran arbeiten, Freunde um uns versammeln und uns Ziele setzen, um jene zu unterstützen, die nach Freiheit streben, dann wird dieser Augenblick kommen.

Natürlich gibt es Grenzen. Minister Baker hat auch darauf verwiesen. Wir haben zwar enorme Macht, aber sie ist natürlich begrenzt. Es gibt Grenzen für die Unterstützung, die wir leisten können – unsere Geldbeutel und Ressourcen sind nicht unbegrenzt.

Aber wir sollten ununterbrochen nach Orten Ausschau halten, an denen wir jenen beistehen können, die nach Freiheit streben.

Die gute Nachricht ist, dass wir über viele Vorteile verfügen. Unsere Demokratien machen uns sehr, sehr widerstandsfähig. Unsere freien und wettbewerbsfähigen Märkte helfen uns allen, erfolgreich zu sein. Unsere Rechtsstaatlichkeit festigt unsere Errungenschaften und ermöglicht es uns, Konflikte friedlich zu lösen.

Unsere freien und demokratischen Werte ermöglichen es uns, die Entfaltung der Menschen in einem Maß zu verwirklichen, mit dem kein anderes Land mithalten kann.

Meines Erachtens kann sich die außergewöhnliche Bilanz der Vereinigten Staaten wortwörtlich jederzeit und überall mit jeder anderen messen.

Aber wir sollten sie nicht für selbstverständlich halten. Wie Minister Baker so eloquent anmerkte, sollten wir „die gewöhnlichen Frauen und Männer“ und ihren Freiheitswunsch niemals unterschätzen. Niemals.

Während meiner Reise hatte ich die Gelegenheit, noch einige dieser Menschen zu treffen. Als ich in Berlin war, hatte ich die Gelegenheit, das Stasi-Museum zu besuchen, das sich im ehemaligen Ostberlin befindet.

Mehrere ehemalige Gefangene waren dort, haben mich durch das Museum geführt und mir ihre Geschichten erzählt und darüber berichtet, was an diesem speziellen Ort geschah.

Es war das uneingeschränkte Böse. Die Gefangenen wussten nie, was als Nächstes passieren würde. Die Wachen trugen sogar Hausschuhe, damit die Gefangenen sie nicht hören konnten, wenn sie den Gang entlangkamen. Dennoch überlebte der menschliche Geist.

Einer der Überlebenden, ein Mann, sagte mir, dass er in völliger Isolationshaft untergebracht war, dass ihn die Wachen aber einige Male in der Woche hinausließen – nicht ganz nach draußen, sondern in einen Käfig im Freien.

Ihnen wurde gesagt, sie sollten nach unten schauen, aber er blickte immer wieder kurz nach oben. Ab und zu, wenn er nach oben schaute, hörte er Geräusche, dann hieß es wieder: „Schau nach unten, schau nach unten.“ Aber er hatte gesehen und wusste, dass es ein bestimmter Pan-Am-Flug war. Er sagte, es sei sein Traum gewesen, eines Tages in einem dieser Flugzeuge zu fliegen.

Wie außergewöhnlich mutig. Wir sollten alle stolz auf das sein, was diejenigen, die nach Freiheit strebten, getan haben, und auch auf das, was die Welt und die Vereinigten Staaten unternommen haben, damit er diese Chance bekommt.

Wir dürfen niemals den Mut dieses Mannes oder derer unterschätzen, die nach Freiheit streben.

Und wir dürfen niemals aufhören, uns dafür einzusetzen, dass sie siegen – wo immer wir das können.

Die Vereinigten Staaten sind eine Kraft für das Gute. Wir sind nicht perfekt, manchmal machen wir etwas falsch. Aber wo ich auch hingehe, überall auf der Welt treffe ich auf Staats- und Regierungschefs, die mit dem US-Außenminister sprechen wollen. Nicht mit Mike, sondern mit dem US-Außenminister. Weil sie wissen, dass wir eine Kraft für das Gute in ihrem Land, in ihrer Region, in ihrem Teil der Welt sein werden und dass wir uns für die Freiheit und das Gute auf der Welt einsetzen werden.

Ich hoffe, dass Gott dieses Institut mit seinen anhaltenden Erfolgen schützt, und möge Gott auch unser großartiges Land schützen. Ich freue mich, einige Fragen zu beinahe jedem Thema zu beantworten.

[…]

Originaltext: In Tribute to Human Freedom